Mit ‘Schnitt’ getaggte Beiträge

Was mich an allen etablierten Filmzeitschriften in Deutschland stört, ist der Platz, den sie aktuellen Filmkritiken einräumen. Bei „epd Film“ gehen dafür gerne mal 23 von 68 Seiten drauf, also mehr als ein Drittel. Oft beginnt der Teil mit den Kritiken schon vor dem Heftfalz, also vor der Mitte des Heftes. Nach den Filmkritiken kommen dann nur noch DVDs, Bücher, TV-Tipps, also im Grunde auch Kritiken, so dass diese dann insgesamt rund die Hälfte des Heftes ausmachen. Ähnlich sieht es beim „Schnitt“ aus, der zwar insgesamt mehr Seiten hat, aber auch das Problem, nur alle drei Monate zu erscheinen, was dann auch zu noch mehr Filmkritiken führt, sowie beim „film-dienst“. Der erscheint zwar sogar alle 14 Tage, hat aber dafür den Anspruch, wirklich jeden Film zu besprechen, der in Deutschland (und der Schweiz) im Kino, auf DVD oder im Fernsehen rauskommt, was wiederum zu einem Wust von Kritiken führt.

Jetzt mal ehrlich: Wer soll eigentlich diese ganzen Kritiken lesen? Wer sich gezielt über einen bestimmten Film informieren will oder auch nur darüber, was denn aktuell so in den Kinos läuft, wird wahrscheinlich eher auf eine Internetseite gehen, z.B. auf filmstarts.de o.ä. Andere, die sich nicht so stark fürs Kino interessieren, sondern eher Gelegenheitsgänger sind, werden sich mit den wöchentlichen wenigen Kritiken in ihrer Tageszeitung oder in allgemeinen Zeitschriften zufrieden geben. Und wer wirklich so filmverrückt ist, dass er sich eine Fachzeitschrift kauft, möchte der dann unbedingt dort auch noch über (fast) jeden neuen Film eine Kritik finden? Ich glaube ehr nicht.

Das Problem ist doch, dass es unheimlich ermüdend ist, mehr als zwei, drei Kritiken hintereinander zu lesen. Und zu den meisten Filmen, die da vorgestellt werden, hat man entweder vorher schon irgendwo eine gelesen oder wird das spätestens in der Woche, in der der jeweilige Film dann wirklich in die Kinos kommt. Andere Filme, die in den Fachzeitschriften besprochen werden, sind so speziell, dass sie in 90 bis 99 Prozent aller deutschen Städte eh nie ihren Weg auf eine Kinoleinwand finden. Was nützt es mir dann, dazu Kritiken zu finden, die eh im Wust der ganzen anderen untergehen. Und der Platz, den diese Überfülle an aktuellen Besprechungen wegnimmt, fehlt dann für Berichte und ausführlich behandelte Themen.

Kauft sich irgendjemand eine Filmzeitschrift hauptsächlich, um Kritiken zu aktuellen Neustarts zu lesen? Oder will man darin nicht vielmehr etwas lesen, was man in der Tagespresse und im Internet halt nicht so häufig (oder gar nicht) findet? Nämlich Hintergrundberichte, Analysen, Porträts von Filmschaffenden, vielleicht auch ausführliche Interviews. Das ist es doch, was solche Zeitschriften für den Filmliebhaber wirklich interessant macht.

Dass es auch anders geht, beweist z.B. das Schweizer „Filmbulletin“, das in jedem Heft nur eine Handvoll Neustarts bespricht. Der überwiegende Teil der Zeitschrift ist den ausführlichen Themenstrecken gewidmet. In der noch relativ neuen „Cargo“ gibt es überhaupt keinen Teil mit aktuellen Kinokritiken. Ist ein neuer Film besonders interessant, wird er ausführlich besprochen, manchmal auch im Zusammenhang mit anderen neuen Filmen, wenn es sich thematisch anbietet. Sonst halt gar nicht. Das hat nicht nur den Vorteil, dass so im Heft Platz gewonnen wird für längere Texte zu anderen Themen. Es wird auch eine Auswahl getroffen: Der Leser weiß, dass es sich schon um einen besonders interessanten Film handeln muss (nach Meinung der Redaktion natürlich), wenn er überhaupt in diesen Zeitschriften vorgestellt wird. Da liest man dann die wenigen Kritiken auch gerne, statt sich durch den Wust der Neuvorstellungen in den anderen Filmzeitschriften zu kämpfen.

Gerade in Zeiten, in denen die nächste (kostenlose) aktuelle Kinokritik im Netz immer nur einen Klick entfernt ist, sollten sich die Filmzeitschriften auf ihre wahren Stärken besinnen und endlich Mut zur Vorauswahl fassen: nicht, indem sie nur ein oder zwei Sterne vergeben, sondern indem sie nur die wirklich interessanten Filme ausführlich besprechen (das kann natürlich auch mal ein ambitioniert oder grandios gescheiterter Film sein) und die ganzen mittelmäßigen und belanglosen einfach ignorieren.

