Mit ‘Freie’ getaggte Beiträge

„Denn wenn es einen Weg gibt für sie [die Verlage] zu überleben, jetzt, da ihre Veröffentlichungsmonopole der Vergangenheit angehören, dann liegt er darin, Lesern etwas zu bieten, was diese woanders nicht bekommen können, oder zumindest nicht so gut. Döpfner nennt es Führung, andere nennen es schlicht Mehrwert. Und damit meine ich keine Klickstrecken aus Tittenbildern. Sondern fesselnde Reportagen, Analysen, die die Augen öffnen, Recherchen, die zutage fördern, was mancher gerne verbergen würde.
Wie sie das schaffen wollen mit Mitarbeitern, denen sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit ihre Verachtung zeigen, ist mir zumindest nicht ganz klar.
Vor allem aber sollten sich die Verlage nicht zu sehr in Sicherheit wiegen.“

Matthias Spielkamp mit einem sehr treffenden Vortrag über die Ausbeutung freier Journalisten durch die deutschen Zeitungs- und Zeitschriftenverlage (und teilweise Rundfunksender). Der neue Rahmenvertrag der „Zeit“ wäre übrigens wirklich lustig, wenn er nicht so traurig wäre: Mit ihrer Unterschrift treten freie Mitarbeiter auch noch gleich die Rechte an ihren Artikeln ab, die sie in der Vergangenheit (!) für die Wochenzeitung geschrieben haben.

(via)

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Es gibt Welten, die mir einfach völlig fremd sind. Also nicht nur fremd in dem Sinne, dass ich zwar weiß, dass es diese Welten gibt und was in ihnen im Großen und Ganzen so vor sich geht, ohne aber einen detaillierten Einblick in sie zu haben. Sondern eher fremd in dem Sinne, dass sich in ihnen Abgründe aufzutun scheinen, über die ich mir bisher nicht im Geringsten im Klaren war.

Neulich bewarb ich mich auf eine Ausschreibung in einem Forum, mit der eine Agenturgruppe freie Texter suchte. Ich ging davon aus, dass man da journalistische und/oder PR-Texte schreiben sollte, näher spezifiziert war das in dem Gesuch aber nicht. Nach einiger Ziet bekam ich eine E-Mail aus deren Personalabteilung: Ob ich interessiert sei, SEO-Texte für verschiedene ihrer Kunden zu schreiben. Honorar pro Wort: 1 Cent brutto. Bei Interesse werde man mir einige Keywords zur Probe schicken, die ich dann möglichst oft in die jeweiligen Texte einbauen sollte.

Ich wusste gerade mal, für was die Abkürzung SEO steht (Search Engine Optimizing, also Suchmaschinenoptimierung). Bisher dachte ich allerdings immer, diese bestünde hauptsächlich darin, im Quelltext von Internetseiten bestimmte häufig gegoogelte Wörter unterzubringen, damit die Webseiten bei Google entsprechend höher in den Suchergebnissen auftauchen. Dass man dazu nun extra Texter bräuchte, war mir neu. Dass es spezielle Texte gibt, die nur zum Zweck der SEO geschrieben werden, erst recht.

Das Honorar wirkte zunächst einmal sehr unseriös, andererseits hatte ich keinerlei Vorstellung, wie denn nun der Arbeitsaufwand pro Text wäre, wie lang diese überhaupt sein sollten und vor allem, um welche Art Texte es sich überhaupt handeln sollte: Erwarteten die für das Honorar noch, dass man selbst recherchierte, bekam man da Infos von den jeweiligen Kunden, die man dann nur noch in einen Text gießen müsste oder wie oder was? Also stellte ich diese Fragen erst einmal in einer Rückmail an die Personalfrau.

Nach einer Woche bekam ich eine knappe Antwort mit dem Tenor, der Rechercheaufwand sollte möglichst gering sein, da der Zeitaufwand erfahrungsgemäß bei zehn bis zwanzig Minuten läge. Da die Dame leider nichts dazu geschrieben hatte, wie lang diese Texte überhaupt sein sollten, und ich auch immer noch nicht wusste, wie man denn zu diesen kommen sollte, ohne selbst zu recherchieren, half mir diese Auskunft nicht wirklich weiter.

