Archiv für Juni, 2010

Linktipp: Goethe ist gut

Veröffentlicht: 29. Juni 2010 in Online
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Wer hätte das gedacht: Ausgerechnet das Goethe-Institut betreibt eine sehr interessante Webseite über deutschsprachige Comics. Kenntnisreiche Übersichtsartikel, Autorenporträts, News und Interviews mit ZeichnerInnen. Besondere Empfehlung: Der Artikel über Autoren-Comics. Der klamüsert sehr schön diese merkwürdigen Begriffe von Autoren- über Erwachsenen-Comics bis Graphic Novels auseinander, die eigentlich alle Quatsch sind. (Würde jemand von Erwachsenenfilmen sprechen? Eben.)

Wobei die semantische Entwicklung von „Neunte Kunst“, was in den 90ern noch ein vorherrschender Begriff war, hin zu „Graphic Novels“ schon mal ein kleiner Fortschritt ist, weil der Comic sicher eher mit der Belletristik verwandt ist als mit der Bildenden Kunst. Untauglich ist der Begriff trotzdem, weil der Comic nun mal gerade nicht ein Roman mit Bildern ist, sondern eben eine eigene Kunstform, aber vielleicht lernen die Deutschen das auch noch mal irgendwann…

(Sehr treffend auch die Bemerkungen zu der deutschsprachigen „Comic-Avantgarde“ der 90er. Außer Ausstellungen in Museen und Lehrstühlen an Kunsthochschulen haben die mMn ja nicht viel zustande gebracht, kommerziell spielte sich das eher unter Ausschluss der Öffentlichkeit ab und heute hört man selbst in der Szene nichts mehr von Feuchtenberger & Co.)

Ich muss ja gestehen, dass ich kaum deutsche Comics lese. Habe glaube ich Alben von zwei deutschsprachigen Zeichnern im Regal, und davon ist einer Schweizer (Chris Scheuer, von dem man sich seit mindestens zehn Jahren fragt, wo der eigentlich geblieben ist).

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Im Fernsehen ist es oft wie im Leben: Die Besten gehen meistens zu früh von uns. Hier einige Serien, die bereits nach der ersten Staffel wieder abgesetzt wurden, obwohl sie großes Potential hatten – und es meistens überhaupt nicht verdient hatten. Wobei ich grundsätzlich in verschiedene Kategorien unterteilen würde:

1. Serien, bei denen ich die schnelle Absetzung grundsätzlich verstehe: Dazu zählt klar „Studio 60 on the Sunset Strip“, die Aaron Sorkin-Serie mit unverkennbar hohem Potential, die aber irgendwie schon nach der zweiten Folge keinen richtigen Fokus mehr fand. Obwohl Schauspieler, Bücher und Inszenierung durchweg gelungen sind, weiß man nicht so recht, um was es eigentlich gehen bzw. wo das dramatische Potential liegen soll. Zumindest hat man der Serie eine komplette Staffel mit 22 Folgen gegönnt, viel mehr hätte man aus dem Sujet auch nicht rauspressen können.

2. Serien, bei denen ich die Absetzung grundsätzlich verstehe, aber nicht, warum sie so schnell kommen musste: Also, „Bionic Woman“ ist jetzt nichts, was ich mir vier oder fünf Jahre lang hätte angucken müssen, aber um nach acht Folgen abgesetzt zu werden, fand ich sie wirklich zu gut. Insbesondere im Vergleich mit dem, was sonst so im SF-Serien-Bereich produziert wird (ich denke vor allem an die ganzen Stargate-Klone, die auf mich sowohl von den Büchern als auch der Produktion immer so billig wirken wie „Star Trek“ selbst in den 80ern nie gewesen ist). Zumindest eine komplette Staffel mit 22 Folgen hätte die Serie wirklich verdient gehabt.

