Mit ‘Western’ getaggte Beiträge

Es passiert nur ganz selten, dass ich irgendwo mitbekomme, dass ein Prominenter gestorben ist und mich das dann trifft wie ein Schlag. Zu oft betreffen diese Nachrichten Künstler, die entweder gar keine richtigen waren oder die ihre besten Zeiten schon so lange hinter sich hatten, dass ihr Ableben zumindest künstlerisch kein Verlust ist. Ganz anders bei Moebius, dem wohl größten zeitgenössischen Comickünstler, der am Samstag in die ewigen Jagdgründe eingegangen ist (man verzeihe mir das Wortspiel, aber er hat die indianische Kultur sehr geliebt, wie man seinen „Blueberry“-Alben immer wieder entnehmen kann). Nicht nur, dass mich seine Comics seit mehr als 20 Jahren begleitet haben, auch die Vorstellung, nie wieder etwas Neues von ihm lesen zu können, ist vermutlich vergleichbar mit der Vorstellung, nie wieder eine neue Dylan-Platte zu hören.

Nach Franquin und den großen Altmeistern der Disney-Comics, Barks und Gottfredson, dürfte Moebius alias Jean Giraud der Zeichner sein, von dem ich die meisten Comics gelesen habe – im Wesentlichen alle seine Hauptwerke von Arzach über John Difool bis zu den Sternenwanderern. Dazu viele Kurzgeschichten und Fragmente, die in der Carlsen-Reihe „Universum der Wunder“ gesammelt waren oder in alten „Schwermetall“-Heften verstreut sind. Und dann natürlich Blueberry, den ich leider nie in der richtigen Reihenfolge gelesen habe, das (scheinbar) endlos dahinmäandernde Westernepos, mit dem er (zusammen mit oder trotz?) dem Szenaristen Charlier in den 70ern den europäischen Abentuercomic quasi alleine in die Moderne geführt hat (und das, entgegen gängiger Fanmeinungen, in meinen Augen immer besser wurde, je weiter sich Giraud nach dem Tod seines Partners von dessen Erzählmustern löste).

Der edle Nordstaaten-Leutnant, dem seine moralischen Überzeugungen immer wichtiger sind als die Befehle seiner Vorgesetzten und der dadurch in immer neue Schwierigkeiten gerät (und bei dem man sich des Öfteren fragt, warum er eigentlich überhaupt in die Armee eingetreten ist). Der schließlich selbst zum vom Staat Gejagten und Vogelfreien wird, nachdem er zu Unrecht verdächtigt wurde, einen Anschlag auf den Präsidenten geplant zu haben. Der innerlich zerrissen wird zwischen der Freundschaft zu einem Indianderstamm und der Solidarität mit seinen Armeekameraden. Und der sich im letzten von Giraud gestalteten Zyklus „Mr Blueberry“ einfach aus allem ausklinkt, nur noch pokernd im Saloon von Tombstone herumsitzt und seinen eigenen Mythos sukzessive zerstört. Den „Blueberry 1900“, den Giraud immer noch machen wollte, werden wir nun wahrscheinlich nicht mehr zu sehen bekommen, aber auch „Mr Blueberry“ ist ein würdiger Abschluss für eine Serie, die in jeden Kanon der wichtigsten Comics aller Zeiten gehört.