Ich schaute mich daraufhin mal im Internet um und fand zunächst ein SEO-Blog, in dem ein Typ vorrechnete, man könne als selbständiger SEO-Berater locker auf 50.000 Euro Einkommen im Monat kommen. Keine Ahnung, ob das auch nur annähernd der Wahrheit entspricht. Falls ja, ist auch klar, wie die Chefs diese Gewinne erzielen: indem sie ihre Texter für einen Hungerlohn arbeiten lassen offenbar. In anderen Foren fand ich bestätigt, dass ein Cent wohl ein marktübliches Honorar für diese Art Texte zu sein scheint (es geht auch darunter; so gibt es auch eigene Plattformen im Netz, bei denen sich jeder anmelden und dann Texte schreiben kann, da fangen die Honorare teilweise noch niedriger an). Anscheinend gibt es ein ganzes Texter-Prekariat, das hauptsächlich aus Studenten, Hausfrauen u.ä. besteht, die, teilweise, um sich ein paar Euro dazu zu verdienen, teilweise auch als Hobby, ganze Webseiten zutexten, mit oberflächlichen, schnell zusammen gezimmerten Texten, die nur einen Zweck haben: ahnungslose Leute auf die Seiten von irgendwelchen Unternehmen zu locken.

Ich habe dann auch mal so einen Text gefunden, auf einer Seite, auf der Hotelbuchungen verkauft werden. Zwischen den ganzen Beschreibungen der Hotels in Venedig steht da dann so ein Text über Venedig, in dem in fast jedem Satz die Wörter Hotel und Venedig vorkommen: „Direkt neben Ihrem Hotel in Venedig finden Sie den Markusplatz. Von Ihrem Hotel in Venedig aus sollten Sie auch einmal dies und das besuchen…“

Mich wundert an diesem Vorgehen dreierlei: dass es Menschen gibt, die auf Dauer für so ein Honorar solche Texte schreiben, dass es Firmen gibt, die denken, mit solchen Tricks dauerhaft Kunden gewinnen zu können – und dass es Menschen gibt, die auf solche Tricks hereinfallen. Man wählt doch normalerweise auch bei Google die Treffer aus, auf die man dann drauf klickt – und wählt natürlich nur Adressen, die irgendwie seriös klingen, nicht solche, wo schon in dem Suchergebnis nur Dinge stehen wie: „Hotels in Venedig, Venedig Hotels, billige Hotels, Venedig Urlaub billig“.

Ich fand dann auch noch ein Blog, in dem sich Kommentatoren darüber aufregten, dass da solche Texter-Plattformen empfohlen wurden. Tenor der Kommentare war, dass man da auf Stundenlöhne von zwei Euro aufwärts käme. Ich finde dieses Angebot, das ich bekommen habe, auch unseriös: Normalerweise müsste einem ja mal gesagt werden, wie viele Wörter man überhaupt im Durchschnitt schreiben soll, wenn man schon pro Wort bezahlt werden soll. Im Übrigen glaube ich kaum, dass man tatsächlich mit zehn bis zwanzig Minuten pro Text hinkommt. Selbst für solche inhaltlich und stilistisch anspruchslosen Texte muss man ja erst mal irgendwo Infos herbekommen, und selbst wenn man sich das alles aus der Wikipedia raussucht, kostet das ja auch erst mal Zeit.

Zumal es da dann wohl wieder feste Regeln gibt, dass man nichts wörtlich abschreiben oder auch nur bestehende Texte Satz für Satz umformulieren darf, da das sonst von der Software als Plagiat gewertet und der Text vom Auftraggeber abgelehnt wird. Darüber hinaus ist es eigentlich eine Frechheit, einem so eine Arbeit überhaupt anzubieten, wenn man sich da mit Lebenslauf bewirbt, aus dem klar hervorgeht, dass man zwei Hochschulabschlüsse hat, davon einen in Journalismus.

