Mit ‘Nicolette Krebitz’ getaggte Beiträge

In lebensfeindlicher Umwelt: Anja (Lillith Stangenberg) und der Wolf; Foto: Christian Hüller/Heimatfilm

In lebensfeindlicher Umwelt: Ania (Lillith Stangenberg) und der Wolf; Foto: Christian Hüller/Heimatfilm

Manchmal gibt es Filme, die wirklich anders sind als alle, die man zuvor gesehen hat. Den Mut, eine Geschichte so konsequent und so konsequent anders zu erzählen wie in „Wild“, findet man selten.

Eine junge Frau, Ania, die irgendwo in Deutschland in einer Hochhaussiedlung lebt. Allein. Einsam. Den Vater hat sie nie kennengelernt. Über die Mutter erfahren wir nichts. Die jüngere Schwester ist gerade für einen neuen Job mit ihrem Freund in eine andere Stadt gezogen. Der Opa liegt schwer krank in der Klinik. Morgens fährt Ania zur Arbeit ins Büro. Irgend so eine hippe Internetklitsche, aber nicht so hip, dass der Chef sich seinen Kaffee selber kochen würde. Das macht Ania. Ansonsten sitzt sie vorm Computer, als IT-Spezialistin. Interesse für ihre Arbeit hat sie keine. Für die Kollegen auch nicht. Während die anderen sich auf der Betriebsfeier gehen lassen, danach knutschend im Auto sitzen, will Ania nur schnell nach Hause. Wo niemand auf sie wartet, sie früh ins Bett geht.

Alles änderst sich, als Ania auf dem Weg zur Arbeit einen Wolf am Rand der Siedlung stehen sieht. Ihre Blicke treffen sich für einen Moment. Ein Erkennen. Ein Verstehen? Von diesem Augenblick an ist Ania besessen von dem wilden Tier, versucht erst, ihm Nahrung zu beschaffen, ersinnt dann einen ausgeklügelten Plan, ihn zu fangen. Was auch gelingt. Sie trägt das betäubte Tier in ihre Wohnung, in ein abschließbares Zimmer. Aber der Wolf lässt sich nicht lange einsperren. Alles andere vernachlässigt die Frau: ihre Arbeit, ihre Körperpflege, ihre eigene Ernährung. Bald schon lebt sie selbst fast wie ein wildes Tier, kratzt Essensreste am Imbissstand von den Tellern. Aber ein wildes Raubtier und ein Mensch – das kann auf Dauer nicht gutgehen.

„Wild“ hält die Balance zwischen innerem Drama, Suspense und Romantik bis zum Schluss. Jederzeit kann die Situation kippen, die Frau doch noch Opfer des Tiers werden. Aber eigentlich geht es Regisseurin Krebitz um etwas anderes: um einen Prozess der Selbstbefreiung, der Selbstfindung. Der Wolf ist dazu nur der Katalysator, der Auslöser. Ania ist nicht geboren, um zwischen Glasscheiben in einer funktionalen Bürowelt zu sitzen. Wo der Teppich grau ist und die Luft schlecht. Nicht sie ist entfremdet, sondern die Welt um sie herum, das, was wir Zivilisation nennen. Wir starren den ganzen Tag auf Bildschirme und halten das für die Realität.

Obwohl das Thema es naheläge – die Beziehung zwischen junger Frau und Wolf -, hat die Inszenierung nichts Märchenhaftes. Gefilmt ist das alles ganz realistisch, ganz klar. Der Wolf verhält sich, wie sich ein Wolf eben verhält, instinktiv. Auch die Frau versucht, ihrer wahren Natur zu folgen. Lillith Stangenberg geht in dieser Rolle bis an die Grenze – und darüber hinaus. Sie trägt den Film, im Grunde ein Einpersonenstück. Es gibt zwei Szenen in diesem Film, die überflüssig sind, die ein bisschen wirken wie eine kalkulierte Provokation. Die hat er gar nicht nötig, so souverän, wie er erzählt wird. So kraftvoll kann deutsches Kino auch sein.

