Mit ‘Popkultur-Magazine’ getaggte Beiträge

In meinem alten Blog hatte ich vor eineinhalb Jahren schon mal über die Debütausgabe des feministischen Popkulturmagazins „Missy“ geschrieben. Seitdem scheint sich das Magazin mit einer Druckauflage von 20.000 Exemplaren, von denen laut Mediadaten mehr als die Hälfte verkauft werden sollen, mehr oder weniger etabliert zu haben. Aber was hat sich inhaltlich getan, hat sich die Zeitschrift inzwischen weiter entwickelt, haben die Macherinnen aus den Fehlern der ersten Ausgabe gelernt? Zeit, die neueste, gerade erschienene Ausgabe mal etwas genauer unter die Lupe zu nehmen.

Kate Nash als Covergirl: die besprochene "Missy"-Ausgabe

Seite 8/9: Den Sinn dieser Umfragen mit Fotos der Befragten und jeweils ein, zwei Sätzen Zitat zu einer vorgegebenen Frage (hier: „Wann hast du das letzte Mal öffentlich geweint?“) habe ich schon in „Neon“ & Co. nie verstanden.

S. 12/13: Ein Bericht über eine französiche Philosophin, die die These aufstellt: „Nicht mehr der Mann ist der schlimmste Unterdrücker der Frau, sondern das Kind.“ Interessant, und eine angenehme Gegenposition zum allgemeinen Stillterror anderer Medien und den Gesprächen, die man manchmal so auf dem Spielplatz mitbekommt.

S. 16/17: Rubrik „Das andere Geschlecht“, die einzige, in der regelmäßig Männer vorgestellt werden. Warum das immer übliche Verdächtige sein müssen, wie diesmal der Musiker Patrick Wolf, der sich gerne schminkt und einen „queeren Lebenstil“ pflegt, ist mir nicht einsichtig. Muss mann sich schminken, um Feminist sein zu können?

S. 18-24: der erste Höhepunkt des Heftes: ein Foto-Dossier über Alltagsleben in Palästina plus Interview mit der jungen deutschen Fotografin. Ausdrucksstarke, klischeefreie Fotos und ein interessantes ergänzendes Interview.

S. 33-42: Eine lange Thememstrecke zum Revival der Handarbeit und des DIY (auch) unter Feministinnen. Hab zum ersten Mal das Wort „Crafting“ gelesen. Grundsätzlich sehr interessantes Thema, weil neu und ungewöhnlich und mit reichlich diskursivem Potential (Selbstermächtigung vs. Selbstausbeutung, Wohlstandshobby vs. ausgebeutete Sweat Shop-ArbeiterInnen in China und Bangladesch etc.). Der einführende Text ist leide etwas zu trocken geraten, sehr gut hingegen das Interview mit der Historikerin und Ökonomin, die vier Seiten Bastelanleitungen (u.a. eine Lego-Brosche) sind zwar stellenweise ganz witzig, aber auch ein wenig überflüssig. Auf S. 41 wird ernsthaft dazu geraten, ein Fanzine mit Hilfe von Schere und Klebstoff zu erstellen. Haben die Betreiberinnen von „Grassrootsfeminism.net“ noch nichts von Computern und DTP-Programmen gehört? Selbst der Pfarrer bastelt seinen Gemeindebrief doch heutzutage nicht mehr per Hand!

S. 42/43: ein Advertorial, also eine als red. Beitrag aufgemachte Anzeige zur „bebe Generation Fashion WG“, einer fragwürdigen PR-Aktion, bei der minderjährige Mädels zwei Wochen in einer hippen Wohnung in Berlin einquatiert werden und z.B. eine „Limited Edition Handtasche“ für adidas designen dürfen. Dabei werden sie glaube ich noch von Webcams beobachtet, was aber nicht in dem Text drin steht.

Also, das geht in einem ernstzunehmenden feministischen Magazin irgendwie gar nicht, da die Zielrichtung der PR-Aktion und des -Artikels so ziemlich allem zuwider läuft, was die Haltung der Zeitschrift ausmacht. Ich verstehe ja, dass Werbung wichtig fürs Überleben ist, aber doch bitte nicht um jeden Preis. Also: Meinetwegen Advertorials, meinetwegen normale Anzeigen über Bebe, aber nicht so ein Thema in dieser Form.

