Mit ‘Serien’ getaggte Beiträge

In den letzten Wochen bin ich wieder in eine Materie eingestiegen, mit der ich mich im Grunde nicht mehr beschäftigt habe, seit ich mit 15 oder so das Interesse daran verlor: deutsche Fernsehkrimis aus den 80ern und 90ern. Und obwohl ich sagen muss, dass ich mit dem behäbigen Inszenierungsstil von Serien wie „Der Alte“ & Co. nichts mehr anfangen kann, entdeckt man doch manchmal ganz schräge Sachen, die sonst im Mainstreamfernsehen und -kino eigentlich nicht üblich sind (und heute auch nicht mehr möglich wären).

Beispielsweise wurden in diesen Serien gerne französische Dichter rezitiert. Gleich in der ersten Folge von „Peter Strohm“ etwa fängt der Titelheld, der von Klaus Löwitsch gespielte Privatdetektiv, aus heiterem Himmel an, Baudelaire zu rezitieren. Ähnliches passiert in der „Fahnder“-Folge „Verhör am Sonntag“, wobei es da wenigstens eine Tatverdächtige ist, die als Agentin für einen Buchverlag arbeitet.

Überhaupt der „Fahnder“: Diese Serie hatte ich 20 Jahre lang als behäbig in Erinnerung, dabei ist sie wesentlich härter (und meistens auch schneller) als etwa die ganzen ZDF-Freitagsserien von damals. Klaus Wennemann ist ähnlich wie Löwitsch auch einer dieser unterschätzen deutschen (Fernseh-)Schauspieler aus den 80ern. Hatte den echt nicht so gut in Erinnerung. Außer als Fahnder Faber habe ich den, glaube ich, auch nur im „Boot“ gesehen, und als zweiten Hauptdarsteller in dem sehr guten Schimanski-„Tatort“ „Freunde“. Wobei die Figur des Faber schon auch ein wenig an Schimanski erinnert, wenn man davon absieht, dass ersterer besser gekleidet ist (Sakko und Mantel statt Schmuddel- oder Lederjacke). Wenn man dann mal nachguckt, was Wennnemann nach seinem Ausstieg aus der Serie noch so drehen durfte, kann man ganz traurig werden ob der vertanen Chancen.

Hab jetzt endlich mal mit Dominik Grafs „Fahnder“-Folgen angefangen, und manche davon sind richtig gut. Vor allem, wenn die Bücher von den Autoren stammen, mit denen Graf auch sonst zusammen gearbeitet hat: Rolf Basedow, Günter Schütter… Schütters Folge „Nachtwache“ wirkt wie eine Vorstudie für seinen und Grafs 2005er „Polizeiruf“ „Der scharlachrote Engel“.  Statt Edgar Selge gibt hier eben Wennemann den Ermittler, der sich zu einer zwielichtigen Zeugin hingezogen fühlt, die er in ihrer Wohnung überwacht bzw. beschützt. Wie Maja Maranow nachts auf dem Dach des Hochhauses unvermittelt zu tanzen anfängt… Wie ein Riesenactionspektakel (das Hochhaus wurde angeblich in Brand gesetzt) nur im Dialog behauptet wird, und das unheimlich spannend ist, obwohl überhaupt nichts zu sehen ist…

Wer da alles in Episodenrollen dabei war: Jürgen Vogel, Hannes Jaenicke, Peter Lohmeyer. In der bisher besten gesehenen Folge  „Bis ans Ende der Nacht“ (witzigerweise auch die einzige der ganzen Serie mit einer eigenen imdb-Bewertung) gar Heinz Hoenig, Meret Becker UND Klaus Lemke (der sinnigerweise einen Puffbetreiber gibt). Hoenig spielt den einsamen Geiselnehmer mit irrem Blick, wahnsinnig gut. Faber missachtet die Anweisungen des Einsatzleiters vom Innenministerium, den er kurz vorher noch durch ein Guckloch in der Wand im Bordell bei SM-Spielen gesehen hat. Unglaublicher Dialog am Ende zwischen Faber und seinem Assistenten: „Wie ich ihn da eben [in Gedanken] vor mir gesehen habe, war er auf einmal auch mein Feind.“ – „Du redest dich um Kopf und Kragen.“ – „Deshalb sag ich’s ja nur dir.“

Oder diese ganzen kleinen Irritationen, vor denen der „Tatort“ „Frau Bu lacht“ (1995) von Graf und Schütter nur so wimmelt: Kommissar Leitmayr kommt frühmorgens nach Passau und auf den leeren Straßen kommt ihm ein Mann entgegen, der ein riesiges Holzkreuz auf der Schulter trägt… In einem Nachtclub kommt jemand in einem Hühnerkostüm auf ihn zu – und in der nächsten Szene hat er zwei rote Federn in den Haaren hängen, ohne dass das jemand zu bemerken scheint. So menschlich und so witzig wie in dieser Folge durften Nemec und Wachtveitl auch nie wieder sein.

