Mit ‘Internet’ getaggte Beiträge

Welche Psychopharmaka werden eigentlich so in deutschen Landtagen verteilt? Das fragt man sich ja schon, wenn man sich mal die absurde Diskussion um den neuen Jugendmedienschutz-Staatsvertrag (alleine für dieses Wortmonstrum müsste die Gesellschaft für Deutsche Sprache eigentlich den Entzug der bürgerlichen Ehrenrechte fordern) ansieht. Da soll also jeder Betreiber einer Internetseite zukünftig prüfen, ab welchem Alter seine Inhalte freizugeben sind. Falls er zu dem Schluss kommt, dass das erst ab 16 oder 18 Jahren der Fall ist, muss er entweder Sendezeitbeschränkungen einführen. Dass es im Internet gar keine Sendezeiten gibt, hat den Politikern wohl niemand erzählt.

Oder er muss eine technische Kennzeichnung der Altersfreigabe einbauen. Wie das eigentlich gehen soll, erfahren wir dann vielleicht nach Inkrafttreten des JmStV, wenn die entsprechenden Programme dann auch mal programmiert sind. Außerdem läuft jeder Blogger ohne Alterskennzeichnung Gefahr, dass seine Webseite von Rechnern, die eine entsprechende Kindersicherung installiert haben, nicht mehr aufgerufen werden kann, z.B. von Rechnern, die in Schulen stehen.

Manche Blogger haben in den vergangenen Tagen schon panisch reagiert und ihre Blogs vom Netz genommen. Auch Heise berichtet eher so, als müsse nun jeder kleine Blogger seine Beiträge kennzeichnen oder liefe sonst Gefahr, sich Bußgelder oder Abmahnungen einzuhandeln. Gut, hier hätte vielleicht mal ein Blick auf die FAQ der Freiwilligen Selbstkontrolle geholfen. Da ist eigentlich für jeden Nichtjuristen verständlich, dass die Vorschriften nur einschlägig sind, wenn man entweder Inhalte auf seiner Seite hat, die erst ab 16 Jahren geeignet sind, oder Inhalte, die sich speziell an kleinere Kinder richten, mit solchen vermischt, die erst ab 12 Jahren geeignet sind. Eine ausführliche Beurteilung der neuen Vorschriften liefert Udo Vetter in seinem Lawblog, und der Mann ist immerhin Experte für Internetrecht. Demnach muss die überwiegende Mehrheit der Blogger gar nichts ändern, es sei denn, man hat sich auf erotische Kurzgeschichten oder explizite Gewaltdarstellungen spezialisiert.

Absurd ist dieser neue Staatsvertrag natürlich trotzdem. Zum einen schon deswegen, weil er bestenfalls völlig wirkungslos bleiben wird. Außer, wenn  Eltern jetzt massenhaft in ihren Kinderschutzprogrammen einstellen, dass Seiten ohne Alterskennzeichnung generell nicht aufgerufen werden dürfen. Dann dürften nämlich 90 Prozent des Internets für deren Kinder gesperrt sein, auch Spiegel Online und die Lokalzeitung, denn für die gilt die Alterskennzeichnung sowieso nicht.

Zum anderen ist das aber ein Gesetzeswerk, das nichts anderes tut als Panik unter privaten Bloggern zu verbreiten und eine überdimensionierte technische Infrastruktur für Internetsperren aufzubauen. Mir persönlich ist es eigentlich egal, falls meine Internetseiten ab Januar nicht mehr von Schulen aus aufgerufen werden können, da ich eh nicht davon ausgehe, dass das viele Schüler interessiert, was ich so schreibe. Trotzdem ist so eine merkwürdige technische Infrastruktur (Kennzeichnungssoftware plus Auslesesoftware) der erste Schritt in eine totale Überwachung aller deutschen Internetangebote und könnte den Grundstein legen für spätere Zensurmaßnahmen.

Wenn man dann liest, dass die Büttel von den Grünen sich nicht zu blöd sind, zusammen mit der SPD in NRW diesem unsinnigen Machwerk zuzustimmen, muss man doch irgendwie bedauern, dass die Piratenpartei nicht in den Landtagen sitzt. Die überwiegende Zahl der Politiker der etablierten Parteien scheint inzwischen so entfremdet von der sozialen Wirklichkeit zu sein, dass sie die Folgen ihres Handelns für den Normalbürger weder einschätzen können noch wollen.

