Mit ‘Medienwandel’ getaggte Beiträge

Alter Wein in neuen Schläuchen: die neue Samstagsausgabe; Foto: taz

Alter Wein in neuen Schläuchen: die neue Samstagsausgabe; Foto: taz

Das denke ich in letzter Zeit immer öfter, wenn ich auf taz.de unterwegs bin, was seit langer Zeit fast meine einzige Nachrichtenquelle im Internet ist, wenn es um allgemeine, mehr oder weniger aktuelle Themen geht (generell informiere ich mich über Politik, Wirtschaft etc. lieber durch Radiosendungen wie das „Mittagsecho“ als durch Webseiten wie SpOn oder die Tageszeitungsportale). Der gedruckten taz habe ich ja viele Jahre lang die Treue gehalten, erst als unregelmäßiger Käufer, dann mal ganz kurz als Abonnent – wobei ich das Abo nicht gekümdigt habe, weil mir die Zeitung nicht gefiel, sondern weil die Post es damals mindestens einmal pro Woche nicht schaffte, mir die Zeitung auch am Erscheinungstag in den Briefkasten zuzustellen und eine Tageszeitung vom Samstag am Montag doch eher sinnlos ist -, dann fast acht Jahre lang so gut wie jeden Samstag als Käufer und zeitweise auch noch donnerstags, als es da die taz.ruhr bzw. später taz.nrw gab.

Aufgehört, die taz zu lesen, habe ich erst, als ich merkte, dass mir die Süddeutsche viel besser gefiel, insbesondere die Wochenendausgabe (seit zwei, drei Jahren kaufe ich gar keine Tageszeitungen mehr, eine Wochenzeitung reicht mir). Seitdem und seit dem vorletzten Relaunch der Samstagsausgabe, als diese dann plötzlich in Farbe war und die Beilage Sonntaz hieß, habe ich nur gelegentlich noch mal eine gedruckte Ausgabe in der Hand gehabt, meistens in Cafés. Was ich dann feststellte, war, dass die Zeitung irgendwie immer mainstreamiger und dadurch belangloser geworden war. Vergangene Woche gab es nun mal wieder einen Relaunch der Samstagsausgabe, der als ganz großer Wurf verkauft und von einer aufwendigen Werbekampagne begleitet wurde. Geändert hat sich sogar erstmals der Titel: Nicht mehr „die tageszeitung“ prangt nun über dem Titelfoto, sondern „taz. am wochenende“. Keine Tageszeitung soll die sechste Ausgabe mehr sein, sondern eine Wochenzeitung, ein Magazin, soll schon der Titel suggerieren.

Der Ansatz ist sicher nicht verkehrt, gehen doch auch Tageszeitungen in den USA – notgedrungen – vermehrt den Weg, statt einer täglichen Zeitung nur noch ein oder zwei Mal in der Woche eine drucken zu lassen, die dann auch „magaziniger“ ist, also mehr Hintergründe und Lesestoff bietet als Nachrichten, die bei Druck sowieso schon veraltet sind. Was die taz da allerdings als ganz neu, innovativ und fortschrittlich verkauft, ist eigentlich ein alter Hut und noch dazu eine Mogelpackung: Beim Durchblättern unterscheidet sich die neue „taz.am wochenende“ nämlich in fast nichts von der alten Samstagsausgabe – mit dem Unterschied, dass sie nun statt 2, 30 Euro 3,20 Euro kostet. Weder hat sie mehr Seiten, noch ist der Inhalt wirklich ein anderer. Die Änderungen sind rein kosmetischer Natur. Nach wie vor gibt es 16 Seiten mit den üblichen Inhalten, die sich – teils unter anderen Rubrikentiteln – auch in der Werktagsausgabe finden, mit dem einzigen auffälligen Unterschied, dass die reinen Nachrichten auf eine Seite gekürzt wurden. Aber Reportagen und Hintergründe finden sich ja auch montags bis freitags.

Danach folgen wie gehabt 24 Seiten Sonntaz mit teils den alten und teils auch einigen neuen Rubriken und Themen aus Gesellschaft, Kultur, Reise etc. Dabei wirkte die Themenmischung heute so beliebig und an manchen Stellen in ihrer Klischeehaftigkeit schon unfreiwillig komisch, dass ich mich echt fragte, wer dafür mehr als 3 Euro bezahlen soll – von den üblichen Altabonnenten aus der Kommune 1 und den Macchiato-Müttern vom Prenzlberg mal abgesehen. Homestories über „normale“ Leser – Tenor der Unterzeile: „Sie lernten sich kennen, heirateten und hatten auch ihre Probleme“ -, eine Rezeptseite – Mozzarella-Paprika richtig zubereiten – und eine ganzseitige Anleitung, wie man richtig Holz hackt – sind das eurer Meinung nach wirklich die Themen, die alternativ oder „irgendwie links“ denkenden Menschen auf den Nägeln brennen, liebe taz? Da kann ich mir ja gleich die Rheinische Post kaufen, deren Wochenendbeilage eine ähnliche Mischung haben dürfte. Interessiert haben mich auf den ganzen 40 Seiten zwei kurze Artikel, einen über einen neuen Kinofilm und die „Tatort“-Vorkritik – na gut, letzterer eigentlich auch nicht so richtig.

