Mit ‘Medienkrise’ getaggte Beiträge

Wandel oder Untergang?

Veröffentlicht: 17. März 2009 in Lesetipp, Online, Print
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„Manche sagen, es macht nichts, wenn Journalismus stirbt. Weil das Internet es mit Blogs usw. ersetzen wird. Das wäre, als sagee man, wir brauchen kein Gesundheitssystem mehr, die Menschen heilen sich selbst. Wir brauchen Menschen, die Fertigkeiten haben, Zeit und die Ressourcen, um Informationen aufzugreifen und zu vermitteln.“

„Guardian“-Autor Nick Davies sagt im Interview mit dem Standard noch andere kluge Sachen über die Zukunft des Journalismus.

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Ergebnisse sonntäglicher Lektüre im Café:

1. WAZ-Geschäftsführer Bodo Hombach scheint jetzt endgültig am Rad zu drehen. Nachdem diese Woche bekannt gegeben wurde, dass seine Zeitungsgruppe 300 Leute entlässt (die Unternehmensberatung hatte nur 275 empfohlen), findet er noch genug Zeit, einen 2 1/2-seitigen Artikel für „Cicero“ zu schreiben, indem er den Niedergang des Tageszeitungsjournalismus beklagt. Sein Fazit:

„Seitdem immer mehr Menschen einen immer größeren Anteil der Welt nur noch über die Medien erfahren, entscheiden diese über die gefühlte Bedeutsamkeit eines Themas. Das ist eine tägliche Herausforderung und eine tägliche Verantwortung. Da provozierte einer: „Du hast dir nichts vorzuwerfen. Deine Zeitung ist immer noch gut. Nur deine Leser wurden schlechter.“ Treue Gefolgschaft ist aus der Mode. Es gibt immer mehr „Laufkunden“. Viele leben auf Probe, flüchtig, bis zum Widerruf.“

Genau, wenn weniger Leute eine Zeitung kaufen/abonnieren, ist nicht die Qualität der Zeitung daran schuld, sondern der Leser, der zu blöd ist zu erkennen, was für ein Wahnsinnsqualitätsprodukt doch diese wunderbare Zeitung ist! Und ich habe immer gedacht, in einer Marktwirtschaft wäre es das gute Recht des Kunden, zu einem anderen Produkt zu wechseln, wenn ihm das alte nicht mehr gefällt. Mit der Logik Hombachs darf ich auch nicht meine Zahnpastamarke wechseln, sondern muss der alten auf ewig die Treue halten, auch wenn sie inzwischen nach Rhizinusöl schmeckt statt nach Pfefferminz.

Außerdem beklagt Hombach, dass immer mehr Redakteure dazu neigen, auf die Wünsche von Werbekunden einzugehen. Anscheinend hat der Mann keinen blassen Schimmer, was in seinem eigenen Verlag vor sich geht, in dem ganze Beilagen in externe Redaktionsbüros ausgegliedert werden, die dann Werbekunden-freundliche Artikel schreiben. Die ganze WAZ-Gruppe kann ich inzwischen nicht mehr ernst nehmen.

2) Niklas Maas trauert in der FAS (leider nicht online) der vertanen Chance nach,  in Deutschland eine  Zeitschrift zu machen, die der amerikanischen „Vanity Fair“ entspricht: anspruchsvolle Reportagen und bunter Lifestyle in einem Heft. Die deutsche VF sei dies am wenigsten gewesen, was aber nicht an unserem Land, sondern an der Konzeptlosigkeit und personellen Unterbesetzung der Redaktion gelegen hätte. Wir träumen also alle weiter und fragen uns bis dahin, warum Maas es denn nicht selbst versucht, wo doch seine Argumentation zu 95 Prozent richtig ist (wahrscheinlich aus dem gleichen Grund, aus dem ich keine Zeitschrift aufmache: no money). (Die 5 Prozent, wo er falsch liegt, sind übrigens die Behauptung, Heike Makatsch hätte das Zeug zum Star. Tut mir leid, aber wer den Trailer zu „Hilde“ sieht, bekommt nicht diesen Eindruck, sondern den, dass Makatsch nicht schauspielern kann und die Zeit der deutschen Weltstars seit mindestens 60 Jahren vorbei ist.)

