Mit ‘Video’ getaggte Beiträge

Plakatives Poster, aber mit grandiosen Rollenbeschreibungen; Abb.: Filmverlag der Autoren

Gabriele (Barbara Rudnik) ist Studentin, träumt von Australien, wo ihr Freund lebt, und arbeitet nachts, um die Reise dorthin zu finanzieren, in einer Peepshow. Ihr einziger echter Vertrauter in Hamburg ist ein Taxifahrer (Peter Kraus), den sie einmal in Australien getroffen hat. Der Geschäftsführer der Peepshow, Arnold (Armin Müller-Stahl), der zur Arbeit immer eine schlohweiße Vollhaarperücke aufzieht, ist heimlich in sie verliebt, was die an der Kasse sitzende Angestellte (Karin Baal) eifersüchtig macht, mit der er mal zusammen war und die ihn immer noch liebt. Aber die größere Gefahr kommt von einer ganz anderen Seite, denn die Peepshow ist nur Tarnung für das eigentliche Geschäft: Video-Piraterie. Als Arnold aussteigen will, hetzt ihm die Chefin des Business‘ (Gudrun Landgrebe im strengen Männeroutfit) ihren stummen Killer (Trio-Drummer Peter Behrens) auf den Hals.

Nachdem er bereits knapp 20 Jahre als Filmkritiker gearbeitet hatte, wechselte Hans C. Blumenberg 1984 die Seiten und inszenierte seinen ersten eigenen Spielfilm (vorher hatte er allerdings schon eine Vielzahl von Dokumentarfilmen gedreht). Seine filmischen Vorbilder und Vorlieben sind darin klar zu erkennen. 1984 war es in der Bundesrepublik tatsächlich noch möglich, fürs Kino einen Film Noir in Hamburg zu inszenieren, mit viel Atmosphäre, die wichtiger ist als die Story, die im Grunde nur aus Bruchstücken besteht und bis kurz vor Schluss nie so richtig in Gang kommt. Mit Stadtbildern, die auch in New York oder L.A. hätten entstanden sein können, einsamen Gestalten, die nachts durch neonbeleuchtete Straßen streifen, auf der Suche nach etwas Nähe und Wärme, nach einem freundlichen Wort oder eben dem Blick durch einen Wandschlitz auf eine sich entkleidende junge Frau.

Die Video-Piraten der echten Welt verkauften „Tausend Augen“ damals als „erotischen Thriller“, mit der halbnackten Barabra Rudnik auf dem Cover. Das ist natürlich Quatsch. Erotisch ist der Film höchstens in dem Sinne, in dem auch „Tote schlafen fest“ erotisch ist. Viel eher handelt es sich um einen mutigen Versuch, eine typische Genregeschichte zu erzählen, die dennoch in der deutschen Wirklichkeit verhaftet ist. Natürlich ist diese Geschichte larger than life, aber immer nur ein bisschen, so dass man sich vorstellen kann, dass sie sich vielleicht doch irgendwo im Hamburg der frühen 80er hätte ereignen können. Obwohl man sich ja heute auch kaum noch vorstellen kann, dass Video-Piraterie mal ein einnahmeträchtiges Verbrechen gewesen sein könnte!

Das Medium Videokassette ist aber noch auf einer anderen Ebene ständig präsent: Neben der Eingangstür zu Gabrieles Wohn-Hochhaus befindet sich nämlich eine Videothek mit dem Namen „Cine-Rent“, deren Leuchtreklame „VHS, Beta-Max, V 2000“-Filme verspricht. Dort treffen sich die Gestrandeten der Nacht: alte Frauen, die in den Regalen verloren nach Filmen aus ihrer Jugend suchen (Angestellte: „Alte Filme haben wir nur ganz wenige, die sind meistens in schwarz-weiß, und die gehen nicht mehr.“), junge Männer, die aus idealistischen Gründen Filme klauen (Wim Wenders in einer grandiosen Gastrolle: „Manche Films muss man einfach befreien.“), aber auch der Taxifahrer, um mit der Angestellten zu flirten.