Dass der groß angekündigte Relaunch im Grunde nur eine kaschierte drastische Preiserhöhung ist, bemerken dann auch gleich mehrere LeserInnen auf der Leserbriefseite. Warum sagt ihr dann nicht einfach: „Die Zeiten für Print sind hart, die Einnahmen sinken, wir brauchen mehr Geld von euch, liebe LeserInnen“? Stattdessen tut ihr so, als hättet ihr das Rezept für die Zukunft gefunden und verpackt doch nur alten Wein in neue Schläuche, etikettiert ihn aber mit um 40 Prozent erhöhten Preisen. Fast noch trauriger finde ich, dass ihr mittlerweile in meinenn Augen fast überhaupt keine politisch-gesellschaftliche Relevanz mehr habt. Früher stimmte der Slogan „Gegen uns sind alle anderen gleich“. Mittlerweile muss man die Unterschiede in der Themensetzung zwischen euch und anderen (Mainstream-)Medien meist schon mit der Lupe suchen. Auf taz.de lese ich selten etwas, dass ich nicht auch auf süddeutsche.de oder faz.net lesen könnte. Was Gegenpositionen zum gesellschaftlich-politischen Konsens angeht, lese ich die inzwischen im „Freitag“ oder in Blogs, aber kaum noch auf eurer Webseite. Es sei denn, man hält „Fahrradfahrer haben es in deutschen Städten schwer“ schon für eine gesellschaftpolitische Gegenposition. Wenn man es ganz gemein formulieren wollte, könnte man auch sagen, die taz ist auf bestem Wege, die „Gartenlaube“ der Bio-Markt-Einkäufer zu werden. Aber auch Ex-Revoluzzer werden halt älter und pflegen dann irgendwann lieber ihren Garten als ihre Streitkultur.

Advertisements

Im Lokalen sind wir aber inhaltlich schon fast gleichwertig im Umfang und häufig investigativer, aktueller und exklusiver – wir verzichten auf viele Gefälligkeitsnachrichten, die eine Zeitung aus lauter Verzweiflung veröffentlicht, um die Seiten zu füllen. Das hat mit Journalismus schon lange nichts mehr zu tun.

Unsere Geschichten sind dann fertig, wenn sie fertig sind und nicht, wenn der Andruck beginnt.

Ich würde Hardy Prothmann ja mit fast allem zustimmen, nur bei mir selbst hat das Modell leider finanziell überhaupt nicht geklappt. Vielleicht war ich bei der Anzeigenakquise nicht hartnäckig genug, vielleicht ist es auch in einer Großstadt, die doch noch ein einigermaßen vielfältiges Angebot an lokalen Medien hat, einfach schwieriger als in einem Nest mit einer Monopolzeitung, Leser zu gewinnen. Momentan plane ich jedenfalls tatsächlich ein Print-Projekt (allerdings kein lokales). Das ist mMn die zweite Zukunftsstrategie: ein Nischenthema im Printmarkt zu besetzen. Jedenfalls bin ich mir relativ sicher, dass Zeitschriften wie DUMMY, brand eins oder 11 Freunde auch dann noch existieren werden, wenn es den Mannheimer Morgen und die NRZ schon nur noch als Marken im Netz gibt.

(via)

Lesetipp des Tages

Veröffentlicht: 5. Dezember 2009 in Lesetipp, Online, Print
Schlagwörter:, ,

Ein schönes Beispiel, wie Lokalzeitungen den Medienwandel verschlafen: „Wie ein 20-Jähriger einen Verlag demontiert“ von Christian Jakubetz.

Zumindest zu meiner eigenen Suchmaschinenoptimierung hat mein Artikel über die famosen Honorare im Bereich SEO-Texten beigetragen. Dank eines Links im Bildblog stiegen die Zugriffszahlen dieses Blogs am Montag auf mehr als 2000 Besucher. Was ich mich bei dem Thema Texten für Suchmaschinen auch schon gefragt hatte, war, ob es nicht schon Programme gibt, die solche inhaltsleeren keyword-gespickten Texte automatisch erstellen. Immerhin gibt es ja auch den Babelfisch und ähnliche automatische Übersetzumgsprogramme, da müsste es doch einer Software auch möglich sein, grammatikalisch einigermaßen richtige Sätze zu produzieren, in denen dann halt bestimmte Wörter in einer vorgegebenen Reihenfolge vorkommen.

