Lars von Triers verstörendes Märchen: Wer ist der „Antichrist“?

Veröffentlicht: 17. September 2009 in Film
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Was war nicht schon alles im Vorfeld über Lars von Triers neuen Film „Antichrist“ zu lesen und zu hören? Dass es Kastrations- und andere detaillierte Gewaltszenen gebe, wusste man als deutscher Kinogänger schon seit der Cannes-Berichterstattung. Kurz vor dem Deutschlandstart druckten sowohl epd-Film als auch Cargo mehrseitige Analysen des Films ab (in Cargo übrigens von Elfriede Jelinek), die interessanterweise zu ziemlich gegensätzlichen Ergebnissen kommen. In epd-Film wird von Triers Film als frauenfeindlich und tief katholisch bezeichnet, Jelinek sieht das wohl ganz anders, wobei ihr Text auch nicht so richtig erhellend ist.

Die komplette Story war mir also (leider) schon mehr oder weniger bekannt, bevor ich den Film sah. Die Analysen helfen mir aber alle nicht so recht weiter. Von Trier entzieht sich einer eindeutigen Interpretation, und das ist vielleicht auch besser so. Es ist ein Zwei-Personen-Stück, dass er in einem deutschen Wald inszeniert hat: Nachdem ihr kleiner Sohn durch einen Fenstersturz ums Leben gekommen ist, während die Eltern Sex hatten, will der Ehemann, ein Therapeut, seine verzweifelte Frau dadurch therapieren, dass er sie mit ihrer größten Angst konfrontiert: Die hat sie vor der Natur. Also nimmt er sie mit in eine abgelegene Hütte im Wald, wo sie schon bald durchdreht und sich mit unglaublicher Gewalt gegen ihren Mann wendet.

Von Trier erspart seinen Zuschauern nichts: verzweifelten Sex, seltsame ungeschönte Masturbationsszenen, Gewalt-Pornografie in Reinform. Willem Dafoe, vor allem aber Charlotte Gainsbourg geben alles, was sie schauspielerisch zu bieten haben. Es ist erstaunlich, wie von Trier es immer wieder schafft, gerade weibliche Schauspieler bis an ihre Grenzen und noch darüber hinaus zu treiben; man denke nur an Björk in „Dancer in the Dark“. Darüber hinaus ist er einer der stilistisch interessantesten Regisseure der Gegenwart. In „Antichrist“ hat er sich von den selbst auferlegten Beschränkungen seiner letzten Filme gelöst, es gibt keinen Dogma-Stil und keine spärlichen Kulissen mehr. Stattdessen erschafft er mit Filtern und optischen Verfremdungseffekten eine geheimnisvolle, ebenso schöne wie bedrohliche Waldwunderwelt.

Aber was will er uns mit den ganzen inhaltlichen und visuellen Zumutungen sagen? Die rein psychologische Interpretation liegt nahe, zumal im Film selbst von Freud gesprochen wird und es auch Anspielungen auf die Ödipus-Sage gibt. Also Schuld durch Sexualität, die nur durch die Ermordung des Mannes und die Selbstkastration der Frau wieder getilgt werden kann.

Aber so einfach macht es uns von Trier  nicht: Sein ganzer Film ist ein Märchen, in dem unerklärliche Dinge passieren (nicht nur, was das Verhalten der Frau angeht), in dem Tiere sprechen und von den Toten auferstehen, in dem die ermordeten Frauen der Jahrhunderte einen Berg hinauf ziehen. Die Frau selbst identifiziert sich mit den Hexen, über die sie in eben jener Hütte ihre Dissertation schreiben wollte. Das legt wieder die Interpretation nah, dass von Trier ein Frauenfeind ist (was wahrscheinlich klingt, hat er doch vorher in mindestens drei Filmen eine Frau als Leidende gezeigt, nur dass die Frau diesmal halt nicht das Opfer ist, sondern die Furie) und die Aussage des Films: Die Frauen sind von Natur aus irrational, die Männer rational (Willem Dafoe verkörpert als Therapeut das wissenschaftliche, das rationale Prinzip). Und weil das Irrationale gefährlich ist, muss die Frau getötet werden, damit der Mann in Ruhe weiter leben kann.