„Die Idee der WAZ-Strategen dabei lautet, dass diese streng konservative Berichterstattung nur ein wenig ‘gebrandet’ werden müsse – und schon ginge sie auch einem Traditions-Sozen runter wie dem Katholiken seine Oblate. Mit Verlaub – einen solchen Bullshit kann sich wirklich nur ein Marketing-Mensch ausgedacht haben, der noch nie selbst einen Artikel verfasst hat, der daher auch Meinungen für bloße Waren hält, die man beim Eintritt ins Büro beim Pförtner abgibt….Ein Redakteur, gerade weil auch er nur einen Kopf hat, der kann nicht morgens fürs Neue Deutschland schreiben und abends für den Bayern-Kurier. Oder aber ein solch täglich verlangter Persönlichkeitswechsel würde ihn auf direktem Weg in den Suff führen, in die Psychiatrie oder gar in die Public Relations …“

Klaus Jarchow über die Pläne der WAZ-Gruppe, die Lokalteile der bürgerlichen Westfalenpost und der SPD-nahen Westfälischen Rundschau in Zukunft von nur noch einer Redaktion schreiben zu lassen. Sieht seit Monaten so aus, als habe die WAZ es noch eiliger, sich ihr eigenes Grab zu schaufeln, als andere Regionalzeitungen.


Der Jahrmarkt der Eitelkeit wird noch diese Woche geschlossen – zumindest in Deutschland. Nach zwei Jahren erklärte Condé Nast sein Experiment einer deutschen Ausgabe der traditionsreichen amerikanischen „Vanity Fair“ für wirtschaftlich gescheitert (Schuld sei angeblich alleine die Wirtschaftskrise.). In Wahrheit war das Experiment natürlich schon lange inhaltlich gescheitert, spätestens seit Gründungschefredakteur Ulf Poschardt im vergangenen Jahr seinen Hut nehmen musste.

Ein stringentes Konzept war sowieso von Anfang an nicht erkennbar: Die Themenmischung wirkte statt originell meist eher skurril, die Titelbilder waren teilweise sogar unfreiwilig komisch und wirkten manchmal wie die eines Satiremagazins (Till Schweiger mit Ziege, Knut und Benedetto). Angebliche Scoops wie das provozierende Horst Mahler-Interview mit Friedmann wirkten eher bemüht; politisch war das Magazin irrelevant, kulturell beliebig und größtenteils wirkte es einfach wie eine stinknormale Frauenzeitschrift mit Boulevardthemen und Schminktipps. Die angepeilte Zielgruppe der „Mover und Shaker“ existierte sowieso nur im Kopf von FDP-Anhänger Posch, der inzwischen neoliberale Kommentare in der „Welt am Sonntag“ schreiben darf.

Schade ist das Ganze trotzdem, denn vor dem Start hatten viele (auch ich) große Hoffnungen in das neue Magazin gesetzt: endich (wieder) ein relevantes Popkultur- und Gesellschaftsmagazin auf dem deutschen Markt zu etablieren (btw: Was ist eigentlich aus dem Konkurrenzprojekt mit dem Arbeitstitel „Neues Deutschland“ geworden? Wohl gestorben in der Entwicklungsredaktion.). Während das US-Original diesen Spagat zwischen gesellschaftlicher Relevanz und lockerem Lifestyle-Jounalismus ja wohl schaffen soll, ist es der deutschen Schwester nie gelungen, irgendwie einen eigenen Stil zu finden und etwas Anderes zu sein als eine BUNTE mit (dürftigem) Politikteil.

(Link via)

Mit der letzten Ausgabe hat das Interview-Magazin „Galore“ bereits die Erscheinungsweise von monatlich auf zweimonatlich reduziert. So etwas ist meistens ein Anzeichen dafür, dass die Verkäufe stark zurück gegangen sind (man denke in der Vergangenheit an Beispiele wie „Capital“; auch die SF-Zeitschrift „Space View“ ist gerade leider diesen Weg gegangen). Vor einiger Zeit hatte es bei „Galore“ bereits eine recht große Konzeptänderung gegeben: War man als erste deutsche Zeitschrift gestartet, die ausschließlich Interviews abdruckte, wandelte man sich nun zu einem mehr oder weniger normalen Kultur- und Lifestylemagazin, das neben zahlreichen Interviews auch andere Darstellungsformen wie etwa Reportagen, Rezensionen etc. enthält.

