Archiv für März, 2009

Gummibärchen für Banker

Veröffentlicht: 28. März 2009 in Lesetipp
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„Normalerweise nennt man so was ein Schneeballsystem. Doch hier war es ganz anders. Die Banker und Lenker schafften Arbeitsplätze und zahlten Steuern. Gut – das mit den Steuern klappte nicht immer, zuweilen kamen die versehentlich bei irgendwelchen Stiftungen in Liechtenstein an, und auch die Arbeitsplätze wurden häufig nur kurzfristig in einem Billiglohnland geschaffen, um kurze Zeit später in ein anderes noch billigeres Land verlegt zu werden.“

Michael Plauen zeigt im „Freitag“ auf, dass sich das Denken der Banker und Manager nicht wesentlich von dem eines durchschnittlichen Dreijährigen unterscheidet.

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„weil die Leute das bisschen, was sie lesen, sich auch selber schreiben können“

Peter Praschl nennt noch einige Dutzend anderer Gründe.

„Ich steh auf Berlin“

Veröffentlicht: 25. März 2009 in Online, Print
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„Die Geschichten, die man sich davon erzählt, … handeln von Menschen, die sich oft tagelang in den Katakomben des Klubs herumgetrieben haben, in allen möglichen Aggregatzuständen. Sie handeln von Zombies, Wirren, Irren. Einige gingen heterosexuell rein und kamen schwul wieder heraus, bei anderen war es umgekehrt. Es sind Fegefeuergeschichten, die das Berghain erzählt.“

Marc Fischer (war der nicht auch mal bei TEMPO?) groß in Form, in einer Geschichte über die Schlange vor Berlins angesagtestem Klub im neuen „DUMMY Berlin“. Eine klassische New Journalism-Geschichte deutscher Prägung, bei der man nicht so recht weiß, wieviel Prozent davon wahr sind und wieviel der dichterischen Freiheit geschuldet. Was aber auch egal ist, weil sie sich wunderbar liest. Und an keiner Stelle behauptet wird, dass das nun Anspruch auf besondere Authetizität erhebt („Geschichten, die man sich erzählt“, „… der es selber erzählt bekommen hat, von einem, der es von einem erzählt bekommen hat, der wirklich dagewesen sein soll und seitdem ein anderer geworden sei, besser, sagen alle.“).

Das neue DUMMY ist mal wieder wunderbar geworden, mit schönen Storys über interessante und alltägliche Themen aus der Hauptstadt, und diesmal komplett ohne Fotos, stattdessen mit stimmungsvollen Ölbildern von Edward B. Gordon, Songtexten und Gedichten über Berlin statt Bildunterschriften und besonders viel Weißflächen dazwischen. Danach möchte man eigentlich sofort nach Berlin ziehen. Wo man dann auch den DUMMY-Machern persönlich zum Heft gratulieren könnte.

Leider ist, so genial das Heft immer wieder ist, der Online-Auftritt umso mißlungener. Ein Blog, das seit vier Monaten nicht mehr befüllt wurde, und statt zweier kompletter Artikel aus dem Heft gibt es jetzt nur noch Ausschnitte. Immerhin hat die Redaktion ein hübsches Werbevideo zum neuen Heft produziert:

Überschrift: Ideal

Der Poet der Wasserhäuschen

Veröffentlicht: 24. März 2009 in Bücher, Journalismus
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Bald neu im Taschenbuch: Jörg Fausers Debütroman Rohstoff

Bald neu als Taschenbuch: Jörg Fausers Debütroman Abb.: Diogenes

Jörg Fauser war der deutsche Chronist der Säufer und Außenseiter. Sein autobiographischer Roman „Rohstoff“ erfährt im Juli eine Neuausgabe als Taschenbuch

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Wie die DDR die BRD kolonisiert hat

