Mit ‘Spiegel’ getaggte Beiträge

„Der Spiegel“: Ein rechtsfreier Raum

Veröffentlicht: 13. August 2009 in Online, Print
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Ich gebe zu, die Überschrift macht keinerlei Sinn. Genauso wenig wie diejenige, die „Der Spiegel“ diese Woche auf dem Cover hat: „Netz ohne Gesetz“. Oh nein, was soll das denn wieder, dachte ich mir, als ich vorhin den Tital am Kiosk hängen sah. Da hat man wieder einen boulevardesken Slogan aufgegriffen, der seit Wochen von Politikern und Publizisten in die Welt gesetzt wird, die nicht unbedingt Ahnung von der Materie haben, über die sie da reden. Und dann springt „Der Spiegel“, mit mehrwöchiger Verspätung mal wieder auf den längst abgefahrenen Zug auf und bastelt dazu eine Titelstory. Was an dem Thema wirklich dran ist, schreibt Ralf Schwartz sehr schön in seinem Blog:

„Ich sehe mehr Blut, Gewalt, Mord und Totschlag, Ausbeutung und Vergewaltigung von Frauen an einem einzigen TV-Abend als in meinem ganzen bisherigen Internet-Leben.

Jedes Callcenter von Telekom, vodafone, Bahn und Post verbreitet für mich mehr Angst und Schrecken als das Internet. In meinem ganzen Leben habe ich nicht ein einziges kinderpornographisches Bild, etc. im Internet gesehen. Das erste (und letzte) war das, was Frau von der Leyen irgendwo weichgezeichnet hochgehalten hat! Und ich kenne auch niemanden, der jemals eines gesehen hat.“

Ich hab die Geschichte jetzt nicht gelesen (meinen letzten „Spiegel“ habe ich 1998 gekauft), aber wenn sich das ehemalige Sturmgeschütz der Demokratie des Themas Internet annimmt, wird es sowieso meistens übel, wie die Erfahrung zeigt.

(Link via)

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Abb.: Der Spiegel

Abb.: Der Spiegel

Das denkt sich wohl auch „Der Spiegel“ in den letzten Jahren immer öfter. Nach Second Life vor einigen Jahren haben die Hamburger jetzt wieder mit mehrjähriger Verspätung ein Titelthema aus der bunten Welt des Web 2.0 ausgegraben: Soziale Netzwerke à la StudiVZ, Xing und Facebook. Was von dieser Geschichte zu halten ist, analysiert Thomas Knüwer heute sehr schön und sehr ausführlich in seinem Blog.

„In einer Zeit, da seine Auflage fällt und die Anzeigen ausbleiben dürfte sich ein „Spiegel“ aber ruhig fragen, ob es die richtige Strategie ist, die Redaktion mit Sensationsheischerei zum falschen Freund des Leser zu machen – oder ob nicht Qualität das Gebot der Stunde sein könnte.“

Ein weiterer Beweis dafür, warum man den „Spiegel“ mMn schon seit Beginn der Ära Aust nicht mehr ernst nehmen kann. War er vorher „im Zweifel links“, ist er seitdem im Zweifel populistisch. Wo man früher brilliant recherchierte Titelgeschichten fand, läuft man heute jedem Trend hinterher und biegt sich die Rechercheergebnisse so lange zurecht, bis sie zur populistischsten These passen, die man vorher aufgestellt hat. Das Ganze garniert man dann gerne noch mit einem vorurteilsbeladenen Titelbild (à la „Die islamische Gefahr“) und reißerischen Aufmacherfotos, auf denen man genau das zeigt, was man in dem Artikel anprangert (leicht bis gar nicht bekleidete Teenagerinnen im aktuellen Fall oder vollbusige Avatare wie bei der SL-Story damals). Wenn man nicht eh Hitler oder Bismarck auf dem Titelbild hat, weil es ja angesichts der massiven sozialen Probleme in unserem Land auch nichts Relevanteres zu schreiben gibt als ausufernde Geschichten über die deutsche Vergangenheit. Seit Aust weg ist, gibt es vielleicht weniger Pferdestorys im Heft; ansonsten scheint sich aber nichts wesentliches verändert zu haben.

Überschrift: beliebte Journalistenaussage