So kann man den Film interpretieren – muss man aber nicht. Denn wer ist eigentlich der Antichrist des Titels, warum hat die Frau ihrem Sohn immer die Schuhe an die falschen Füße gezogen? Ist nicht vielleicht die Welt schon längst an den Antichrist gefallen und die Frau hat nur versucht, dem etwas entgegenzusetzen, die Welt quasi umzudrehen? Verkörpert nicht vielleicht vielmehr der Mann, der so gar nicht um seinen Sohn zu trauern scheint, das Böse? Ist sein scheinbar so rationales Verhalten angesichts des erlittenen Verlustes wirklich so rational?

Fragen über Fragen, die sich nur jeder selbst beantworten kann. Man kann das Ganze auch als provokanten Humbug abtun. Aber damit würde man von Trier wahrscheinlich weit unterschätzen.

Kommentare
  1. Max sagt:

    Sry, aber Tiers in einem sexistischen Licht darzusztellen ist sehr gewagt. Die Primäre handlung und das Spiel mit der menschlichen Psyche sind doch ein sehr gelungener Mittelpunkt, der einen noch Tage beschääftigt

    • carl sagt:

      Hmmm. dieMetapher ist doch sehr eindeutig.
      Zum einen geht das Paar nach „Eden“ also zurück zum Ursprung des Sündenfalls.

      Der mann versucht sich rational der frau zu nähern, was aber misslingen muss, da er das Wesen der Frau nicht durchschaut. Der Mann hat die besten Absichten, er versucht, seiner Frau zu „helfen“… begreift aber nicht, daß die Frau den Sohn mit Absicht opfert.

      Erklärbar wird dies in der Rückblende, die die Sexscene wiederholt, und aufzeigt, daß die Frau mit kühlem Interesse während sie Sex mit ihrem Mann hat, beobachted hat, wie der Sohn aus dem Fenster fällt.

      Die 3 Bettler sind ein Metapher zu den drei Weisen aus dem Morgenland.
      In einer verkehrten Welt, in der die Frau das ( heimliche) Sagen hat, sind die Weisen( Die Weisheit) zu Bettlern geworden.

      Die verkehrt angezogene Schuhe bedeuten, daß die Frau schon die Söhne verbiegt, und ihnen einen falschen Weg in die Welt hinaus weist.( Ähnliche Metapher wie dem Biss in den Apfel, in der Bibel)

      Die Frau kann den Mann nur dadurch beherrschen, indem sie ihn über ihr wahres Wesen im Unklaren lässt.
      Deshalb muss sie zur Lüge greifen( wie schon in der Bibel dargestellt)
      Der Mann will der Frau helfen, aber die Frau hat nur materialistische sexistische Absichten mit dem Mann. Der Mann ist nicht in der Lage, die Schlechtigkeit seiner frau in ihrer Totalität zu verstehen, deshalb kommt er erst sehr spät dahinter, daß sie versucht ihn seelisch, geistig moralisch zu korrumpieren.

      Die Lehre, die man aus dem Film ziehen kann ist: man kann den verkehrten ( bösen)
      W i l l e n eines Menschen nicht therapieren. Die frau ist rationalen Argumenten unzugänglich
      ( deshalb konnte Freud auch nie rausfinden, wer oder was die Frau eigentlich ist.

      Trier ist ein film gelungen der völlig w a h r ist.
      Deswegen ist Trier ein Genie.
      Kein Wunder dass er Depressionen gekriegt hat, aber er hat da was inszeniert, das Folgen haben wird.

      Die Frau IST der Antichrist. Kein Zweifel.

      • Robbin sagt:

        In dem Film wird laut Carl die Frau als Sinnbild des Antichristes genommen…ich gehe davon aus, dass es anders herum (also mit dem männlichen Geschlecht) genauso funktionieren würde…
        alleine hirnpsysiologische untersuchungen haben ergeben, dass weiblichkeit und männlichkeit nicht von den Geschlechtsmerkmalen unterschieden werden kann, sondern, dass es auch Männer mit einem typisch weiblich ausgeprägten Gehirn und anderes herum geben kann… grob gesagt…
        auf einer anderen Seite beleuchtend kann auch geglaubte rationalität ein weg des antichristen sein… und sein wir mal erlich kein Mensch ist wirklich rational ob mann oder frau
        allgemein scheint dieser film sehr zu polarisieren… ähnlich wie die geschichte adams und evas… allerdings sehr schadewenn Trier nur abgekupfert hat… schwache leistung aber gute idee…
        aber ein bisschen stimme ich dem carl zu… den bösen willen des menschen(Männlich und weiblich) kann man nicht therapieren… die welt ist schlecht und die Menschen profitieren vom Leid anderer…

      • Carl sagt:

        Z,B die These meinerseits, man kann den WILLEN eines Menschen nicht therapieren, möchte ich noch etwas ausführen. Nehmen wir an, ein Mensch, oder in diesem Fall die Frau, ist wirklich schlecht, a b g r u n d t i e f schlecht, dann nützt keine irgendwie geartete Therapie etwas. Im Gegenteil. Der Therapeut, der das nicht erkennt, verirrt sich im Labyrinth seiner eigenen Erklärungsversuche.

