Mit ‘Zeitung’ getaggte Beiträge

Ergebnisse sonntäglicher Lektüre im Café:

1. WAZ-Geschäftsführer Bodo Hombach scheint jetzt endgültig am Rad zu drehen. Nachdem diese Woche bekannt gegeben wurde, dass seine Zeitungsgruppe 300 Leute entlässt (die Unternehmensberatung hatte nur 275 empfohlen), findet er noch genug Zeit, einen 2 1/2-seitigen Artikel für „Cicero“ zu schreiben, indem er den Niedergang des Tageszeitungsjournalismus beklagt. Sein Fazit:

„Seitdem immer mehr Menschen einen immer größeren Anteil der Welt nur noch über die Medien erfahren, entscheiden diese über die gefühlte Bedeutsamkeit eines Themas. Das ist eine tägliche Herausforderung und eine tägliche Verantwortung. Da provozierte einer: „Du hast dir nichts vorzuwerfen. Deine Zeitung ist immer noch gut. Nur deine Leser wurden schlechter.“ Treue Gefolgschaft ist aus der Mode. Es gibt immer mehr „Laufkunden“. Viele leben auf Probe, flüchtig, bis zum Widerruf.“

Genau, wenn weniger Leute eine Zeitung kaufen/abonnieren, ist nicht die Qualität der Zeitung daran schuld, sondern der Leser, der zu blöd ist zu erkennen, was für ein Wahnsinnsqualitätsprodukt doch diese wunderbare Zeitung ist! Und ich habe immer gedacht, in einer Marktwirtschaft wäre es das gute Recht des Kunden, zu einem anderen Produkt zu wechseln, wenn ihm das alte nicht mehr gefällt. Mit der Logik Hombachs darf ich auch nicht meine Zahnpastamarke wechseln, sondern muss der alten auf ewig die Treue halten, auch wenn sie inzwischen nach Rhizinusöl schmeckt statt nach Pfefferminz.

Außerdem beklagt Hombach, dass immer mehr Redakteure dazu neigen, auf die Wünsche von Werbekunden einzugehen. Anscheinend hat der Mann keinen blassen Schimmer, was in seinem eigenen Verlag vor sich geht, in dem ganze Beilagen in externe Redaktionsbüros ausgegliedert werden, die dann Werbekunden-freundliche Artikel schreiben. Die ganze WAZ-Gruppe kann ich inzwischen nicht mehr ernst nehmen.

2) Niklas Maas trauert in der FAS (leider nicht online) der vertanen Chance nach,  in Deutschland eine  Zeitschrift zu machen, die der amerikanischen „Vanity Fair“ entspricht: anspruchsvolle Reportagen und bunter Lifestyle in einem Heft. Die deutsche VF sei dies am wenigsten gewesen, was aber nicht an unserem Land, sondern an der Konzeptlosigkeit und personellen Unterbesetzung der Redaktion gelegen hätte. Wir träumen also alle weiter und fragen uns bis dahin, warum Maas es denn nicht selbst versucht, wo doch seine Argumentation zu 95 Prozent richtig ist (wahrscheinlich aus dem gleichen Grund, aus dem ich keine Zeitschrift aufmache: no money). (Die 5 Prozent, wo er falsch liegt, sind übrigens die Behauptung, Heike Makatsch hätte das Zeug zum Star. Tut mir leid, aber wer den Trailer zu „Hilde“ sieht, bekommt nicht diesen Eindruck, sondern den, dass Makatsch nicht schauspielern kann und die Zeit der deutschen Weltstars seit mindestens 60 Jahren vorbei ist.)

