Mit ‘Tatort’ getaggte Beiträge

In den letzten Wochen bin ich wieder in eine Materie eingestiegen, mit der ich mich im Grunde nicht mehr beschäftigt habe, seit ich mit 15 oder so das Interesse daran verlor: deutsche Fernsehkrimis aus den 80ern und 90ern. Und obwohl ich sagen muss, dass ich mit dem behäbigen Inszenierungsstil von Serien wie „Der Alte“ & Co. nichts mehr anfangen kann, entdeckt man doch manchmal ganz schräge Sachen, die sonst im Mainstreamfernsehen und -kino eigentlich nicht üblich sind (und heute auch nicht mehr möglich wären).

Beispielsweise wurden in diesen Serien gerne französische Dichter rezitiert. Gleich in der ersten Folge von „Peter Strohm“ etwa fängt der Titelheld, der von Klaus Löwitsch gespielte Privatdetektiv, aus heiterem Himmel an, Baudelaire zu rezitieren. Ähnliches passiert in der „Fahnder“-Folge „Verhör am Sonntag“, wobei es da wenigstens eine Tatverdächtige ist, die als Agentin für einen Buchverlag arbeitet.

Überhaupt der „Fahnder“: Diese Serie hatte ich 20 Jahre lang als behäbig in Erinnerung, dabei ist sie wesentlich härter (und meistens auch schneller) als etwa die ganzen ZDF-Freitagsserien von damals. Klaus Wennemann ist ähnlich wie Löwitsch auch einer dieser unterschätzen deutschen (Fernseh-)Schauspieler aus den 80ern. Hatte den echt nicht so gut in Erinnerung. Außer als Fahnder Faber habe ich den, glaube ich, auch nur im „Boot“ gesehen, und als zweiten Hauptdarsteller in dem sehr guten Schimanski-„Tatort“ „Freunde“. Wobei die Figur des Faber schon auch ein wenig an Schimanski erinnert, wenn man davon absieht, dass ersterer besser gekleidet ist (Sakko und Mantel statt Schmuddel- oder Lederjacke). Wenn man dann mal nachguckt, was Wennnemann nach seinem Ausstieg aus der Serie noch so drehen durfte, kann man ganz traurig werden ob der vertanen Chancen.

Hab jetzt endlich mal mit Dominik Grafs „Fahnder“-Folgen angefangen, und manche davon sind richtig gut. Vor allem, wenn die Bücher von den Autoren stammen, mit denen Graf auch sonst zusammen gearbeitet hat: Rolf Basedow, Günter Schütter… Schütters Folge „Nachtwache“ wirkt wie eine Vorstudie für seinen und Grafs 2005er „Polizeiruf“ „Der scharlachrote Engel“.  Statt Edgar Selge gibt hier eben Wennemann den Ermittler, der sich zu einer zwielichtigen Zeugin hingezogen fühlt, die er in ihrer Wohnung überwacht bzw. beschützt. Wie Maja Maranow nachts auf dem Dach des Hochhauses unvermittelt zu tanzen anfängt… Wie ein Riesenactionspektakel (das Hochhaus wurde angeblich in Brand gesetzt) nur im Dialog behauptet wird, und das unheimlich spannend ist, obwohl überhaupt nichts zu sehen ist…

Wer da alles in Episodenrollen dabei war: Jürgen Vogel, Hannes Jaenicke, Peter Lohmeyer. In der bisher besten gesehenen Folge  „Bis ans Ende der Nacht“ (witzigerweise auch die einzige der ganzen Serie mit einer eigenen imdb-Bewertung) gar Heinz Hoenig, Meret Becker UND Klaus Lemke (der sinnigerweise einen Puffbetreiber gibt). Hoenig spielt den einsamen Geiselnehmer mit irrem Blick, wahnsinnig gut. Faber missachtet die Anweisungen des Einsatzleiters vom Innenministerium, den er kurz vorher noch durch ein Guckloch in der Wand im Bordell bei SM-Spielen gesehen hat. Unglaublicher Dialog am Ende zwischen Faber und seinem Assistenten: „Wie ich ihn da eben [in Gedanken] vor mir gesehen habe, war er auf einmal auch mein Feind.“ – „Du redest dich um Kopf und Kragen.“ – „Deshalb sag ich’s ja nur dir.“

Oder diese ganzen kleinen Irritationen, vor denen der „Tatort“ „Frau Bu lacht“ (1995) von Graf und Schütter nur so wimmelt: Kommissar Leitmayr kommt frühmorgens nach Passau und auf den leeren Straßen kommt ihm ein Mann entgegen, der ein riesiges Holzkreuz auf der Schulter trägt… In einem Nachtclub kommt jemand in einem Hühnerkostüm auf ihn zu – und in der nächsten Szene hat er zwei rote Federn in den Haaren hängen, ohne dass das jemand zu bemerken scheint. So menschlich und so witzig wie in dieser Folge durften Nemec und Wachtveitl auch nie wieder sein.

Das Problem mit diesen alten deutschen TV-Sachen ist: Im Gegensatz zu den meisten US-Serien ist nur schwer an sie ran zu kommen. Vieles gibt es nicht auf DVD, und wenn, dann verstecken sich die Folgen von den guten Regisseuren und Autoren oft in ansonsten uninteressanten Staffelboxen. Was würde ich für eine DVD-Box mit Grafs gesammelten Fernseharbeiten geben. Oder am besten gleich das Gesamtwerk. (Von Wim Wenders gab es sowas mal auf VHS, inklusive einzelner Episoden, die er zu Beginn seiner Karriere für eine vergessene Familienserie gedreht hat.) Was man da noch alles entdecken könnte. Und als nächstes hätte ich dann gerne die Klaus Löwitsch-Box. Danke.

