Mit ‘Nido’ getaggte Beiträge

Vor Kurzem hab ich noch darüber gemutmaßt, wie lange die „Galore“-Macher noch durchhalten, heute meldet die taz, dass Mitte Juni die letzte gedruckte Ausgabe erscheinen soll. Das ehemalige Interviewmagazin hat seit 2008 mehrmals das Konzept geändert, ging zunächst weg vom reinen Interview- zum Kultur- und Lifestylemagazin, verringerte dann seine Erscheinungsweise von monatlich auf zweimonatlich, um zuletzt damit zu werben, dass nun auch noch eine DVD beiläge, die inhaltlich überhaupt nichts mit dem Konzept des Heftes zu tun hatte. Das Segment Lifestyle scheint zzt. wirklich tot zu sein, die Liste der in letzter Zeit eingestellten Titel ist lang: Park Avenue, Vanity Fair, Max, Matador, Maxim, Blond, nun auch noch Galore. Was waren das in den 80ern und frühen 90ern für goldene Zeiten, als am Kiosk noch Zeitschriften wie Tempo, Wiener und Twen um die Gunst der Leser konkurrierten.

Das Gewerkschaftsmagazin „journalist“ bringt in der Mai-Ausgabe einen Artikel zum Thema Zeitschriftensterben und Zeitschriftenneugründungen gegen den Trend. Vorgestellt werden u.a. Nido (tatsächlich eine neue Lifestyle-Zeitschrift, wenn man so will!) und das Kinomagazin Cargo, das mir persönlich ziemlich gut gefallen hat. Die Printausgabe desselben sei purer Luxus, werden die Macher in dem Beitrag zitiert. Der Online-Auftritt soll hingegen mit 30.000 PIs pro Monat sehr gut angelaufen sein (über die Auflage der Zeitschrift wurde leider nichts gesagt). Für ein ziemlich intellektuelles Kinoportal, auf dem es um Minderheitenfilmemacher wie Claire Denis und Thomas Harlan geht, ist das tatsächlich beachtlich.

Werbeanzeigen
Wie Neon mit Kind: der erste Nido-Titel

Wie "Neon" mit Kind: der erste "Nido"-Titel Foto: Gruner + Jahr

Seit gestern am Kiosk: das neueste Kind der „Stern“-Familie, das allerdings eher wie eine Weiterentwicklung des „Neon“-Konzepts wirkt (Diversifizierung nennt man das glaube ich in der BWLer-Sprache): „Nido„. Angesprochen werden sollen damit „moderne Eltern kleiner Kinder“, die auch nach der Geburt ihres Nachwuchses nicht zu langweiligen Erwachsenen mutiert sind, die sich nur noch übers Windelwechseln und die Verdauungsprobleme ihrer lieben Kleinen unterhalten wollen, oder wie das Editorial es ausdrückt, die auch weiterhin an „Mode, Popkultur und Gesellschaftspolitik, Karriere und geschmackvollem Wohnen“ interessiert sind. „Wir sind eine Familie, aber wir sind nicht gaga.“ Insbesondere der letzte Satz gefällt mir für eine Selbstdarstellung eines neuen Magazins im Grunde sehr gut.

Beim Durchblättern stellt man fest: „Nido“ holt die potentiellen Leser da ab, wo ihr letztes „Neon“-Heft (vermutlich vor der Entbindung) sie hat stehen lassen. Es gibt alles, was man von dem erfolgreichen Vorbild her auch schon kennt: aufwändige Fotoreportagen, einen Kulturteil, Reisetipps (die hier allerdings „Ein Wochenende ohne Kind“ heißen), ein wenig Nutzwert (Risikolebensversicherungen), Sex- und Beziehungsgeschwafel („Wie kann man trotz kleiner Kinder guten Sex haben“), Jobcoaching („Mama möchte wieder arbeiten gehen“) und sogar eine Modestrecke. Nur halt alles konsequent auf die Zielgruppe junge Familie zugeschnitten. Das Ganze sieht sehr gut gemacht aus, edles Layout, gute Fotos und selbst für mich als kinderlosen Single teilweise interessante Themen. (Also, nicht alle natürlich, aber eine Geschichte über Adoptionen in Afrika oder eine Weltreise mit kleinen Kindern würde ich auch lesen.) Manches wirkt allerdings leicht bemüht. Modestrecke mit Kindern? Braucht man das? Als stilbewusste(r) Familienvater/-mutter in Prenzlauer Berg vielleicht schon. Fehlt nur noch die Servicestrecke „Welche Bionade ist die beste?“. Aber es ist ja auch erst die erste Ausgabe.

Jetzt stellt sich nur noch die Frage, ob die Zielgruppe der großstädtischen hippen Eltern groß genug ist für so ein Großverlagsprojekt mit 200.000er Auflage. Könnte klappen, beim Spazierengehen sind mir heute einige junge Paare mit Kinderwagen über den Weg gelaufen, denen ich am liebsten ein Abo vorgeschlagen hätte, so idealtypisch schienen die vom Aussehen her zu passen.

Die zweite Frage ist: Was kommt als nächstes? Das Magazin für den junggebliebenen Senioren, dessen Kinder zwar schon lange aus dem Haus sind, der aber immer noch in House-Clubs geht und bei Ikea einkauft (und vermutlich immer noch am Prenzlberg wohnt)? Dann könnte einen die G+J-Familie durchs ganze Leben begleiten: In der verlängerten Adoleszenz, also etwa von 20 bis 35, liest man „Neon“, steigt mit dem ersten Kind auf „Nido“ um, um spätestens mit 55 auf das Seniorenblatt umzusatteln. Fehlt nur noch ein vierbuchstabiger Titel, der möglichst mit n anfängt. Untertitel: „Wir sind immer noch nicht erwachsen geworden“ oder „Wir werden nie mehr erwachsen“. Ein Kommentator schlägt bei der Blattkritik vor:  „Auch ich würde ein Magazinkonzept für die bisher unterrepräsentierte Zielgruppe ‚Eltern ohne Kinder‘ spannend finden.“ Mein Vorschlag: ein Magazin für Kinderhasser. Da wäre ich sofort als Leser mit dabei ;-).