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Meine (Moderne-) Kommunikationsbiografie

Veröffentlicht: 2. Mai 2010 in Online, Uncategorized
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1. E-Mail-Adresse (die ich auch selbst kannte, vorher bekam man glaube ich schon von der Uni automatisch eine zugewiesen, die man aber gar nicht mitgeteilt bekam): 2000 (wie Sascha Lobo)

1. selbst eingerichtete E-Mail-Adresse: etwas später im gleichen Jahr

1. Anmeldung in einem Forum: August 2003 (hatte da aber vorher schon mehr als zwei Jahre mitgelesen)

1. Handy: Mitte 2005 (Geschenk)

1. Blog: Anfang 2006

1. Anmeldung bei einem Sozialen Netzwerk: 2010

Abmeldung: wenn’s rein privat wäre, bald

Passend zur Novemberstimmung

Veröffentlicht: 2. November 2009 in Aus der Praxis, Online
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Sehe gerade, dass noch andere Agenturen außer dem epd auf die Idee gekommen sind, zu Allerheiligen was zum Thema „Trauern im Internet“ zu machen. Wenn ihr schon immer mal wissen wolltet, was mit eurem Facebook-Profil passiert, wenn ihr morgen unters Auto kommt, findet ihr u.a. hier meinen Artikel, der sich auch mit Gedenkportalen im Netz beschäftigt.

Es gibt Welten, die mir einfach völlig fremd sind. Also nicht nur fremd in dem Sinne, dass ich zwar weiß, dass es diese Welten gibt und was in ihnen im Großen und Ganzen so vor sich geht, ohne aber einen detaillierten Einblick in sie zu haben. Sondern eher fremd in dem Sinne, dass sich in ihnen Abgründe aufzutun scheinen, über die ich mir bisher nicht im Geringsten im Klaren war.

Neulich bewarb ich mich auf eine Ausschreibung in einem Forum, mit der eine Agenturgruppe freie Texter suchte. Ich ging davon aus, dass man da journalistische und/oder PR-Texte schreiben sollte, näher spezifiziert war das in dem Gesuch aber nicht. Nach einiger Ziet bekam ich eine E-Mail aus deren Personalabteilung: Ob ich interessiert sei, SEO-Texte für verschiedene ihrer Kunden zu schreiben. Honorar pro Wort: 1 Cent brutto. Bei Interesse werde man mir einige Keywords zur Probe schicken, die ich dann möglichst oft in die jeweiligen Texte einbauen sollte.

Ich wusste gerade mal, für was die Abkürzung SEO steht (Search Engine Optimizing, also Suchmaschinenoptimierung). Bisher dachte ich allerdings immer, diese bestünde hauptsächlich darin, im Quelltext von Internetseiten bestimmte häufig gegoogelte Wörter unterzubringen, damit die Webseiten bei Google entsprechend höher in den Suchergebnissen auftauchen. Dass man dazu nun extra Texter bräuchte, war mir neu. Dass es spezielle Texte gibt, die nur zum Zweck der SEO geschrieben werden, erst recht.

Das Honorar wirkte zunächst einmal sehr unseriös, andererseits hatte ich keinerlei Vorstellung, wie denn nun der Arbeitsaufwand pro Text wäre, wie lang diese überhaupt sein sollten und vor allem, um welche Art Texte es sich überhaupt handeln sollte: Erwarteten die für das Honorar noch, dass man selbst recherchierte, bekam man da Infos von den jeweiligen Kunden, die man dann nur noch in einen Text gießen müsste oder wie oder was? Also stellte ich diese Fragen erst einmal in einer Rückmail an die Personalfrau.

Nach einer Woche bekam ich eine knappe Antwort mit dem Tenor, der Rechercheaufwand sollte möglichst gering sein, da der Zeitaufwand erfahrungsgemäß bei zehn bis zwanzig Minuten läge. Da die Dame leider nichts dazu geschrieben hatte, wie lang diese Texte überhaupt sein sollten, und ich auch immer noch nicht wusste, wie man denn zu diesen kommen sollte, ohne selbst zu recherchieren, half mir diese Auskunft nicht wirklich weiter.