Das Problem mit diesen alten deutschen TV-Sachen ist: Im Gegensatz zu den meisten US-Serien ist nur schwer an sie ran zu kommen. Vieles gibt es nicht auf DVD, und wenn, dann verstecken sich die Folgen von den guten Regisseuren und Autoren oft in ansonsten uninteressanten Staffelboxen. Was würde ich für eine DVD-Box mit Grafs gesammelten Fernseharbeiten geben. Oder am besten gleich das Gesamtwerk. (Von Wim Wenders gab es sowas mal auf VHS, inklusive einzelner Episoden, die er zu Beginn seiner Karriere für eine vergessene Familienserie gedreht hat.) Was man da noch alles entdecken könnte. Und als nächstes hätte ich dann gerne die Klaus Löwitsch-Box. Danke.

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„Was machen wir auf Twitter?“ – „Wir twittern.“ (Dialog zwischen Moderator und Mitarbeiter beim TV-Festival in Köln.

„Wenn die Parkausflügler dann die Schwäne füttern, und die Allerblödsten es gleich weitertwittern, …“ (Christiane Rösinger, „Berlin“)

Hab gestern in Köln die erste Folge von „Sherlock“ auf der großen Leinwand gesehen. Fing rasant an und ließ dann stark nach. Der Showdown dauerte gefühlte 30 Minuten und ich dachte währenddessen die ganze Zeit, die 90 Minuten Filmdauer müssten doch längst vorbei sein. Hinter uns brachen die Hardcore-Fans der Sherlock Holmes-Gesellschaft, die teilweise schon in passenden T-Shirts ins Kino gekommen waren, bei jedem zweiten Dialog in Gelächter oder Begeisterungsstürme aus.  Und mir wurde mal wieder bewusst, dass ich mit Krimis im Allgemeinen nichts anfangen kann. Dafür den BAFTA als beste Dramaserie? Den hätten „Misfits“ oder „This is England ’86“ aber deutlich eher verdient. Im Juli läuft „Sherlock“ dann übrigens im Ersten. Sonntags nach dem „Tatort“. Verglichen mit dem ist die Serie zumindest stilistisch weit überlegen.

Absurd: Programmplanung à la ZDF

Veröffentlicht: 26. Mai 2011 in TV
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Da zeigt sich aber schon, dass die Publikumsstruktur des ZDF uns nur sehr mainstreamige Produktionen erlaubt. Und eine geeignete Serie zu finden, die ins ZDF-Hauptprogramm passt – am Besten gleich zwei für einen Serien-Abend, das ist schon eine strategische Herausforderung, die nicht kurzfristig lösbar ist.

… sagt ein ZDF-Einkäufer im DWDL-Interview zum Thema US-Serien. Seit den „Sopranos“ vor elf Jahren habe es demnach im ZDF-Hauptprogramm keine solchen mehr gegeben. Die beiden zitierten Sätze zeigen im Grunde schon die ganze Absurdität von dessen Programmpolitik. Das Publikum ist halt alt und konservativ, da kann man denen keine amerikanischen Serien zumuten, weil die sonst abschalten. So kann man vielleicht noch als Privatsender argumentieren, aber ich dachte immer, das ZDF hätte den gesetzlichen Auftrag, Programm für alle Bevölkerungsgruppen zu machen. Gehören da jetzt die jüngeren, USA-affinen Menschen schon nicht mehr dazu? Und wenn das so ist, dürfen die dann ihren GEZ-Anteil, der ans ZDF geht, in Zukunft behalten?

