Mit ‘Olivier Assayas’ getaggte Beiträge

Schon interessant, wie sich auch bei einem Regisseur wie Olivier Assayas, der auf den ersten Blick erst einmal keine stilistischen Eigenheiten zu haben scheint, mit der Zeit Gemeinsamkeiten zwischen seinen Filmen offenbaren. Obwohl er von Genre zu Genre wechselt, mal eine Coming-of-Age-Liebesgeschichte dreht wie den frühen TV-Film „Kaltes Wasser“, ein anderes Mal eine Satire übers Filmemachen („Irma Vep“), dann einen Globalisierungsthriller wie „Demonlover“ oder ein Drogen-/Familiendrama wie „Clean“. Und doch fallen einem nach einigen Filmen wiederkehrende Themen auf.

Da ist zum einen die Faszination für die asiatische Kultur, die wahrscheinlich nicht zuletzt seiner Ehe mit Maggie Cheung zu verdanken ist, die auch in zweien seiner Filme die Hauptrolle spielt. Einer davon ist „Irma Vep“, in dem sie als sie selbst, als Star des Hongkong-Kinos nach Frankreich kommt, um ein Remake des Stummfilm-Serials „Les Vampires“ zu drehen. In „Demonlover“ ist es ein japanisches Trickfilmstudio, das mit Hardcore-Animes viel Geld verdient, in „Boarding Gate“ muss die von Asia Argento gespielte Sandra nach einem Auftragsmord gleich selbst nach Hongkong (und dann weiter nach Shanghai) flüchten und droht in dem Gewusel der fremdartigen Metropole, deren Sprache sie nicht versteht, ihre Identität zu verlieren. Wobei die eh schon ziemlich brüchig ist, war sie doch früher ein Call-Girl, dann scheinbar eine solide Lagerarbeiterin, nebenbei eine Drogenschmugglerin und muss nun eine neue Identität annehmen. Unklare Identitäten gibt es auch in „Demonlover“ zuhauf, wo niemand der ist, der er vorgibt zu sein und nie ganz klar ist, wer wirklich für welche Seite arbeitet. Und wo die von Connie Nielsen dargestellte Wirtschaftsspionin schließlich sogar von ihren Gegnern gefangengehalten wird, um als Sklavin für eine S/M-Webseite zu fungieren.

Sadomasochismus ist ein weiteres Thema, das Assayas zu faszinieren scheint, ob in „Demonlover“ oder in „Boarding Gate“, wo die Beziehung von Sandra und Miles (Michael Madsen) ganz von ihren Abhängigkeitsspielen mit Gürtel und Handschellen zu leben scheint, oder subtiler in „Irma Vep“, wenn Maggie Cheung sich nachts das hautenge Latexkostüm ihrer Filmrolle überzieht, um im Hotel auf Raubzug zu gehen – und daraus einen rauschhaften Lustgewinn zieht. Auch S/M ist letztlich ein Spiel mit Identitäten.

Und dann ist da natürlich das große übergreifende Thema Globalisierung: ob Schauspielerinnen aus Hongkong nach Paris eingeflogen werden, Drogen in Containern ins Ausland geschmuggelt oder Porno-Anime-DVDs weltweit vermarktet. Immer wieder spielt hier auch das Internet eine Rolle, sei es mit Snuff-Porno-Webseiten oder harmloser mit einer Science-Fiction-Seite, die Sandra früher mal – erfolglos – betrieben hat. Und auch Maggie Cheungs drogensüchtige Rocksängerin in „Clean“ lebt ein grenzüberschreitendes Leben als Asiatin aus Paris, die in London mit einem Kanadier verheiratet ist. Diese generelle Grenzenlosigkeit unserer mdernen Welt ist bei Assayas eine zwiespältige Angelegenheit. Einerseits bietet sie neue Chancen, von denen frühere Generationen nicht einmal träumen konnten: etwa als Pariserin einen Club in Peking zu eröffnen oder eben umgekehrt als Hongkong-Chinesin ein interessantes Filmprojekt in Paris anzunehmen. Andererseits verursacht sie eine Entwurzelung, sorgt dafür, dass Menschen sich nirgendwo mehr zu Hause fühlen, verloren gehen wie Asia Argento im kantonesischen Sprachgewirr von Hongkong. Und schließlich überwinden alle möglichen und unmöglichen Waren mühelos alle Grenzen, von denen man sich das besser nicht wünschen würde: Drogen, Pornos, Raub-DVDs und Snuff-Videos. Von der globalisierten Wirtschaft jedenfalls zeichnet Assayas ein höchst negatives Bild, denn sowohl in „Demonlover“ als auch in „Boarding Gate“ zeigt er sie uns lediglich als grenzüberschreitende (und grenzenlose) Wirtschaftskriminalität.