        Denn die Frau belügt ihn ja die ganze Zeit.!
        Sie belügt ihn nicht nur, sie schauspielert auch die ganze Zeit, sie schaupielert (als Schauspielerin) auch ihr „Leiden“ am Anfang des Films. Denn, die schwarz weiss Rückblende zeigt überdeutlich, daß sie den Sohn vollkommen kühl, bewusst opfert.

        Sie versucht auch später dem Sohn BEWUSST zu schaden, das heisst sie verletzt und verküppelt den Sohn durch die verkehrt angezogenen Schuhe mit ABSICHT.
        Ergo kann sie auch keine Trauer zeigen, denn sie empfindet keine Trauer.
        Sie spielt sie nur!

        Das wird später im Film noch mal verdeutlicht. Denn plötzlich, von einer auf die andere Sekunde ist sie „geheilt“,…das kommt auch für den Therapeuten( Dafoe)einigermassen überraschend.
        Dafoe zeigt sich verdutzt, nachdenklich, etwas kritisch…hier scheint er zu ahnen, daß er hinters Licht geführt worden ist….!
        ER erhält aber viele Hinweise aus der Natur, daß er nicht nur achtgeben, sondern sich immens vorsehen soll. Schmamanistische Tiere, die zugleich auch Märchencharkter haben, treten auf, sie sind jeweils Symbolfiguren für Gemütszustände. Das Reh beispielweise für Sanftheit,Vorsicht, der Rabe für Klugheit,( Weisheit) der Fuchs für weltliche Schläue.
        Diese Tiere hatte Trier selbst bei einer schamanistchen Reise gesehen, sind also gewissermassen seine Seelengefährten. Die Tiere treten deshalb auf, weil sie als archaische NaturOrdnung dem verkehrten und verdrehten Seelenzustandes der beiden Hauptfiguren entgegengesetzt sind, und somit als einzigste Wahrheitsvertreter fungieren können.

        Aber zum Ausgangspunkt,- was, glaube ich die meisten Interpreten missachten ist, das L.v Trier das a b s o l u t Böse dargestellt hat, also, die totale Lüge, die totale Bosheit, völlige Heuchelei totalen Vernichtungswillen.

        Will man den Film wirklich verstehen, muss man die Frau in ihrem Charakter nicht schonen, sonder aktzeptieren, daß sie eine wahrhaft psychopathische Persönlichkeit darstellt, die mit ALLEN Wassern gewaschen ist.
        Leider stecken auch die meisten Interpreten in dieser Falle, dh, sie schonen unbewusst die Person Frau, weil sie das gute Frauenbild, daß von unserer Gesellschaft zelebriert wird, unbwusst verinnerlicht haben. Sie kommen also, ob sie wollen der nicht, nicht aus ihren Projektionen heraus.

        Psychopathen zeichnen sich unter anderem dadurch aus, daß sie Gefühle, Emotionen perfekt spielen können, ohne sie zu empfinden. Auch ein guter Schauspielr muss das können, wie Charlotte Roche ja beweist. Das perfide( Böse) aber am Psychopathen ist, daß er seine Ziele so gut wie immer erreicht, denn er spielt ein menschliches Individuum vor, was er nicht ist.
        Jeder halbwegs menschliche Typ fällt auf ihn rein, weil er das abgrundtief Manipulative und schlechte dieser Person nicht begreift. Der W i l l e dieser Frau ist vollkommen böse. Sie will den Mann entweder völlig durch Sex abhängig machen ihn sich also versklaven, oder, falls er nicht spurt: töten.

        ich hab den Film ca 50 mal gesehen.
        Man muss ihn sich öfter ansehen, und genau auf Schnitte und Emotionen der Schauspieler achten, dann versteht man ihn.

        Der Film ist ein Meisterwerk.
        Ein Geniestreich.