Wenn es schon als schwer zu lösende strategische Herausforderung betrachtet wird, eine oder zwei gute US-Serien zu finden, macht da irgendwer seinen Job nicht richtig. Ich könnte da auf Anhieb mindestens zehn nennen (die ja teilweise auch bei neo laufen, mangels Verbreitung und Bekanntheit allerdings weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit). Ich versteh auch die wirtschaftliche Logik dahinter nicht: Es ist doch viel teurer, Serien selbst zu produzieren als Lizenzen einzukaufen? Als nächsten Senderclaim schlage ich fürs ZDF vor: „Mit Ihren Dritten sehen Sie bei uns besser.“

Frage der Woche

Veröffentlicht: 19. Mai 2011 in TV
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„Wir haben hier zwei Hauptbücher: ein echtes und ein gefälschtes, und ein wunderbares Käseschwein. Was von den dreien sollen wir nun ins Feuer werfen?“

(Benjamin Hornes verrückter Bruder in „Twin Peaks“, diese Woche auf arte)

„Türkisch für Anfänger“ kommt ins Kino

Veröffentlicht: 19. Mai 2011 in Film, TV
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Anfang April fiel in Thailand die erste Klappe für TÜRKISCH FÜR ANFÄNGER. Mit seinem Regiedebüt erzählt der mehrfach preisgekrönte Drehbuchautor Bora Dagtekin … die Geschichte der deutsch-türkischen Multikulti-Familie „Schneider-Öztürk“ neu fürs Kino. (Pressemitteilung Constantin Film)

Also, ich weiß nicht, ob’s das jetzt unbedingt gebraucht hat. Ich mochte die Serie wirklich, vor allem die ersten beiden Staffeln (die letzte war mir dann schon zu soap-mäßig), aber sie war doch abgeschlossen und in sich rund. Muss man das jetzt unbedingt noch mal ins Kino bringen? Wobei das laut Pressemitteilung wohl tatsächlich keine Fortsetzung, sondern eine Neuerzählung in anderem Setting (Südostasienurlaub) mit den gleichen Schauspielern ist (auf Englisch würde man sagen: ein Reboot). Klingt irgendwie schräg. Mehr dann nächstes Jahr in einem deutschen Lichtspielhaus in Ihrer Nähe. (Worauf ich mich wirklich freue, ist der „Skins“-Kinofilm, aber der läuft wahrscheinlich gar nicht bei uns, und wenn, dann nur synchronisiert.)

Ich weiß echt nicht, was alle immer mit den 70er Jahre-Fernsehkrimis des Exil-Tschechen Brynych haben. Größtenteils finde ich die zwei Folgen, in die ich jetzt mal reingeguckt habe, genauso behäbig und schauspielerisch hölzern, wie ich die ZDF-Freitagskrimiserien insgesamt in Erinnerung hatte. Die große Ausnahme: Klaus Löwitsch, der in Brynychs „Der Alte“-Folge „Sportpalast-Walzer“ einen daueralkoholisierten Kneipenwirt gibt, der vor Jahren seine Ehefrau zum Krüppel gefahren hat, sie jetzt mit einer Kellnerin betrügt und nach einem Streit denkt, sie ermordet zu haben, ohne sich aber daran erinnern zu können, dank eines Filmrisses. Löwitsch spielt alle Anderen in dieser Folge komplett an die Wand. Gesehen hatte ich von ihm wohl schon mindestens fünfzehn Jahre nichts mehr.

Damals, in den späten 80ern und frühen 90ern war er ja einer der großen Stars der deutschen TV-Krimiserien (nachdem er in den 70ern schon zu Fassbinders Stammensemble gehört hatte, u.a. in „Welt am Draht“, einem VR-Thriller, lange bevor es den Begriff Virtuelle Realität überhaupt gab): zuerst immer mal wieder in Gastrollen in „Tatort“, „Der Alte“, „Derrick“ & Co., ab 1985 dann als Hauptfigur in „Detektivbüro Roth“, „Der Hafendetektiv“ und natürlich, in seiner vielleicht bekanntesten Rolle, als „Peter Strohm“. Hin und wieder, eher selten, bekam er auch noch mal eine Rolle in einem Kinofilm, so etwa als Titelfigur in „Kaminsky – Ein Bulle sieht rot„, einem deutschen Film Noir, den ich vor Urzeiten mal im Fernsehen gesehen und als ziemlich beeindruckend in Erinnerung habe (ist natürlich nie auf DVD erschienen). Zunehmend frustriert von den mangelnden und ewig gleichen Rollenangeboten starb er Anfang des neuen Jahrhunderts.