3. Serien, bei denen mir die (frühe) Absetzung ein völliges Rätsel ist: „Earth 2“. Eine der innovativsten und originellsten Serien, die im SF-Bereich jemals den Weg auf den Bildschirm gefunden haben – nur, um nach knapp über 20 Folgen und mit einem Cliffhanger einen frühen Serientod zu sterben. War vielleicht einfach nur ihrer Zeit um einige Jahre voraus.

Und natürlich „Freaks and Geeks“. Ein echtes Kleinod, eine Serie, bei der im Grunde alles stimmte. Wenn solche Serien bei NBC nach 18 Folgen abgesetzt werden, weiß ich auch, warum in den USA so viele Menschen HBO und Showtime abonnieren. Wobei mir solche Network-Serien, die ein gewisses Niveau haben, ohne den Unterhaltungsaspekt zu vernachlässigen, meistens doch irgendwie lieber sind als so manche hoch ambitionierte, aber letztlich doch etwas dröge Kabelserie à la „Sopranos“ oder „Mad Men“. Andererseits sind mir 18 fast perfekte Folgen auch lieber als eine Serie, die zulange läuft und dann irgendwann immer mehr nachlässt.  So kann man wenigstens noch davon träumen, wie toll die nächsten Staffeln hätten werden können.

Serien, bei denen ich voll und ganz verstehe, warum sie die erste Staffel nicht überlebt haben, gibt es natürlich auch. Aber wenn ich hier jetzt als Beispiel „Firefly“ anführe, werde ich ja wieder gelyncht…

Was man durch amerikanische TV-Serien lernen kann (I)

Veröffentlicht: 22. Juni 2010 in TV
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In den USA gibt (oder gab?) es Frühstücksflocken, die „Count Chocola“ heißen.

(gelernt durch: „Freaks and Geeks (1999/2000), diverse Folgen)

Was ist der Unterschied zwischen einer schlechten Sitcom und einer guten Comedy-/Dramedy-Serie? In ersterer lacht man über die Figuren, in zweiterer lacht man mit ihnen. Nach diesem Kriterium ist „Freaks and Geeks“ eine fantastisch gute Serie. Warum sie nach nur einer Staffel (1999/2000) abgesetzt wurde, wissen wohl nur die Verantwortlichen bei NBC.

Lindsie Weir kommt aus gutbürgerlichem Elternhaus, hat gute Noten und nimmt für ihre High School an den Mathe-Wettkämpfen teil. Kein Wunder, dass ihre Eltern es gar nicht gerne sehen, als sie sich langsam mit einer Gruppe von Außenseitern in ihrer Jahrgangsstufe anfreundet: Daniel, Nick, Ken und Kim sind Schulversager, aufmüpfig und hängen in ihrer Freizeit meistens einfach nur sinnlos rum oder fahren mit dem Auto durch die Gegend und johlen aus dem Fenster. Sie sind die Freaks aus dem Titel, vor denen die angepassten Schüler Angst haben, die als Schläger und Kiffer verschrieen sind. Lindsies kleiner Bruder Sam, ein High School-Freshman, ist für seine 14 Jahre körperlich etwas zurück geblieben. Seine besten Freunde sind der eloquente Neal und der schlaksige, hornbebrillte Bill. Die Drei unterhalten sich am liebsten über Star Wars, schlechte Fernsehserien und darüber, ob sich jemals eine Frau für sie interessieren wird („Sie ist Cheerleaderin und du hast Star Wars 27 Mal gesehen, rechne dir deine Chancen selbst aus.“). Sie sind die Geeks aus dem Titel. Die Serie verfolgt in ihren nur 18 Episoden den Alltag dieser beiden Schülergruppen zwischen täglichen Demütigungen ihrer Mitschüler, Konflikten mit Eltern und Lehrern und dem Versuch, ihren Platz im Leben zu finden.

