Mit ‘Paul Verhoeven’ getaggte Beiträge

Brien, Hans und Eef sind drei befreundete junge Männer, die noch bei ihren Eltern in Maassluis, einem verschlafenen Dorf bei Rotterdam, wohnen. Ihre große Leidenschaft sind Motocross-Rennen, das große Vorbild von Brien und Hans, die bereits Amateurrennen fahren, ist der erfolgreiche niederländische Rennfahrer Gerrit, der gerade um den Sieg bei der Weltmeisterschaft kämpft. Richtig Bewegung in das Leben der drei Jungs kommt aber erst, als die attraktive Fientje und ihr Bruder im Dorf mit ihrem Imbisswagen Station machen. Alle drei vergucken sich sofort in die kesse Blondine und wetteifern um ihre Gunst. Fientje lässt sich auch tatsächlich nacheinander mit ihnen ein, allerdings immer nur so lange, wie sie sich von der jeweiligen Beziehung eine Chance verspricht, ihrem tristen Leben in der Pommesbude zu entkommen…

Drei Jahre nach seinem großen Erfolg im Heimatland mit „Soldaat van Oranje“ drehte Paul Verhoeven dieses Jugenddrama, mit dem er seinen Fokus statt auf die Rolle der Niederlande in der Weltgeschichte wieder auf alltägliche Geschichten von „kleinen“ Leuten richtete. Seine beiden Stammschauspieler der damaligen Zeit und Stars des Vorgängerfilms, Rutger Hauer und Jeroen Krabbé, besetzte er diesmal nur in Nebenrollen, den einen als Rennfahrer-Idol, den anderen als etwas schmierigen Sportreporter. Die Helden seines Films sind hingegen die drei weitgehend unbekannten Jungdarsteller. Besonders sympathisch sind einem diese anfangs nicht. Nicht nur, dass ihnen kein dummer Spruch und keine peinliche Aktion zu schade ist, um Frauen anzumachen, sie demütigen und beschimpfen auch Schwule nachts auf der Straße. So verhindern Verhoeven und sein Stammautor der niederländischen Jahre Gerard Soeteman bewusst, dass der Zuschauer sich zu stark mit den Figuren identifiziert. Ihr Leben spielt sich zwischen Kleinstadttristesse, mal mehr, mal weniger strengen Eltern, oberflächlichen Beziehungen zu Frauen und der Rennbahn ab – bis Fientje in ihr Leben tritt.

Die ebenso selbstbewusste wie ehrgeizige Fremde (Renée Soutendijk, damals eine der heißesten Schauspielerin der Niederlande, spielte auch in Verhoevens nächstem Film „Der vierte Mann“ und an der Seite von Marius Müller-Westernahgen in Blumenbergs „Der Madonna-Mann“) wird zum Katalysator ihrer Träume von einem aufregenderen Leben, von Ruhm, Geld und dem Ausbrechen aus der heimatlichen Enge. Während Brien und Hans von einer Rennfahrerkarriere träumen, will Eef nach Kanada auswandern. Aber natürlich kommt alles anders: Brien wird nach einem Motorradunfall querschnittgelähmt, bei Hans reicht das Talent nicht und Eef, der in Rotterdam regelmäßig Schwule überfällt, um sich seine Reise zu finanzieren, bekommt die Rache seiner Opfer zu spüren. Fientje wandert von einem zum anderen und muss erleben, wie ihre Ambitionen nach und nach zerplatzen.

„Spetters“ ist ein typischer Verhoeven-Film. Es gibt Gewaltausbrüche, krasse Sexszenen und anzügliche Sprüche en masse. Immer wenn man gerade denkt, der Regisseur wüsste genau, was er tut, wenn die Kamera etwa gerade ein besonders schönes Bild einfängt, serviert er uns einen völlig unerwarteten Schnitt etwa auf Briens erigiertes Glied, das in den Bildvordergrund ragt, während Fientje sich daran zu schaffen macht. Es folgen noch ein (offensichtlich echter) Blowjob zwischen zwei Homosexuellen in einem U-Bahn-Schacht und später eine heftige anale Gruppenvergewaltigung. Meistens haben diese Szenen aber ihre dramaturgische Funktion für den Fortgang der Handlung. Verhoeven verwendet sie nicht aus Sensationslust, sondern weil er das Leben eben in seiner ganzen Bandbreite abbilden will statt verschämt wegzublenden. Das ist grundsätzlich absolut richtig, seltsam wird es aber, wenn dem Vergewaltigten dadurch seine eigene Homosexualität bewusst wird und er danach mit einem der Vergewaltiger noch mal richtigen Sex haben will.

