Mit ‘Thomas Pynchon’ getaggte Beiträge

Bücherfragebogen (I)

Veröffentlicht: 31. Oktober 2010 in Bücher
Schlagwörter:, , , , , ,

Ok, ihr habt mich doch noch gekriegt:

1. Das Buch, das du zurzeit liest:

Tja, eigentlich nix, nachdem ich „V.“ vor Kurzem endgültig aufgegeben hab. Meinen ersten Pynchon („Die Versteigerung von No. 49“) fand ich hervorragend, meinen zweiten („Vineland“) immer noch sehr gut, aber „V.“ halte ich mehr oder weniger für unlesbar. Nach der Hälfte, etwa 250 Seiten, wusste ich immer noch nicht, um was es eigentlich gehen sollte, es passiert im Grunde nichts, jedenfalls nichts, was irgendeinen zusammenhängenden Sinn ergeben würde, und zwischendurch wird die Haupthandlung immer wieder für 50-80-seitige Sprünge hundert oder 200 Jahre zurück unterbrochen. Diesmal konnte mich auch die Sprache nicht so stark packen, dass ich durchgehalten hätte.

2. Das Buch, das du als nächstes liest/lesen willst:

Keine Ahnung. Vielleicht erscheint ja endlich mal der neue „Spirou“-Band von dem neuen Autorenteam auf Deutsch, der schon einmal verschoben wurde.

3. Dein Lieblingsbuch:

Max Frisch: „Homo faber“ – Ein großartiges Werk über die menschliche Natur. Mehr braucht man dazu eigentlich gar nicht zu schreiben. Der Roman ist im Grunde makellos, man könnte ihm höchstens vorwerfen, etwas überkonstruiert zu sein, was ich ihm aber gerne verzeihe.

4. Dein Hassbuch:

John Niven: „Kill your friends“ – Zumindest das Ärgerlichste, was ich in den letzten Jahren so gelesen habe. Sowas gilt heutzutage wohl als Kultbuch. Eine unangenehme Mischung aus Brett Easton Ellis und Nick Hornby, nur dass der Niven überhaupt nicht schreiben kann. Er versammelt alle Klischees, die man über die Musikindustrie so im Kopf hat (Koks, Nutten und Alkohol) und verbindet sie mit einer menschenverachtenden und sexistischen Weltsicht und einer völlig unmotivierten, dafür aber auch noch unnötig brutalen Thrillerhandlung. Spätestens ab der Hälfte wiederholt er sich nur noch, hält sich selbst aber für ungeheuer provozierend und cool. Dabei ist das Buch weder wirklich witzig, noch hat es irgendeine Aussage. Was Niven dem Musikbusiness vorwerfen will, nämlich zynisch zu sein, trifft vor allem auf ihn selbst zu. Ein Buch, das negative Gefühle erzeugt und unangenehme Bilder im Gehirn festsetzt. So etwas möchte ich eigentlich nicht lesen.

5. Ein Buch, das du immer und immer wieder lesen könntest:

Hm, ich muss wohl nochmal  mit Frisch kommen. „Homo faber“ kann man natürlich auch immer wieder lesen, noch besser trifft das aber auf „Montauk“ zu, eine Erzählung, die eigentlich eine kaum versteckte Autobiografie ist. Die Erzählung eines Wochenendes mit einer wesentlich jüngeren Geliebten auf der Halbinsel bei New York bildet den Rahmen für eine Rückschau Frischs auf wichtige Stationen seines Lebens: seine verschiedenen Berufe, Wohnorte, die Beziehung zu seiner Tochter, vor allem aber natürlich auf die Frauen, die in seinem Leben wichtig waren.

Ein Buch voller Melancholie über verpatzte Chancen und vergangenes Glück, voller Selbstzweifel auch, reich an klugen Gedanken und zitierfähigen Sätzen. Wunderbar etwa, wenn Frisch ohne Anlass über den besten Weg nachdenkt, sich umzubringen („Immer wieder in meinem Leben habe ich grundlos an Selbstmord gedacht.“). Bei der Besichtigung eines alten Bauernhauses im Tessin, das er kaufen möchte, denkt er, alleine könne er da nicht wohnen, er sieht schon die Dachbalken, an denen er sich aufhängen würde. Nebenbei erfahren wir einiges Interessante über seine Schriftstellerei, über seine Liebesbeziehung zu Ingeborg Bachmann, und was an „Homo faber“ alles autobiografisch ist (nämlich allerhand).

6. Ein Buch, das du nur einmal lesen kannst (egal, ob du es hasst oder nicht):

So ausufernde dicke Schinken wie Michael Chabons „Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier & Clay“. Fand ich zwar ziemlich gut (vor allem die erste Hälfte), muss ich aber echt nicht nochmal durchackern.