    • Jan sagt:

      Ich finde Carl hat den Kern der Sache schon sehr gut getroffen. Die beiden Protagonisten sind jeweils Projektionen auf zwei elementare Kräfte unserer Psyche: Der Mann das rational, Maßregelnde, das durch Vernunft regiert und die Frau das rrational, ungezügelt, Chaotische das sich jeder Vernunft und jedem Verständnis entzieht (weshalb der Ehemann seine Frau auch nicht erreichen kann). Ich verstehe die Tatsache , dass „Eden“ eben kein, angelegter „Garten“, sondern ein (wilder) Wald ist, auch als Anspielung auf diese Zügellosigkeit und gewisser Maßen auch als einen Verweis auf Sexualität. In den Szenen in denen die Frau ausrastet, schafft er der Mann seine Frau nur dadurch zu befrieden, indem er sie sich „nimmt“. Nur durch Leidenschaft und Zügellosigkeit lässt sich sozusagen das Chaos etwas zügeln. Der Verweis auf die 3 Könige, die zu Bettlern geworden sind halte ich ebenfalls für sehr zutreffend. Im Reich des Satans (der Natur) ist kein Platz für ihre Heiligkeit, deswegen sind sie hier nur Bettler.

      Von Trier Frauenfeindlichkeit zu unterstellen halte ich für zu flach. Was hier waltet ist ein bisschen wie das Ying und Yang im Taoismus, 2 Kräfte die im kompletten Gegensatz zueinander stehen und trotzdem Teil unserer ureigenen Natur sind. Am Ende des Films, setzt der Psychologe das Wort „Me“ an die Spitze der Angstpyramide. Seine Frau fürchtet sich also vor ihrer eigenen Natur, wobei die Leidenschaftlichkeit, die Zugellosigkeit, die Ziel- und Rastlosigkeit, gewisser maßen auch die Sinnlosigkeit als weiblich proklamiert werden, während das Durchdringende, Rationale, Berechnende und (Selbst)kontrollierende als männlicher Gegenpol dazu dient. Beide sind in ihrer Ausprägung extrem (der Mann der scheinbar emotional gleichgültig den Tod seines Sohnes erlebt/ Die Frau, die vollkommen unkalibriert handelt) und zeigen uns dadurch die Spannung zwischen diesen Kräften. Wir alle tragen beide Pole mehr oder weniger stark ins uns, wobei ich es für erwiesen halte, dass eine gewisse Tendenz zu einem Ende der Skala geschlechtstypisch ist (Frauen sind oft emotional kompetenter, Männer fühlen sich zu „Systemen“ (Logik, Technik etc.) hingezogen usw.) Letzterer ist heute in unserer Gesellschaft stark überbetont. Daher setzt von Trier mit seinem Film einen krassen Gegensatz dazu und lässt sozusagen den „Antichristen“ frei, der uns auf die dunklen Seiten unserer Begierden, auf die Maßlosigkeit und das Chaos stößt, dass wir immer wieder zu verleugnen versuchen, das wir Angst haben es nicht kontrollieren zu können. Der schlaue Fuchs sagt im Film „Chaos regiert“; was passiert, wenn es das ungehemmt tut, sieht man anhand der Frau. Sie schädigt sich selbst, sie schädigt ihren Mann, sie schädigt ihr Kind – Kurz: Das „Böse“ wird befreit (Wobei ich Böse hier als wertneutral auffasse und es ebenfalls als notwendigen Teil von uns betrachte, ohne den wir nicht weiterexistieren könnten).

      In jedem von uns steckt beides: Christ und Antichrist. Natur und Wahnsinn / Kultur und Vernunft / Böse und Gut / Maß und Maßlosigkeit. Und alles kämpft einen endlosen erbitterten Kampf gegeneinander.

      Wenn das alles komprimiert auf 104min keine Genialität darstellt – ob man den Film nun persönlich mag oder hasst – also dann weiß ich auch nicht mehr.

      • Medienjunkie sagt:

        Wir alle tragen beide Pole mehr oder weniger stark ins uns, wobei ich es für erwiesen halte, dass eine gewisse Tendenz zu einem Ende der Skala geschlechtstypisch ist (Frauen sind oft emotional kompetenter, Männer fühlen sich zu „Systemen“ (Logik, Technik etc.) hingezogen usw.)