Im Netz scheint es aber eine ganze Infrastruktur zu dem Thema zu geben, nicht nur die oben erwähnten Texter-Plattformen, sondern auch eigene Foren mit Stellenangeboten, Blogs etc. Eine wundersame Parallelwelt, die, von normalen Journalisten und gewöhnlichen Internet-Nutzern unbeachtet, vor sich hin mäandert – und immer neue sinnfreie Texte erzeugt, in denen Hobbygärtnerinnen über Pflanzen schreiben, Studenten die halbe Wikipedia umtexten und gewiefte Mittelständler 50.000 Euro im Monat verdienen, indem sie diese ausbeuten und das Internet zumüllen lassen.

„Vor zwanzig Jahren gab es in Deutschland dreißig Millionen sozialversicherungspflichtige Jobs. Inzwischen sind es drei Millionen weniger. Und wer heute als Journalist arbeitet, bekommt leicht den Eindruck, dass allein zwei Millionen davon in der Medienbranche weggefallen sind.“

Meike Winnemuth gehört (wenn das nicht gefaket ist) zu den Journalistinnen, die von der Medienkrise betroffen sind – und machte gleich eine lesenswerte Story aus der Frage, wie man sich beruflich anders orientieren kann, wenn das Geld Verdienen mit dem bisherigen Job nicht mehr richtig klappt. Heraus kam ein amüsanter Selbstversuch mit Job Coachs und anderen fragwürdigen Berufsorientierungs-Helfern für das SZ-Magazin.

Und Georg Seeßlen zweifelt den Erfolg des long tail im Internet an und sieht in einem diskussionswürdigen „Freitag“-Essay eher die Gefahr, dass die elektronische Vermarktung von Texten die Tendenz zur (Selbst-)Ausbeutung des Großteils der schreibenden Zunft verstärkt:

„Die Zeitung muss leben, und sie lebt, wenn man eine oder zwei interessante Stimmen hat und den Rest der Autoren lediglich behandelt – es gibt genügend Leute, die den Job umsonst machen.“

Die Bigotterie des Hubert Burda

Veröffentlicht: 16. August 2009 in Online, Print
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Der Vorsitzende des Zeitschriftenverleger-Verbandes fordert Geld von Google, wenn es auf journalistische Angebote verlinkt, während die Verleger selbst ihre freien Mitarbeiter mit Knebelverträgen ausbeuten. Die Folgen schildert Kai Schächtele in der taz:

„Dem freien Journalisten bleiben deshalb nur zwei Auswege, wenn er genauso unternehmerisch agieren will wie die Verlage: Entweder passt er seinen Arbeitsaufwand dem Honorar an und steckt weniger Zeit in die Recherche. Oder er sucht nach besser bezahlten Alternativen: Die PR-Branche etwa spannt freie Journalisten dafür ein, ihre Botschaften in die Medien zu hieven. So aber entsteht ein irreparabler Schaden an genau dem, wodurch das einzelne Stück geadelt werden soll: an der Glaubwürdigkeit. Damit zerstören die Verlage langfristig selbst die Grundlage ihres Geschäfts. Und wenn es keine journalistische Leistung mehr gibt, die es zu schützen lohnt, hilft auch kein Leistungsschutzrecht mehr.“

Der Fall des Autors Thomas Hürlimann, aus dessen FAZ-Artikel der „Perlentaucher“ zitierte, hat eine Diskussion über die Verträge ausgelöst, die die FAZ ihren freien Mitarbeitern aufnötigt. Die Zeitung hatte dem Web-Portal eine Rechnung über 590 Euro geschickt, weil sie ihr Copyright wegen des Zitats verletzt sah. Daraufhin meldete sich der Autor des Artikels, eben jener Hürlimann, zu Wort, und meinte, das Copyright für seinen Artikel läge ja wohl nach wie vor bei ihm, insofern könne der „Perlentaucher“ ruhig daraus zitieren. Dann fiel dem Autor aber wieder ein, dass er 2004 einen Rahmenvertrag mit der FAZ unterschrieben hatte, der sämtliche Rechte an den für sie geschriebenen Texten an den Zeitungsverlag abtritt.