Ich hatte mit High School-Serien nie was am Hut, „Wunderbare Jahre“ habe ich in den 80ern genauso wenig geguckt wie „Beverly Hills 90210“ in den 90ern, und für „O.C. California“ war ich in den 00ern dann auch schon zu alt. Aber „Freaks and Geeks“ ist nur formal eine typische High School-Serie. Wie der Name schon sagt, geht es hier mal nicht hauptsächlich um die Sportler und Cheerleaderinnen, um die Jungen, Schönen und Erfolgreichen. Sondern um die Außenseiter, die in anderen Serien und Filmen höchstens als lustige Sidekicks dienen. Die Geeks ebenso wie die Freaks wissen, dass sie anders sind, sie haben es damit nicht leicht in der Hierarchie ihrer Schule, aber sie würden auch gar nicht anders sein wollen. So viel sie auch in der „Peinlichkeits- und Demütigungsmaschine“ (Daniel Eschkötter in „Cargo“) High School einstecken müssen, so wenig lässt die Serie einen Zweifel daran, dass sie die eigentlichen Helden in deren Betrieb sind.

Von Judd Apatow, der hier als Executive Producer und teilweise als Autor und Regisseur fungierte, und der später Mainstream-Komödien wie „Schwanger beim ersten Mal“ drehte, hatte ich es nicht erwartet, aber die Serie ist nicht nur sehr komisch, sondern auch sehr warmherzig. Man muss nicht auf eine amerikanische High School gegangen sein, und noch nicht einmal auf eine deutsche gymnasiale Oberstufe, um sich in den Geschichten und Charakteren wieder zu erkennen. Denn die verwirrenden und teilweise schmerzhaften Erfahrungen der Teenagerzeit hat wohl jeder mitgemacht.

Die Serie ist nicht nur fast perfekt geschrieben, auch sonst stimmt alles: Inszenierung, Musik, SchauspielerInnen. Obwohl von den sieben Hauptfiguren sechs männlich sind, ist es gerade Linda Cardellini als Lindsie, die heraussticht als Teenagerin, die zwischen  den Erwartungen ihrer etwas spießigen Eltern und der Lehrer sowie ihrem Wunsch, anders zu sein als der Durchschnitt, hin und her gerissen ist. Ein paar Jahre später stieß sie als Krankenschwester Sam Taggart zum ER-Cast; hier konnte sie aber viel mehr zeigen, was sie drauf hat. Auch die drei Geeks sind durchweg toll, während die drei männlichen Freaks erstaunlich farblos bleiben. Als zweite spätere ER-Darstellerin kommt dann noch Busy Phillips als Kim hinzu, das prollige Mädchen, dass hinter seiner aufmüpfigen Fassade nur seine tiefe Unsicherheit verbirgt.

Was die Serie aber vor allem auszeichnet, sind ihre genauen Beobachtungen, ihre treffenden Dialoge, ihre Liebe zu den Charakteren, die trotz all ihrer Schrullen und Defizite niemals vorgeführt werden. Und natürlich die Melancholie, die das Außenseitersein mit sich bringt. Wenn eine neue Schülerin, mit der die drei Geeks sich wider alle Wahrscheinlichkeit angefreundet haben, sie fragt, ob es ihnen etwas ausmache, wenn sie sich heute in der Mensa mal zu den Cheerleaderinnen setze, wissen die drei sofort, dass sie das nicht nur schöne, sondern auch noch nette Mädchen für immer an die oberflächlichen Mitschülerinnen verlieren werden. Aber statt auf sie sauer zu sein, geben sie ihr noch gute Ratschläge für den Umgang mit ihren zukünftigen Freundinnen mit auf den Weg. „Hey, es ist nicht so, als würde ich zurück nach Florida gehen“, erwidert sie daraufhin, „ich sitze nur einen Tisch weiter.“ Aber Sam, Bill und Neal wissen, dass die geografische Distanz nach Florida nicht größer sein kann als die soziale zwischen dem Tisch der Cheerleaderinnen und dem der Außenseiter.