7. Ein Buch, das dich an jemanden erinnert:

Alan Posener: „John Lennon“ – Die Rowohlt-Bildmonografie war die erste, die ich über Lennon gelesen habe, etwa zeitgleich mit einem meiner damals besten Freunde, der auch ein großer Beatles-Fan war. Und der damals in seinem jugendlichen Rebellentum meinte, ein Exemplar des Taschenbuchs aus der Stadtbibliothek klauen zu müssen.

8. Ein Buch, das dich an einen Ort erinnert:

Maarten ‚t Hart: „Die Netzflickerin“ – Hab ich hauptsächlich gekauft, weil die ersten Kapitel in Groningen spielen (und weil es eine Art Prequel zu seinem wunderbaren „Das Wüten der ganzen Welt“ ist). Jedenfalls wird die Hauptfigur in seinem Elternhaus unweit der Martinikerk (dem Wahrzeichen der Stadt, in der ich mein Auslandssemester verbracht habe) geboren. Leider ziehen seine Eltern dann schon bald mit ihm in die Nachbarprovinz Drenthe, kehren aber noch ab und zu in ihre Heimatstadt zurück (wenn sie samstags „in die Stadt“ fahren, da es im Umkreis von Groningen keine wirkliche Großstadt gibt, deshalb ist da heute auch so viel los, glaube ich).

Ansonsten erinnert mich natürlich die ganze zweite Hälfte von der „Blechtrommel“ an Düsseldorf, aber das zählt ja nicht so richtig, weil ich ja selbst hier bin.

9. Das erste Buch, das du je gelesen hast:

Vermutlich irgendein Bilderbuch, weiß jetzt aber echt nicht, welches. Deshalb vielleicht mal das erste „Erwachsenenbuch“, das ich gelesen habe. Und das dürfte gewesen sein: James Kahn: „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ – Yeah! Das hab ich so mit Neun gelesen, in meiner fanatischen Star Wars-Phase. Ich kannte die Filme damals noch nicht, sammelte aber dank eines Grundschulfreundes schon eifrig Star Wars-Actionfiguren und entdeckte dann nach und nach auch die Comicalben, die Romane und sonstigen Schnickschnack. Dank dieses Buchs zum Film wusste ich dann zumindest mal, was im dritten Teil der Trilogie überhaupt passiert war, die Vorgeschichte aus den ersten beiden Teilen erfuhr ich dann erst später.

10. Ein Buch von deinem Lieblingsautoren/deiner Lieblingsautorin:

Da ich nicht schon wieder mit Frisch kommen will, ein Buch meines Lieblings-Comicautoren Frank Miller: „Die Rückkehr des Dunklen Ritters“. Steht hier noch in der ersten Carlsen-Ausgabe im Regal. Wahrscheinlich auch mein Lieblingscomic ever, obwohl ich ja eigentlich mehr auf frankobelgische als auf amerikanische stehe. Diese frühe graphic novel ist allerdings ganz großes Kino. Miller hat damit nicht nur den Batman-Boom der späten 80er/frühen 90er ausgelöst, sondern auch den gesamten US-Comic revolutioniert.

Er dekonstruiert hier im Grunde die ganze Batman-Figur und den DC-Kosmos drumrum gleich mit: Batman ist ein fanatischer alter Reaktionär geworden, Robin ein Teenagermädchen, Superman ein tumber Hilfspolizist im Auftrag Ronald Reagans, der Batman ausschalten soll, weil der nicht mehr in die Zeit passt. Zwischendurch kämpft Supie für die USA als Supersoldat in einem Stellvertreterkrieg gegen die Sowjetunion (die es zum Entstehungszeitpunkt des Comics noch gab) und muss die Erde vor dem atomaren Holocaust retten, weil irgendein Politiker den falschen Knopf gedrückt hat. Währenddessen kämpft Batman gegen Faschisten, Jugendbanden und natürlich gegen seine größten Feinde aus vergangenen Tagen, von Two-Face bis zum Joker. Vor allem kämpft er aber gegen die öffentliche Meinung, heuchlerische Politiker und die Polizei, die ihn nach der Pensionierung seines alten Protegés Comissioner Gordon gnadenlos jagt. Eine Nebenhandlung dreht sich darum, wie dieser versucht, mit seiner Pensionierung fertig zu werden.

Eine sehr tiefe Erzählung, voller bissiger Medien- und Gesellschaftkritik, mit einer ambivalenten Hauptfigur und vielen Anspielungen auf das DC-Universum. Kann man aber auch als eigenständiges Werk lesen, ohne jemals eine andere Batman-Geschichte gelesen oder gesehen zu haben. Leider hat weder Miller selbst noch einer der diversen Filmregisseure es danach geschafft, in ihren diversen Batman-Versionen an dieses Meisterwerk anzuknüpfen.