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Ich weiß echt nicht, was alle immer mit den 70er Jahre-Fernsehkrimis des Exil-Tschechen Brynych haben. Größtenteils finde ich die zwei Folgen, in die ich jetzt mal reingeguckt habe, genauso behäbig und schauspielerisch hölzern, wie ich die ZDF-Freitagskrimiserien insgesamt in Erinnerung hatte. Die große Ausnahme: Klaus Löwitsch, der in Brynychs „Der Alte“-Folge „Sportpalast-Walzer“ einen daueralkoholisierten Kneipenwirt gibt, der vor Jahren seine Ehefrau zum Krüppel gefahren hat, sie jetzt mit einer Kellnerin betrügt und nach einem Streit denkt, sie ermordet zu haben, ohne sich aber daran erinnern zu können, dank eines Filmrisses. Löwitsch spielt alle Anderen in dieser Folge komplett an die Wand. Gesehen hatte ich von ihm wohl schon mindestens fünfzehn Jahre nichts mehr.

Damals, in den späten 80ern und frühen 90ern war er ja einer der großen Stars der deutschen TV-Krimiserien (nachdem er in den 70ern schon zu Fassbinders Stammensemble gehört hatte, u.a. in „Welt am Draht“, einem VR-Thriller, lange bevor es den Begriff Virtuelle Realität überhaupt gab): zuerst immer mal wieder in Gastrollen in „Tatort“, „Der Alte“, „Derrick“ & Co., ab 1985 dann als Hauptfigur in „Detektivbüro Roth“, „Der Hafendetektiv“ und natürlich, in seiner vielleicht bekanntesten Rolle, als „Peter Strohm“. Hin und wieder, eher selten, bekam er auch noch mal eine Rolle in einem Kinofilm, so etwa als Titelfigur in „Kaminsky – Ein Bulle sieht rot„, einem deutschen Film Noir, den ich vor Urzeiten mal im Fernsehen gesehen und als ziemlich beeindruckend in Erinnerung habe (ist natürlich nie auf DVD erschienen). Zunehmend frustriert von den mangelnden und ewig gleichen Rollenangeboten starb er Anfang des neuen Jahrhunderts.

1982 war er für eine Folge Hauptfigur des hr-„Tatorts“. „So ein Tag…“ heißt der Film von Jürgen Roland, in dem Löwitsch nicht etwa den Kommissar spielt, sondern einen Streifenpolizisten, Hauptmeister Rolfs, eine Art Schimanski in Uniform. Die Folge fängt viel versprechend an, mit einer dokumentarischen Szenenfolge aus dem Frankfurter Bahnhofsviertel. Dazu erzählt eine Stimme von dem gewaltdurchsetzten Milieu dort und dem verlorenen Posten, auf dem die örtlichen Polizisten stehen – typischer Roland-Stil also. Der ganze Film legt dann auch mehr Wert auf eine realistische Schilderung des Arbeitsalltags der Polizisten der Frankfurter Bahnhofswache als auf die Schilderung des Kriminalfalles, der sich vor diesem Hintergrund abspielt: der tägliche Frust, die kleinen Freuden, der ruppige, aber teilweise fast liebevolle Umgang mit ihrer Klientel wie Kleinganoven und Prostituierten. Rolfs ist seit mehr als 25 Jahren auf der Wache, ein Cop alten Schlages, der mitansehen muss, wie um ihn herum alles den Bach runter geht, und der trotzdem keinen anderen Posten haben will. Er liefert sich eine Art Privatkrieg mit einem reichen Bordellbetreiber, der seine Hände in allerlei kriminellen Machenschaften hat, die ihm aber natürlich niemand nachweisen kann. Die kleinen Ganoven sperrt man ein, die großen Fische kommen ungeschoren davon.

Leider kann dieser Film die hohen Erwartungen, die sein Anfang erzeugt, nicht vollends einlösen. So, wie die Geschichte des „Tatort“ ja im Grunde insgesamt eine Geschichte des Scheiterns ist, der uneingelösten Versprechen, der halbherzigen oder nie wiederholten Experimente, der einzelnen Highlights in einem Mainstream der Mittelmäßigkeit. Die immer wieder großartige Figuren hervorbrachte wie Schimanski, die sich dann meistens in unausgegorenen bis langweiligen Drehbüchern wiederfanden. Um ab und zu dann mal ein gutes abzubekommen. Auch ließ man immer mal wieder einen interessanten Regisseur wie Samuel Fuller oder Dominik Graf einen Fall inszenieren oder einen guten Autor wie Bodo Kirchhoff eine Folge schreiben, aber danach folgten dann immer wieder Dutzende von 08/15-Filmen. Und so fragt man sich dann auch am Ende von „So ein Tag…“, warum man Hauptmeister Rolfs, diesen modernen Robin Hood, nicht zur Serienfigur gemacht hat. Vielleicht, weil man kurz vorher schon Schimanski erfunden hatte, der ihm von der Attitüde und seinem Gerechtigkeitssinn her sehr ähnlich ist. Dafür bringt Löwitsch in seine Figur eine lakonische Abgeklärtheit  ein, die Schimi nie gehabt hat.

„He’s a Man“, sang Mandy Winter im Titelsong über den Helden Peter Strohm. Man kann das auch über Löwitsch so stehen lassen und noch hinzufügen „He was an actor!“, und was für einer. Wenn es im deutschen Kino der 80er/90er den Genrefilm gegeben hätte, wäre er einer seiner größten Stars gewesen (warum spielte er nie in Grafs Filmen mit?). Demnächst muss ich mir „Space Pirates“ besorgen, eine italienische Science Fiction-Version der „Schatzinsel“ (!), in der er neben Ernest Borgnine und Anthony Quinn eine Hauptrolle spielt (!!).