Veröffentlicht: 24. März 2009 in Lesetipp
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„Gut gehen soll es nur noch der Gemeinschaft, die in der DDR Kollektiv hieß, diesem grauen, amorphen Konstrukt, das von der Obrigkeit besonders einfach gesteuert werden kann. Wer er selbst ist und bleiben will, wer in einer Partei, einem Verlag, einer Bank eine eigene Idee entwickeln und verfolgen will, wer nicht jeden Tag mit den Kollegen zum Mittagessen geht, wer in seinen Leitartikeln grundsätzlich die Welt der anderen in Frage stellt, wer nicht für das Sparen von Energie, für Urlaub in Thailand und für die deutsche Fußball-, Handball- und Eishockeymannschaft ist, gehört nicht dazu, der steht außerhalb, der wird nicht angehört, der bekommt Depressionen oder Fernweh.“

Maxim Biller is back, und er hat nichts von seiner Bissigkeit verloren. Mit Schaum vorm Mund wettert er gegen die alte DDR-Mentalität, die sich nach der Vereinigung auf die alte BRD ausgeweitet hätte. Auch wenn er mit seinen Beispielen öfter danebenliegt und wie früher in seiner TEMPO-Kolumne mit unhaltbaren Pauschalisierungen nur so um sich wirft: Ich mag diese Zorniger-Alter-Mann-Attitüde. Und was den neuen Nationalismus, Obrigkeits- und Vereinheitlichungswahn angeht, hat er sicher im Wesentlichen Recht.

(via)

Raus ins richtige Leben

Veröffentlicht: 23. März 2009 in Print
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Eine Empfehlung von Gay Talese, einem der Altmeister des New Journalism, der zu Gast in der 3sat-Sendung „scobel“ war. Darin ging es um intensiv recherchierte Reportagen, die Abgründe der Wirklichkeit am Beispiel Fritzl und deutsche Antworten auf den US-Reportagejournalismus.

(via)

Die Realitätsferne des DJV

Veröffentlicht: 22. März 2009 in Journalismus
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„Was Journalisten derzeit an medialer Gier zutage fördern ist desöfteren fragwürdig. Wenn dann eine handvoll Journalisten über twitter einen Einblick in ihre Arbeit geben, ist dies der wohl unwichtigste Punkt, an dem der DJV mit einer Kritik seinen Mitgliedern gegenüber ansetzen muss.“

Dieser Aussage von Thomas Gigold zur Winnenden-Berichterstattung ist im Grunde nichts mehr hinzuzufügen.

(via)

„Question is: Do we need a DAILY newspaper?
It seems certain that we don’t need it, if it looks like the ones we have today.“

Thomas Knüwer will mit englischsprachigen Autoren ins Gespräch kommen, und schrieb deshalb einen englischen Text über seine Ansichten über die Zukunft der Zeitung. Zumindest, was die redaktionelle Seite angeht (das mit dem Anzeigengeschäft kann ich nicht beurteilen), hat er mit fast allem Recht. Auch ich finde, dass die Verleger genau den falschen Weg gehen, wenn sie die Texte immer kürzer, die Fotos immer größer und die Informationen immer oberflächlicher machen, wenn sie versuchen, dem Weltgeschehen von gestern und vorgestern hinterherzurennen, statt eigene Themen zu setzen und Hintergründe zu liefern, die man im Internet meistens eben nicht bekommt.

Wie man es richtig macht, zeigt seit Jahren „Die Zeit“, die auch Knüwer als Beispiel nennt. Auch die FAS ist ja ein wirtschaftlicher Erfolg. Ich denke, dass es diese (und ähnliche) Zeitungen sind, die die Zeitungskrise auch überleben werden. Andere Qualitätszeitungen wie SZ oder FAZ werden vermutlich irgendwann ihr Erscheinen auf ein oder zwei Mal in der Woche umstellen müssen. Die Masse der Regionalzeitungen wird in einigen Jahrzehnten hingegen nur noch als Marke im Internet existieren – wenn überhaupt. Spätestens wenn die Mehrzahl der heute 50-80-Jährigen weggestorben ist, wird es keine Zielgruppe für diese 08/15-Blättchen mehr geben. Wer heute als 20- oder 30-Jähriger keine Regionalzeitung liest, wird damit auch mit 40 oder 50 nicht anfangen. Und die Kiddies, die heute zur Schule gehen und mit StudiVZ und SpOn aufwachsen, schon gar nicht. Alles Andere ist sich selbst in die Tasche lügen von beratungsresistenten Verlegern.