Ähnlich wie in Verhoevens wohl bekanntestem niederländischen Film „Turks Fruit“ kippt die Stimmung auch hier etwa in der Mitte völlig, als Brien seinen Unfall hat. Aus einer leichten Alltagskomödie wird plötzlich ein ernstes Drama, wobei es ihm problemlos gelingt, den Zuschauer die existenziellen Nöte des Protagonisten mitfühlen zu lassen. Gegen Schluss überschlagen sich die parallel geschnittenen Ereignisse zwischen den verschiedenen Handlungssträngen fast, bevor der Film leicht melancholisch, aber fast optimistisch endet. Mit seinem (vorerst) vorletzten im Heimatland entstandenen Film, bevor er seine internationale Karriere mit im Ausland gedrehten Filmen begann, erweist sich Verhoeven als stilsicherer Regisseur, der es versteht, den Alltag mit seinen kleinen Sorgen und großen Katastrophen ungeschliffen und rau einzufangen. Dabei schafft er es, immer unterhaltsam zu bleiben, nie zu langweilen und den Zuschauer in ein wahres Wechselbad der Gefühle zu stürzen. Wer keine Angst vor krassen Sex- und Gewaltszenen hat, sollte sich unbedingt darauf einlassen.

Werbeanzeigen

Whatever happened to Rutger Hauer

Veröffentlicht: 10. März 2010 in Film
Schlagwörter:, ,

Wenn man sich seine frühen Filme anguckt, vor allem seine ersten Hollywood-Produktionen in den frühen 80ern, fragt man sich: Warum hat der den ganz großen Durchbruch eigentlich damals nicht geschafft? Das Zeug zum Weltstar hätte er ganz klar gehabt, sowohl was das schauspielerische Können angeht als auch die Ausstrahlung. Die ersten Jahre im internationelen Filmgeschäft waren dann ja auch durchaus vielversprechend: Ridley Scotts „Blade Runner“, Nicolas Roegs „Eureka“, Paul Verhoevens internationale Produktion „Flesh +  Blood“, „Ladyhawke“ mit Michelle Pfeiffer, dazu noch „Hitcher, der Highwaykiller“.

Seine Rolle als durchgeknallter Android in „Blade Runner“ ist sowieso legendär. Aber auch in „Eureka“ (einem völlig abgedrehten, aber ziemlich guten Film, der vor allem von den schauspielerischen Leistungen Hauers und Theresa Russels lebt) hat er eine unglaubliche Präsenz: diese durchdringenden stahlblauen Augen, diese fast brutal wirkende Virilität (vom Typus her ist es eh erstaunlich, dass er in Hollywood nicht ständig Nazis spielen musste, so sehr entspricht sein Äußeres dem „Idealbild“ vom Arier). Ein Mann, dem die Frauen verfallen, dem man aber nie ganz trauen kann, weil sich hinter seinem makellosen Gesicht immer irgendwelche Abgründe zu verstecken scheinen.

Mitte der 80er ging es dann mit seiner Karriere schon stark bergab, danach spielte er meistens nur noch große Rollen in TV- und B-Filmen und ganz selten mal kleine Rollen in gr0ßen Filmen, z.B. in „Batman Begins“ oder „Sin City“. Vielleicht lag es tatsächlich daran, dass die großen Filme, die teuren Produktionen, in denen er Anfang, Mitte der 80er große Rollen spielte, überwiegend grandios gefloppt sind. Sowohl „Blade Runner“ als auch „Eureka“ und „Flesh + Blood“ waren ja (zunächst) kommerzielle Misserfolge. Wobei zumindest Scotts SF-Film ja schon wenige Jahre später zum Kultfilm und modernen Klassiker wurde.