        Wie erklärst du dir dann, dass es komplett unemotionale oder emotional inkompetente Frauen ebenso gibt wie Männer, die weder technisch begabt noch interessiert sind? Erwiesen ist die Tendenz zudem, soweit ich weiß, überhaupt nicht. Die (immer noch ungleiche) Erziehung scheint mir hier doch die wichtigere Rolle zu spielen.

        Außerdem „schädigt“ die Frau im Film ihr Kind nicht absichtlich – sie lässt es eben nur, während sie sich der Leidenschaft hingibt, fatalerweise unbeaufsichtigt – genau wie der Mann.

      • Jan sagt:

        Hallo, naja sie zieht ihm die Schuhe einen Sommer lang verkehrt herum an, was zur Verkrümmung der Fußknochen führt. Das setze ich mal als mutwillig voraus und nicht als mangelnde Beaufsichtigung.

        Das mit der Männlichkeit und Weiblichkeit war auf eine sehr abstrakte Art gemeint. Natürlich gibt es völlig verschiedene Menschen. Nur ist bei diesen, wenn ich meine These anwende, die Tendenz zu den beiden Polen eben anders, als es im Durchschnitt vielleicht zu erwarten wäre (ich hasse es eigentlich auf Durchschnitte zu verweisen, aber hier finde ich es ausnahmsweise mal angebracht). Weibliche Männer und männliche Frauen schließe ich ja nicht aus. Sexualität lebt von der Polarität. Das sieht man finde ich gerade in homosexuellen Partnerschaften sehr gut, wo beinahe immer einer einen eher männlich geprägten + Pol und ein anderer einen weiblich gepräften – Pol repräsentiert.

        Wissenschaftlich belegt wird meine These u.a. von Simon Baron-Cohen – einem Bruder des Komikers Sacha Bahon-Cohen, der in Cambridge Verhaltensversuche anstellte bei denen wenige monate alten Kindern verschiedene Spielzeuge zur Ansicht gegeben wurden. Hierbei stellte sich heraus, dass männliche Kleinkinder (wie gesagt unter 1 Jahr), ausnahmslos den Blickkontakt zu eher technischen Gegenständen, wie einem Spielzeugparkhaus herstellten, während die weiblichen Kinder dies andersherum mit eher sozial geprägten Gegenständen taten, wie bspw. Stofftieren und Puppen. Ein Blick auf Statistiken zur Geschlechterverteilung in Pflegeberufen und bswp. Ingenieursberufen zeigt da auch eine gewisse „Präferenz der Geschlechter“, die in ihrer Ausprägung zum einen so stark ist, dass man sie nicht nur auf Erziehung zurückführen kann. Zumal diese Verhältnisse selbst über verschiedenste Kulturen und Kontinente annähernd gleich sind.

        Norwegen – das Musterland des „Genderings“ – hat aber m.W. vor kurzem auch die staatlichen Gelder für die „Genderforschung“ landesweit komplett gestrichen, da man es als erwiesen ansah, dass es sich dabei um keine Wissenschaft, sondern um eine Ideologie handelte. Dazu gabs vor kurzem auch einen sehr interessanten und ich finde auch fairen Artikel in der Zeit (http://www.zeit.de/2013/24/genderforschung-kulturelle-unterschiede).

        Erziehung spielt natürlich eine Rolle, aber sie wird niemals aus einem Menschen mit einer „Mann Identität“ eine „Frau Identität“ machen genau so wenig einer „Misch Identität“ eine eindeutige Mann/Frau Identität. So war das gemeint.

        Aber das führt gerade sehr vom Thema des Films weg und wäre vmtl. eher etwas für ein eigenenständiges Thema.

  2. Alicia sagt:

    @claus
    wenn deine Interpretation des Werkes stimmt und Trier die Frau als das vermenschlichte Böse darstellt, wie kannst du dir anmaßen zu wissen, dass das ‚wahr‘ ist?
    Ich BIN eine Frau. Und alles was wir wollen ist genau dasselbe wie ihr wollt: Glücklich sein. Denn das will jeder Mensch. Egal, wie er glaubt es erreichen zu können. Manche Versuche (besonders der Frau im Film SIND vielleicht in deinen Augen ‚böse‘, aber sie dienen keinem bösen Zweck. Denk mal drüber nach.

    • Carl sagt:

      Nein.
      Trier hat etwas geschaffen, was wirklich WAHR ist.
      Deswegen ist der Film so verstörend, oder entzieht sich jedem normalen Interpretationsveruch.
      Trier sagt gewissermassen. Halt STop: zurück auf Anfang, in den Garten „Eden“.