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Leider sieht man diese wunderbare Schauspielerin ja viel zu selten, obwohl die meisten Kritiker sie lieben. Und wenn sie dann tatsächlich alle Jubeljahre mal einen Kinofilm dreht, kommt der meist gar nicht oder nur ganz kurz in mehr als drei Städten ins Kino. Ihre größten Momente hat sie aber vielleicht ohnehin in TV-Filmen gehabt. Hier eine kurze Einschätzung der meiner Meinung nach zehn wichtigsten ihrer Filme:

Durst: als eine Station auf dem Weg des jungen Jürgen Vogel, der nacheinander ein Mädchen, einen Jungen und seinen Lehrer verführt, lässt Krebitz erahnen, welches Talent in ihr steckt

Schicksalsspiel: ihre erste aufsehenerregende Hauptrolle – als Teenagermädchen, dass sich ausgerechnet in einen Fan (Jürgen Vogel) des gegnerischen Fussballvereins verliebt. Romeo und Julia in Hamburg, ebenso intensiv wie brutal realistisch.

Ausgerechnet Zoé: ein weiterer ARD-Fernsehfilm, diesmal steht Krebitz ganz im Mittelpunkt als junge Frau, die plötzlich mit einer positiven HIV-Diagnose leben (lernen) muss. Jürgen Vogel ist auch wieder dabei, ebenso Henry Arnold aus der „Zweiten Heimat“, aber Krebitz spielt sie, gleichermaßen verletzlich wie lebensfroh, alle an die Wand – wohl immer noch ihre beste Rolle.

Bandits: an der Seite von Katja Riemann und Jasmin Tabatabai spielt sie ihre wahrscheinlich bekannteste Rolle, das beste an diesem Film ist aber wohl doch die Musik

Long Hello and Short Goodbye: Rainer Kaufmanns deutscher Neo-Noir, mit großem Stilwillen inszeniert, aber doch immer leicht ironisch gebrochen. Krebitz spielt mit blonden Haaren die Undercover-Polizisten, die sich in den kriminellen Marc Hosemann verliebt und die Seiten wechselt. Großartige Schlusseinstellung!

Fandango: Stilistisch noch brillanter ist dieser Genrefilm von Matthias Glasner, der damals bei den Kritikern völlig durchfiel. Als Model mit dem herrlichen Namen Shirley Maus („ich hatte es einmal bis aufs Cover der Pop/Rocky geschafft“) betrügt sie den brutalen Unterwelt-Charakter von Richy Müller („es gibt zwei Arten von Frauen: die einen lassen dich bluten, ohne dass du es überhaupt merkst, die anderen lassen sich im Voraus bezahlen – letztere sind mir wesentlich lieber“) mit dem „blinden“ DJ von Moritz Bleibtreu, um am Ende von Corinna Harfouchs irrem Profikiller gejagt zu werden. Leider ist die Story sehr 08/15.

Jeans: Krebitz‘ Debütfilm als Regisseurin, in dem sie auch selber auftritt, ist leider nicht mehr als eine reichlich überambitionierte Fingerübung, die wie die Semesterarbeit einer Filmstudentin aussieht. Immerhin darf Rave-Veteran und Klagenfurt-Suhrkamp-Legende Rainald Goetz als er selbst autauchen und den jungen Leuten erzählen, wie das wilde Leben wirklich geht.

Das Herz ist ein dunkler Wald: In Krebitz‘ zweiter langer Regiearbeit spielt sie nicht selbst mit. Der Film mit Nina Hoss in einer weiteren schlafwandlerischen Rolle erinnert ebenso an die Berliner Schule wie an „Eyes Wide Shut“ und lässt einen genauso ratlos zurück – etwas zu künstlerisch, aber durchaus interessant.

Liebeslied: leider völlig untergegangenes Musical (!) mit Selig-Sänger Jan Plevka als Bauarbeiter, der aus heiterem Himmel an Parkinson erkrankt, und Krebitz als dessen Ehefrau. Ebenso ernster wie beschwingter Film, in dem die Songs und Gesangsszenen tatsächlich einmal besser funktionieren als in 90 Prozent der amerikanischen Filmmusicals. Aber so etwas hat in Deutschland natürlich keine Chance, da es sich ja in keine Schublade einsortieren lässt.

Unter dir die Stadt: Danach war der Weg zu einer Hauptrolle in einem Film eines Berliner-Schule-Regisseurs nur folgerichtig. In Christoph Hochhäuslers Kinowerk spielt Krebitz die gelangweilte Banker-Ehefrau, die ihrer sinnentleerten Existenz mit einer ebenso sinnlosen Affäre mit einem älteren Vorstandsmitglied einen neuen Dreh geben will. Dabei bleibt sie trotz ihrer enormen Anziehungskraft die große Leerstelle des Films: Ihre Beweggründe versteht man nie, die Faszination des schmiergig-einsamen Bankvorstands dafür umso mehr.