Genauso wie „John Difool“, der sechsbändige Zyklus um einen abgehalfterten Privatdetektiv in einer monströsen Megacity der Zukunft, der mehr aus Versehen zur Schlüsselfigur des ganzen Universums wird. Szenarist Alexandro Jodorowsky verknüpfte hier den Tonfall und die Motive des Film Noir mit einer überbordenden SF-Welt, die Moebius unnachahmlich in Szene setzte (wobei einige der Einfälle schon im von Dan O’Bannon geschriebenen Vorgängerwerk „The Long Tomorrow“ steckten). Sagen wir mal so: Ohne John Difool wäre Ridley Scotts „Blade Runner“ nur schwer vorstellbar (und George Lucas‘ Stadtplanet Coruscant in Episode II überhaupt nicht). In John Difool tauchte auch der weiße Vogel wieder auf – als witziger Sidekick Dipo, die Betonmöwe -, den Moebius schon in einem seiner ersten SF-Comics etablierte: In den wortlosen Kurzgeschichten – wobei Geschichten auch das falsche Wort ist, denn rein narrativ passiert in ihnen nicht allzu viel – um Arzach. Dieser „Held“, der in jeder Story einen anderen Namen trägt, fliegt auf einem großen weißen Vogel durch eine Fantasywelt, in der alles möglich erscheint. Was auch für die frühen Werke gilt, die Giraud unter seinem bekannten Pseudonym gezeichnet hat. Die Maßstäbe der Logik darf man an diese Werke nie anlegen, was zählt, ist der Flow und die ständige Überraschung.

In den letzten Jahren hat sich Moebius bei seinen fantastischen Comics eher wiederholt, indem er seine alten Figuren in neue Abenteuer führte, die nicht mehr an die Urwerke anknüpfen konnten, während er als Giraud mit seinem Blueberry alle Grenzen hinter sich ließ. Vielleicht lag das daran, dass es im 21. Jahrhundert längst viel verwegener wirkte, einen realistisch gezeichneten Westerncomic zu machen als abgefahrene SciFi-Alben. Jan Kounen hat vor mehr als zehn Jahren in seinem Film versucht, beide Welten zusammenzubringen: den klassischen (Italo-)Western, den die Blueberry-Comics feiern, und die esoterisch-drogengeschwängerten Ideen und Bilder der Moebius-Comics. Die Fans der Serie mochten das überhaupt nicht, Giraud selbst fand es wohl großartig. In deutschen Nachrufen wird er oft darauf reduziert, dass er viele Filme beeinflusst habe und auch selbst an SF-Kinoklassikern mitwirkte (meist nur durch Kostümentwürfe oder Storyboards). Das zeigt, dass der Comic hierzulande immer noch nicht als vollwertige Kunstform anerkannt ist. Sonst würde man Girauds Werk einfach für sich sprechen lassen und schreiben: Wenn Sie es noch nicht getan haben, lesen Sie seine Bücher. Sonst haben Sie echt etwas verpasst.

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Ich hab zurzeit irgendwie so eine Westernphase, weiß auch nicht genau, warum. Teilweise ist es Zufall, dass im Fernsehen und Kino einige interessante liefen, teilweise stolperte ich über billige DVDs von älteren Filmen. Außerdem fand ich Morricones Musik in „Fistful of Dynamite“ so toll, dass ich mir den Soundtrack runterladen musste. Gestern erstand ich auf dem Trödelmarkt dann noch eine holländische Vinylpressung von „Spiel mir das Lied…“, verzeihung, ich meinte natürlich: von „Het gebeurde in het westen“. Auf beiden Soundtracks schafft es Morricone im Wesentlichen, mit drei Melodien auszukommen (na gut, es sind schon vier bis fünf, aber jeweils nur zwei, die wirklich prägend sind und immer wieder variiert werden). Trotzdem großartig, wobei mir „Fistful of Dynamite“ tatsächlich noch besser gefällt. Meiner Meinung nach ist Morricone ja ein größerer Komponist als Mozart, ich muss aber auch gestehen, dass ich von E-Musik nicht viel Ahnung habe.

Ein weiterer Trödelmarktfund aus dem Westerngenre: „Westwärts zieht der Wind“ aka „Paint your Wagon“, ein weiterer Schritt bei meiner Erschließung des Gesamtwerks von Clint Eastwood. Die Meinungen über diese (Western-)Musical-Adaption von 1969 gehen auseinander. Entweder man liebt sie oder man hasst sie. Ich tendiere eher zu ersterem, auch wenn der Film mit seinen mehr als 2 1/2 Stunden (allerdings inklusive einer ca. dreiminütigen Pause, die durch eine Einblendung mit Musikuntermalung überbrückt wird) deutliche Längen hat. Hier wäre eine Straffung um eine halbe Stunde deutlich mehr gewesen.