      Wenn ihr die wahre N a t u r der Frau, ihren abgrundtief manipulativen und schauspielerischen und bösen Charakter nicht erkennt, kann es keine posiitve Entwicklung für Gesellschaften mehr geben. Da hilft keine Aufklärung,kein reden, keine Poilitik.

      Leider hat er recht. Leider, denn so brutal der Film auch immer ist, die Wirklichkeit übertrifft ihn noch an Grausamkeit.

  3. Bill sagt:

    Zunächst, ich bin auf „Medienjunkie“ gestoßen, nachdem ich vor einigen Stunden den hier besprochenen Film gesehen habe, auf der Suche nach Interpretationen des Gesehenen. Ich war zunächst nur schockiert, irritiert, verunsichert, was ich mit dem Ganzen anfangen soll und da sag ich mal danke dafür, dass sich hier auch verschiedene Leute zu Wort melden und mir Gedankenanstöße geben.
    Ich bin über den Film „Breaking the waves“ auf von Trier gekommen, war schwerstens begeistert und neugierig auf mehr geworden.
    Ich habe mir daraufhin Interviews mit von Trier angeschaut und eines kann man hier glaub´ ich voranschicken. Er bekennt sich offen zu seinen neurotischen Störungen und auf die Frage, was er sonst gemacht hätte, wenn er nicht Filmemacher geworden wäre, antwortet er, dann wäre er tot. Er macht also keinen Hehl daraus, dass es sich in seinen Filmen mehr oder weniger um die Verarbeitung seiner eigenen „kranken“ Psychokiste handelt.
    Dem polnischen Kinderbuchautor Janosch wurde mal in einem Interview von einer Frau vorgeworfen, in seinen Büchern fänden sich frauenfeindliche Aspekte, da es meistens weibliche Figuren wären, die Negativrollen einnähmen. Nach einigem Nachdenken konnte er sich das nur so erklären, dass er in seiner Kindheit ja stark von der kath. Kirche in der Erziehung geprägt worden sei, und da hätte er womöglich ein verinnerlichtes Negativbild der Frau, die ja den Mann verführte und damit die Verantwortung für die Vertreibung aus dem Paradies trüge, in seinen Büchern unbewusst einfließen lassen. Ich glaube, auch von Trier versucht hier seine eigenen inneren Rollenbilder zu verarbeiten.
    Ich finde die oben erörterte Frage, welche der beiden Hauptpersonen eher den Titel „Antichrist“ verdient, nicht das Thema. Keiner spricht hier übrigens an, dass der dritte Hauptdarsteller, das Kind, etwas mit dem Antichrist zu tun haben könnte. Das Kind ist es, dass, nachdem es die Eltern beim Akt beobachtet, erstaunlich zielstrebig auf den Tisch klettert und den Weg zum offenen Fenster sucht. Es sieht überhaupt nicht nach einem zufälligen Tun aus sondern sehr absichtsvoll. Mit seinem Tod fängt das Leiden, der Terror an.
    Ich will an dieser Stelle mal dem Karl widersprechen, wenn er die Frau so ganz eindeutig als den Antichrist, also satanisch böse entlarvt sieht in dem Film. Der Mann wurde hier schon öfter als der Rationale, der Vernünftige hingestellt. Aber gerade diese Rationalität, die meint, so und so sind alle psychischen Prozesse der Frau zu erklären und seine Auffassung, er wäre derjenige, der weiß, wie ihr zu helfen sei, spiegelt doch nur sein eigenes Unvermögen, selber sog. Trauerarbeit zu leisten. Er ist scheinbar derjenige der „nur helfen“ will, der sich selber kein „Ausflippen“ gönnt. Er hat die Wahrheit gepachtet und verbrennt am Ende die Frau auf einem Scheiterhaufen, wie es in der Zeit der Inquisition üblich war. Für Luther war damals der Papst in seiner Verantwortung für die Machenschaften der Kirche, der die absolute Autorität bei der Wahrheit darstellte, der Antichrist, und zumindest diesen Aspekt spiegelt der Mann wider. Die Frau kann sich erst gegen Ende seiner „Therapie“ – und nur mit Gewalt – erwehren. Aber die Gewalt ist ritualisiert, nicht vernichtend, auch wenn sie die Absicht äußert. Nur der Mann begeht Mord. Der Begriff Antichrist kommt ja aus der Kirchengeschichte und hier ist vielleicht die Auseinandersetzung von Triers auch zu sehen. Die Dämonisierung der Sexualität ist insbesondere von der katholischen Kirche vorangetrieben worden und hat damit den Antichrist in die Welt gebracht.
    Mein Eindruck ist, dass von Trier nicht einer einzelnen Person das Attribut Antichrist zugedacht hat, sondern dem Bösen, das in der Welt wirkt.

