Mit ‘The Wire’ getaggte Beiträge

Zurzeit lese ich David Simons Reportagebuch „Homicide – Ein Jahr auf mörderischen Straßen“ und gucke parallel die zweite Staffel seiner Serie „The Wire“ (weil’s die bei Saturn gerade für 10 Euro gab). Mit der Serie, die viele ja für die beste der TV-Geschichte halten, bin ich vorher nie warm geworden, obwohl ich es mehrmals versucht habe. Über die ersten sieben Folgen kam ich aber nicht hinaus. Die zweite Staffel gefällt mir hingegen von Anfang an wesentlich besser. Ich weiß nicht, woran das nun konkret liegt, aber das Milieu der Hafenarbeiter, die Gewerkschafter, die verzweifelt ums Überleben ihrers Berufsstands kämpfen, das ist eine Welt, über die ich noch nie einen Film gesehen habe. Wie sich die dann zunehmend verknüpft mit den kriminellen Milieus der Stadt, dem Drogenhandel, Schmuggel, Prostitution und wie die verschiedenen Polizeiabteilungen auf der anderen Seite versuchen, das Ganze aufzudecken – das entwickelt schon einen Sog, der einen in diesen ganzen Kosmos hinein zieht. Chris Bauer, der den polnischstämmigen lokalen Gewerschaftsboss spielt, ist auch einfach ein verdammt guter Schauspieler, was er hier auch endlich mal in allen Facetten zeigen darf. Nach wie vor unfassbar ist natürlich die Sprache, insbesondere die Dialoge der schwarzen Drogenhändler wären ohne Untertitel praktisch nicht zu verstehen.

Interessant sind auch die zahlreichen Übereinstimmungen zwischen dem Buch und der Serie. Simon hat ja ein Jahr lang als Reporter die Arbeit der Baltimorer Mordkommission beobachtet und diese Beobachtungen fließen natürlich auch in die Serie ein. Ich weiß z.B. nicht, ob ich, ohne das Buch zu kennen, verstanden hätte, was die roten Namen auf der Tafel mit den Fällen bedeuten. In beiden Werken spielt die Hierarchie innerhalb der Polizei eine wichtige Rolle. Vorgesetzte erscheinen meistens umso unsympathischer, je höher sie in der Befehlskette angesiedelt sind. Da geht’s dann nur noch um Politik, das eigene Fortkommen und darum, in der Öffentlichkeit möglichst gut dazustehen, während die einfachen Detectives das alles ausbaden müssen. Wobei einer der Seargents der Mordkommission in „The Wire“ den Namen eines tatsächlich existierenden trägt, der zu den Protagonisten des Buchs zählt. Die Figur in der Serie kommt aber wesentlich unsympathischer rüber.

Während die Drogendealer im Buch durchgehend als böse erscheinen, wirken ihre Entsprechungen in der Serie ambivalenter. Einerseits skrupellos und gewalttätig, andererseits aber auch cool und teilweise fast witzig. Ich möchte auch nicht wissen, wie viele Straßenkids in anderen Städten sich diese Typen und ihre Sprache  zum Vorbild genommen haben. Baltimore wird sowohl im Buch wie auch in der Serie als Hort der Gewalt und des Niedergangs beschrieben. Eine Stadt, in der ein Menschenleben nichts zählt, jedenfalls nicht, wenn es sich um einen Ghettobewohner handelt, eine Stadt ohne Moral, ohne Sicherheit und letztlich ohne Zukunft. Das ist größtenteils so negativ, dass man sich eigentlich kaum vorstellen kann, dass es solche Städte mitten in den USA tatsächlich gibt – es erinnert eher an eine Metropole in einem Dritte-Welt-Land. Mit ehrlicher Arbeit lässt sich dort kein Leben mehr aufbauen, die einzigen erfolgreichen Kapitalisten sind die Oberbosse des Drogenhandels – einer von ihnen studiert dann auch folgerichtig BWL. Die einzigen ehrlichen Menschen in der Stadt scheinen die Polizisten zu sein. Korruption ist praktisch kein Thema, was mich ziemich wundert, da ich vermuten würde, dass diese gerade in solch einem sozioökonomischen Umfeld besonders blüht. Da ist selbst in rein fiktiven und oft als weniger realistisch angesehenen Cop-Shows wie „Third Watch“ Korruption ein viel stärkeres Thema.

Zu meinen Lieblingsserien wird „The Wire“ wahrscheinlich nie zählen, dazu ist sie mir einfach zu nüchtern erzählt, die Charaktere nicht zwingend genug. Moralische Fragen bleiben eher unter der Oberfläche, die Figuren laden nicht so sehr zur Identifikation ein, als das man sich diese Fragen an ihrer Stelle stellen würde. Das Ganze ist eher eine semidokumentarische soziologische Langzeitstudie, allerdings eine durchaus faszinierende und sogar unterhaltsame, wenn man denn einmal den Zugang gefunden hat.

