Mit ‘Soziale Netzwerke’ getaggte Beiträge

Nachdem ich am Montag noch total genervt war, weil in jeder Radiosendung (bei drei verschiedenen Sendern), die ich hörte, über Facebook gesprochen wurde, stieß ich ab Dienstag ständig auf Google+. Nur dass ich die Berichte darüber sogar bewusst und interessiert gelesen bzw. gehört habe. Mann, was würde ich mir ins Fäustchen lachen, wenn Google Zuckerbergs Fatzebuch dahin schicken würde, wo all die gehypten Vorgänger wie MySpace und StudiVZ schon längst sind: in die Bedeutungslosigkeit. Ich kann mir nicht helfen, aber Facebook verkörpert für mich gefühlsmäßig „das Böse“ (TM). Wenn Sascha Lobo meint: „Die DNS von Facebook ist sozialer Kitt“, würde ich eher sagen: „Die DNS von Facebook ist eine asoziale Motivation.“ Nicht nur, was die ursprüngliche Motivation von Zuckerberg angeht, das Ding zu programmieren.

FB geht es nicht darum, irgendwelche tatsächlichen Bedürfnisse seiner User zu befriedigen. Es geht ihm darum, deren Kommunikationsbedürfnisse zu missbrauchen, um an ihre Daten zu kommen und mit ihrer Hilfe immer mehr Leute auf ihre Seiten zu locken. Was manche Spieleentwickler an Social Games wie FarmVille & Co. kritisieren, dass sie soziale Beziehungen nur instrumentalisieren, um neue Spieler zu generieren und dadurch mehr Geld zu verdienen, trifft auch auf FB selbst zu.

Für die Nutzer selbst geht es überwiegend um Selbstdarstellung, nicht um wirkliche Kommunikation. Die findet im Netz ganz woanders statt: in Blogs, in Foren, vielleicht auch bei Twitter. Wenn ich wirklich an den Meinungen und Interessensgebieten eines Menschen interessiert bin, lese ich sein Blog. Wenn ich über ein spezifisches Thema diskutieren möchte, z.B. über eine TV-Serie oder einen neuen Comic, den ich toll finde, suche ich mir ein Forum mit Gleichgesinnten. Dort finden nämlich noch inhaltliche Auseinandersetzungen statt. Wenn ich längere Zeit regelmäßig ein Forum besuche, kann ich die Stammuser einigermaßen einschätzen, ich kenne einige ihrer Vorlieben und Abneigungen, ich weiß, wer Diskussionskultur hat und wer nur ein Troll ist, der immer Recht behalten will. Wenn ich auf FB mit Leuten „befreundet“ bin, erfahre ich auch nach Monaten meist nicht mehr über sie, als wo sie zuletzt im Urlaub waren und mit wem sie gestern einen Kaffe trinken gegangen sind. Interessiert mich das? In den allermeisten Fällen nicht. Für längere Diskussionen ist auf FB hingegen gar kein Platz. Alles, was länger als drei Sätze ist, liest eh keiner. Die Reaktionen beschränken sich meistens auf ein „Gefällt mir“. Die Beliebtheit eines Users resultiert daraus, wer die meiste unreflektierte Zustimmung einsammeln kann: „7.657 Personen gefällt das“ vs. „Einer Person gefällt das.“ Wer unter 50 „Freunde“ hat, macht sich im Grunde lächerlich. In meinem Blog freue ich mich dagegen über jeden Kommentator, bei dem ich merke, dass er sich inhaltlich mit meinem Artikel auseinander gesetzt hat.

Die Kommunikation bei FB ist in den allermeisten Fällen eine Scheinkommunikation. Die Illusion einer Kommunikation. Den ganzen ehemaligen Bekannten, die man vor zehn oder zwanzig Jahren aus den Augen verloren hat und ohne FB auch nie wieder gefunden hätte – und die ja als eines der Lieblingsargumente dienen, was an FB so toll sei -, hat man meistens heute auch nicht mehr viel zu sagen. Hätte man das, hätte man ja auch vor zehn oder zwanzig Jahren Wege gefunden, mit ihnen in Kontakt zu bleiben. Ausnahmen gibt es natürlich auch, also Menschen, die man nach Jahren wieder trifft und die einem noch ganz viel zu sagen haben. Nur tun sie das dann bei FB nicht unbedingt auch immer. Wenn sie da immer nur schreiben, mit wem sie in ihren Heimatstädten gerade was unternehmen wollen oder ihre Babyfotos posten, bringt sie mir das ja auch nicht wieder näher. Und um zu chatten, braucht man kein Soziales Netzwerk, dafür gibt es genügend Programme.

Zudem kann all diese geschäftige Oberflächenkommunikation, das ständige Rauschen der Mitteilungen von Dutzenden Menschen, während man alleine vorm Computer sitzt, Einsamkeitsgefühle eher noch verstärken statt beseitigen. Wie es eine Anruferin gestern Abend im „Blue Moon“ formulierte: „100 Freunde und keiner ruft an.“  Wenn du wirklich einsam bist, wenn du Probleme hast, und keinen, mit dem du darüber reden könntest, hilft dir FB bestimmt nicht weiter.