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Wunschzeitung frisch auf den Tisch

Veröffentlicht: 21. Februar 2009 in Journalismus, Print, Radio
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Wovon nicht nur ich träume, ist in der Schweiz zzt. schon Wirklichkeit – allerdings nur für 100 Testkunden: eine personalisierte Tageszeitung frisch in den heimischen Briefschlitz zu bekommen. WDR5 berichtete gerade über das Projekt der Schweizer Post. Die Leser können sich im Internet aus 20 verschiedenen nationalen und internationalen Zeitungen ihre Wunschzeitung täglich neu zusammenstellen, die dann individuell für sie gedruckt wird. Hätte ich auch gerne, dann würde ich sogar eine Tageszeitung abonnieren: die SZtazFAZ, wenn möglich noch mit einer Prise ZEIT dazu. Als Kultursüchtiger würde ich mir die Feuilletons all dieser Titel wünschen, dazu die Seite Drei und die Wochenendbeilage aus der Süddeutschen, die Schwerpunktseiten aus der taz und das taz.mag und vielleicht noch den ein oder anderen Reportage- oder Featuretext aus der ZEIT. Ach, wär das schön…

„Die Idee der WAZ-Strategen dabei lautet, dass diese streng konservative Berichterstattung nur ein wenig ‘gebrandet’ werden müsse – und schon ginge sie auch einem Traditions-Sozen runter wie dem Katholiken seine Oblate. Mit Verlaub – einen solchen Bullshit kann sich wirklich nur ein Marketing-Mensch ausgedacht haben, der noch nie selbst einen Artikel verfasst hat, der daher auch Meinungen für bloße Waren hält, die man beim Eintritt ins Büro beim Pförtner abgibt….Ein Redakteur, gerade weil auch er nur einen Kopf hat, der kann nicht morgens fürs Neue Deutschland schreiben und abends für den Bayern-Kurier. Oder aber ein solch täglich verlangter Persönlichkeitswechsel würde ihn auf direktem Weg in den Suff führen, in die Psychiatrie oder gar in die Public Relations …“

Klaus Jarchow über die Pläne der WAZ-Gruppe, die Lokalteile der bürgerlichen Westfalenpost und der SPD-nahen Westfälischen Rundschau in Zukunft von nur noch einer Redaktion schreiben zu lassen. Sieht seit Monaten so aus, als habe die WAZ es noch eiliger, sich ihr eigenes Grab zu schaufeln, als andere Regionalzeitungen.


Dieses Motto scheinen sich die Zeitungsverleger in unserem Land zueigen gemacht zu haben. Der Zeitungsverlegerverband NRW fordert von der Landesregierung eine „Bestands- und Entwicklungsgarantie“ für die Verlage, entnehmen wir heute der Rheinischen Post. „Unsere Zeitungen werden täglich von 73 Prozent der Bürger gelesen“, klopft sich Verbandschef Bauer selbst auf die Schulter. Dass zwei Drittel der Nordrhein-Westfalen die Wahl zwischen mindestens zwei Lokalzeitungen haben, feiert er ernsthaft als Errungenschaft. Klar, gegenüber der DDR ist das ein Fortschritt an Meinungsvielfalt. Während realistischere Insider bereits das Ende der traditionellen Tageszeitung in fünf bis zehn Jahren vorraussagen, denkt man sich in NRW wohl: „Ich mache mir die Welt, widdewiddewie sie mir gefällt.“ Nichts hören, nichts sehen, nur Luftblasen und absurde Forderungen an die Politik absondern.

Im Lokalteil finden sich dann gleich zwei Artikel über irgendwelche Gruppen, die die RP-Druckerei besichtigten: Azubis, die jetzt auch sechs Monate kostenlos die RP bekommen, um endlich mal mitzubekommen, was in der weiten Welt so alles passiert, sowie „Mitglieder des IVD Immobilienverbandes West“, was immer das auch sein mag. Abgesehen von der Frage, ob es eine wichtige Information ist, wenn irgendwer die Zeitung besucht hat, die man gerade liest: Wieviel Selbstbeweihräucherung passt eigentlich auf 32 Zeitungsseiten?

Wenn man das ernsthaft für guten Journalismus hält und einem außer Eigen-PR keine anderen Maßnahmen gegen den Auflagenschwund einfallen, werden die angeblichen 73 Prozent aus der Statistik wohl schneller dahinschmelzen als das Packeis in der Antarktis.

Einen schönen Bericht über den schleichenden Niedergang der Zeitungslandschaft in Mecklenburg-Vorpommern gab es übrigens in der letzten Ausgabe des NDR-Medienmagazins „Zapp“.

Überschrift: aus Rio Reisers „Blinder Passagier“

Jo, is denn heut scho Freitag?