Heute ist Hauer 66, dreht weiterhin jedes Jahr vier bis fünf Filme, von denen man selten jemals etwas hört, und ist international eigentlich nur noch wegen seiner Replikantenrolle in „Blade Runner“ in Erinnerung geblieben – und in den Niederlanden sowie bei Leuten, die sich stärker für europäische Filmgeschichte interessieren, natürlich auch für seine Rollen in den frühen Paul Verhoeven-Filmen, vor allem „Türkische Früchte“. Aber 1982, 83 war Rutger Hauer eines der größten Versprechen, das das internationale Mainstreamkino zu geben hatte.

3x Paul Verhoeven in 3 Wochen

Veröffentlicht: 24. Januar 2010 in Film
Schlagwörter:

Ein interessanter Regisseur, auch wenn ich die meisten seiner Filme dann doch irgendwie trashig finde, ist Paul Verhoeven. Nachdem ich gestern auch endlich mal „Hollow Man“ im Fernsehen gesehen habe, der allgemein immer als einer seiner schlechtesten Filme genannt wird, waren das für mich jetzt 3 seiner Filme in knapp 3 Wochen. Mein Urteil fällt höchst unterschiedlich aus:

„Black Book“ („Zwaartboek“): Ein fast perfekter Unterhaltungsfilm mit Anspruch, in dem Verhoeven Actionkino à la Hollywood mit europäischem Erzählkino verbindet. Man merkt, dass er einerseits durch die Arbeit in den USA sein Handwerk als Actionregisseur gelernt hat und dies hier einsetzt, um andererseits eine für ihn als Niederländer der Kriegsgeneration persönliche Geschichte zu erzählen. Für mich sein bester Film: spannend, bewegend, mit überwiegend vielschichtigen Charakteren und einer Story, die nicht schwarz-weiß zeichnet, sondern zeigt, dass die Welt auch in Kriegszeiten nicht so einfach in Gut und Böse zu unterteilen ist, wie manche gerne denken.  5 von 6 Sternen

„Der Soldat von Oranien“ („Soldaat van Oranje“ aka „Soldiers“ aka „Survival Run“): Hat mir nicht mehr ganz so gut gefallen wie beim ersten Ansehen, was aber auch daran liegen kann, dass mir diesmal die wirklich schlechte Synchronisation aufgefallen ist (Dummerweise gibt’s auf der erst kürzlich erschienenen DVD keine Originaltonspur, obwohl das sogar eine restaurierte und damit verlängerte Fassung gegenüber der ursprünglichen deutschen ist): Warum in einem niederländischen Film die Namen der Hauptfiguren englisch ausgesprochen werden, weiß wohl nur der Dialogbuchautor. Eine Figur heißt gar in der Synchro plötzlich John, obwohl er im Original Jan heißt. Da die ursprünglich geschnittenen Szenen auf Niederländisch mit deutschen Untertiteln eingefügt sind, fällt das als besonders dämlich auf. Außerdem nennt die niederländische Königin ihre Landsleute immer „Mister“. WTF? Ansonsten ein unterhaltsamer Actionfilm mit einigen Längen und doch recht eindimensionalen Charakteren, wenngleich von guten Schauspielern dargestellt (allen voran natürlich Rutger Hauer). Die Gräuel des Krieges bleiben im Gegensatz zu „Black Book“ doch eher im Hintergrund, obwohl es auch hier Verräter und Überläufer gibt. Und: einer der wenigen patriotischen Filme, die ich kenne, die nicht aus den USA kommen. 4 von 6 Sternen

„Hollow Man“: Verhoevens letzter Film, bevor er in die Niederlande zurückgekehrt ist. Fängt ganz interessant an, wird zunehmend unlogischer und endet in der letzten halben Stunde in einem Action- und Gewaltspektakel, nachdem vorher nicht viel passiert ist. Ein Film mit etwas merkwürdigem Pacing, der sich nicht recht entscheiden kann, ob er ein Wissenschaftsthriller, ein Grusel- oder ein Actionfilm sein will. Funktioniert aber als Popcorn-Unterhaltung ohne Anspruch dennoch ganz gut. Von irgendeiner persönlichen Handschrift des Regisseurs ist hier allerdings überhaupt nichts zu merken. 3,5 von 6 Sternen