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Elise (Chloe Sevigny) ist scheinbar nur eine Sekretärin mit Ambitionen, spielt aber wie alle in diesem Film ein falsches Spiel

Was man in diesem französischen Film von 2002 sehen und hören kann:

Pornoanime im klassischen japanischen Zeichenstil, die immer noch so aussehen wie „Captain Future“ und „Heidi“ in den 80ern, in denen zehn Frauen gleichzeitig von einem riesigen Monster auf verschiedene Weisen befriedigt werden, aber auch welche im Lara Croft-3D-Stil, damals laut Dialog „state of the art“ der Animationstechnik.

Eine Geschäftsfrau (Connie Nielsen) sieht sich abends im Hotelzimmer einen Porno im Pay-TV an, das Telefon klingelt, sie schaltet schnell ab, bevor sie ran geht. Ihr Kollege im Nachbarzimmer liegt auf dem Bett und lässt seinen Porno einfach weiterlaufen, als die herbeizitierte Kollegin rein kommt.

Gina Gershon (bekannt aus dem Quasi-Softporno und Anwärter für den schlechtesten Film aller Zeiten, „Showgirls“) liegt auf dem Bett in einem T-Shirt mit der Aufschrift „I Heart Gossip“.

Ihre Firma betreibt erfolgreiche Pornoseiten im Internet, hat aber angeblich mit einer Seite, auf der man via Webcam Snuff-Inszenierungen beobachten (und beeinflussen) kann, nichts zu tun.

Später versucht Connie Nielsen, Gina Gershon mit einem Kissen zu ersticken. Die ist aber nur ohnmächtig und schlägt sie mit einem schweren Gegenstand nieder. Als Nielsen aufwacht, ist das Blut an der Wand ebenso verschwunden wie die scheinbar vorher tote Gershon. War alles nur ein Traum?

Nächtliche Fahrten im Auto durch den Regen mit beschlagenen Fenstern.

Später wird Nielsen selbst Opfer der Snuff-Seiten-Betreiber und muss im SM-Lederoutfit vor der Kamera posieren.

Noch später führen Nielsen und ihr dauergeiler Kollege in einem Restaurant ein Gespräch, wie sie nur in französischen Filmen geführt werden.

Kurz darauf vergewaltigt der Kollege sie (halb?) auf dem Bett, nach dem Aufwachen will er noch mal, sie macht erst mit, greift währeddessen zu einer Pistole, erschießt den Mann und bricht in hysterisches Schreien aus.

Chloe Sevigny, die übrigens fließend Französisch spricht, spielt, nackt auf dem Bauch liegend, ein Killerspiel.

Am Ende ist keiner der gewesen, der er vorgab, zu sein. Irgendwie waren alle Spione für Konkurrenzfirmen von der, in der sie arbeiten.

Im Epilog, der auch nichts erklärt, aber noch mal eine sarkastische Pointe setzt, klaut ein Teenager die Kreditkarte seiner Eltern, um sich auf der Snuffseite einzuloggen. Während Nielsen dort seine Fantasien nachstellen muss (verkleidet als Storm von den X-Men), macht der Junge seine Bio-Hausaufgaben.

Noise-Punk von Sonic Youth auf dem Soundtrack.

Es geht wohl um die Sinnentleertheit der modernen westlichen Wohnstandsgesellschaften, in denen alles nur noch ein Geschäft ist, aber nichts mehr eine tiefere Bedeutung hat. Genauso fremd wie die bizarren Sexzeichentrickfilmchen und Gewaltporno-Webseiten wirkt das Setting der Vorstandsetagen und Broker-Großraumbüros. Beides sind fremde Welten, mit denen man lieber nichts zu tun habe möchte. Gefühle sind in dieser Welt, in der jeder nur an seinen Vorteil denkt, nur hinderlich. Sex ist Entertainment ist eine Ware. Assayas wechselt dauernd das Pacing, von langsamem Wirtschaftskrimi zu Verfolgungsjagden zu prätentiösen, endlos erscheinenden Gesprächen zum visuellen Overkill. Schöne Frauen sind ständig in Nahaufnahme zu sehen. Connie Nielsen wird so in Szene gesetzt, wie Truffaut früher Fanny Ardant oder Jeanne Moreau in Szene gesetzt hat. Gleichzeitig ist der Film nicht nur auf der Höhe seiner Zeit, sondern wirkt auch knapp zehn Jahre später noch kein bisschen veraltet, was beim Thema Internet doch bemerkenswert ist. Ein Film, der nichts erklärt, aber trotzdem oder gerade deswegen fasziniert. Ein Film, den man am Dienstag um 20 Uhr noch mal in der Black Box in Düsseldorf sehen kann.