1982 war er für eine Folge Hauptfigur des hr-„Tatorts“. „So ein Tag…“ heißt der Film von Jürgen Roland, in dem Löwitsch nicht etwa den Kommissar spielt, sondern einen Streifenpolizisten, Hauptmeister Rolfs, eine Art Schimanski in Uniform. Die Folge fängt viel versprechend an, mit einer dokumentarischen Szenenfolge aus dem Frankfurter Bahnhofsviertel. Dazu erzählt eine Stimme von dem gewaltdurchsetzten Milieu dort und dem verlorenen Posten, auf dem die örtlichen Polizisten stehen – typischer Roland-Stil also. Der ganze Film legt dann auch mehr Wert auf eine realistische Schilderung des Arbeitsalltags der Polizisten der Frankfurter Bahnhofswache als auf die Schilderung des Kriminalfalles, der sich vor diesem Hintergrund abspielt: der tägliche Frust, die kleinen Freuden, der ruppige, aber teilweise fast liebevolle Umgang mit ihrer Klientel wie Kleinganoven und Prostituierten. Rolfs ist seit mehr als 25 Jahren auf der Wache, ein Cop alten Schlages, der mitansehen muss, wie um ihn herum alles den Bach runter geht, und der trotzdem keinen anderen Posten haben will. Er liefert sich eine Art Privatkrieg mit einem reichen Bordellbetreiber, der seine Hände in allerlei kriminellen Machenschaften hat, die ihm aber natürlich niemand nachweisen kann. Die kleinen Ganoven sperrt man ein, die großen Fische kommen ungeschoren davon.

Leider kann dieser Film die hohen Erwartungen, die sein Anfang erzeugt, nicht vollends einlösen. So, wie die Geschichte des „Tatort“ ja im Grunde insgesamt eine Geschichte des Scheiterns ist, der uneingelösten Versprechen, der halbherzigen oder nie wiederholten Experimente, der einzelnen Highlights in einem Mainstream der Mittelmäßigkeit. Die immer wieder großartige Figuren hervorbrachte wie Schimanski, die sich dann meistens in unausgegorenen bis langweiligen Drehbüchern wiederfanden. Um ab und zu dann mal ein gutes abzubekommen. Auch ließ man immer mal wieder einen interessanten Regisseur wie Samuel Fuller oder Dominik Graf einen Fall inszenieren oder einen guten Autor wie Bodo Kirchhoff eine Folge schreiben, aber danach folgten dann immer wieder Dutzende von 08/15-Filmen. Und so fragt man sich dann auch am Ende von „So ein Tag…“, warum man Hauptmeister Rolfs, diesen modernen Robin Hood, nicht zur Serienfigur gemacht hat. Vielleicht, weil man kurz vorher schon Schimanski erfunden hatte, der ihm von der Attitüde und seinem Gerechtigkeitssinn her sehr ähnlich ist. Dafür bringt Löwitsch in seine Figur eine lakonische Abgeklärtheit  ein, die Schimi nie gehabt hat.

„He’s a Man“, sang Mandy Winter im Titelsong über den Helden Peter Strohm. Man kann das auch über Löwitsch so stehen lassen und noch hinzufügen „He was an actor!“, und was für einer. Wenn es im deutschen Kino der 80er/90er den Genrefilm gegeben hätte, wäre er einer seiner größten Stars gewesen (warum spielte er nie in Grafs Filmen mit?). Demnächst muss ich mir „Space Pirates“ besorgen, eine italienische Science Fiction-Version der „Schatzinsel“ (!), in der er neben Ernest Borgnine und Anthony Quinn eine Hauptrolle spielt (!!).

Muss man zu einem in sich geschlossenen und im Grunde perfekten Film wie „This is England“ unbedingt eine Fortsetzung drehen? Nein, man muss wohl nicht, aber man kann. Originalautor Shane Meadows hat es jedenfalls gemacht, allerdings nicht als zweiten Kinofilm, sondern als vierteilige TV-Miniserie. „This is England ’86“ spielt drei Jahre nach dem Original und bringt dessen Besetzung wieder zusammen: Shaun ist fast erwachsen geworden, die meisten Mitglieder seiner ehemaligen Clique sind es vollends. Zufällig trifft der Teenager die Gang in einem Krankenhaus wieder und sie knüpfen an alte Zeiten an.