S. 44: die 18-jährige Jugendmeisterin im Turmspringen erklärt, wie man ohne Angst und Verletzungen vom 10er springt. Lebenshilfe nicht nur für Frauen (ich trau’s mich trotzdem weiterhin nicht) – sympathisch.

S. 46/47: eine von zwei regelmäßigen Rubriken für TV-Serien-Nerds: Das Rezept zur Serie. Sympathisch.

S.48-52: Interview mit Kate Nash. Jo, kann man machen, muss man aber nicht.

S. 55-63: der unvermeidliche Modeteil – kann ich in keiner Popkultur- oder Lifestylezeitschrift was mit anfangen.

S. 66/67: „Drei neue Bücher zeigen, wie die Rede von der vermeintlichen Selbstermächtigung uns in Wahrheit nicht stärkt, sondern schwächt.“ Sehr interessanter Beitrag zur Diskussion, ob sich Feminismus nicht eh erledigt hat.

S.74/75: Einer der besten Beiträge kommt ganz unspektakulär daher: die Geschichte einer Frauen-Beat-Band aus Liverpool aus den 60ern: die „Liverbirds“. Solche Geschichten möchte ich in so einer Zeitschrift viel mehr lesen!

S.76-81: das Sex-Ressort, teilweise ganz lustig (S. 76), die beiden ganzseitigen Anzeigen könnten auch in der „alley Cat“ oder im „Playboy“ stehen.

S. 82-97: der „Edutainment“-Teil, auf deutsch: Rezensionen. Mein altes Problem: Ich lese ungerne mehr als ein, zwei Plattenkritiken am Stück. Die Filmauswahl ist ganz interessant: „Das Fischkind“ hätte ich gerne im Kino gesehen, lief aber nirgends, „Mammut“ würde ich mir gerne ansehen. Schön, dass auch Comics und Fanzines besprochen werden.

S. 98: Zum Ausklang ein recht unlustiger Comic von der gerade auch in der Comicszene und im Feuilleton sehr gehypten Ulli Lust.

Gesamteindruck: insgesamt auch für einen Mann recht interessante Lektüre, gutes, klares Layout, abereine etwas merkwürdige Ressorteinteilung und etwas wenig Popkultur. Von den sechs Ressorts haben im Grunde vier nichts mit Pop zu tun. Von einer „feministischen Spex oder Intro“ erwarte ich eigentlich viel mehr Texte über MusikerInnen, Filmschaffende, Computerspielentwicklerinnen und Comiczeichnerinnen.

Das zweite Problem: Die meisten Texte sind viel zu kurz, gehen nicht wirklich in die Tiefe. Richtig gut wird „Missy“ immer dann, wenn die Artikel mal länger als zwei Seiten sind, und die Themen (gesellschafts-)politisch: Mädchenbeschneidung, Frauen im Gefängnis, der „Crafting“-Text. Das sind dann Artikel, die mir als Mann eine neue Sichtweise auf bestimmte gesellschaftliche Probleme oder Phänomene eröffnen, und die ich mit Gewinn gelesen habe. Ansonsten gibt es mir in „Missy“ aber leider zu viel Häppchenjournalismus. Weniger (Themen/Rubriken) und dafür längere Texte wäre da mehr.

Mein dritter Kritikpunkt ist ein grundsätzlicher, der an die Frage anknüpft, die mein Freund Olsen hier neulich in den Kommentaren zum „Trip“-Artikel aufgeworfen hat: Ist die Idee, eine Frauenzeitschrift zu machen, nicht generell schon sexistisch? So weit wie Olsen würde ich jetzt nicht gehen, aber ist sie nicht zumindest kontraproduktiv? Warum macht ihr statt „Popkultur für Frauen“ nicht einfach „Das feministische Magazin für Popkultur-Fans“? Da würden die Männer sich auch nicht so komisch vorkommen, wenn sie euer Heft kaufen wollten.