Werbeanzeigen

Nachdem mich sein dünnster Roman angefixt hat, wollte ich mir heute Thomas Pynchons „Vineland“ besorgen, der mich thematisch von seinen anderen Romanen am meisten anspricht. Nun sollte man denken, dass es in einer Großstadt wie Düsseldorf kein Problem sein sollte, ein noch lieferbares Buch eines recht bekannten Schriftstellers zu bekommen. Die Stadtbücherei hat ihn nur auf Englisch, was ich schon einigermaßen skurril finde. Mein Weg führte mich also durch mehrere große und kleine Buchhandlungen.

Während die großen gar keinen Pynchon haben (außer der Stern-Verlag, aber da brauchte ich nicht zu suchen, denn die hatten „Vineland“ vor ein paar Tagen nicht, als ich „Die Versteigerung…“ dort kaufte), findet sich in den kleineren, eher auf Literatur spezialisierten Läden zwar einiges von ihm, aber ausgerechnet der eine Roman, den ich suche, natürlich nirgends. Seinen letzten, auf Deutsch noch nicht erschienenen, hab ich hingegen gleich zwei Mal im US-Original-Hardcover gesehen. Am Skandalösten find ich aber echt, dass ein riesiger Laden wie die Mayer’sche gar nichts von ihm da hat. Der Thalia hier ist eh so unglaublich schlecht sortiert, dass ich mich wundere, wie die Marktführer in Deutschland werden konnten. Da gibt’s mehr Krimis als andere Belletristik, und anscheinend auch mehr Geschenkartikel und Schreibwaren als Bücher, wie heute der Mitarbeiter bei BiBaBuZe treffend meinte, bei dem ich „Vineland“ dann schließlich bestellt habe.

Toll ist bei Thalia auch die Comic“abteilung“. Die besteht aus einem Regalfach unter „Humor“. Frei nach dem Motto: Comic kommt von Komik, muss also lustig sein. Entsprechend finden sich dort nur die üblichen Verdächtigen wie Asterix, Disney und Garfield, und eine Riesenauswahl von „Tim und Struppi“ (2 Stück) und „Lucky Luke“ (3 Stück). Das genaue Gegenteil zu diesem Comicangebot (und den Bestseller- und Klassiker-Gesamtausgaben, die sich im Stern-Verlag reihen), habe ich heute in der Literatur-Buchhandlung im Heine-Haus auf der Bolker Straße entdeckt: Die haben fast nur Sachen von den progressiven Verlagen wie Reprodukt, Avant & Co., dazu noch Graphic Novels von größeren Verlagen, aber kein Asterix, kein Donald Duck, überhaupt keine Bestseller, eher alles, was mir weitgehend unverkäuflich erscheint (was durchaus als Qualitätskriterium zu verstehen ist). Eine leicht skurrile Warenpräsentationspolitik, aber eine recht sympathische (Am liebsten wäre mir natürlich, man würde sowohl gute mainstreamige als auch progressive Comics im gleichen Laden finden.). Also, falls ihr mal in Düsseldorf einen Kunschtcomic sucht, schaut in der Altstadt vorbei.

Thomas Pynchon gilt ja immer als der heißeste Literaturnobelpreiskandidat, der ihn wahrscheinlich doch nie bekommen wird, außerdem als der nach Salinger geheimnisumwobenste US-Schriftsteller der Gegenwart (seit Salingers Tod dürfte er diesen Titel jetzt exklusiv haben) und gemeinhin als schwer bis unlesbar. In den USA zählt er praktisch zur Popkultur, tauchte auch in mehreren Folgen der „Simpsons“ auf, wo seine Figur eine Papiertüte über dem Kopf trug, da es seit den 50er Jahren keine neueren Fotos mehr von ihm gibt, und deshalb niemand weiß, wie er heute aussieht.

„Die Versteigerung von No. 49“ ist sein zweiter Roman (von 1967), und außerdem sein dünnster. 200 Seiten, die man schnell weg gelesen hat, reichen ihm allerdings, eine ganze Welt zu erschaffen, wozu die meisten anderen Gegenwartsautoren mindestens die vierfache Seitenzahl brauchen würden. Und was für eine verrückte Welt das ist!

Alles beginnt, scheinbar harmlos, damit, dass Oedipa Maas überraschend zur Testamentsvollstreckerin eines verblichenen Ex-Liebhabers ernannt wird. Dieser Geschäftsmann mit dem unaussprechlichen Namen Pierce Inverarity stellt sich als Dagobert Duck ebenbürtiger Anhäufer von Besitztümern und Unternehmen heraus. Bei ihrem Versuch, in dem kleinen kalifornischen Ort San Narciso Herr bzw. Frau seiner Vermögensverhältnisse zu werden, entdeckt Oedipa nach und nach merkwürdige Zeichen und Hinweise für eine Untergrundbewegung, die seit fünfhundert Jahren in Europa und später in den USA ihr Unwesen zu treiben scheint.