Weihnachtsgeschenk der Woche: „Was bisher geschah“

Veröffentlicht: 27. Dezember 2009 in Bücher, TV
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Ein Reader, herausgegeben von Sacha Seiler im Schnitt Verlag, in dem sich verschiedene Autoren in Einzelbeiträgen mit neueren US-Fernsehserien der letzten zehn Jahre beschäftigen. Unter den Autoren finden sich einige Mainzer Filmwissenschaftler, darunter Andreas Rauscher, bei dem ich vor einigen Jahren einmal ein David Lynch-Seminar besucht habe. Ich konnte schon früher einmal feststellen, dass Rauscher zum Glück besser über Filme schreibt als er referiert. Seine Fachgebiete sind hauptsächlich Genrefilme, Comics, Comicverfilmungen und Zeichentrickserien, in diesem Band schreibt er über „Heroes“ und dessen Beziehungen zu Comicserien.

Was man durch diesen Band so lernen kann: Dass Jeph Loeb, Autor diverser anspruchsvollerer Batman- und Superman- Graphic Novels, einer der Autoren und Produzenten von „Heroes“ ist. Dass „Sopranos“-Erfinder David Chase Executive Producer bei den letzten Staffeln von „Northern Exposure“/“Ausgerechnet Alaska“ war. Dass „The Wire“-Autor David Simon bereits vor seinem opus magnum an zwei Serien beteiligt war, die sich mit der Dealer-, Drogen- und Verbrechensszene in Baltimore auseinandersetzen. Dass „Rome“-Miterfinder John Milius u.a. das Drehbuch zu „Apocalypse Now“ geschrieben hat.

Wie bei einem Sammelband nicht anders zu erwarten, sind die einzelnen Aufsätze von recht unterschiedlicher Qualität. Richtig enttäuschend fand ich den Beitrag zu „Battlestar Galactica“, der weitgehend unverständlich ist, zumindest wenn man sich nicht mit griechischen Tragödien auskennt, und einen genauso klug zurücklässt wie man vorher schon war. Oliver Baumgartens These, dass „Rome“ eine Verherrlichung der Soldatenehre ist, mit der die Produzenten die Zuschauer auf das neokonservative Weltbild der Bush-Regierung einschwören wollten, halte ich für nicht besonders plausibel (Dagegen spricht auch, dass „Apocalypse Now“ ja nun alles Andere als kriegsverherrlichend war.). Da gefällt mir Lars Kochs Ansatz zu 24, dass man bei der Wirkung von TV-Serein halt nicht von einem einfachen Sender-Empfänger-Modell ausgehen könne, schon wesentlich besser. Ironischerweise würde ich gerade bei 24 schon wesentlich eher ein erzkonservatives bis fast schon reaktionäres Weltbild der Autoren  herauslesen.

Während ich nach Lektüre der Texte zu „Damages“ und „Lost“ nicht gerade bedauere, diese Serien nach den ersten Folgen nicht weiter verfolgt bzw. nie gesehen zu haben, bekomme ich bei anderen Artikeln richtig Lust, „The Wire“ doch noch eine (weitere) Chance zu geben oder mir doch mal „Deadwood“ oder „In Treatment“ anzusehen. Wenn es nur nicht so viele interessante US-Serien gäbe, die nicht im deutschen Free TV gezeigt werden…

Insgesamt ein lesenswerter, informativer Sammelband, in dem man einiges an Hintergründen erfährt, was man auch als Fan bestimmter Serien noch nicht unbedingt wusste, und dessen Analysen mal wieder zeigen, wie vielschichtig und tiefgründig die Gattung TV-Serie in den USA inzwischen geworden ist. Der deutsche Durchschnittszuschauer guckt währenddessen weiter „Verbotene Liebe“ und „Traumschiff“.

Sascha Seiler (Hg.):  „Was bisher geschah. Serielles Erzählen im zeitgenössischen amerikanischen Fernsehen.“ Schnitt – der Filmverlag 2008. 242 Seiten. 10 Euro.

Kleinteiliges Cover, aber das Ganze im Blick: die erste Ausgabe von Cargo

Kleinteiliges Cover, aber das Ganze im Blick: die erste Ausgabe von "Cargo"

Vor ein paar Tagen wurde bei Bayern2 noch beklagt, es gebe in Deutschland keine Filmzeitschrift, die dem Anspruch der französischen „Cahiers du cinéma“ entsprechen würde. Als Annäherung daran wurde zumindest „Schnitt“ bezeichnet. Das leidet mMn daran, dass es oft zu (pseudo-)wissenschaftlich geschrieben ist und dass die Schwerpunktthemen meistens einfach zu abseitig sind. Meine Lieblingsfilmzeitschrift ist ja „epd Film“. Die schafft mMn den Spagat zwischen Anspruch und Unterhaltung, zwischen Autoren- und Blockbusterkino, zwischen lesbaren Texten und filmwissenschaftlicher Theoretisierung am besten. In der Schweiz gibt es noch das sehr schöne „filmbulletin“. Daran gefällt mir vor allem, dass hier auf Aktualität weitgehend verzichtet wird. Stattdessen schreiben die Autoren einfach über das, was sie interessiert, unabhängig davon, ob es gerade einen neuen Film des behandelten Regisseurs, Schauspielers etc. gibt. Da widmet man sich dann halt mal auf 15 Seiten Ingmar Bergman, und zwar ein Jahr, bevor dieser gestorben ist. Leider bekommt man dieses Heft in Deutschland so gut wie nirgendwo.