Der Comic-Salon Erlangen, der alle zwei Jahre stattfindet und vor Kurzem wieder einmal, zeigte mal wieder überdeutlich, wie trostlos der Zustand des deutschen Comic-Journalismus immer noch ist. Bei den selbst ernannten Comic(fach)magazinen im Internet war am Montag nach dem Salon immer noch nicht zu erfahren, wer am Freitagabend bei der Verleihung der Max und Moritz-Preise gewonnen hatte (immerhin der wichtigste Preis im deutschsprachigen Raum). Stattdessen stellen die Splashpages lieber komplette Mitschnitte einstündiger Diskussionsrunden ins Internet, in einer absurd schlechten Bild- und Tonqualität, so dass man auf schlechteren Monitoren gar nicht erkennen kann, wer da gerade spricht.

Eine begleitende Berichterstattung, die den Namen wirklich verdient, findet man nicht etwa bei den Online-Comicmagazinen, sondern im FAZ-Comicblog von Andreas Platthaus – da merkt man dann einerseits wieder, dass es eben doch noch einen Unterschied zwischen Qualitätsjournalismus und dem Rest gibt, andererseits ist es auch bezeichnend, dass über das größte Event der deutschen Comicszene dann auch wieder nur im Blog, nicht im Nachrichtenportal von FAZ.NET berichtet wird – und auf einer Seite, wo ich gar nicht damit gerechnet hätte: Bei SF-Radio lieferten Thomas Dräger und Kollegen eine interessante Videoberichterstattung. Anders als bei den Splashpages stellten sie nicht einfach ellenlange Mitschnitte online, sondern stellten aus Ausschnitten, Interviews und Impressionen magazinartige Sendungen zusammen – eben so, wie man es auch im Fernsehen machen würde.

Die meisten Print-Fachmagazine über Comics sind ja schon vor etwa zehn Jahren eingestellt worden. Verblieben sind die wiederbelebte, aber nur noch sehr selten erscheinende „Comixene“ und die schon immer nur zwei Mal im Jahr rauskommende „Reddition“. Die ist kein aktuelles Maagzin, sondern eher eine Art Sekundärbuchreihe im Zeitschriftenformat; es geht nämlich in jeder Ausgabe nur um ein, maximal zwei Themen (einen Zeichner, eine Serie, eine Zeitschrift oder einen Verlag), die auch meistens keinerlei aktuellen Anlass haben. In der neuesten Ausgabe kann man z.B. auf knapp 80 Seiten fast alles über den Franzosen Jacques Tardi erfahren. Das ist alles sehr interessant, sehr ausführlich und überwiegend auch ansprechend geschrieben – von einem Artikel abgesehen, den ein verquast schreibender Literaturwissenschaftler beigesteuert hat.

Aber anders als in der alten 70er Jahre-„Comixene“ bleibt die Behandlung des Themas immer werkbezogen, allenfalls werden noch kurz Bezüge zu anderen Comiczeichnern aufgezeigt. Aber so etwas wie eine gesellschaftliche Einordnung, etwas über die sozialen Bedingungen und Rückwirkungen von Tardis Comics, sucht man vergebens. Letztlich schreiben hier – wenn auch auf hohem Niveau –  Nerds für Nerds über ein – zumindest für Deutschland – nerdiges Thema. Ich gehe davon aus, dass die 1500 Exemplare zu 90 Prozent von Männern gekauft werden, von denen wiederum die überwiegende Zahl älter als 40 sein wird.

Zum Schluss noch was Positives, was aber nichts mit Sekundär-, sondern mit Primärliteratur zusammenhängt: Es gibt ein neues Erwachsenen-Comicmagazin in Deutschland! Und es ist nicht nur saugünstig, sondern auch noch saugut! „Comix“ kostet nur zwei Euro, ist randvoll mit Comics deutschsprachiger Autoren, vom Newcomer zum alten Hasen, der schon in den USA Spider-Man und Batman gezeichnet hat, und zu Ralf König, den eh jeder kennen dürfte. Die Comics sind überwiegend populär, aber durchaus ambitioniert, von reinen Gagstrips über ausufernde SF bis zu künstlerisch gestalteten Graphic Novels.