Im Gegensatz zum Film steht Shaun diesmal allerdings nicht alleine im Mittelpunkt, sondern teilt sich die Hauptrolle mit einigen anderen Cliquenmitgliedern, die im Film eher Nebenrollen spielten. Darunter Woody und Lol, die nach einer verpatzen Hochzeit zusammen ziehen und sich dabei entfremden. Oder Gadget, dessen wesentlich ältere Geliebte versucht, ihn nach ihrem Willen umzugestalten. Nachdem die ersten beiden Teile noch etwas vor sich hin plätschern und auch auf Grund ihres Fäkalhumors nicht immer überzeugen können, nimmt die Story im dritten Teil deutlich an Fahrt auf: Lols wieder aufgetauchter Vater zeigt sein wahres, gewalttätiges Gesicht und gleichzeitig erscheint auch Combo wieder auf der Bildfläche, der brutale Schläger, der für Shaun eine Art Vaterersatz war. Im vierten Teil kulminieren die verschiedenen Handlungsstränge in einem ebenso atemberaubenden wie heftigen Finale.

Die Miniserie ist sicher weit überdurchschnittlich, zumindest die packend erzählten und inszenierten letzten beiden Teile. Dass sie dennoch nicht an den Film heranreicht, liegt vor allem daran, dass ihr der Fokus fehlt, den der Vorgänger hatte. Der Film erzählte ja nicht nur eine interessante individuelle Geschichte, sondern war gleichzeitig eine kultursoziologische und zeithistorische Erzählung über die Ursprünge der Skinhead-Subkultur zu Beginn der 80er Jahre. In der Fortsetzung sind die Haare der Protagonisten länger geworden, die Soundtrackzusammenstellung vielseitiger. Es ist keine spezifische (Jugend-)Kultur mehr erkennbar, dadurch fehlt auch der politische Subtext. Arbeitslosigkeit und working class-Tristesse bilden eher einen pittoresken Hintergrund als dass sie zum wichtigen Handlungselement würden.

Lesetipp: Die ZDFisierung der Verhältnisse

Veröffentlicht: 10. Mai 2011 in Lesetipp, TV
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Wie schlecht das deutsche Fernsehen ist, hatte ich schon wieder vergessen. Man sieht sich ja kaum noch. Und wenn doch, dann ist alles wie immer: Die „Tagesschau“ simuliert Nachrichten und macht dabei parteienhöriges Staatsfernsehen. Die Privaten sind wenigstens konsequent in ihrem Unsinn. Ansonsten spielt alle Rollen Christiane Hörbiger.

Georg Diez, der mir schon bei „Liebling“ und in der „Süddeutschen“ bzw. im „SZ-Magazin“ mit seinen Texten aufgefallen ist, kolumniert jetzt für SpOn (ebenso wie Sybille Berg und Jakob Augstein, warum krieg ich sowas nie mit?). Und hat diese Woche diesen herrlichen Rant aufs deutsche TV geschrieben, nachdem er die (französische) arte-Serie „Xanadu“ entdeckt hatte.

(via)

„Xanadu“: arte macht auf HBO

Veröffentlicht: 7. Mai 2011 in Online, TV
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Die Ausgangssituation der neuen arte-Serie „Xanadu“ könnte auch von einer HBO- oder AMC-Serie stammen: Im Mittelpunkt der acht Folgen steht ein Familienunternehmen in der Pornobranche. Im Gegensatz zu HBO gibt es aber nicht nur tits and asses en masse zu sehen, sondern gleich in der ersten Folge auch mehrfach einen nackten Schwanz, in un- bis halberigiertem Zustand. Und die Schlussszene ist dermaßen brutal, wie ich es von amerikanischen Pay-TV-Serien auch nicht kenne: Ein Fan einer verstorbenen Pornodarstellerin läuft in einer Ausstellungseröffnung mit Fotos seines „Stars“Amok und knallt wahllos Menschen nieder. Darunter auch eine der Hauptfiguren der Serie. Danach schießt er sich dann selbst das Gehirn weg, was auch zu sehen ist. Eins muss man arte lassen: An Mut fehlt es da nicht.