    • carl labert bullshit sagt:

      carl gehört auf den scheiterhaufen😀
      diese frauenfeindlichkeit hat uns in diese abartige welt geführt, in der jährlich millionen frauen vergewaltigt werden, aber daran sind ja die teuflischen frauen schuld ^^.
      in welcher welt lebst du eigentlich?

  4. Carl sagt:

    Hast Recht. ich lebe natürlich im Mittelalter.

  5. Sophie sagt:

    Könnte es nicht vielleicht auch sein, dass der Mann den „Antichrist“ verkörpert? Zwei besondere Elemente des Films haben mich vor allem zum Nachdenken gebracht: Erstmals die drehende Waschmaschine im Prolog, die genau dann stoppt, als der Geschlechtsverkehr der beiden Hauptprotagonisten zu Ende ist und zweitens die Aussage der Frau ziemlich am Anfang, dass „der Mann sich ihr und ihrem Sohn immer sehr distanziert verhielt, und erst nun, da sie seine Patientin ist, Interesse an ihr zeige“.
    Folgende Interpretation ist da für mich auch möglich: Der Mann vernachlässigte seine väterlichen Pflichten, interessierte sich kaum für seine Frau, es sei denn auf sexueller Ebene, und handelt(e) hauptsächlich im eigenen Interesse (siehe Zitat oben). Während dessen stand die Frau mit der Erziehung des gemeinsamen Kindes allein da. Unter anderem wird dies durch die Tatsache verdeutlicht, dass sie die Zeit in der Hütte mit ihrem Sohn allein verbrachte, während der Mann offenbar anderweitig beschäftigt war. Die sich drehende und, genau in dem Moment des beendeten Geschlechtsverkehrs, fertige Wäsche verdeutlicht die untergeordnete und multifunktionale Position der Frau: Einerseits muss sie als Geliebte für ihren Mann agieren (wie es im Prolog deutlich zu sehen ist), andererseits als Hausfrau (wie es die fertige Wäsche zeigt, die direkt nach dem Geschlechtsakt ihre Aufmerksamkeit erfordert bzw. erfordern wird) und auch noch als quasi alleinerziehende Mutter, wie oben beschrieben.
    Dass die Frau, während dem Sex mit ihrem Mann, den Sohn von seinem Tun nicht abhält, obwohl sie gekonnt hätte, erklärt sich für mich folgendermaßen: Die Frau will ihre untergeordnete Position nicht weiter beibehalten, in der nur immer sie allein die elterlichen Pflichten verfolgte und die „lästige“ Verantwortung übernahm. Denn auch dieses Mal wäre es ja wieder sie gewesen, die den Sex hätte unterbrechen müssen (vielleicht sogar ihren Höhepunkt) um den Sohn vor dem Fall zu schützen. Der Mann hingegen merkt nichts von der Tat seines Sohnes, demzufolge trägt er auch wie üblich keine Verantwortung. Oder aber auch, sie lässt ihn nicht aus Eigeninteresse rausfallen, sondern um dem Mann endlich seine Verantwortungslosigkeit deutlich zu machen, und wozu diese führen kann (was sie vermutlich auch schon durch die verkehrten Schuhe versuchte).
    Meine These unterstütze ich auch durch die Tatsache, dass der Mann nach dem Tod seines Sohnes kaum zu trauern scheint und sich plötzlich sehr fürsorglich um seine „Patientin“ kümmert, so wie er es vorher nie getan hat. Denn auch hier handelt der Mann allein im eigenen Interesse: Er lebt seinen Beruf an seiner Frau aus, und dies obwohl sie das eigentlich nicht will und ohne dass ihr Leid ihn auf Vaterebene berührt; höchstens auf Therapeutenebene.
    Auch die verkehrt herum angezogenen Schuhe verdeutlichen, dass die Frau sich aus ihrer alleinstehenden-Mutter-Funktion lösen will: Absichtlich fügt sie ihrem Sohn etwas Schlechtes zu, weil sie ein solches Dasein nicht länger aushalten kann/will und vielleicht auch als indirekten Hilferuf, sodass der Mann vielleicht endlich mal aufmerksam wird (wie oben bereits beschrieben).