Zufälligerweise dürfte das der gleiche Vertrag sein, den ich auch mal unterschrieben habe, bevor ich als studentischer Mitarbeiter bei der Internetredaktion jener Zeitung anfing. Wolfram Schütte nennt diesen einen Knebelvertrag – zu Recht. Räumt er doch dem Verlag das „ausschließliche zeitlich, räumlich und inhaltlich unbeschränkte“ Recht ein, die Artikel weiterzuverwenden, also etwa online zu veröffentlichen oder an Dritte weiter zu verkaufen. Mit anderen Worten heißt das, dass der Autor seinen eigenen Text nicht mal mehr an andere Zeitungen oder Online-Seiten weiter verkaufen kann, ohne den Verlag vorher um Erlaubnis zu fragen. Er hat nämlich schlicht und ergreifend alle Rechte an seinem eigenen geistigen Eigentum verloren. Die FAZ zeigt sich in dem Vertrag aber großzügig: „die dafür nötigen Nutzungsrechte werden wir Ihnen gerne einräumen, soweit dies die Verwertung der vorstehend eingeräumten exklusiven Nutzungsrechte nicht unbillig behindert“. Ob das der Fall ist oder nicht, entscheidet dann wohl der Verlag. Oder ein Gericht. Jedenfalls nicht der Autor, vermute ich mal sehr stark.

Ich hatte damals kein Problem, diesen Vertrag zu unterschreiben – obwohl mir diese unverhältnismäßige Rechteübertragung aufgefallen ist -, weil ich in dem Job sowieso keine eigenen Artikel schreiben sollte. Als Freier, der  Artikel zu überregionalen Themen schreibt, ist so ein Vertrag aber schlicht und ergreifend unzumutbar.

Der FAZ-Vertrag stellt sicher einen Extremfall dar, aber dass man als Freier dem Verlag das Recht zur Verbreitung seiner Artikel im Internet, in Datenbanken, Archiven etc. sowie zur Übertragung der Nutzungsrechte an Dritte automatisch erteilt, ohne im Einzelfall überhaupt noch gefragt zu werden und ohne einen zusätzlichen Cent dafür zu erhalten, ist eigentlich bei Zeitungen allgemeine Praxis. Wenn man dann seine eigenen AGB mitschickt, eben um ein solches Exklusivrecht auszuschließen, bekommt man von gut bezahlten fest angestellten Redakteuren mitgeteilt, das wäre doch eine Unverschämtheit, wenn man mit einer renommierten Zeitung wie ihrer ins Geschäft kommen möchte. Das ist halt die Klassengesellschaft im Journalismus. Wer eh schon keine Arbeitsrechte hat, braucht ja auch keine Urheberrechte mehr. Eine Wahl wird dem freien Mitarbeiter in der Regel gar nicht erst gegeben: Es stehen ja genügend andere Schlange, die sicher gerne bereit sind, zu deren Bedingungen für die angesehene Zeitung zu schreiben. Friss oder stirb.

Hier kann man nur Wolfram Schütte Recht geben: „Solange die Autoren sich nicht als Unternehmer in eigener Sache verstehen, also als Kapitalisten, und sich nicht weiterhin wie rekrutiertes Lumpenproletariat verhalten – solange ist nicht auszuschließen, dass die FAZ auch künftig ihre Leichte Kavallerie aus- & ins verhasste Perlentaucher-Reservat einrücken lässt.“

Die Seele an den Teufel verkauft

Veröffentlicht: 4. Februar 2009 in Aus der Praxis, Journalismus
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Das Blut … äh, die Tinte unter dem Vertrag ist noch frisch. In Web 2.0-Kreisen gelten Verwertungsgesellschaften ja gemeinhin als evil. Okay, vor allem natürlich die GEMA; wie das bei der VG Wort aussieht, weiß ich nicht genau. Cool ist es hingegen, alles unter einer Creative Commons-Lizenz zu veröffentlichen. Habe mich heute doch mal dazu durchgerungen, mich bei der VG Wort anzumelden, obwohl ich da mit jährlichen Einnahmen nicht über zehn Euro rechne. Was da an Papierwust durchgelesen und unterschrieben sein will, dessen Inhalt wohl nur ein Jurist bis ins Detail verstehen kann, ist unfassbar. Wenn ich’s richtig verstanden habe, muss ich aber nicht bei denen um Erlaubnis fragen, wenn ich meine eigenen Texte jetzt noch lesen will.