Eben las ich dann bei Carta einen Artikel über ein Computerprogramm, das noch viel mehr zu können scheint. Die Software, entwickelt von Studenten einer US-Universität, kann angeblich ganze Sportberichte automatisch aus den statistischen Daten über den Spielverlauf generieren, inklusive Zitaten von Trainern und Spielern und szenischen Einstiegen. Sinniger Name des Programms: Stat Monkey. Hey, ihr SEOler da draußen, ihr blickt in eine leuchtende Zukunft: Wenn dieses Programm erst mal marktreif ist, braucht ihr ihm sicher nicht einmal einen Cent pro Wort zu bezahlen.

Besorgniserregender finde ich, dass auch solche unternehmensberater-hörigen Verlagsbosse wie Bodo Hombach auf die Idee kommen könnten, ihre verbliebenen Lokalredakteure  dann auch nicht mehr zu brauchen. Statt einem Freien 12 bis 51 Cent Zeilenhonorar zu zahlen, damit er samstags ins Stadion fährt, könnte man ja auch den elektronischen Affen über das Heimspiel des lokalen Fußballvereins schreiben lassen. Ist bestimmt gut für den Shareholder value, und der Leser merkt’s doch eh nicht.

Anfang des Jahres schrieb ich schon mal etwas über ein Pilotprojekt der Schweizer Post, eine individualisierte Wunschzeitung auf den Frühstückstisch zu bringen. Konnten damals nur 100 Testkunden an dem Projekt teilnehmen, könnte der Traum einer Tageszeitung, die man sich selbst zusammen stellen kann, nächsten Monat immerhin schon für 3,5 Millionen Menschen wahr werden. In Berlin startet am 16. November nämlich niiu.

Leser können dabei aus 16 deutschen und internationalen Zeitungen ihre Wunschinhalte auswählen (nach Ressorts, also z.B. das Feuilleton aus der FR, den Lokalteil aus der Berliner Morgenpost und den Lokalsport aus der Münchener Abendzeitung, weil man vielleicht früher mal in München gewohnt hat). Neu ist, dass man dazu auch noch aus Online-Inhalten wie Blogs, Internet-Portalen etc. auswählen kann, die dann ebenfalls ihren Weg in die gedruckte Zeitung finden (vielleicht nicht nur für Leute interessant, die sich eh alles im Netz erst ausdrucken, bevor sie es lesen).

Leider sind zum Start noch nicht so wirklich tolle überregionale deutsche Zeitungen vertreten. Also, BILD, Handelsblatt und Neues Deutschland sind nun nicht gerade die Titel, die ich als wichtigste Informationsquellen wählen würde, die Frankfurter Rundschau auch nur sehr bedingt. Die erste Liga der Überregionalen wie SZ und FAZ ist leider noch nicht im Angebot. Wer russisch kann, hat aber immerhin die Gelegenheit, sich Inhalte aus der Prawda zu wählen.

Positiv anzumerken ist noch, dass man kein festes Abo mit Kündigungsfristen einzugehen braucht, sondern ähnlich einem Prepaid-Handy ein bestimmtes Guthaben buchen kann, dass man dann Tag für Tag aufbrauchen kann. 1,80 Euro bzw. ermäßigt 1,20 finde ich als Preis eigentlich auch in Ordnung. Ich drücke dem Projekt auf jeden Fall die Daumen, damit es später einmal auf andere Städte ausgeweitet werden kann. Wenn dann wirklich SZ, FAZ, taz oder Zeit (ich weiß, ist keine Tageszeitung) dabei wären, würde ich zumindest über ein Abo nachdenken.

(Mit niiu hat sich auch schon Ulrike Langer in ihrem Blog beschäftigt.)

„Vor zwanzig Jahren gab es in Deutschland dreißig Millionen sozialversicherungspflichtige Jobs. Inzwischen sind es drei Millionen weniger. Und wer heute als Journalist arbeitet, bekommt leicht den Eindruck, dass allein zwei Millionen davon in der Medienbranche weggefallen sind.“

Meike Winnemuth gehört (wenn das nicht gefaket ist) zu den Journalistinnen, die von der Medienkrise betroffen sind – und machte gleich eine lesenswerte Story aus der Frage, wie man sich beruflich anders orientieren kann, wenn das Geld Verdienen mit dem bisherigen Job nicht mehr richtig klappt. Heraus kam ein amüsanter Selbstversuch mit Job Coachs und anderen fragwürdigen Berufsorientierungs-Helfern für das SZ-Magazin.