Ich schaute mich daraufhin mal im Internet um und fand zunächst ein SEO-Blog, in dem ein Typ vorrechnete, man könne als selbständiger SEO-Berater locker auf 50.000 Euro Einkommen im Monat kommen. Keine Ahnung, ob das auch nur annähernd der Wahrheit entspricht. Falls ja, ist auch klar, wie die Chefs diese Gewinne erzielen: indem sie ihre Texter für einen Hungerlohn arbeiten lassen offenbar. In anderen Foren fand ich bestätigt, dass ein Cent wohl ein marktübliches Honorar für diese Art Texte zu sein scheint (es geht auch darunter; so gibt es auch eigene Plattformen im Netz, bei denen sich jeder anmelden und dann Texte schreiben kann, da fangen die Honorare teilweise noch niedriger an). Anscheinend gibt es ein ganzes Texter-Prekariat, das hauptsächlich aus Studenten, Hausfrauen u.ä. besteht, die, teilweise, um sich ein paar Euro dazu zu verdienen, teilweise auch als Hobby, ganze Webseiten zutexten, mit oberflächlichen, schnell zusammen gezimmerten Texten, die nur einen Zweck haben: ahnungslose Leute auf die Seiten von irgendwelchen Unternehmen zu locken.

Ich habe dann auch mal so einen Text gefunden, auf einer Seite, auf der Hotelbuchungen verkauft werden. Zwischen den ganzen Beschreibungen der Hotels in Venedig steht da dann so ein Text über Venedig, in dem in fast jedem Satz die Wörter Hotel und Venedig vorkommen: „Direkt neben Ihrem Hotel in Venedig finden Sie den Markusplatz. Von Ihrem Hotel in Venedig aus sollten Sie auch einmal dies und das besuchen…“

Mich wundert an diesem Vorgehen dreierlei: dass es Menschen gibt, die auf Dauer für so ein Honorar solche Texte schreiben, dass es Firmen gibt, die denken, mit solchen Tricks dauerhaft Kunden gewinnen zu können – und dass es Menschen gibt, die auf solche Tricks hereinfallen. Man wählt doch normalerweise auch bei Google die Treffer aus, auf die man dann drauf klickt – und wählt natürlich nur Adressen, die irgendwie seriös klingen, nicht solche, wo schon in dem Suchergebnis nur Dinge stehen wie: „Hotels in Venedig, Venedig Hotels, billige Hotels, Venedig Urlaub billig“.

Ich fand dann auch noch ein Blog, in dem sich Kommentatoren darüber aufregten, dass da solche Texter-Plattformen empfohlen wurden. Tenor der Kommentare war, dass man da auf Stundenlöhne von zwei Euro aufwärts käme. Ich finde dieses Angebot, das ich bekommen habe, auch unseriös: Normalerweise müsste einem ja mal gesagt werden, wie viele Wörter man überhaupt im Durchschnitt schreiben soll, wenn man schon pro Wort bezahlt werden soll. Im Übrigen glaube ich kaum, dass man tatsächlich mit zehn bis zwanzig Minuten pro Text hinkommt. Selbst für solche inhaltlich und stilistisch anspruchslosen Texte muss man ja erst mal irgendwo Infos herbekommen, und selbst wenn man sich das alles aus der Wikipedia raussucht, kostet das ja auch erst mal Zeit.

Zumal es da dann wohl wieder feste Regeln gibt, dass man nichts wörtlich abschreiben oder auch nur bestehende Texte Satz für Satz umformulieren darf, da das sonst von der Software als Plagiat gewertet und der Text vom Auftraggeber abgelehnt wird. Darüber hinaus ist es eigentlich eine Frechheit, einem so eine Arbeit überhaupt anzubieten, wenn man sich da mit Lebenslauf bewirbt, aus dem klar hervorgeht, dass man zwei Hochschulabschlüsse hat, davon einen in Journalismus.

Im Netz scheint es aber eine ganze Infrastruktur zu dem Thema zu geben, nicht nur die oben erwähnten Texter-Plattformen, sondern auch eigene Foren mit Stellenangeboten, Blogs etc. Eine wundersame Parallelwelt, die, von normalen Journalisten und gewöhnlichen Internet-Nutzern unbeachtet, vor sich hin mäandert – und immer neue sinnfreie Texte erzeugt, in denen Hobbygärtnerinnen über Pflanzen schreiben, Studenten die halbe Wikipedia umtexten und gewiefte Mittelständler 50.000 Euro im Monat verdienen, indem sie diese ausbeuten und das Internet zumüllen lassen.