Zumindest hat dieser altehrwürdige „Verein kraft Verleihung“ (???) das Internet bereits entdeckt. Richtig skurril finde ich hingegen, wenn man sich bei einem Online-Portal um eine Stelle als Online-Redakteur nur per Postweg bewerben kann. Willkommen im 20. Jahrhundert!

Don Dahlmann antwortet auf den Offenen Brief eines frustierten freien Journalisten, den ich gestern hier verlinkt habe. Und es klingt so herrlich, wie der gute Don die Vorteile des Freiberuflerdaseins in höchsten Tönen lobpreist. Zum Schluss gibt er noch einige „Praxistipps“ für (angehende) Freie, die er wohl auch in Seminaren vermittelt. Das Problem daran: Bis auf einen (Mitglied in der Künstlersozialkasse werden) ist es mit dem Umsetzen dieser Tipps halt leider nicht so einfach. „Verlass dich nicht auf einen Auftraggeber“, gut und schön, aber woher andere Auftraggeber nehmen?

Meine Erfahrung nach knapp eineinhalb Jahren freiberuflicher journalistischer Tätigkeit: Ohne Vitamin B geht gar nichts. Kennst du keinen Redakteur persönlich oder über Empfehlungen, interessiert sich auch kaum jemand für deine tollen Themenvorschläge und Angebote. In 60 Prozent der Fälle bekommt man nicht einmal eine kurze Antwort per E-Mail, sei es auch nur eine Absage. Selbst von Redaktionen, für die man schon mal etwas geschrieben hat, bekommt man nicht unbedingt Folgeaufträge; und das muss nicht unbedingt daran liegen, dass die bisherige Arbeit für die so schlecht war. Oft heißt es dann einfach: „Wir sind grade voll mit Artikeln/Angeboten/Autoren“ oder „Unser Budget ist aufgebraucht“.

Bei der örtlichen Lokalzeitung kommt man als Freier vermutlich immer unter, aber von deren Zeilenhonoraren kann man nicht einmal seine Miete bezahlen, auch wenn man jeden Tag einen Artikel für die schreibt, geschweige denn seinen kompletten Lebensunterhalt. Die aufgewendete Arbeitszeit steht zudem in keinerlei vernünftigem Verhältnis zu den gezahlten Honoraren. Und davon, dass man sich da die Themen aussuchen könnte bzw. über Themen schreiben kann, die einem selbst Spaß machen, kann da auch keine Rede sein. Die wollen halt flexibel einsetzbare Lohnschreiber, die auch kurzfristig von Termin zu Termin hüpfen und nicht weiter nachfragen, ob es da um Karnevalssitzungen, Grundschulfeste oder Baustelleneröffnungen durch den Bezirksvorsteher geht.

Wirklich leben kann man mMn von der journalistischen Arbeit von Zuhause aus nur, wenn man entweder

– regelmäßig für große Publikums- (oder auch Fach-) Zeitschriften schreiben kann; Titel wie „Capital“, „Stern“ oder „Apotheken-Umschau“ zahlen sicher immer noch hervorragende Honorare. Mit zwei mehrseitigen Geschichten pro Monat hat man da sicher schon finanziell ausgesorgt. Aber entsprechend schwierig bis unmöglich ist es auch, ohne Beziehungen von solchen Premium-Magazinen Aufträge zu bekommen.

oder

– es tatsächlich schafft, regelmäßig dieselben Artikel in leicht veränderter Form an zehn verschiedene Zeitungen zu verkaufen. Angeblich soll es Journalisten geben, bei denen das so läuft (zumindest habe ich mal einen solchen getroffen). Der schrieb angeblich einen Artikel pro Woche und verbrachte den Rest der Woche damit, diesen an zehn bis zwanzig verschiedene Tageszeitungen bundesweit zu verkaufen. Abgesehen davon, dass sich dadurch der Anteil der journalistischen Arbeit an der Gesamtarbeitszeit auf ein Fünftel pro Woche verringert, habe ich keine Ahnung, wie das funktionieren soll. Wie gesagt: Ich bekomme meistens nicht einmal eine Antwort, wenn ich eine Mail an irgendeinen, mir persönlich nicht bekannten Zeitungsredakteuer schicke.