Dass es trotzdem schade wäre, wenn es irgendwann gar keine oder nur noch ganz wenige Zeitungen gäbe, ist klar. Weil Print ein ganz anderes, auch optisches Erleben ermöglicht, als lange Artikel am Bildschirm zu lesen. Ob ich es allerdings vermissen würde, wenn es keine küchentischgroßen ausfaltbaren Altpapierstapel mehr zu lesen gäbe, wage ich zu bezweifeln. In ihrem jetzigen Format sind Zeitungen, insbesondere, wenn sie das Hamburger Format haben, wie „Zeit“, SZ und FAZ, ein Anachronismus, der eigentlich durch nichts zu rechtfertigen ist. Roger Köppel ist hier mit seiner „Weltwoche“ genau den richtigen Weg gegangen, indem er die traditionsreiche Schweizer Wochenzeitung auf das Magazinformat umgestellt hat. Auch die FR und ihr Tabloidformat könnte man als Vorbild nehmen, aber warum eigentlich immer noch auf Zeitungspapier und ungeheftet? Ich wage mal zu behaupten: Die Zukunft der Zeitung ist nicht nur inhaltlich das Magazin, sondern auch vom äußeren Erscheinungsbild her.

Eine Frage, die sich die „Tagesthemen“ vielleicht mal stellen sollten. Am Tag, an dem im Prozess Fritzl das Urteil gesprochen wurde, einem Fall, der in der ganzen Welt die Menschen interessiert hat und besonders natürlich diejenigen in den deutschsprachigen Ländern, macht das ARD-Nachrichtenmagazin mit Steinbrücks Kampf gegen die Steueroasen auf, bringt danach zehn Minuten lang Belanglosigkeiten zu irgendwelchen EU-Maßnahmen gegen die Wirtschaftskrise und fünf Minuten vor Schluss noch einen Andernthalbminüter zu dem Urteil. Also, nichts gegen Zurückhaltung, und dass die ARD nicht auf jede Sex and Crime-Story aufspringt, wie RTL & Co. das machen, ist ja schön. Aber so dermaßen das Informationsbedürfnis des Publikums zu ignorieren, kann sich eigentlich kein Sender leisten. Und dann wundern die sich, dass die Leute lieber „RTL aktuell“ gucken…

Ist mir bei den „Tagesthemen“ übrigens schon öfter aufgefallen, dass die eine sehr merkwürdige Vorstellung haben, was denn nun die wichtigsten Themen des Tages waren. Neulich brachten die als Aufmacher einen Bericht darüber, wie sich ein ehemals stark verschmutzter Fluss wieder erholt hat, mit Aufnahmen von fröhlichen Fröschen und O-Tönen irgendwelcher Landschaftsschützer. Ein Bericht, der schön in die „Lokalzeit“ gepasst hätte, aber ganz bestimmt nicht als erster Beitrag in ein bundesweites Nachrichtenmagazin.

Medienkrise in den USA

Veröffentlicht: 19. März 2009 in Journalismus, Online, Print
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Die taz mit einem Artikel über das ganze Ausmaß der Zeitungs- und Medienkrise in den USA. Von 2001 bis 2009 ist ein Viertel aller journalistischen Arbeitskräfte verloren gegangen. In Deutschland dürfte es nicht viel besser aussehen. Und die Verleger heben immer noch kein Geschäftsmodell, wie man den Niedergang der Zeitungen aufhalten oder dem im Internet etwas Adäquates entgegensetzen könnte. Stattdessen setzen die meisten weiter auf Klickhurerei im Netz und Agenturmeldungen plus Nachbarschaftsfest in der Zeitung.