Das Mittel, das diese benutzt, um sich den herrschenden Verhältnissen entgegen zu stellen, ist ausgerechnet die Postbeförderung, die in den USA (zumindest in den 60ern) noch staatlich monopolisiert ist. Einmal dafür sensibilisiert, stößt Oedipa nun überall auf die Zeichen der Trystero-Bewegung: plump gefälschte Briefmarken, gedämpfte Posthornsymbole auf Klowänden und Ansteck-Buttons, mysteriöse Postboten, die Briefe aus als Mülleimer getarnten Kästen mit der Aufschrift W.A.S.T.E. einsammeln, was nicht etwa für „Müll“ steht, abweichende Verse in shakespeareesken Dramen aus dem 17. Jahrhundert usw. usf.

Außerdem begegnen ihr die unglaubwürdigsten Gestalten, angefangen von Ingenieuren, die glauben, das perpetuum mobile wäre bereits erfunden, über Mitglieder einer Selbsthilfegruppe für Anonyme Verliebte bis zu Leuten, die in einem Club für elektronische Musik abhängen und den bewaffneten Kampf vorbereiten. Da verwundert es auch nicht mehr weiter, dass ihr Psychiater glaubt, der israelische Geheimdienst werde ihn bald verschleppen, und ihr Ehemann LSD-süchtig wird. Je mehr sich Oedipa aber in die anscheinende Weltverschwörung hinein steigert, desto unklarer wird, ob sie sich all diese Zusammenhänge nur einbildet, ob ihr jemand einen Streich spielen will oder ob sie tatsächlich einem Geheimnis von unvorstellbarem Ausmaß auf der Spur ist.

Was haben die Amis bloß mit ihrem Postwesen? In „The Postman“ stand die Briefbeförderung für die Hoffnung auf Wiedererrichtung der Demokratie und der Republik, bei Pynchon bedienen sich Rebellen ihrer, die eine ganz andere Gesellschaft erkämpfen wollen. Diese Bedeutung, die US-amerikanische Autoren „fantastischer“ Literatur dem Postwesen beimessen, scheint wohl mit dessen Rolle bei der Kolonisierung des Landes zusammen zu hängen, mit dem Pony-Express und dem Postkutschenverkehr von Wells‘ Fargo. Wer das Postmonopol hatte, hatte auch die Regierungsgewalt. Aus europäischer Sicht wirkt das merkwürdig und irgendwie komisch; hier käme niemand auf die Idee zu denken, mit Abschaffung des Postmonopols sei auch der Staat gefährdet. (Dann wären die TNT- und FirstMail-Boten ja Staatsfeinde!) Zumindest macht Pynchon diese These etwas plausibler als der furchtbar hanebüchene Kevin Costner-Film.

Ansonsten ist die ganze Verschwörungsgeschichte eh nur ein Aufhänger, ein riesiger McGuffin sozusagen, für Pynchons Fabulierwut, für seine Lust, immer neue verrückte Ideen und ebenso verrückte Gestalten übereinander zu türmen. Inhaltlich erinnert das Buch mit seinen mysteriösen Anspielungen und unglaublichen Geheimnissen an Paul Auster, stilistisch an Michael Chabon, und an die Jahrhunderte alte Weltverschwörung in Theodore Roszaks „Schattenlichter“ fühlte ich mich auch öfter erinnert. Nur dass Pynchon sie sprachlich alle übertrifft und auch mehr Tiefe hat.

Schwierig zu lesen fand ich den Roman jetzt gar nicht. Klar, man muss sich durch einige Seiten Handlung eines viktorianischen Theaterstücks arbeiten, auch durch 200 Jahre niederländische Geschichte ab dem Ausbruch des Religionskrieges mit den Spaniern. Aber es hat ja noch nie geschadet, seine Bildungslücken aufzufüllen. Dafür wird man auch mit wunderbaren Sprachspielereien, herrlich skurrilen Szenen und melancholischen Weltbetrachtungen belohnt. Und auf ganz neue Ideen gebracht: Botticelli-Strippoker z.B. Eine perfekte Verbindung aus Unterhaltungs- und Hochliteratur, die Pynchon hier gelungen ist, und eines kann ich schon nach diesem einen Roman sagen: einer der ganz großen amerikanischen Schriftsteller der Gegenwart.

Thomas Pynchon: „Die Versteigerung von No. 49“. Rowohlt Taschenbuch 1973. 203 Seiten, 7,95 Euro.