Veröffentlicht: 5. Februar 2009 in Online, Print
Schlagwörter:, , , ,
Auch die Anzeigenkampagne ist clever: Der Freitag wirbt für seinen Relaunch

Auch die Anzeigenkampagne ist clever: Der Freitag wirbt für seinen Relaunch

Heute ist er also da, der ge-relaunchte „Freitag“, der jetzt ein „Meinungsmedium“ sein will. Auch die komplett umgestaltete Homepage ist nun online, und nichts erinnert dort mehr an den zwar funktionalen, aber doch sehr spartanischen Online-Auftritt von vorgestern. Eine Community will man nun sein, möglichst viele sollen mitmachen und nicht nur Artikel kommentieren, sondern auch selbst auf der Plattform bloggen. Viele scheinen auf letztere Möglichkeit tatsächlich sehnsüchtig gewartet zu haben, denn die Blogs sprießen da hervor, wie sonst nur Pusteln nach einer Windpockeninfektion.

Ein Neublogger hat es geschafft, in zweieinhalb Stunden fünf Einträge zu schreiben, und zwar zwischen 5 Uhr und halb 8 heute morgen. Auch Chris von FIX!MBR ist wohl schon extra um 5 Uhr 30 aufgestanden, um sein neues Freitag-Blog zu eröffnen. Einen fast paradigmatischen Querschnitt verschiedener Bloggertypen bieten drei gerade, zum Zeitpunkt, wo ich diesen Eintrag schreibe,  aktuell oben stehende Einträge: einer wollte schon immer mal bloggen, hat aber nicht mehr mitzuteilen, als dass er seine Wäsche abnehmen muss, ein anderer startet bei freitag.de sein Zweitblog, und A-Blogger Sascha Lobo ist durch eine missverständliche Benutzerführung gar zum unfreiwilligen Bloginhaber geworden.

So, das  Ganze hört sich nun noch etwas kritisch an; ich möchte aber ausdrücklich betonen, dass ich der Sache sehr aufgeschlossen und positiv gegenüber stehe. Was Verleger Augstein im Vorfeld so von sich gegeben hat, lässt erkennen, dass der Mann sein Geschäft versteht und (im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen) erkannt hat, dass auch eine Wochenzeitung sich ändern muss, um im Internetzeitalter bestehen zu können. Die politische Richtung, in die er die Zeitung führen will, gefällt mir ebenso.

Und die neue „Freitag“-Ausgabe, die erste übrigens, die ich jemals für Geld erstanden habe, gefällt mir insgesamt sehr gut: gefälliges Layout, interessante Themenmischung, einige gute frische Ideen. Die Glossen und Kolumnen sind überwiegend tatsächlich lustig oder bewegend, der Obama-Comic ist klasse, die Idee, in Zusammenarbeit mit dem Perlentaucher eine ganzseitige internationale Presseschau der letzten Woche zusammenzustellen, großartig. Minderheitenthemen wie Graphic Novels werden große Artikel gewidmet, und ein Essay zum Wesen der Musik, gerade im Zeitalter ihrer tonträgerlosen Verbreitung, trifft genau den Punkt. Leider konnte ich diesen nicht hier verlinken – ich habe ihn auf freitag.de schlicht nicht gefunden. Das ist mein erster großer Kritikpunkt: Bisher konnte man die komplette Zeitung auch online lesen, jetzt anscheinend nur noch ausgewählte Artikel. Ansonsten lautet mein erstes, vorsichtiges Urteil: Experiment gelungen.

Nachtrag: Der zweite Kritikpunkt, den ich gestern vergessen habe: freitag.de hat jetzt auch Bildergalerien. Argh! Hat’s das wirklich gebraucht? Aber ohne geht’s wohl nicht mehr, wenn man ein erfolgreiches Online-Portal machen will.

Selbstzitat des Tages

Veröffentlicht: 1. Februar 2009 in Print
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Ein Grund, warum das Medium „gedruckte Tageszeitung“ in der jetzigen Form keine Zukunft hat:

Man kann gar nicht so viel Fisch einwickeln, wie man jeden Tag Zeitungspapier im Briefkasten hat.