Der Clou des Ganzen: Der niedrige Preis wird u.a. durch die Verwendung billigen Zeitungspapiers ermöglicht. Laut Verleger Martin Jurgeit – der auch schon ZACK und die „Comixene“ wiederbelebt hat – soll man die Hefte gar nicht sammeln, sondern in der Bahn, in der Wanne oder im Café verschlingen – und danach ins Altpapier werfen. Und sich, wenn einem einzelne Serien besonders gut gefallen haben, die entsprechenden Alben kaufen. Jeder, der Lust hat, eine bunte Mischung guter Comics für wenig Geld zu bekommen, sollte mal am Bahnhof oder im Comicshop vorbeigehen und sich ein „Comix“ kaufen – viel falsch machen kann man bei dem Preis sowieso nicht.

Scheiß-(Pseudo-)Patriotismus

Veröffentlicht: 14. Juni 2010 in Allgemeines

Wie armselig muss eigentlich das Leben von jemandem sein, der sich, nachdem die Nationalmannschaft das erste (!) Vorrundenspiel gegen Australien (!!) gewonnen hat, in sein Auto setzt und hupend durch die Stadt fährt?

Wer nichts hat (ökonomisch, emotional, intellektuell), dem bleibt immer noch Gott – oder wahlweise die Nation.

„Sadistico“ und die deutschen Verleihtitel-Verbrecher

Veröffentlicht: 13. Juni 2010 in Film
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Der so ziemlich absurdeste deutsche Verleihtitel eines US-Films, der mir untergekommen ist, ist der von Clint Eastwoods Regiedebüt „Play Misty for me“ (1971): „Sadistico – Wunschkonzert für einen Toten“. Weder geht es in dem Film um Sadismus, noch heißt irgendeine Figur Sadistico, wie ich früher dachte. Man möchte sich lieber gar nicht vorstellen, wie die zuständigen Mitarbeiter der deutschen Verleihfirma da zusammen saßen, um über einen Titel nach zu denken: „Hm, der Eastwood spielt doch immer in diesen brutalen italienischen Western mit, wie wär’s denn mit was plakativem, italienisch klingendem: Sadistico ist doch super, das lockt die abgestumpfte Masse ins Kino!“

Dazu braucht man dann natürlich noch einen erklärenden deutschen Untertitel – auch heute noch gerne genommen, was uns dann  solche deutschen TV-Serien-Untertitel wie „Die jungen Ärzte“, „Gestorben wird immer“ oder „Kleine Deals unter Nachbarn“ beschert. Das Problem im Falle von „Sadistico“: Der Untertitel erkärt gar nichts, denn es gibt bis kurz vor Schluss überhaupt keinen Toten – und für den, den es dann gibt, wird natürlich kein Wunschkonzert gespielt.  Plakativ, pseudo-italienisch und irreführend – schlimmer geht’s nimmer.

Der Film selbst ist übrigens ganz gut, wenn auch beileibe nicht Eastwoods stärkster. Aber mutig war’s von ihm schon, damals so mit seinem Image zu brechen, indem er statt einen weiteren brutalen Schweiger einen eher hippiesken Jazz-Radio-DJ spielte, der sich von einer psychopathischen Frau terrorisieren lässt. Und die zweite weibliche Hauptrolle spielte Donna Mills, die ich seit meiner Jugendsünde, ein Jahr lang samstagnachmittags „Unter der Sonne Kaliforniens“ aka „Knots Landing“  im ZDF zu gucken (ja, das war ein „Dallas“-Spin Off, aber die erste Staffel war in meiner Erinnerung echt ganz nett), nirgends mehr gesehen habe. (Die Dame wirkt im DVD-Feature übrigens wesentlich unsympathischer als die andere Hauptdarstellerin Jessica Walters, u.a. weil letztere ganz natürlich gealtert ist, während Mills noch genauso glatte Haut hat wie 30 Jahre vorher, was mir irgendwie unnatürlich erscheint.)

