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Siebzehn

Abb.: Salzgeber

Es ist Sommer. Sommer in der niederösterreichischen Provinz, in Lanzenkirchen im Bezirk Wiener Neustadt, einem Kaff, das gerade so weit weg ist von der Hauptstadt, das man ein anderes Leben in der Metropole noch erahnen kann, aber dann doch wieder so weit weg, dass man als Jugendlicher meist doch nur bis zur Dorfdisko kommt. Paula geht aufs örtliche Internat, wohnt aber zuhause mit ihrem behinderten Vater und der älteren Schwester, die sich um nichts kümmert. Sie ist eine jene Schülerinnen, von denen schon mit 17 klar ist, dass ihr die geistige Enge ihrer Umgebung schnell zu viel werden wird. Trotzdem befürchtet sie, dort hängenzubleiben, weil sonst niemand bereit sein wird, sich um den Vater zu kümmern. Angedeutet wird das nur in zwei, drei Szenen, den einzigen, in denen überhaupt die Peergroup der MitschülerInnen und der Clique verlassen wird. Von den Familien der übrigen ProtagonistInnen erfahren wir überhaupt nichts. Es ist schließlich kein Problemfilm, den die Debütantin Monja Art hier vorgelegt hat.

Eher eine österreichische Variante der Nouvelle Vague, ganz in die Gegenwart transponiert. Nicht unbedingt stilistisch, dazu ist ihr Film nicht experimentell genug. Aber von der Art, wie sie Beziehungen in Szene setzt, Figuren miteinander verknüpft. Da gibt es keinen roten Faden, keine klassische Erzähldramaturgie im engeren Sinne. Es ist eher ein Flow von Momenten, von kurzen Einblicken in die Leben und Gefühlslagen eines ganzen Ensembles an Figuren, die aber (fast) alle um Paula kreisen. Die von Elisabeth Wabitsch wunderbar verkörperte Paula treibt eher durch ihr Leben, als dass sie bewusste Entscheidungen träfe, übt aber auf gleich ein halbes Dutzend ihrer MitschülerInnen (und einen Lehrer) eine Anziehungskraft aus, der sie sich vermutlich selbst nicht bewusst ist. Seltsamerweise bleibt sie selbst trotzdem lange ohne PartnerIn, obwohl alle um sie herum ständig Sex zu haben scheinen. Aus der Menge an möglichen love interests schält sich langsam Charlotte (Anaelle Dézsy) heraus, die Paula von Anfang an heimlich mit sehnsüchtig verzehrenden Blicken beobachtet. Aber Charlotte ist trotzdem weiter mit Michael zusammen, der ein Jahr älter ist und bald Abitur macht.

Paula lässt sich zuerst mit dem schüchternen Nerd Tim (Alexander Wychodil) ein, weniger aus Anziehung als aus Gelegenheit, weil es nach einem heftigen Regenguss in dessen Zimmer nichts Besseres zu tun gibt. Später lässt sie sich von Lilli (Alexandra Schmidt) verführen, die als typisches Schulbiest mit allen spielt und immer einen kecken Spruch auf den Lippen hat. Wirklich böse ist sie aber nicht. Lilli ist nur eine der Figuren, die oberflächlich betrachtet den stereotypen Chrakteren entspricht, die man aus jedem US-amerikanischen High-School-Film kennt. Da sind etwa auch noch Kathrin (Vanessa Otzinger), Paulas beste Freundin, die immer zuviel redet, oder der sportliche, gut aussehende Marvin. Was den Film neben den hervorragenden JungdarstellerInnen so authentisch macht, dass man sich selbst ständig an seine eigene Schulzeit zurückerinnert, sind vor allem die Dialoge. Die Teenager reden so, wie man eben redet, wenn man jung und humanistisch gebildet ist und gerade erst das Denken entdeckt hat: mal pseudo-tiefgründig über die Gewissheit, dass die Erde eh in ein paar Millionen Jahren verglühen wird (mit der Landstraße, über die man gerade fährt, und allem) oder betroffen über Zwangsheiraten in Indien, dann wieder pubertär über die Frage, ob es im Leben nur Sex gibt oder doch auch Liebe. Und keiner spricht so schön im Französischunterricht über „Madame Bovary“ wie Paula. Kein Wunder, dass sich selbst ihr Lehrer in sie verliebt (Christopher Schärf, der einzige Austro-„Star“ in diesem Film). Auch in den Dialogen ist Art ganz nah bei Truffaut, man denke nur an den kleinen Antoine Doinel, der schon als Kind Balzac verehrt.

Hervorheben muss man auch die audiovisuelle Ebene des Films: Nie hat man das Gefühl, hier ein Spielfilmdebüt zu sehen. Die Regisseurin ist unheimlich souverän im Einsatz der filmischen Mittel. Die Kamera fängt genau so viel von der Landschaft ein, dass man ein Gefühl für die Orte bekommt, ohne den Eindruck zu gewinnen, die Handlung könne nicht auch ganz woanders spielen. Der Schnitt ist fast unsichtbar, die Handlung fließt von Szene zu Szene und trägt einen mit, bis man gar nicht mehr anhalten will. Das hätte auch noch zwei Stunden so weitergehen können.

Obwohl der Film vom auf queere Filme spezialisierten Salzgeber-Verleih vertrieben wird, spricht er eine Zuschauerschaft an, die weit über eine entsprechende Zielgruppe hinausgeht. Ja, hier lieben Frauen Frauen, die gleichen lieben meist auch Männer. Das thematisiert aber im Grunde nie jemand explizit, es ist auch nie mit Mobbing oder Diskriminierung verbunden. Was hier praktiziert wird, ist das Aufheben der Heteronormativität als Normalität. Jede(r) kann jede(n) lieben und das ist auch gut so. Manchmal ist der Film dabei ganz schön sexy, aber ohne jeden Voyeurismus. Alleine, wie die Kamera die Blicke lenkt und die der Figuren nachvollzieht, spricht oft schon Bände. In seinen besten Beiträgen vermag es das Comig-of-Age-Genre mehr über das Leben auszusagen als die meisten anderen Filme. Monja Art ist das auf großartige Weise gelungen.