Stilistisch ist „Tausend Augen“ brilliant: die nächtlichen Straßen, Rudnik in ihrem beleuchteten Swimming Pool, die melancholischen Lieder, die die Animierdamen in ihrem Aufenthaltraum singen und am Klavier spielen, um sich die Zeit zwischen ihren Auftritten zu vertreiben. Und dann diese SchauspielerInnen: Barabara Rudnik legte hier den Grundstein für ihre Karriere. Die Sehnsucht nach der Ferne liegt in jedem ihrer Blicke, eine große Verletzlichkeit in ihrem Gesicht, aber sie kann auch ganz tough aussehen, wenn sie als Gabriele die Männer mit ihrem Tanz verrückt macht. Dann Müller-Stahl, 50er-Jahre-Stars wie Peter Kraus (als slackerhafter Taxifahrer!) und Karin Baal an der Seite von 80er-Jahre-Star Gudrun Landgrebe, und dann noch Hannelore Hoger als Peepshow-Tänzerin! Wo sind die deutschen Filmemacher geblieben, die sich solch eine Besetzung trauen? Wo sind überhaupt die deutschen Filmemacher geblieben, die sich einen solchen Film trauen, mit unbedingtem Stilwillen und dem Mut zur ganzen großen Geste?

Die deutschen SchauspielerInnen, die das Zeug hätten, einen solchen Film zu tragen, gäbe es wohl immer noch, aber sie fristen meist ihr Dasein in Fernsehgastrollen, beim „Tatort“ und beim „Polizeiruf“ und ähnlichen Krimireihen, wo sie mal mehr und mal weniger von dem zeigen können, was sie drauf haben. Die Rudnik hat man später (etwa zeitgleich spielte sie auch in Dominik Grafs Motorradcliquen-Film „Treffer“) ja auch nur noch in TV-Filmen gesehen (so wie man heute ja auch nie Barbara Auer im Kino sieht oder meinetwegen Hannelore Elsner).

Wo ist die Tradition des deutschen Genrefilms geblieben, die es in den 80ern ja tatsächlich noch in Ansätzen gab, mit „Die Katze“, „Kaminsky“ und „Tausend Augen“? Ein Jahr später hat Blumenberg einen deutschen Samurai-Film gedreht! Warum hat nie jemand Jörg Fausers „Das Schlangenmaul“ verfilmt? (Irgendwie sehe ich beim zweiten Lesen immer Fassbinder als Detektiv vor mir.) Aber irgenwie wird diese Tradition hierzulande nicht mehr geschätzt. Ein Zeichen dafür ist auch, dass es „Kaminsky“ nicht auf DVD gibt und „Tausend Augen“ nur in der schweineteuren Filmverlag der Autoren-Box, zusammen mit Hundert anderen Filmen (oder für sagenhafte 55 Euro als altes VHS bei Amazon). Wobei letzteres beim Thema Videopiraten wohl die passendere Ausgabe wäre.

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Wo sind all die Trägermedien hin?

Veröffentlicht: 6. Juni 2011 in Film, Musik
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Aus einer Film-Kolumne in der (letzten Ausgabe der) Fachzeitschrift „Comixene“ von 1981: „… findet die Funkausstellung in Berlin statt, d.h. u.a.: Videoschlacht. Während sich die einen noch um die Marktanteile ihrer Systeme und Bänder schlagen, wird auf der anderen Seite offiziell die Bildplatte eingeführt.“

Abgesehen davon, dass ich deren Einführung auf etwa zehn Jahre später geschätzt hätte: Heute weiß ja kaum noch jemand, was eine Bildplatte überhaupt ist. Ich hatte genau einmal solche Dinger in der Hand bzw. in einen Player geschoben, damals während meiner Berufsausbildung. Im BIZ gab es nämlich solche Player, auf denen Schülern kurze Infofilme über Ausbildungsberufe gezeigt wurden. Und ich musste da mal einen Vormittag lang mit einem Kollegen den DJ spielen. Oder VJ? Da kamen dann auch mehrere 14-jährige Jungs, die unbedingt den Infofilm „Hebamme“ sehen wollten. Die schickten wir dann mit freundlichen, aber bestimmten Worten und kritischem Blick wieder weg. Wir waren ja schließlich das BIZ, nicht die Pornovideothek.