Das scheint dem Einbruch der Auflage aber nicht entgegengewirkt zu haben, denn auf dem neuesten Heft, das gerade erschienen ist, prangt bereits oberhalb des Titelschriftzuges der Hinweis: „Mehr Seiten, längere Interviews und eine Film-DVD in jedem Heft“ (sinngemäß). Häufige Konzeptänderungen sind normalerweise ebenso ein Zeichen für eine wirtschaftliche Krise wie das plötzliche Hinzunehmen von Beilagen. In diesem Fall ist die Beilage ja auch nicht wirklich inhaltlich begründet: „Virgin Suicides“ ist zwar ein guter Film, aber „Galore“ ja keine Filmzeitschrift.

Sieht man sich die IVW-geprüfte Auflagnentwicklung des vergangenen Jahres an, ist die Entwicklung tatsächlich verhehrrend: Die verkaufte Auflage ging seit Anfang 2008 um die Hälfte zurück. Sieht man genauer hin, stellt man fest, dass ein Großteil dieser Verkäufe in der Vergangenheit aber sowieso schon Bordexemplare und „sonstige Verkäufe“ waren, also Hefte, für die nicht mal annähernd der volle Preis gezahlt wurde. (Nach der Statistik hat „Galore“ im zweiten Quartal kein einziges Heft im Einzelhandel verkauft; das kann aber ja wohl nicht sein?). Schön auch, dass im Ausland teilweise gerade einmal 64 Hefte verkauft wurden. Ich tippe mal, „Galore“ ist einer der nächsten Kandidaten, wenn es um die Einstellung eines Lifestyle-Magazins geht (nachdem „Blond“ ja neulich, ebenfalls nach vergeblichen Konzeptänderungen, eingestellt wurde).

Grundsätzlich ist dies zu bedauern, denn gute Kulturzeitschriften kann es ja eigentlich nie genug geben. Allerdings hatte ich bisher auch noch nie das Bedürfnis, mir die „Galore“ zu kaufen, und ein Heft, dass ich vor einigen Jahren mal auf der Frankfurter Buchmesse gratis bekam, hat mich auch nicht gerade vom Hocker gerissen. Dabei kann es doch im Grunde gar nicht so schwierig sein, ein gutes Kulturmagazin für jüngere Erwachsene zu machen. Aber wahrscheinlich funktioniert so etwas nur noch für ein Nischenpublikum, nicht für den Massenmarkt. Da braucht man schon ein Konzept wie „Neon“, um Erfolg zu haben.

Dieses Motto scheinen sich die Zeitungsverleger in unserem Land zueigen gemacht zu haben. Der Zeitungsverlegerverband NRW fordert von der Landesregierung eine „Bestands- und Entwicklungsgarantie“ für die Verlage, entnehmen wir heute der Rheinischen Post. „Unsere Zeitungen werden täglich von 73 Prozent der Bürger gelesen“, klopft sich Verbandschef Bauer selbst auf die Schulter. Dass zwei Drittel der Nordrhein-Westfalen die Wahl zwischen mindestens zwei Lokalzeitungen haben, feiert er ernsthaft als Errungenschaft. Klar, gegenüber der DDR ist das ein Fortschritt an Meinungsvielfalt. Während realistischere Insider bereits das Ende der traditionellen Tageszeitung in fünf bis zehn Jahren vorraussagen, denkt man sich in NRW wohl: „Ich mache mir die Welt, widdewiddewie sie mir gefällt.“ Nichts hören, nichts sehen, nur Luftblasen und absurde Forderungen an die Politik absondern.