Filmkritik als Systemkritik: "film"-Ausgabe April 1969

Filmkritik als Systemkritik: "film"-Ausgabe April 1969

Als ich vor ein paar Jahren auf dem Trödelmarkt einige Exemplare der 70er Jahre-Comicfachzeitschrift „Comixene“ erstand, wunderte ich mich schon einmal darüber, dass es damals ganz normal war, in einem Interview mit einem Disney-Zeichner zu fragen, ob er mit dieser Art Comics nicht den Kapitalismus verkläre oder zumindest verharmlose und dadurch eine falsche Ideologie unterstütze. Auf dem Düsseldorfer Bücherbummel bin ich vorgestern über die wohl annähernd vollständigen Jahrgänge 1968/69 der Zeitschrift „film“ gestolpert; gekauft habe ich aber nur zwei Hefte. Ich hatte vage im Kopf, dass Wim Wenders vor seiner Filmkarriere mal Kritiken für die Zeitschrift geschrieben hatte, was aber wohl nur in einem Fall stimmte, ansonsten schrieb er hauptsächlich für die „Filmkritik“ (die heute ja einen ähnlich legendären Ruf genießt wie die alte „Comixene“ in der Comicszene).

Trotzdem hochinteressant, wie Ende der 60er eine kritische Filmzeitschrift aussah: In fast jedem Artikel geht es um Kapitalismuskritik, um die Frage, wie sich das Medium Film von gesellschaftlichen Zwängen befreien , was es zum Kampf gegen die herrschende Ordnung beitragen könne etc. Beiträge über „normale“ Filme – aus Hollywood oder Unterhaltungsfilme aus Europa oder woher auch immer – gehen dabei fast unter zwischen seitenlangen Interviews mit Godard über die französischen Filmkooperativen, Artikeln über deutsche Filmemacher, die ihre eigenen Verleihinitiativen gründeten und einer Beleuchtung der amerikanischen Underground- und politische Filmemacherszene, die u.a. ihre eigenen „Newsreels“ herstellten und vertrieben, eine Art linker „Anti-Wochenschau“ über Studentenproteste, Unterdrückung ethnischer Minderheiten usw.

Neben der Themenmischung, die heute etwas anachronistisch wirkt, fällt vor allem das Vokabular der Autoren auf – da ist in jedem Artikel von „marxistisch-leninistisch“, Kulturindustrie und Verblendungszusammenhängen die Rede – und die Radikalität der Diskussion. Was heute nicht mehr möglich wäre, ohne dass der Staatsanwalt einschreiten und/oder der Autor seinen Job verlieren würde: Der damalige Leiter der WDR-Filmredaktion wirft einem ehemaligen Intendanten vor, eine faschistische Einstellung zu haben, schreibt, dass er auch gerne die Rundfunkanstalten zerschlagen würde – wenn dies denn notwendig wäre – und schildert Fälle aus seinem Berufsalltag, in denen ein bürokratischer Programmdirektor die Produktion progressiver Filme verhindert. Im gleichen Heft wirft ein anderer Autor der Zeitschrift selbst vor, den Klassenkampf zu behindern, indem neben kritischen Beiträgen irgendwelche Fotostrecken von Filmstars abgedruckt würden. Das sei falsche Liberalität, die echtem sozialistischem Bewusstsein entgegenstünde.