    Auch ihre Dissertation über Hexenverfolgung verdeutlicht die Ansichten der Frau: Die untergeordnete, geradezu sklavenhafte Position der Frau in der Natur und Gesellschaft.

    Die Trauer der Frau erklärt sich durch den Tod ihres Sohnes, der ihr selbstverständlich Schmerz und vielleicht auch Gewissensbisse zufügt, da sie womöglich anfangs hin und hergerissen ist, zwischen dem schlechten Gewissen und ihrem Schlussstrich, dem sie ihrer Position dadurch gesetzt hat.
    Die plötzliche Heilung erklärt sich so auch: Trotz der langen gemeinsamen Zeit, in der sich der Mann (vermutlich zum ersten Mal) intensiv mit seiner Frau beschäftigt, bemerkt dieser nicht, was die Frau in Wirklichkeit denkt und ihm eigentlich sagen will. Weiterhin beharrt er auf sein eigenes Recht und sieht die Frau im Fehler (siehe die Psychoanalyse, in der er ihre Angst vor sich selbst ganz oben in die Pyramide schreibt). Das führt meiner Meinung nach einfach zum Burnout der Frau, sodass sie gewalttätig wird.
    Andererseits will sie ihren Mann vermutlich auch nicht verlieren, weshalb sie wohl immer wieder plötzliche Geschlechtsakte erfordert. Denn schließlich war der Geschlechtsverkehr ja das Einzige, was sie, vor dem Tod ihres Sohnes, mit ihrem Mann verband.
    Mögliche Gründe für diese Verlustangst könnten sein: Die Tatsache, dass sie ihn trotz allem liebt, oder aber auch, dass sie ihn nicht ungeschoren davonkommen lassen will. Sie will nicht, dass er sich von ihr trennt, in dem Glauben selbst nichts falsch gemacht zu haben und sie für eine Verrückte zu halten.

    Die Tiere verkörpern für mich ebenfalls die Ungerechtigkeit der Natur, der wehrlose Wesen wie diese ausgesetzt sind (z.B. die Totgeburt oder der Vogel, der von seiner Mutter gefressen wird).

    Abschließend halte ich keinen der Protagonisten für durch und durch böse, nur halte ich den Film einfach für eine direkte Anspielung auf die Ungerechtigkeiten und Grausamkeiten der menschlichen Gesellschaft und Natur, die man nur durch Extremfälle verdeutlichen kann.

  6. abeeo sagt:

    Ich hätte noch ganz andere Fragen…, die mich interessieren würden.

    Die Szene im Fuchsbau, in das sich der Mann vor seiner Frau rettet: wen will der Rabe warnen, und WILL er überhaupt wirklich jemanden warnen, oder kam mir das nur so vor? Und wieso kann der Mann ihn nicht töten?

    Wieso traut sich die Frau nicht über das Gras zu laufen oder ist das, wie Carl schon behauptet auch nur gespielt?

    Was bedeutet die Szene in der der Mann draußen unter einem „Kastanienregen“ steht? Sowas wie „Asche über mein Haupt“?

    Warum hatte sie Angst am Fuchsbau vorbei zu laufen? ( hierfür hätte ich eine eigene Interpretation, die mir aber noch nicht ganz stimmig scheint)

    Und zu guter Letzt: was sollte das Reh im Epilog am Fenster, aus dem das Kind fiel/ eher sprang symbolisieren? War das Reh der Antrieb des Kindes?

  7. Das0815Mädchen sagt:

    definitiv kein schlechter film (obwohl es schon andere werke von trier gab die mich mehr fesselten).

    dennoch, carl schrieb es bereits, die metaphern, symbole, zeichen die in diesem film vorkommen sind eben schon sehr offensichtlich dargestellt. die blutigen gewaltszenen lenken zwar teilweise etwas ab, dennoch. der film hat mir gefallen, keine frage, ich bin zwar nur eine durchschnittlich intelligente 16 jährige und trotzdem hatte ich mir mehr zum „kauen“ und denken gewünscht….und da geht es nicht nur mir so (hab den film mit ein paar freunden geguckt).

    ps: dafoe❤😀

  8. SomeOne sagt:

    Interessant, wie sehr die einzelnen Kommentartoren von sich selbst erzählen.

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