Mit ‘Ulrich Thomsen’ getaggte Beiträge

Wer sagt eigentlich immer, im deutschen Kino seien gute Genrefilme nicht möglich? Nach dem gelungenen Mysterythriller „Die Tür“ mit Mads Mikkelsen und Jessica Schwarz habe ich nun schon zum zweiten Mal in wenigen Monaten einen relativ aktuellen überzeugenden Film aus unseren Landen ausgeliehen, der klar Genreregeln gehorcht: „Das letzte Schweigen“. Beide Filme sind im Kino irgendwie an mir vorbei gegangen. Und in beiden spielt witzigerweise ein dänischer Star eine Hauptrolle, hier ist es der neben Mikkelsen wahrscheinlich zweitbekannteste, Ulrich Thomsen (auch wenn es eigentlich eher eine größere Nebenrolle ist, aber er steht in den Credits an erster Stelle). Im Vergleich zu Mikkelsen spricht Thomsen etwas besser Deutsch und wurde deshalb nicht synchronisiert, wobei sein doch recht starker Akzent ganz einfach erklärt wird, indem seine Figur eben vor einigen Jahren aus Dänemark eingewandert ist.

Zu Beginn des Films werden wir Zeugen, wie sein Peer Sommer, ein unauffälliger Hausmeister, auf einem einsamen Feldweg ein 13-jähriges Mädchen überfällt, vergewaltigt und ungeplant erschlägt – unter den Augen seines einzigen Freundes Timo (Wotan Wilke Möhring), der seine pädophile Neigung teilt, sie aber besser im Griff hat. Timo verlässt daraufhin die Stadt, beginnt ein neues Leben mit Ehefrau und Kindern und hört 23 Jahre nichts mehr von Peer. Bis er eines Tages erfährt, dass nahe des alten Tatorts wieder ein Mädchen verschwunden ist. Die Nachricht reißt ihn aus seinem geordneten Alltag und lässt alte Dämonen wieder ausbrechen. Auch bei der Mutter der damals Getöteten (Katrin Saß) sowie dem gerade pensionierten Kommissar (Burghart Klaußner), der damals den Fall ungelöst zu den Akten legen musste, ist die Vergangenheit plötzlich wieder ganz nah.

Was wie ein konventioneller Krimi beginnt, entwickelt sich schon bald in die verschiedensten Richtungen auseinander. Der Schweizer Regisseur und Drehbuchautor Baran bo Odar interessiert sich nur am Rande für die Frage, wer den neuen Mord begangen hat, aber stark für die psychologischen Folgen, die die Tat auf eine ganze Gruppe unterschiedlicher Menschen hat: Hinterbliebene von damals und heute, ermittelnde Beamte und den Mittäter von früher. So wie Elena Lange im Grunde seit 23 Jahren in der Vergangenheit lebt, im Zimmer ihrer ermordeten Tochter seitdem nichts verändert hat, so wollen die Eltern der jetzt Verschwundenen (Karoline Eichhorn und Roland Wiesnekker) lange nicht wahrhaben, was doch offensichtlich ist. Während der alte Kommissar nie verwunden hat, dass er den Fall damals nicht aufklären konnte, trauert sein junger Kollege (Sebastian Blohmberg) selbst, um seine kürzlich verstorbene Frau. Er steigert sich fast krankhaft in den neuen Fall hinein. Und dann ist da noch Timo, der sein dunkles Geheimnis Jahrzehnte lang unter einer makellosen Oberfläche versteckt hat und nun in einen Sog innerer wie äußerer Bedrängnis gerät, dem er kaum mehr entkommen kann. Das Buch gibt jeder dieser Figuren seinen Raum, stellt ihre Nöte gleichberechtigt nebeneinander.

Dabei steht Odar ein hervorragendes Schauspielensemble zur Verfügung: Katrin Saß, die mit einem Blick, einem Blinzeln mehr ausdrücken kann als die meisten Hollywood-SchauspielerInnen, Klaußner, Eichhorn, Thomsen und vor allem Wotan Wilke Möhring, der sich hier als echter Charakterdarsteller beweist. Einen Pädophilen und Beinahe-Kinderschänder so menschlich-ambivalent zu verkörpern, wie es ihm gelingt, ist schon eine Glanzleistung. Dabei hilft natürlich ein schlaues Drehbuch, dass eben nicht mit Schwarzweißmalerei arbeitet, sondern auch einem Sexualtäter seine Menschlichkeit zugesteht. Das wird vielen Zuschauern nicht unbedingt gefallen, aber sein innerer Kampf bildet einen faszinierenden Kontrast zur Figur des eigentlichen Täters, der ganz mit sich im Reinen zu sein scheint. Wie lebt man mit einem Geheimnis, das man niemandem anvertrauen kann? Ist man ein schlechter Mensch, weil man eine Neigung hat, auch wenn man ihr nicht nachgeht? Auch das Ende hinterlässt bei Vielen sicher mehr als nur ein Unbehagen.

Obwohl der Film fast ausschließlich negative Gefühle thematisiert – Angst, Trauer, Verzweiflung -, wird er nie deprimierend. Denn zugleich steigert er die Spannung kontinuierlich, wenn sich die Schlinge um die beiden Täter von damals immer enger zusammenzuziehen scheint. Damit gelingt dem Film der hierzulande tatsächlich seltene Spagat, gleichermaßen als Thriller wie auch als subtiles psychologisches Drama zu funktionieren. Auch auf der Bildebene hebt er sich stark von üblicher Stangenware ab, wie man sie von deutschen Fernsehkrimis gewöhnt ist. Wogende Getreidefelder, bedrückende Panoramen, erschlagend-deprimierende Mietskasernen: Die Kamera arbeitet immer für die Leinwand, nicht für den Fernsehschirm. Am Ende bietet die Story zwar keine Hoffnung für ihre Figuren, aber der Film die Hoffnung, dass intelligentes Genrekino auch in Deutschland möglich ist – wenn auch ein Däne und ein Schweizer kräftig daran beteiligt waren.