Zum Jahreswechsel 1969/70 wurde dem Verleger das Treiben auf den Seiten der von ihm finanzierten Zeitschrift wohl zu bunt, und er entließ den Chefredakteur Werner Kließ. Die Debatte darüber fand wiederum auf den Seiten der Zeitschrift selbst statt, wie in einem interessanten Blogbeitrag auf newfilmkritik.de nachzulesen ist.  „film“ wandelte sich demnach in der Folge in ein belangloses Film- und TV-Magazin und wurde kurz darauf eingestellt – interessanterweise bevor mit dem „Neuen Deutschen Film“ ein gesellschaftskritisches und ästhetisch weitgehend „anti-kommerzielles“ Kino aus Deutschland seinen weltweiten Siegeszug antrat. (Dass der so linke Chefredakteur später Redakteur beim ZDF wurde und dort für belanglose Krimiserien wie „Derrick“ und „Der Alte“ verantwortlich war, ist dann eine ganz andere Fußnote der deutschen Filmgeschichte, aber natürlich auch irgendwie bezeichnend für den „Marsch durch die Institutionen“.)

Klar wirkt vieles von dem, was man in den alten Heften so liest, für einen damals nicht einmal geborenen Leser heute unfreiwillig komisch und naiv. Trotzdem ist mir das insgesamt noch allemal lieber als die Belanglosigkeit, die heute im überwiegenden Teil der Kulturzeitschriften so herrscht. Da geht es ja etwa bei den Kinozeitschriften meistens nur noch um filmästhetische, -dramaturgische und -historische Aspekte, vielleicht noch um filmökonomische, aber fast gar nicht mehr um gesellschaftliche. Eine echte Bereicherung ist hier „Cargo“, wo zumindest versucht wird, die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und Rückwirkungen des Mediums nicht auszublenden. Bei Zeitschriften zu anderen Medien fällt mir gar kein entsprechendes Beispiel ein. Die wiederbelebte „Comixene“ ist völlig unpolitisch, im Musikbereich kenne ich da auch nichts Entsprechendes. Manchmal denke ich beim Lesen solch alter Zeitschriften nostalgisch, man müsste mal wieder Andreas C. Knigge eine Comiczeitschrift machen lassen oder Wim Wenders eine Kinozeitschrift. Wobei ich auch nicht weiß, wie viel von deren politischem Bewusstsein heute noch übrig ist.

Was die Autoren von „film“ grandios fanden: die Italo-Western von Sergio Corbucci, weil die angeblich die zynische Gewalttätigkeit des Kapitalismus‘ widerspiegelten. Was ich noch über die damalige Filmszene gelernt habe: der „Schwedenfilm“ erfreute sich großer Beliebtheit unter den Zuschauern, gemeint waren damit Soft-Erotikfilme aus Skandinavien. Und Bergman sei angeblich auch reaktionär gewesen, zumindest was seine Sexualmoral anginge. Aber das ist dann wieder eine ganz andere Geschichte.

Zitat des Tages

Veröffentlicht: 11. Juni 2010 in Film, Print
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„Der europäische Western ist viel gewalttätiger als der amerikanische. Aber in Europa ist nur das Kino gewalttätig, in Amerika ist die Gewalt allgegenwärtig.“ (sinngemäß)

Aus dem Vorspann eines Interviews mit „Leichen pflastern seinen Weg“-Regisseur Sergio Corbucci in der Zeitschrift „film“, 1969.

Webcomic-Tipp für alle Adventure-Fans

Veröffentlicht: 10. Juni 2010 in Online
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Ein Schmankerl für alle doppelten Nerds: ein leider schon seit Jahren nicht mehr fortgesetzter interaktiver Webcomic, der wie ein C64-eskes Adventure-Spiel funktioniert(e) und auch so aussieht. Sehr witzig und das Herz jedes Zak McKracken- und Maniac Mansion-Fans schlägt da natürlich sowieso höher. Der Zeichner, Johannes Kretzschmar, führt inzwischen ein auch ziemlich lustiges gezeichnetes Comicblog über seinen Alltag zwischen PC und Signierterminen.