– die dritte Möglichkeit: für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk arbeiten, als Reporter oder freier Korrespondent für ein bestimmtes regionales Berichtsgebiet (westlicher Odenwald, Niederrhein oder was auch immer): die Anstalten zahlen gute Honorare, man ist sozial einigermaßen abgesichert, da es auch für Freie Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und bezahlten Urlaub gibt, und der Auftraggeber bezahlt den halben Sozialversicherungsbeitrag, wie bei einer Festanstellung. Rundfunkanstalten in Deutschland sind halt in erster Linie Anstalten, also Behörden, und da geht alles seinen geregelten Gang. Und wenn’s doch mal Ärger gibt, schaltet man den Personalrat ein. Problem: Ohne Vitamin B läuft wieder nichts, weil so einen Auftraggeber natürlich jeder haben will. Zweites Problem: Wenn man keine „schöne Radiostimme“ hat, hat man meistens schon verloren.

Auch ich habe den Traum noch nicht aufgegeben, in ein paar Jahren ein glückliches Freiberuflerleben führen zu können, im Sommer mit meinem Laptop im Park zu arbeiten oder Moccachino schlürfend im Straßencafé. Oder die Katze zu streicheln, weährend ich am heimischen Schreibtisch wieder mal an einer Riesenstory für ein Hochglanzmagazin mit 200.000er Auflage schreibe. Bis dahin lebe ich weiter hauptsächlich von der Stütze und rechne, wenn ich ein Angebot verschicke, schon gar nicht mehr mit einer Antwort.

Einen Tipp von Don Dahlmann halte ich aber wirklich für befolgenswert, und zwar seinen letzten:

Schreibe über das, was Dir Spaß macht, suche die Themen, die Dich interessieren, aber über die kaum bis wenig geschrieben wird. Es ergibt keinen Sinn, wenn man über Dinge schreibt, nur weil sie gerade aktuell erscheinen, man selber sich aber nicht [die] Bohne dafür interessiert.

Überschrift: bei Harald Schmidt geklaut

medienlese.com veröffentlicht heute einen Offenen Brief eines freien Journalisten an DerWesten, der darin seinem Neid auf die wirtschaftliche Situation festangestellter Redakteure Ausdruck verleiht. In den Kommentaren wird wild diskutiert, ob der arme Poet an seiner Lage nun selbst Schuld ist oder nicht. Inklusive hilfreicher Praxistipps, wie dem, man könne ja ein Blog aufmachen und nach einem Jahr davon leben. (Nebenbei gesagt, ist das natürlich genau das Ziel, das ich heimlich mit dem Start dieses Blogs hier verfolge. Und wehe, in 12 Monaten fließt nicht die fette Kohle auf mein Konto.)

Obwohl ich dem anonymen Schreiber inhaltlich nur zustimmen kann, ist mir seine Anklage doch zu weinerlich. Wesentlich besser hat mir der Artikel einer freien Journalistin zum gleichen Thema – der prekären Situation vieler Freier – vor gut einem Jahr in der „Zeit“ gefallen. Eigentlich hätte ich damals schon ahnen müssen, wie sich meine finanzielle Situation entwickeln würde. Ich meine, die Frau schreibt nicht für irgendwelche Provinzblätter, sondern für renomierte Magazine und Zeitungen (Steht bei dem Online-Artikel leider nicht dabei; ich glaube aber mich zu erinnern, dass sie u.a. für „Die Zeit“, „Brigitte“ und noch einige andere Top-Titel schreibt.), und das seit zehn Jahren. Und lebt auf Hartz IV-Niveau. Das sagt eigentlich alles über die Wertschätzung, die auch gute freie Journalisten in deutschen Verlagen genießen.