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In der Familie der beiden erwachsenen Brüder Michael und Jannik sind die Rollen klar verteilt: Michael ist der verantwortungsbewusste Familienvater und vernünftige Soldat, der jüngere Jannik hingegen das schwarze Schaf, das nichts auf die Reihe bekommt, weder einen Job noch eine Beziehung, und auf den nie Verlass ist. Alles ändert sich, als Michael zu einem Einsatz in Afghanistan aufbricht und dort sein Hubschrauber abgeschossen wird. Auch wenn der Vater Jannik nach der Trauerfeier verbittert entgegenschleudert, er habe nun keinen Sohn mehr, wächst dieser schrittweise in die Rolle des Ersatz-Familienoberhauptes hinein, baut plötzlich Einbauküchen zusammen, spielt mit den beiden Nichten – und entwickelt eine gefährliche Nähe zu seiner Schwägerin Sarah. Gefährlich deshalb, weil irgendwann der Anruf kommt, dass Michael gar nicht tot ist, sondern nur in Kriegsgefangenschaft geraten war. Als er schließlich zu seiner Familie zurückkehrt, ist nichts mehr wie vor seiner Abreise – auch, weil sein Gewissen mit einer unfassbaren Tat belastet ist.

Vor „Brodre“ (ich habe leider diesen dänischen Strich durchs o nicht parat, weigere mich aber, bei einem dänischen Film den deutschen Verleihtitel „Brothers“ zu verwenden) drehte Susanne Bier den schon sehr guten „Open Hearts“, danach den noch besseren „Nach der Hochzeit“. Mit diesem Film hat sie sich allerdings selbst übertroffen. Statt einer Kriegsgeschichte erzählt sie ein packendes Familiendrama, das doch weit über das rein Private hinausweist. Vielmehr zeigt sie auf, was Erlebnisse im Krieg aus denen machen (können), die lebend aus ihm zurückkehren, äußerlich unversehrt, aber innerlich zerbrochen, weil sie Schlimmeres erlebt haben, als man selbst dem Menschen erzählen könnte, den man mehr liebt als alle anderen.

In den Hauptrollen hatte sie gleich hervorragende SchauspielerInnen zur Verfügung: Ulrich Thomsen (neben Mads Mikkelsen wohl der größte internationale Star Dänemarks) ist brillant als anfangs berufsoptimistischer Soldat, der in einer existenziellen Situation zwischen Hoffnung und Verzweiflung schwankt und schließlich völlig die Kontrolle über sich selbst verliert. Nikolaj Lie Kaas zeigt hier ebenfalls, dass er weit mehr kann als „nur“ Grimassen schneiden wie in „Idioten“, und zudem unheimlich wandlungsfähig ist, wenn man diese Performance mit seinen Komödien vergleicht. Und Connie Nielsen, die zwar aus Dänemark stammt, vor diesem Film aber zwar amerikanische, französische und italienische Filme drehte, jedoch keinen dänischen, hat eine Präsenz, wie man sie nur ganz selten sieht, eine Ausstrahlung, mit der sie auch locker einen ganzen Film alleine tragen könnte. (In dem etwa zur gleichen Zeit entstandenen „Demonlover“ erinnerte sie mich stark an die Frauen in Truffaut-Filmen: Fanny Ardant, Jeanne Moreau.)

Zudem haben Bier und ihr Stamm-Drehbuchautor Anders Thomas Jensen („Mifune“, „Adams Äpfel“ und auch sonst fast alles, was in den letzten 15 Jahren in Dänemark gut und erfolgreich war) diesmal alles richtig gemacht: Die Geschichte findet genau die richtige Balance zwischen individuellem Geschehen und universeller Gültigkeit, driftet nie ins Kitschige oder Pathetische ab, und Buch und Inszenierung treffen an so gut wie jeder Stelle die richtige Entscheidung. Klar gibt es auch mal etwas nackte Haut zu sehen, aber dem nahe liegenden Impuls, gleich eine wilde Sexszene folgen zu lassen, geben die beiden Filmemacher nicht nach. Ob sich zwischen Schwager und Schwägerin wirklich mehr abspielt als eine emotionale Verbundenheit, bleibt der Phantasie der Zuschauer überlassen, ebenso wie die Antwort auf die Frage, wie die Dreiecksbeziehung nach Ende des Films weitergehen mag.

Umso erstaunlicher, dass Bier mit demselben Autor – und wiederum Thomsen in einer Hauptrolle – auch den unsäglichen letztjährigen „In einer besseren Welt“ zu verantworten hatte, der nicht nur langweilig, sondern in seiner Arthouse-Verlogenheit auch teilweise richtig ärgerlich war. So sicher, wie sie in „Brodre“ immer den richtigen Ton trafen, lagen sie dort immer eine Oktave daneben. Bezeichnend ist natürlich, dass ausgerechnet ihr bisher letzter Film dann den Auslands-Oscar bekommen hat, obwohl mindestens drei ihrer früheren es so unendlich mehr verdient gehabt hätten. Ach ja, und Natalie Portman und Jake Gyllenhall mögen ja gute Schauspieler sein, wieso ich mir allerdings das US-Remake dieses fast perfekten Films angucken sollte, weiß ich allerdings wirklich nicht.