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The Corner

„An der Straßenecke spielt sich alles ab. Hier gehst du hin, um deinen Stoff zu kaufen. Und um zu erfahren, wer letzte Nacht erschossen wurde.“

„The Corner“ ist eine sechsteilige HBO-Miniserie von „The Wire“-Co-Creator David Simon und seinem Kollegen David Mills. Zwei Jahre vor seinem größten Erfolg legt Simon hier bereits viele seiner späteren Themen und Figurenkonstellationen an. Der Film basiert auf dem Sachbuch „The Corner: One Year in the Life of an Inner-City Neighbourhood“, für das Simon und der spätere „The Wire“-Co-Creator Ed Burns während Simons Zeit als Polizeireporter bei der Baltimore Sun recherchiert haben. Thema, Schauplatz und Ausgangsituation sind im Grunde dieselben wie in „The Wire“, der Schwerpunkt liegt hier aber eher auf den Süchtigen, nicht so sehr auf den Drogenhändlern und noch weniger auf den Cops.

Mit der „Corner“ ist die Ecke Lafayette/Monroe Street in West Baltimore gemeint, einem ehemaligen gehobenen Mittelstands-Viertel, das in den letzten Jahrzehnten durch Drogenhandel und -konsum zu einer Art Slum verkommen ist. Im Mittelpunkt der Erzählung steht die Familie von Gary McCallough, einem ehemaligen viel versprechenden Collegestudenten, der durch Aktien viel Geld gemacht und sich mit seiner Frau Fran und ihren beiden Kindern in dem Viertel ein Haus gekauft hat. Bevor er sein Geld wieder verlor, Fran und später er selbst heroinabhängig wurden und die Gegend vor die Hunde ging.

Jetzt streift Gary antriebs- und ziellos durch sein Leben, immer auf der Suche nach ein paar Dollarn, um sich den nächsten Schuss zu besorgen. Dafür montiert er Wasserleitungen ab, um das Metall zu verhökern oder räumt Wohnungen aus. Seine Ex-Frau Fran hängt ebenfalls an der Nadel und versucht dabei irgendwie, ihre beiden Söhne durch zu bringen, während der ältere der beiden, DeAndre, an der Straßenecke Drogen verkauft.

Nicht besser steht es um die anderen Figuren: Fast alle sind entweder süchtig, Dealer oder beides. Das Viertel wirkt wie die Parodie einer funktionierenden Nachbarschaft: Einerseits kennt jeder jeden und mit Ausnahme der rivalisierenden Drogengangs sind auch alle nett zueinander und helfen sich gegenseitig, weil ja auch alle in der selben Scheiße stecken. Andererseits schreckt niemand davor zurück, für den nächsten Schuss seinen Nachbarn zu verraten oder zu bestehlen.

In geschickt eingebauten kurzen Rückblenden sehen wir, wie das Viertel früher aussah, als die Nachbarschaft tatsächlich noch lebenswert war, und verfolgen teilweise den unaufhaltsamen Niedergang der McColloughs, auch wenn nicht alles erklärt und vieles davon der Interpretation des Zuschauers überlassen wird.

Immer wieder scheint Hoffnung für die Hauptprotagonisten auf: DeAndre versucht wiederholt, mit dem Dealen aufzuhören, wieder zur Schule zu gehen oder zu arbeiten. Als seine Freundin ein Kind von ihm bekommt, versucht er, ein guter Vater zu sein. Fran macht eine Entziehungskur und versucht, sich wieder in die Gesellschaft einzugliedern. Was nicht leicht ist, wenn Schwester, Ex-Mann und fast alle Freunde noch an der Nadel hängen. Trotz aller Momente der Besserung ahnt man als Zuschauer, dass es für einige der Protagonisten nicht gut ausgehen wird.

Der Film ist in einem pseudodokumentarischen Stil gedreht, was gut zu der weitestgehend wahren Geschichte passt. Wie in „The Wire“ und den meisten anderen HBO-Serien entwickelt sich die Handlung recht langsam und es gibt ein großes Figurenensemble, das den ganzen Mikrokosmos des Viertels repräsentieren soll. Der Handlung lässt sich aber wesentlich besser folgen als bei Simons späterer Serie und man wird schneller hineingezogen. Die Darsteller sind durchweg sehr gut, allen voran Khandi Alexander, die man aus ER kennt, als Fran. Die Story ist ziemlich harter Stoff, aber wenn man bedenkt, dass die dargestellte Welt der Realität in Baltimore und anderen amerikanischen Städten entspricht, lohnt es sich umso mehr, sich dem auszusetzen.

Am Ende treten die realen Personen vor die Kamera, die in den sechs Stunden zuvor von Schauspielern verkörpert wurden – jedenfalls die wenigen, die überlebt haben und nicht im Knast sitzen. Der Film solle den Zuschauern zeigen, dass auch Junkies nichts anderes als menschliche Wesen seien, die Fehler machen, sagt die reale Fran. Krank scheinen in Städten wie Baltimore nicht nur die Abhängigen zu sein, sondern vor allem das Sytem, das sie hervorbringt, das zeigt Simon hier genauso eindringlich wie in „The Wire“, aber wesentlich kurzweiliger.

Überschrift: Randy Newman, „Baltimore“