Und Georg Seeßlen zweifelt den Erfolg des long tail im Internet an und sieht in einem diskussionswürdigen „Freitag“-Essay eher die Gefahr, dass die elektronische Vermarktung von Texten die Tendenz zur (Selbst-)Ausbeutung des Großteils der schreibenden Zunft verstärkt:

„Die Zeitung muss leben, und sie lebt, wenn man eine oder zwei interessante Stimmen hat und den Rest der Autoren lediglich behandelt – es gibt genügend Leute, die den Job umsonst machen.“

Dass BILD-Chefredakteur Kai Diekmann vor kurzem in die taz-Genossenschaft eingetreten ist, halte ich eher für eine clevere PR-Maßnahme in eigener Sache bzw. für die BILD. Dass er dann im roten Pulli mit verfremdetem Che Guevara-Motiv auf der Genossenschaftsversammlung auftauchte, ist vielleicht ein Zeichen dafür, dass der Mann Humor hat, im Großen und Ganzen aber doch etwas peinlich.

Richtig schlimm für die taz wird es dann aber, wenn deren Geschäftsführung Diekmann zustimmt, mittelfristig müsse man für Zeitungsinhalte im Internet Gebühren verlangen. Leute, Leute, damit sind andere doch schon vor zehn Jahren gescheitert. So gut eure Artikel auch sein mögen, glaubt ihr ernsthaft, ausgerechnet taz-Leser – die nicht eh schon die Zeitung abonniert haben – werden in riesiger Zahl Online-Abos abschließen wollen? Mal ganz abgesehen davon, dass ihr euch mit einem solchen Schritt nicht gerade als Vorreiter für die digitale Zukunft präsentieren würdet. Und angeblich spielt die taz doch immer so gerne den Vorreiter bei gesellschaftlichen Entwicklungen.

„Man wird nie vermeiden können, dass Menschen, die viel Zeit, aber wenig Geld haben, sich Sachen umsonst besorgen. Aber Du wirst die Menschen, die wenig Zeit, aber Geld haben, als Kunden gewinnen, wenn Du Zuverlässigkeit und Service bieten kannst.“

Tim Renner, einer der wenigen Plattenlabel-Bosse, der den Wandel verstanden hat, sagt noch andere kluge Dinge im „Freitag“-Interview.

Und ein schönes Stück über den Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg als Modell für ein besseres Leben in Deutschland von Mikael Krogerus (eh einer der besten Schreiber beim „Freitag“). (Ein Freund von mir hat sich in Friedrichshain vor knapp 15 Jahren mal in einem Studentenwohnheim die Krätze geholt, aber das ist eine andere Geschichte. Damals war das noch ein Stadtteil, in dem man nach Einbruch der Dunkelheit lieber nicht auf die Straße ging – so ändern sich die Zeiten.)

Die SZ widmet heute ein ganzes Magazin nur der Frage „Wozu Zeitung?“. Eine Reihe teils illustrer Autoren widmet sich von A bis Z Themen wie Blogs, Google, Online-Journalismus und anderen Aspekten der Zukunft des Journalismus. Dabei kommen auch einige meiner Lieblingsautoren zu Wort: Maxim Biller darf mal wieder hemmungslos (über Meinungsmainstream und schweigende ethnische Minderheiten) schimpfen, Peter Glaser erklärt die Bedeutung von RSS-Feeds und Else Buschheuer sowie Peter Praschl schreiben über die Frage, inwieweit sich weiblicher und männlicher Journalismus unterscheiden. Außerdem bestellte die Redaktion bei einer indischen Agentur einen Text über Michelle Obamas Europa-Besuch. Eine sehr lesenswerte Ausgabe. (Alle Texte sind auch online zu finden.)

Dass einige den Medienwandel besser verstanden haben als andere, zeigen zwei Zitate aus dem Heft: John Yemma, Redaktionsleiter des „Christian Science Monitor“, der seit März nur noch sonntags mit einer gedruckten Ausgabe erscheint, findet:

Printjournalismus macht einfach keinen Sinn: Da werden Bäume gefällt, fässerweise Farbe durchs Land gefahren, Zeitungen gedruckt, die tags darauf im Altpapier landen.“

SZ-Autor Willi Winkler versteigt sich hingegen in ein völlig verbohrtes Abfeiern der gedruckten Zeitung und verteidigt dabei vor allem auch das Überformat der „Zeit“ mit abstrusen Argumenten:

„Selbst wenn die Größe manchen davon abhält, sie im öffentlichen Nahverkehr auszubreiten, welches Glücksgefühl kann allein dieses majestätische Format spenden!“

In den USA scheinen die meisten Journalisten in ihrer Wirklichkeitsanalyse doch schon weiter zu sein als viele ihrer deutschen Kollegen.

„weil die Leute das bisschen, was sie lesen, sich auch selber schreiben können“

Peter Praschl nennt noch einige Dutzend anderer Gründe.