Überrascht war ich von der Qualität der Songs: die sind durchgehend klasse, richtige Gassenhauer mit Ohrwurmpotential. Die schnelleren Stücke sind zudem so kraftvoll und voller Spielfreude der Sänger/Schauspieler inszeniert, dass man am liebsten aufspringen und mitsingen möchte. Eastwood macht seine Sache als Sänger erstaunlich gut. Er hat zwar keine besonders große stimmliche Breite, aber im Grunde eine recht schöne Singstimme und verfehlt auch nie den Ton. Allein dafür, Eastwood mit einer Gitarre in der Hand traurige Liebesballaden singen zu hören, lohnt sich im Grunde der Film. Stimmlich noch interessanter ist aber der eigentliche Hauptdarsteller, Lee Marvin. Sein „Wandr’in Star“ ist ja dann auch der einzige Song des Films, den man noch heute kennt.

Nicht besonders viel Sinn macht die Story, die auch keinen rechten roten Faden hat, sondern eher eine episodenhafte Struktur. Erzählt wird von einer Gruppe von Goldsuchern, die irgendwo in Kalifornien eine Ader entdecken. Daraufhin wächst rund um den Fluss eine Stadt immer weiter. Das wird sehr schön veranschaulicht: Erst sind es nur Zelte, dann ein paar provisorische Hütten, schließlich wird es eine richtige lebendige Stadt mit Saloons, Bordellen, Geschäften usw., bis am Schluss alles wieder genauso schnell im Erdboden versinkt oder zusammen bricht, wie es entstanden ist. Die Bewohner ziehen weiter, auf zu neuen Goldadern und neuen Abenteuern; der Pioniergeist des jungen Amerika ist hier noch ganz ungebrochen.

Die Handlung selbst ist bewusst slapstickhaft und oft ziemlich abstrus: Wenn ein Mormone vorbei kommt, der gleich zwei Ehefrauen hat, wird selbstverständlich die jüngere gleich meistbietend unter den Goldsuchern versteigert – gefragt wird sie nicht und jeder, einschließlich des ursprünglichen Ehemanns findet das ganz normal. Wenn es zuwenige Frauen in der Stadt gibt, überfällt man halt eine Kutsche, die sechs Huren in eine Nachbarstadt bringen soll – und baut ihnen gleich selbst ein Bordell. Vor allem wird hier ein völlig freies, selbstbestimmtes Leben propagiert, frei auch von gesellschaftlichen Zwängen, von in der Zivilisation herrschenden moralischen und religiösen Werten. Wenn eine Frau zwei Männer gleichzeitig liebt, spricht hier an der frontier nichts dagegen, dass sie mit beiden das gleiche Haus teilt. Pietistische Farmer von außerhalb werden mit ihren Einwänden ebenso wenig ernst genommen wie ein Pastor, der natürlich auch nicht lange auf sich warten lässt.

Aber am Ende war alles eben doch nur eine kurze Zeit der Unbeschwertheit, auf Dauer ist dieses Leben nicht ausgelegt. Wie der Wanderstern, unter dem Lee Marvins Figur angeblich geboren wurde, müssen auch die Pioniere weiterziehen, wenn der Winter einbricht.

„Paint your Wagon“ nach dem Musical von Lerner und Loewe, einem Texter/Komponisten-Gespann, das u.a. auch „My Fair Lady“ geschrieben hat, ist eine große Hollywood-Produktion, was man auch ständig merkt. Bei den Musiknummern wird nicht gekleckert, sondern geklotzt, da tanzen auch gerne mal Dutzende von Statisten im Hintergrund rum. Und am Ende wird die gesamte Stadt in einer gigantischen Materialschlacht dem Erdboden gleichgemacht. Damals wollte das alles wohl kaum jemand sehen und hören (und einen sanft singenden Eastwood schon gar nicht), heute macht es einfach nur Spaß. Wo sonst bekommt man schon mal einen Bullen zu sehen, der in einer Goldmine durchdreht?