„Vor zwanzig Jahren gab es in Deutschland dreißig Millionen sozialversicherungspflichtige Jobs. Inzwischen sind es drei Millionen weniger. Und wer heute als Journalist arbeitet, bekommt leicht den Eindruck, dass allein zwei Millionen davon in der Medienbranche weggefallen sind.“

Meike Winnemuth gehört (wenn das nicht gefaket ist) zu den Journalistinnen, die von der Medienkrise betroffen sind – und machte gleich eine lesenswerte Story aus der Frage, wie man sich beruflich anders orientieren kann, wenn das Geld Verdienen mit dem bisherigen Job nicht mehr richtig klappt. Heraus kam ein amüsanter Selbstversuch mit Job Coachs und anderen fragwürdigen Berufsorientierungs-Helfern für das SZ-Magazin.

Und Georg Seeßlen zweifelt den Erfolg des long tail im Internet an und sieht in einem diskussionswürdigen „Freitag“-Essay eher die Gefahr, dass die elektronische Vermarktung von Texten die Tendenz zur (Selbst-)Ausbeutung des Großteils der schreibenden Zunft verstärkt:

„Die Zeitung muss leben, und sie lebt, wenn man eine oder zwei interessante Stimmen hat und den Rest der Autoren lediglich behandelt – es gibt genügend Leute, die den Job umsonst machen.“

Warum die SPD das Internet nicht verstanden hat

Veröffentlicht: 25. September 2009 in Lesetipp, Online, Politik
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„Wenn Kajo Wasserhövel von Journalisten zum Thema Internet befragt wird, reagiert er mittlerweile ungehalten. Am wenigsten mag Kajo Fragen, die die Worte „Obama“ oder „USA“ enthalten, doch das sind die häufigsten. Er antwortet dann zum Beispiel, dass er selbst im September 2008 in Chicago stundenlang mit Obamas Leuten gesprochen habe, ohne dass ein einziges Mal das Wort „Internet“ gefallen sei. Stattdessen sei es „um Sachfragen“ gegangen.“

Ein anonymer Insider berichtet im „Freitag“ sehr ausführlich und sehr lesenswert über den Internet-Wahlkampf der SPD und darüber, warum dieser scheitern musste. Online gibt es den Artikel sogar mit externen Links im Text!

Des Piraten neue Kleider

Veröffentlicht: 15. September 2009 in Online, Politik
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Abgesehen davon, dass sich mMn außerhalb der Blogosphäre sowieso so gut wie niemand für die Piratenpartei interessiert, stelle ich mir schon die Frage, warum diese neue Partei für viele junge Menschen so eine neue politische Hoffnung ist. Im Wesentlichen ist das eine Ein-Themen-Partei: Es geht um das Internet – und um Bürgerrechte, die damit in Zusammenhang stehen. Zu Sozial-, Außen- oder Arbeitsmarktpolitik findet sich in ihrem Wahlprogramm nicht einmal ein Kapitel.

Nun sagen viele ihrer Anhänger, das wäre ja nicht so schlimm. Auch die Grünen hätten ja als Ein-Thema-Partei angefangen und sich dann weiter entwickelt. Was natürlich nicht stimmt: Entgegen ihres Namens sind die Grünen eben gerade nicht nur aus der Ökologie- und Anti-AKW-Bewegung hervorgegangen, sondern auch aus der Friedens-, Frauen- und ähnlichen Bewegungen. Auch WASG und heute die Linke hatten von Anfang an noch andere Themenschwerpunkte als nur die soziale Gerechtigkeit, z.B. den Pazifismus.

Erschreckend finde ich, dass die Piraten weder einen Mindestlohn fordern, noch den Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan, noch eine Position zum Atomausstieg hat. Und das soll eine linke Partei sein? Tut mir Leid, ernst nehmen kann ich eine Partei, die bei solch fundamental wichtigen Zukunftsfragen keine eindeutigen Ziele verfolgt, nicht.

Und wie ist es nun um die Kernthemen der Piraten bestellt? Mehr Datenschutz? Bin ich dafür. Keine staatliche Kontrolle der Internetnutzung, keine Internet-Zensur? D’accord. Aber was ist mit dem Urheber- und Patentrecht? Die Forderungen zum Patentrecht im Wahlprogramm könnte ich so alle unterschreiben. Sie gehen aber nicht besonders weit. Im Freitag stellte ein Experte neulich die Frage, warum es überhaupt ein Patentrecht gebe, da das Urheberrecht auch für Produkterfindungen völlig ausreiche.

Und wie will die Partei nun eigentlich das Urheberrecht reformieren? Das scheint sie irgendwie selbst noch nicht so genau zu wissen. Diesen Eindruck hatte ich zumindest, als ich den entsprechenden Abschnitt in ihrem Wahlprogramm durchlas. Da werden insgesamt viele richtige Feststellungen über die derzeitige und zukünftige Lage der Musik- und ähnlicher kreativer Industrien gemacht, aber wenig Antworten gegeben, wie das Urheberrecht denn nun den neuen technischen Möglichkeiten angepasst werden soll.