Durch einen taz-Artikel bin ich gestern auf eine neue deutsche Filmzeitschrift gestoßen: „Cargo – Film/Medien/Kultur“ ist ein ambitioniertes Magazin, ohne großen Verlag im Hintergrund, das das Medium Film vor allem als Kulturgut sieht. Ungewöhnlich ist schon der Titel, der aber gleich auf der Titelseite erklärt wird: „Film ist in der Gegenwart zu einem Frachtgut geworden, das an unterschiedlichen Orten versandt und gelöscht wird…“ Äh, ja… Im Editorial wird der eigene Anspruch dann etwas verständlicher formuliert:

„Wir interessieren uns für Theorie und Attraktion, Personen und globale Zusammenhänge. Immer noch ist Film ein Schlüssel zu unserem Leben in Gesellschaft … (und in der Geschichte), ein allgegenwärtiges Medium, das in Bildern, Tönen, Schnitten, Gesichtern, Körpern denkt, das uns unterhält und erregt, immer wieder große Erlebnisse verschafft und uns mit der Welt verbindet.“

In „Cargo“ geht es fast ausschließlich um Autorenfilme. Popcornfreunde werden hier nicht bedient. Dafür haben die Macher Gespür für Themen, die noch nicht durch ein Dutzend anderer Medien gegeistert sind: Eine große Reportage begleitet Dominik Graf bei den Dreharbeiten für seine erste TV-Serie, ein Dossier beschäftigt sich auf acht Seiten mit der gerade zu Ende gegangenen US-Serie „The Wire“. Das sind auch die Höhepunkte des Heftes. Während die Reportage sehr gut geschrieben ist, neigt Daniel Eschkötter in seiner „The Wire“-Analyse leider zu einer geschwurbelten Sprache, die das Verständnis nicht gerade erleichtert. Aber spätestens mit den weiteren Artikeln des Dossiers, die den Blick nicht nur auf neue Werke der Serienmacher lenken, sondern auch auf einen Soziologen, der Feldforschung in amerikanischen Ghettos betreibt, um Bücher über die Untergrund-Ökonomie des Drogenhandels und die soziale Realität in US-Armenvierteln zu beschreiben, geht der Ansatz der Redaktion voll auf: Film nicht als isoliertes Medium zu betrachten, sondern als Ergebnis gesellschaftlicher Vorgänge.

Der Redaktion ist es gelungen, einige bekannte Namen für ihre Zeitschrift zu gewinnen: Popkultur-Papst Diedrich Diederichsen schreibt empathisch über den neuen französischen Film „35 Rum“, FAZ-Filmkritiker Michael Althen eine nette Geschichte über Mickey Rourke. Texte wie die DVD-Kritik zu Werner Herzogs Antarktis-Doku erinnern mich in ihrem Schreibstil stark an ganz alte Vorbilder: an Wim Wenders etwa, der solche Filmkritiken für die legendäre „Filmkritik“ geschrieben hat, bevor er selbst ein berühmter Regisseur wurde. Das ist nicht das schlechteste Vorbild.

Weniger interessieren mich die Artikel über Videokunst und Filmtheorie. Aber es finden sich auch so genügend interessante Texte, über DVDs, Filmbücher – und Kolumnen zu Medien wie Comics und Fernsehen. Vor allem ist „Cargo“ nicht 08/15. Das fängt mit dem Layout an, dass zwischen Bleiwüste und originellen Einfällen schwankt.  Und endet mit einer ungewöhnlichen Rubrik wie dem „Starsystem“, das die Verflechtungen zwischen Produzenten, Schauspielern und Politikern aufzeigt.

Insgesamt ist „Cargo“ mir etwas zu theorielastig; einige Texte sind einfach zu verschwurbelt geschrieben und ohne Fremdwörterlexikom kaum zu verstehen. Aber das Magazin macht Lust auf Kino. Nach dem Lesen der Artikel möchte man am liebsten sofort den neuen Film von Claire Denis sehen – oder sich die kompletten fünf Stafeln von „The Wire“ runterladen. Das ist auf jeden Fall schon mal einer der Hauptzwecke, den eine Filmzeitschrift erfüllen sollte. Den großen Rahmen aufzuzeigen, den gesellschaftlichen Kontext, Film als Mittel sozialer Auseinandersetzungen zu erklären, ist ein anderer wichtiger Zweck, den in Deutschland sicher immer noch zu wenige Zeitschriften erfüllen. Diese Nische versucht „Cargo“ zu füllen. Die Frage ist, ob genügend Leute bereit sind, dafür alle drei Monate den doch recht happigen Preis von 8 Euro 90 zu bezahlen. Und ob sie das Heft überhaupt finden. Außer am Hbf habe ich es in Düsseldorf in keiner großen Buchhandlung kaufen können, und da lag es auch versteckt in der obersten Reihe hinter anderen Kinozeitschriften.