Im Lokalteil finden sich dann gleich zwei Artikel über irgendwelche Gruppen, die die RP-Druckerei besichtigten: Azubis, die jetzt auch sechs Monate kostenlos die RP bekommen, um endlich mal mitzubekommen, was in der weiten Welt so alles passiert, sowie „Mitglieder des IVD Immobilienverbandes West“, was immer das auch sein mag. Abgesehen von der Frage, ob es eine wichtige Information ist, wenn irgendwer die Zeitung besucht hat, die man gerade liest: Wieviel Selbstbeweihräucherung passt eigentlich auf 32 Zeitungsseiten?

Wenn man das ernsthaft für guten Journalismus hält und einem außer Eigen-PR keine anderen Maßnahmen gegen den Auflagenschwund einfallen, werden die angeblichen 73 Prozent aus der Statistik wohl schneller dahinschmelzen als das Packeis in der Antarktis.

Einen schönen Bericht über den schleichenden Niedergang der Zeitungslandschaft in Mecklenburg-Vorpommern gab es übrigens in der letzten Ausgabe des NDR-Medienmagazins „Zapp“.

Überschrift: aus Rio Reisers „Blinder Passagier“

Crisis. What crisis?

Veröffentlicht: 11. Februar 2009 in Allgemeines, Journalismus
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Erst war es eine Immobilien-, dann eine Finanz- und seit Neuestem ist es schon eine Weltwirtschaftskrise. Else Buschheuer hat neulich in ihrem Tagebuch darüber sinniert, an was wir uns wohl erinnern werden, wenn wir in vielen Jahren gefragt werden, wie es denn war, während der Wirtschaftskrise gelebt zu haben. Bisher merke ich persönlich nichts von irgendwelchen Auswirkungen: Geld hatte ich auch vorher zu wenig und der journalistische Arbeitsmarkt schien mir ebenfalls schon seit längerem am Boden. Die Waren in den Regalen werden eher billiger als teurer. Wenn ich nicht täglich etwas über die WAZ oder Schaeffler lesen würde, würde ich von einer Krise nichts bemerken. Vielleicht sollte ich dennoch anfangen, eher im klassischen Tagebuchstil früherer Tage zu bloggen. So dass ich dann, wenn mich in 20 Jahren jemand fragt, auf das Blog verweisen kann, wo sich dann alte Einträge finden wie etwa „Heute Morgen waren die Brotpreise auf 3000 Euro gestiegen. Abends leichte Magenverstimmung. Früh zu Bett.“

Passend zur Krise hier noch ein kleines Schmankerl, nicht nur für alle diejenigen, welche die DDR schon immer für das überlegene System gehalten haben:

medienlese.com veröffentlicht heute einen Offenen Brief eines freien Journalisten an DerWesten, der darin seinem Neid auf die wirtschaftliche Situation festangestellter Redakteure Ausdruck verleiht. In den Kommentaren wird wild diskutiert, ob der arme Poet an seiner Lage nun selbst Schuld ist oder nicht. Inklusive hilfreicher Praxistipps, wie dem, man könne ja ein Blog aufmachen und nach einem Jahr davon leben. (Nebenbei gesagt, ist das natürlich genau das Ziel, das ich heimlich mit dem Start dieses Blogs hier verfolge. Und wehe, in 12 Monaten fließt nicht die fette Kohle auf mein Konto.)

Obwohl ich dem anonymen Schreiber inhaltlich nur zustimmen kann, ist mir seine Anklage doch zu weinerlich. Wesentlich besser hat mir der Artikel einer freien Journalistin zum gleichen Thema – der prekären Situation vieler Freier – vor gut einem Jahr in der „Zeit“ gefallen. Eigentlich hätte ich damals schon ahnen müssen, wie sich meine finanzielle Situation entwickeln würde. Ich meine, die Frau schreibt nicht für irgendwelche Provinzblätter, sondern für renomierte Magazine und Zeitungen (Steht bei dem Online-Artikel leider nicht dabei; ich glaube aber mich zu erinnern, dass sie u.a. für „Die Zeit“, „Brigitte“ und noch einige andere Top-Titel schreibt.), und das seit zehn Jahren. Und lebt auf Hartz IV-Niveau. Das sagt eigentlich alles über die Wertschätzung, die auch gute freie Journalisten in deutschen Verlagen genießen.