Begrenzung der Verwertungsrechte auf den Zeitraum bis zum Tod des Künstlers? Ok, sicher sinnvoller als die Regelung mit den 70 Jahren. Aber es ist doch etwas wohlfeil zu schreiben, wir fordern auf, neue Geschäftsmodelle zu suchen, die den Künstlern erlauben, mit ihren Werken Geld zu verdienen. Es wäre doch wohl Aufgabe der Partei, selbst einen gesetzlichen Rahmen vorzuschlagen, innerhalb dessen eben dies möglich ist. Was ist z.B. mit der Kulturflatrate? Dazu steht auf der Webseite der Piraten nur:

„Unter anderem wird die Idee der „Kulturflatrate“ diskutiert. Zusätzlich bieten Konzerte, Fanartikel, Spenden und staatliche Kunstförderung weitere Einnahmemöglichkeiten.“

Mit anderen Worten: Die Partei scheint sich selbst noch nicht einig zu sein, ob sie eine Kulturflatrate unterstützt oder nicht. In so einer essentiellen Frage hat die selbst ernannte Internet-Partei also keine Meinung. Ein Armutszeugnis. Und das nun beispielsweise alle Künstler, die bisher von Tantiemen ihrer Plattenverkäufe und Musikdownloads leb(t)en, in Zukunft ihren Lebensunterhalt von Spenden und staatlicher Förderung bestreiten sollen, ist ja wohl ein schlechter Witz. Richten wir dann eine zentrale staatliche Förderstelle ein, die wie einstmals die Plattenfirma Amiga in der DDR entscheidet, welche Band förderungswürdig ist und welche nicht? Außerdem scheint mir das Programm in diesem Abschnitt nicht ganz schlüssig zu sein: Einerseits soll jeder Künstler selbst entscheiden dürfen, unter welcher Lizenz er seine Werke veröffentlichen will, andererseits soll jeder Bürger das Recht zum freien Kopieren aller Werke haben (auch übers Internet?). Und wenn der Künstler nicht will, dass sein Werk kostenlos kopiert und weitergegeben wird?

Hinter dem ganzen hippen Auftreten scheint scheint mir bis jetzt noch nicht allzu viel Substanz zu stecken. Von einer ernstzunehmenden politischen Alternative ist diese Partei jedenfalls noch ziemlich weit entfernt.

„Der Spiegel“: Ein rechtsfreier Raum

Veröffentlicht: 13. August 2009 in Online, Print
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Ich gebe zu, die Überschrift macht keinerlei Sinn. Genauso wenig wie diejenige, die „Der Spiegel“ diese Woche auf dem Cover hat: „Netz ohne Gesetz“. Oh nein, was soll das denn wieder, dachte ich mir, als ich vorhin den Tital am Kiosk hängen sah. Da hat man wieder einen boulevardesken Slogan aufgegriffen, der seit Wochen von Politikern und Publizisten in die Welt gesetzt wird, die nicht unbedingt Ahnung von der Materie haben, über die sie da reden. Und dann springt „Der Spiegel“, mit mehrwöchiger Verspätung mal wieder auf den längst abgefahrenen Zug auf und bastelt dazu eine Titelstory. Was an dem Thema wirklich dran ist, schreibt Ralf Schwartz sehr schön in seinem Blog:

„Ich sehe mehr Blut, Gewalt, Mord und Totschlag, Ausbeutung und Vergewaltigung von Frauen an einem einzigen TV-Abend als in meinem ganzen bisherigen Internet-Leben.

Jedes Callcenter von Telekom, vodafone, Bahn und Post verbreitet für mich mehr Angst und Schrecken als das Internet. In meinem ganzen Leben habe ich nicht ein einziges kinderpornographisches Bild, etc. im Internet gesehen. Das erste (und letzte) war das, was Frau von der Leyen irgendwo weichgezeichnet hochgehalten hat! Und ich kenne auch niemanden, der jemals eines gesehen hat.“

Ich hab die Geschichte jetzt nicht gelesen (meinen letzten „Spiegel“ habe ich 1998 gekauft), aber wenn sich das ehemalige Sturmgeschütz der Demokratie des Themas Internet annimmt, wird es sowieso meistens übel, wie die Erfahrung zeigt.