Wenn ich dann höre, dass man sich bei FB nicht mehr einfach mit einem Pseudonym anmelden kann, weil die einem bei unrealistsichen Namen den Account sperren, bis man ihnen eine Geburtsurkunde oder seine Handynummer schickt, möchte ich am liebsten kotzen. Da offenbart FB seine wahre Fratze. Überall sonst im Netz ist es ja üblich und akzeptiert, unter einem Pseudonym, einem Nickname oder Bloggernamen zu schreiben. Was übrigens gar nichts damit zu tun hat, das man anonym rumpöbeln will, wie manche behaupten, für die das Internet nur aus Google, SpOn und Wikipedia besteht.

Ich hoffe jetzt einfach mal auf Google+. Alles, was ich in den letzten Tagen darüber gelesen und davon gesehen habe, fand ich sympathischer und überzeugender als alles, was ich in einem halben Jahr bei FB gesehen habe, bevor ich entnervt mein Profil gelöscht habe. Leider bin ich ja nur ein E-Blogger, weswegen ich keine Einladung für die G+-Betaphase bekommen habe. Wobei ich mich da eher nur anmelden werde, wenn es möglich wird, dort auch geschäftliche Projekte zu promoten. Privat hatte ich noch nie das Bedürfnis, mich bei einem Sozialen Netzwerk anzumelden. Aber bei G+ soll es ja wohl mehr um Themen und weniger um Egos gehen. Vielleicht fragen sich die Nachgeborenen in zehn Jahren ja, wenn „The Social Network“ im Fernsehen läuft: „Facebook? Was war das denn noch mal?“

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… könnte man in Abwandlung des alten Nina Hagen-Songs bald sagen, wenn man mit Hilfe der Augmented Reality-Technik nicht nur Orte und Sehenswürdigkeiten durchleuchten können wird, sondern auch fremde Menschen auf der Straße. Einen kurzen Überblick über aktuelle und zukünftige Anwendungen, Risiken und Nebenwirkungen findet ihr in meinem neuesten epd-Artikel.

„Facebook und Co. böten zwar «einsehbare Informationen», seien aber ihrem Wesen nach wie «holländische Wohnzimmer», deren Fenstern die Gardinen fehlten, ohne damit aber eine Einladung an jedermann zu verbinden, sich an den Scheiben die Nasen platt zu drücken.“

Ein interessanter Essay über Soziale Netzwerke von Joachim Güntner aus der NZZ. Über meine persönlichen Eindrücke als Fatzebuch-Neuling schreib ich bestimmt demnächst hier auch noch mal was.

Passend zur Novemberstimmung

Veröffentlicht: 2. November 2009 in Aus der Praxis, Online
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Sehe gerade, dass noch andere Agenturen außer dem epd auf die Idee gekommen sind, zu Allerheiligen was zum Thema „Trauern im Internet“ zu machen. Wenn ihr schon immer mal wissen wolltet, was mit eurem Facebook-Profil passiert, wenn ihr morgen unters Auto kommt, findet ihr u.a. hier meinen Artikel, der sich auch mit Gedenkportalen im Netz beschäftigt.

Abb.: Der Spiegel

Abb.: Der Spiegel

Das denkt sich wohl auch „Der Spiegel“ in den letzten Jahren immer öfter. Nach Second Life vor einigen Jahren haben die Hamburger jetzt wieder mit mehrjähriger Verspätung ein Titelthema aus der bunten Welt des Web 2.0 ausgegraben: Soziale Netzwerke à la StudiVZ, Xing und Facebook. Was von dieser Geschichte zu halten ist, analysiert Thomas Knüwer heute sehr schön und sehr ausführlich in seinem Blog.

„In einer Zeit, da seine Auflage fällt und die Anzeigen ausbleiben dürfte sich ein „Spiegel“ aber ruhig fragen, ob es die richtige Strategie ist, die Redaktion mit Sensationsheischerei zum falschen Freund des Leser zu machen – oder ob nicht Qualität das Gebot der Stunde sein könnte.“

Ein weiterer Beweis dafür, warum man den „Spiegel“ mMn schon seit Beginn der Ära Aust nicht mehr ernst nehmen kann. War er vorher „im Zweifel links“, ist er seitdem im Zweifel populistisch. Wo man früher brilliant recherchierte Titelgeschichten fand, läuft man heute jedem Trend hinterher und biegt sich die Rechercheergebnisse so lange zurecht, bis sie zur populistischsten These passen, die man vorher aufgestellt hat. Das Ganze garniert man dann gerne noch mit einem vorurteilsbeladenen Titelbild (à la „Die islamische Gefahr“) und reißerischen Aufmacherfotos, auf denen man genau das zeigt, was man in dem Artikel anprangert (leicht bis gar nicht bekleidete Teenagerinnen im aktuellen Fall oder vollbusige Avatare wie bei der SL-Story damals). Wenn man nicht eh Hitler oder Bismarck auf dem Titelbild hat, weil es ja angesichts der massiven sozialen Probleme in unserem Land auch nichts Relevanteres zu schreiben gibt als ausufernde Geschichten über die deutsche Vergangenheit. Seit Aust weg ist, gibt es vielleicht weniger Pferdestorys im Heft; ansonsten scheint sich aber nichts wesentliches verändert zu haben.

Überschrift: beliebte Journalistenaussage