Ansonsten kannte ich genau einen Menschen, der (noch vor ein paar Jahren) Bildplatten aka Laserdiscs oder Videodisks sammelte. Einen schönen Gag zum Thema gibt es in Michel Gondrys „Be kind rewind„: Der Videotheksangestellte versucht telefonisch, eine VHS-Kopie von „Ghostbusters“ aufzutreiben. Aber alle haben nur noch DVDs. Man hört ihn dann ins Telefon sagen: „Das Gleiche haben sie damals über die Laserdisc auch gesagt.“

Gondrys Film ist eine herrlich nostalgische Hommage an die VHS-Kassette und das Videozeitalter. Ich bekam zeitweise richtig Lust, eine VHS-Videothek zu eröffnen. Das wäre auf jeden Fall eine Marktlücke, aber wahrscheinlich keine, die groß genug wäre, um als Geschäftsmodell zu taugen. Ich kam mir schon sehr nostalgisch vor, als ich neulich die Videos zurückspulte, die ich mir aus dem Archiv meiner Lieblings-Arthousevideothek bestellt hatte. Davor war es zumindest fünf Jahre her, seit ich das bei einem Leihvideo das letzte Mal gemacht hatte. Vorbei auch die Zeiten, wo die Angestellten nach der Rückgabe die Hülle öffneten, um zu kontrollieren, ob man den Film auch zurückgespult hatte. Heute gucken sie in den Kommerzvideotheken immer, ob die DVD zerkratzt ist. Dabei sagt das meistens gar nichts über deren Zustand aus.

Mit den sich immer schneller ablösenden Trägermedien gehen ja nicht nur deren spezifische Eigenheiten verloren, sondern auch ganze Kulturtechniken. In den 70ern wussten die meisten Familienväter noch, wie man eine Filmspule in einen Projektor einlegt. Einfach, weil jeder, der etwas auf sich hielt, einen Super 8-Projektor im Schrank stehen hatte. Ich hingegen bin da vor ein paar Jahren gnadenlos dran gescheitert. Wenn ich heute einem 14-Jährigen erklären würde, wie ich mal eine VHS-Kassette mit Bandsalat aufgeschraubt und repariert habe, würde der mich wahrscheinlich auch für verrückt erklären.

Super 8, Video 2000, Beta Max, VHS, Laserdisc, DVD, HD-DVD, BluRay: Das sind allein die Formate, die ich in meinen 36 Lebensjahren so mitbekommen habe. (Selbst besessen habe ich allerdings nur zwei davon, ich gehöre nicht zu den Leuten, die jeden neuen Hype mitmachen müssen. Oder anders gesagt: Ich bin ein very late adopter. Ich habe auch seit meinem 16. Geburtstag immer einen Plattenspieler besessen.)

Die Vinyl-Schallplatte ist ja irgendwie nicht tot zu kriegen und hat in den letzten Jahren eine richtige Renaissance erlebt. Andere veraltete Medienträger werden hingegen nur noch von einigen Hardcore-Nerds hochgehalten. Dabei war der Walkman damals eine Revolution! Und neben selbst erstellten Mixtapes gab es ja auch (semi-)professionelle Kassettensampler. Schon mal von C 86 gehört? Der ist ja heute noch legendär. Oder die deutschsprachigen Kassettensampler, auf denen Distelmeyer, la Hengst  & Co. ihre ersten Songs veröffentlicht haben.

Gondry hat wohl über seinen Film gesagt, er habe nichts gegen neue Systeme, er habe nur etwas gegen den Druck, man müsse sie unbedingt haben. Ist es wirklich ein Zufall, dass kurz nach Einführung der digitalen Filmmedien die ganze Videothekenkultur weitgehend den Bach runter ging? VHS-Tapes konnte man nicht rippen und ins Internet stellen. Raubkopieren war damals noch echt gefährlich und kein wirklich erfolgversprechendes Geschäftsmodell. Statt größerer Vielfalt gibt es heute zumindest im Leihgeschäft immer mehr vom Immergleichen. Auch darauf geht Gondrys Film sehr schön ein, etwa wenn Mr. Fletcher, der altmodische Videothekar, Feldstudien in einer Filiale einer Kommerz-Videothekenkette betreibt: „Statt großem Titelangebot mehr Kopien von einem Film.“; „Nur noch zwei Abteilungen: Action-Adventure und Komödie.“ Alles, was nicht in diese Kategorien oder unter Horror fällt, steht hier bei WoV unter Unterhaltung.

Ich würd jetzt aber doch mal gerne die „unverhüllten Parodien“ sehen, die in der „Comixene“-Kolumne  angekündigt werden, vor allem „Boschwanza“ und „Prinz Eisenschwanz“. Aber die entsprechenden Bänder dürften sich inzwischen weitgehend aufgelöst haben.