(Link via)

Ein Plädoyer für die Kulturflatrate

Veröffentlicht: 9. April 2009 in Lesetipp, Online
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„Eine Kulturflatrate wäre die elegantere Lösung. Sie würde mit Drohgebärden und Denunziationen aufräumen, zudem die Gerichte entlasten und einen ’schonenden Grundrechtsausgleich‘ betreiben.“

Helmut Merschmann findet im „Freitag“ fast nur Gründe, die für eine Download-Flatrate sprechen.

Eigentlich wollte ich nichts über den Amoklauf von Winnenden schreiben, weil ich dachte, es reicht ja, wenn alle darüber schreiben. Erstaunlich ist in diesem Zusammenhang aber, wie wenig Ahnung vom Internet doch viele Journalisten haben, die meinen, jetzt etwas über die vermeintliche Ankündigung des Täters im Internet schreiben zu müssen oder über die Nutzung von Web 2.0-Diensten von Journalisten, die über den Amoklauf berichteten.

Die dpa etwa scheint überhaupt keine Ahnung zu haben, was ein Chat überhaupt ist oder wie dieser funktioniert. Da schreibt die Agentur von einem “ Schreiben [, dass der Täter] wenige Stunden vor der Tat ins Internet gestellt hatte“. In einen Chat stellt man also ein Schreiben, aha. Wenn die Polizei das so formuliert, weckt das auch nicht unbedingt Vertrauen in deren Ermittlungskompetenz, aber zumindest versteht man, wenn eine Behörde so ein Bürokratenwort wie „Schreiben“ verwendet. Aber der Satz ist ja im dpa-Text nicht als Zitat gekennzeichnet. Also geht wohl auch der Journalist davon aus, dass ein Chat halt aus verschiedenen Schreiben, also Briefen, besteht. Und dass die Teilnahme an einem Chat im Normalfall keine Spuren auf dem eigenen Rechner hinterlässt, ist anscheinend auch eine Neuigkeit, die dem Leser erst einmal umständlich erklärt werden muss.

Bei der SZ ist skurrilerweise ein Redakteur für das Themengebiet Internet zuständig, der das komplette Web 2.0 mehr oder weniger offen ablehnt. Ich habe jedenfalls noch nie einen Artikel von Bernd Graff gelesen, in dem er an Blogs, Sozialen Netzwerken oder Ähnlichem auch nur ein gutes Haar lassen würde. So ist es auch nicht verwunderlich, dass er die Überreaktion vieler Journalisten nach dem Amoklauf in Bezug auf die Twitter-Nutzung als Anlass nimmt, mal wieder kräftig auf den Microblogging-Dienst einzuschlagen.

Was die Ergebnisse angeht, hat Graff mit seiner Kritik natürlich weitgehend Recht: Dass Journalisten eine Twitterin belästigen, weil die über den Dienst gemeldet hat, sie habe gehört, dass an der Schule ein Amoklauf stattfinde, ist genauso fragwürdig wie die sensationsheischende Live-Berichterstattung z.B. von Focus Online via Twitter. Aber was bitte soll die Behauptung, es sei eine Selbstverständlichkeit, dass es falsch sei, „die Aufmerksamkeit vom Gegenstand der Berichterstattung auf den Berichterstatter zu lenken“, wie es Stefan Niggemeier formuliert hat? Warum sollen Reporter nicht ihre Eindrücke und Emotionen bei der Berichterstattung schildern dürfen? Und ich rede jetzt von wirklich mitteilenswerten Gefühlen, nicht von solchen effektheischenden Belanglosigkeiten, wie die anscheinend von den Focus Online-Reportern getwittert wurden. Mir scheint es unglaublich, dass es 30 Jahre nach Erfindung des New Journalism immer noch Journalisten gibt, die solche Behauptungen unhinterfragt aufstellen, wie Graff es tut. Einen lesenswerten Artikel zu dieser Frage gibt es hingegen bei medienlese.com.:

„Aber abgesehen davon, dass sich Journalisten niemals wichtiger als die Geschichte nehmen sollten: Nehmen sich Journalisten, wenn sie zum Beispiel Twitter nutzen, “ich” sagen, ihre Arbeit transparent machen, damit automatisch zu wichtig? Schmälern sie das Ereignis? Bedient es nicht die wachsende Medienkompetenz der Leser, dass man ihnen deutlich macht: Ich fahre da hin, ich berichte für dich, mit diesen Problemen werde ich konfrontiert?“