Inhaltlich war die erste Folge recht viel versprechend, auch wenn das Produktionsniveau  (natürlich) nicht mit US-Serien mithalten kann. (Ich glaub, das ist die erste französiche Serie, die ich seit 25 Jahren gesehen habe.) Die weiteren Folgen laufen immer samstags nach 23 Uhr im Doppelpack. Wenn die arte-Mediathek nicht so grottig wäre, könnte man sie sich danach auch noch sieben Tage legal online angucken. Zumindest auf meinem neuen Flachbildmonitor flackert das Bild aber ganz schön, und der Versuch, die zweite Folge anzugucken, scheiterte an endlosen Ladezeiten. Abgesehen davon, dass die Folgen nur zwischen 23 und 5 Uhr abzurufen sind. Ok, Jugendschutz, ist klar. Ich find’s trotzdem absurd, dass man mittags ohne irgendwelche Altersnachweise Hardcoreporno-Videos auf den einschlägigen Internetseiten ansehen kann, aber eine anspruchsvolle, vom öffentlich-rechtlichen TV produzierte Serie, in der es ab und zu mal nackte Menschen zu sehen gibt, erst ab 23 Uhr. Müsste das Jugendschutzgesetz nicht für alle Anbieter gleichermaßen gelten?

Eine bittersüße Ode an die Jugend: die britische Serie „Skins“

Veröffentlicht: 23. April 2011 in TV
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Unzertrennlich: Die Hauptcharaktere der ersten beiden Staffeln (jedenfalls die meisten)

Manchmal erwartet man von einer Serie erst einmal wenig bis gar nichts, weil alle Rahmenbedingungen zunächst gegen sie sprechen: eine Teenagerserie um eine Gruppe von Oberschülern, von einem kleinen britischen Digitalsender produziert, mit einem Haufen unbekannter Schauspieler in den Hauptrollen, die noch dazu selbst erst im Teeniealter waren. Und dann soll es noch hauptsächlich um die wilde Jugend gehen, wobei sich das wild vorrangig auf Drogenkonsum, Partys und Sex beziehen soll. Das klingt nicht unbedingt viel versprechend für Zuschauer, für die die eigene Schulzeit nur noch eine bestenfalls nostalgische Erinnerung ist.

Aber wenn man „Skins“ erst einmal eine Chance gibt, entdeckt man eine der fesselnsten und vielschichtigsten Serien der letzten Jahre überhaupt, die sich vor teuren HBO- oder AMC-Produktionen nicht zu verstecken braucht – gerade, weil sie so völlig anders ist als diese. Immerhin vier Jahre hat es gedauert, bis auch ein deutsches DVD-Label das gemerkt hat und so müssen deutsche Serienfans nun nicht mehr auf Importboxen zurück greifen, um die vielleicht beste High School-Serie aller Zeiten zu entdecken. Aber „Skins“ kommt ja aus dem UK, und da ist natürlich alles etwas anders. Deshalb heißt das Gymnasium hier auch nicht High School, sondern College, und statt aus der gehobenen Mittelschicht wie in den meisten US-Teeniedramen stammen dessen Schüler überwiegend eher aus der Arbeiterklasse.

Im Mittelpunkt der ersten beiden Staffeln steht eine achtköpfige Clique um den beliebten und erfolgreichen Tony, seine Freundin Michelle und seinen besten Freund Sid. Der ist ungefähr das Gegenteil von Tony: nicht besonders attraktiv, schlecht in der Schule, eher schüchtern und leicht trottelig. Bei den Mädchen kann er nicht landen, schon gar nicht bei Michelle, in die er mehr oder weniger heimlich verliebt ist. Wohingegen sich Tony durch alle Betten schläft. Aus der Dreiecksgeschichte wird bald eine Vierecksgeschichte, denn die magersüchtige Cassie verliebt sich in Sid, der aber zunächst nur Augen für seine angebetete Michelle hat. Komplettiert wird die Clique durch die schwarze Jal, eine begabte Klarinettistin, die unter dem Verschwinden ihrer Mutter leidet, den offen homosexuellen Maxxie, dessen bester Freund ironischerweise ausgerechnet der Muslim Anwar ist, und den chaotischen Partyhengst Chris, in dessen Kopf nur Platz für Drogen und Sex zu sein scheint.