Damit ihr mich nicht falsch versteht: Ich finde es gut, dass „Missy“ von Herausgeberinnen gemacht wird, dass die Perspektive überwiegend weiblich ist und dass starke Frauen im Mittelpunkt der Berichte stehen. Trotzdem frage ich mich nach wie vor, warum nicht auch mal der ein oder andere Artikel über interessante Männer vorkommt. Ich glaube einfach nicht, dass es keine männlichen Kulturschaffenden gibt, die nicht für feministische Frauen interessant wären. Macht doch mal was über die Entwicklung von John Lennon vom Macho zum Feministen dank Yoko Ono (oder hinterfragt, ob er denn wirklich so feministisch geworden ist, wie er behauptet hat) oder, wie schon eine Leserin vorgeschlagen hat, über Joss Whedon, der ja angeblich immer so emanzipierte Frauenfiguren für seine TV-Serien schreibt. Nur so als Beispiele.

Grundsätzlich ist eine Zeitschrift wie „Missy“ natürlich sehr wichtig, und im Gegensatz zu den ganzen marktforschungserprobten Ungeheuern der Großverlage wie „Beef“, „Business Punk“ und „Gala Men“ ist dem Heft anzumerken, dass es einem inneren Bedürfnis der Macherinnen entspringt, dass hier wirklich Herzblut drin steckt. Die ganze Attitüde und die Grundhaltung, eine Art unverkrampfter Feminismus, gepaart mit selbstironischem Nerdtum, ist mir sehr sympathisch. Dass das eine Zielgruppe moderner junger Frauen anspricht, wundert mich nicht. Wenn’s jetzt noch etwas tiefgründiger und der Schwerpunkt mehr auf Pop und Politik und weniger auf Style und Bastelanleitungen wäre, würd ich mir das Magazin auch mal öfter kaufen.

Kaum ist das „blond“-Magazin eingestellt, liegt schon eine neue Zeitschrift des Blond-Verlags in den Regalen. Das heißt originellerweise „blonde“, was wohl Kontinuität und Neuanfang gleichzeitig symbolisieren soll. Anders als die alte „blond“ ist „blonde“ in erster Linie ein Modemagazin. Und damit für mich schon mal uninteressant. (LIEBLING ist ja auch zu einem großen Teil eine Modezeitschrift, aber da gibt es halt noch so viel Anderes zu entdecken.)

Und dann gibt es nach „Missy“ (dessen zweite Ausgabe ebenfalls seit ein paar Tagen erhältlich ist) schon wieder ein neues Popkulturmagazin: „Blank“ wird von den ehemaligen Redakteuren der „Face“ gemacht. Die wurde schon nach drei Nummern wieder eingestellt, weil es Streit zwischen Redaktion und Verleger gab.  Jetzt also ein Magazin mit den Untertiteln „Face your magazine“ und „Gesellschaft, Diskurs, Disco“. Wobei ich letzteres im Gegensatz zu andreaffm schon wieder witzig finde. Das Heft selbst habe ich gestern nirgendwo in Düsseldorf gefunden, hätte doch gerne mal rein geguckt. Wie sich neue Zeitschriften etablieren wollen, die absolut nirgends erhältlich sind, ist mir rätselhaft. Es hat sicher nicht jeder soviel Motivation wie ich, fünf verschiedene Bahnhofs- und Großbuchhandlungen abzuklappern, wenn er von einer neuen Zeitschrift hört.

Andreaffm findet harte Worte für das neue Heft, an dem sie kaum ein gutes Haar lässt:  Es biete eine Mischung aus „Indie-Obskurantismus und strukturellem Analphabetentum“. Außerdem wirft sie dem Verfasser des Editorials vor, ein abgebrochenes Soziologiestudium kompensieren zu wollen, weil er Wörter wie Enkulturation verwendet. Tja, das ist ja eh ein altes Problem der Popkultur-Magazine. Das mit dem Soziologiestudium denkt man ja auch beim Lesen der „Intro“ (die ich ansonsten ganz gerne mag) öfter. Mir gibt mehr zu denken, dass mich von den angekündigten Themen der Debütausgabe von „Blank“ erst mal gar nichts interessiert. Naja, vielleicht sehe ich das Heft ja noch mal irgendwo im Laden.

(Links zu „Blank“ via)