Erst nach und nach wird klar, dass diese Figuren nicht annähernd so klischeehaft sind, wie es auf den ersten Blick scheint. Dank eines interessanten Erzählkonzepts, bei dem in jeder Folge eine andere Figur im Mittelpunkt steht – manchmal auch zwei –, bekommt jeder Charakter Gelegenheit, Tiefe zu entwickeln. So verstehen wir etwa Chris plötzlich viel besser, nachdem wir gesehen haben, welche familiären Umstände ihn zu dem gemacht haben, der er ist. Nebenfiguren werden für jeweils eine Folge pro Staffel zu Hauptfiguren, während die übergreifende Handlung um Tony, Sid, Cassie und Michelle im Hintergrund weiterläuft. Ein Konzept, dass an Edgar Reitz’ Meisterwerk „Die zweite Heimat“ erinnert, wo die Liebesgeschichte um Hermann und Clarissa als Rahmen diente für die Entfaltung der Vielzahl starker Charaktere in den einzelnen Folgen.

Abgesehen davon ist „Skins“ stilistisch und erzählerisch ungefähr das Gegenteil der „Heimat“-Filme oder auch gängiger Serien amerikanischer Pay-TV-Sender: Statt langsamen Erzähltempos jagt meistens eine Party die nächste, eine skurrile Situation folgt auf die letzte Enthüllung, Tragik auf Komik auf Dramatik. „Skins“ ist schnell, schrill, knallbunt und in Humor, Handlung und Sprache immer etwas over the top – ganz angemessen seinem Sujet Jugend. Wobei viele britische Zuschauer der Serie genau das vorgeworfen haben: Die Darstellung des Teenielebens habe nichts mit der Realität zu tun, in der es sich eben nicht nur um Sex, Drugs und Rave drehe.

Diese Kritik geht aber völlig am Gehalt der Serie vorbei: Natürlich ist sie übertrieben. Das Leben eines Jugendlichen in Bristol ist in Wirklichkeit wahrscheinlich über weite Strecken ähnlich langweilig wie das eines Mittdreißigers in Düsseldorf oder eines Rentners in Paris. Aber die Probleme, die die „Skins“-Protagonisten haben, die Dinge, die sie beschäftigen, haben nicht nur ihre Altersgenossen in New York oder Castrop-Brauxel, sondern sind auch für ältere Zuschauer universell nachvollziehbar: Erwachsenwerden, veränderte Beziehungen zu den Eltern oder das Leiden daran, dass diese nicht mehr da sind, die Angst, anders zu sein als die Anderen, die Suche nach Liebe und einem Platz im Leben. Dass sie all dies meistens mit einer rüden Sprache, mit dem Einwerfen aller möglichen legalen und illegalen Drogen und einer „Fuck you“-Attitüde zu überspielen versuchen, ändert nichts an ihrer Verletzlichkeit.

Vor allem aber ist „Skins“ auch eine Ode an die Freundschaft, an ein Gefühl von Zusammengehörigkeit, wie man es vielleicht nur in einer Phase seines Lebens erfahren kann. Trotz aller Unterschiede in Temparement, Charakter, Herkunft, Ethnie, Religion und sexueller Orientierung, trotz aller Konflikte und Konkurrenzen untereinander sind diese Jungs und Mädels vor allem eines: unzertrennlich. Sie teilen alles, von einem Platz auf der Couch nach einer durchzechten Nacht bis zu ihren tiefsten Gefühlen. Ihre Freundschaft ist wahrhaft bedingungslos. Wer ernsthaft behauptet, hier ginge es nicht um Werte, hat die Serie vermutlich nie länger als zehn Minuten gesehen. Nur sind es vielleicht nicht die Werte der Elterngeneration. Dabei schafft „Skins“ wie kaum eine andere Serie den Spagat, sowohl die jugendliche Zielgruppe als auch ein erwachseneres Publikum anzusprechen und emotional zu berühren. Vielleicht gelingt das, weil ihre beiden Erfinder, Brian Elsley und Jamie Brittain, selbst Vater und Sohn sind. Angeblich erzählte letzterer seinem Vater, einem etablierten TV-Autor, seine Serienidee am Küchentisch. Brittain war Anfang 20, viele der Mitautoren waren selbst noch Teenager. Ebenso wie die Schauspieler, anders als in vergleichbaren US-Serien, wo Oberschüler meist von Mitte 20-Jährigen dargestellt werden, wie selbst im hervorragenden „Freaks and Geeks“.

Überhaupt die Schauspieler: Wenn man bedenkt, dass außer vielleicht Tony-Darsteller Nicholas Hoult, den man als 13-Jährigen aus „About a Boy“ kennt, aber hier kaum wieder erkennt, niemand professionell diesen Beruf ausübte, sind ihre Leistungen absolut erstaunlich. Fast alle Hauptakteure agieren dermaßen natürlich und vielschichtig, dass man sich fragt, warum die Pfeifen aus „Glee“ mit Golden Globes ausgezeichnet wurden und sie nicht.

Obwohl das Budget laut Brittain sehr niedrig gewesen sein soll, sieht man das der Produktion an keiner Stelle an. Bildgestaltung, Schnitt, Einsatz von Musik beweisen eine unfassbare Souvarenität im Einsatz filmischer Mittel: Sie sind innovativ, ohne die Handlung zu überfrachten. Obwohl nie namentlich erwähnt, wird Bristol zum heimlichen Hauptdarsteller der Serie, eine Stadt, die zugleich natürlich völlig austauschbar ist. Zunehmend gewinnen auch Popsongs aller Art an Bedeutung für die Unterstreichung von Emotionen. Anders als in US-Produktionen wie „Grey’s Anatomy“ kleistern sie aber nie die Szenen zu, sondern bleiben immer angenehm zurückhaltend. Meistens handelt es sich um unbekannte Lieder, wenn nicht gerade Sid & Co. im brillianten ersten Staffelfinale wie in einem Musical unvermittelt anfangen, Cat Stevens’ „Wild World“ zu singen.

Beginnt die erste Staffel schon gut, steigert sich die Serie in Episode 8 und 9 und insbesondere in der zweiten Staffel noch gewaltig. Wie hier ernste Themen wie Essstörungen, psychische Probleme, Teenagerschwangerschaften etc. behandelt werden, wie trotz aller Ernsthaftigkeit der oft haarsträubende Humor nie zu kurz kommt, das hat man selten gesehen. Und der Einfall, ausgerechnet den so selbstbewussten wie egozentrischen Tony, der in der ersten Staffel seine Freunde manipuliert, wie es ihm gefällt, in der zweiten all seiner Selbstsicherheit zu berauben und ihn durch einen unvorhersehbaren Zwischenfall um Jahre zurück zu werfen, ist fast schon genial.

Zum Konzept der Serie gehört auch, dass immer 16-18-jährige Schüler im Mittelpunkt stehen. Deshalb tauschen die Macher alle zwei Jahre den kompletten Hauptcast aus. Am Ende der zweiten Staffel heißt es also Abschied nehmen von diesen Charakteren, die einem innerhalb von nur 19 Folgen so ans Herz gewachsen sind. Lediglich Tonys jüngere Schwester, die geheimnisvoll-exaltierte Effy, bleibt weiterhin dabei. Um sie formiert sich dann in der dritten Staffel eine neue Clique. Die Ur-„Skins“ zerstreuen sich aber in Folge 19 nach dem Abitur in alle Himmelrichtungen. Auch das wie im richtigen Leben: So nah man sich auch in der Schulzeit gestanden hat, selten ist eine solche Freundschaft von Dauer. Wobei die Autoren keine endgültigen Auflösungen geben, viele Handlungsstränge und Beziehungskonstellationen offen lassen. Es bleibt der Fantasie der Zuschauer überlassen, wie es nach dem Abi mit den Figuren weitergeht.

Für den Channel 4-Digitalableger E4 war „Skins“ 2007 ein Wagnis – und ein großer Erfolg. Bisher fünf Staffeln, eine Anfang dieses Jahres bei MTV gestartete US-Version – die trotz Abmilderung gleich empörte Elternverbände mit Zensurforderungen auf den Plan rief –, und ein Image als Sender für hippe Jugendserien. Letzters baute er mit „Misfits“ aus, einer ebenso abgefahrenen Fantasy-Serie um Straftäter in ihren 20ern, die es ohne den Erfolg der Vorgängerserie sicher nie gegeben hätte. In Deutschland können wir währenddessen weiter nur von solchen gleichermaßen innovativen wie tiefgründigen Serien träumen. Bei uns heißen Schulserien „Dr. Specht“ und fast alle deutschen TV-Autoren würden sich wohl den rechten Arm abreißen, wenn sie einmal solche Drehbücher schreiben könnten. Rule Britannia!