Archiv für März, 2012

Pornos im Filmmuseum (Teil I und Schluss): „Die Bestie“

Veröffentlicht: 29. März 2012 in Film
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Erster mir bekannter Fall, wo die FSK-Kennzeichnung tatsächlich den Covereindruck zerstört; Abb: Bildstörung

Ich habe endlich ein Kino gefunden, bei dem ich genau in die Zielgruppe zu passen scheine: Während ich in anderen Programmkinos meist einer der wenigen unter 50-Jährigen bin und bei meinen seltenen Verirrungen in ein Multiplex immer mindestens 15 Jahre über dem Altersdurchschnitt, sitze ich in der Black Box im Düsseldorfer Filmmuseum fast immer mit fünf, sechs anderen vereinzelten Männern zwischen 30 und 65 im Saal (manchmal ist auch eine vereinzelte Dame dabei), egal, welcher Film gezeigt wird.

Gut, bei einem Beitrag der Reihe „Facetten des erotischen Kinos“ (in der u.a auch Hardcore-Filme wie „Deep Throat“ liefen, Düsseldorf ist so reich, dass es so etwas mit Steuergeldern finanzieren kann) ist das natürlich weniger überraschend als etwa bei einem Kurosawa- oder Bergman-Film. Eine Dame war dementsprechend gestern auch nicht anwesend, als ich auf den Spuren meiner Jugenderinnerungen Walerian Borowczyks skandalumwitterten Klassiker „La Bete“ (F 1975) goutierte. Ich hatte in den vor bestimmt schon 20 Jahren mal zufällig reingezappt, als er im Fernsehen lief – und zwar ausgerechnet in die Szene, in der die Protagonistin gerade – in einer Traumsequenz -, tja, wie sagt man am besten, mit einem Monster schläft, wäre wohl etwas schräg – also: Sex mit einem Monster hat, oder besser gesagt: mit einem Tier, einer Mischung aus Bär und Wolf. Viel mehr war mir von diesem Film auch nicht in Erinnerung geblieben.

Borowczyk geht gleich in medias res: Das erste Bild zeigt den erigierten Schwanz eines Pferdes (wobei mit Schwanz jetzt tatsächlich nicht der Schweif gemeint ist). Kurz darauf kommt es zur Paarung mit einer Stute, wobei dem Zuschauer keine Nahaufnahme ersparrt bleibt. Pferdeporno könnte man das nennen; wenn’s jemand auf einem gängigen Sexvideo-Portal hochladen würde, würd’s vermutlich schnell wegen Verstoßes gegen die Strafgesetze gesperrt. Aber im Namen der Kunst ist vieles möglich, auch ein Pferdegesicht beim Orgasmus. Vielleicht etwas plump als Auftakt für einen Film.

Das Abdecken wird auf dem Sitz einer verarmten Adelsfamilie durchgeführt, deren Oberhaupt neue Hoffnung schöpft, bald aus der finanziellen Malaise herauszukommen. Schon reist nämlich eine junge Amerikanerin an, die ein Millionenvermögen erben wird, wenn sie der testamentarischen Auflage nachkommt, den Sohn des Adligen zu heiraten. Während sich diese Miss Broadhurst zunächst im wilden Teil des Schlossgartens verirrt und später in ihren erotischen Fantasien, setzt der Adlige alles daran, Hindernisse auf dem Weg zur Eheschließung zu beseitigen – was auch radikale Schritte nicht ausschließt.

Schon bald merkt nämlich die Besucherin, dass auf dem Schlossgelände einiges nicht ganz koscher zu sein scheint. Immer wieder findet sie Anspielungen auf eine Bestie, die hier umgehen soll und die körperlichen Freuden mit Menschen nicht abgeneigt zu sein scheint. Außerdem verhält sich ihr heimischer Verlobter mehr als merkwürdig… Schließlich steigert sich Miss Broadhurst in einen zunehmend ekstatischer werdenden (Tag-)Traum hinein, in dem sie zu barockartigen Spinettklängen im Schlosswald erst von der Bestie gejagt (die Gebrüder Grimm lassen grüßen) und schließlich bestiegen wird, wobei ihr letzteres dann doch noch so gut gefällt, dass sie Brüste, Hände und Füße einsetzt, um dem Tier zur Luststeigerung zu verhelfen.

Diese Traumsequenzen nehmen – mit Unterbrechungen – gut eine halbe Stunde des Films ein und dürften der eigentliche Grund sein, warum dieser bei seiner Veröffentlichung einen Skandal auslöste. Tatsächlich wirkt der Sex zwischen Frau und Raubtier auch heute noch ziemlich krass, auch wenn das Bestienkostüm klar als solches zu erkennen ist. Damals, in der Prä-CGI-Zeit, gab man sich mit sowas noch richtig Mühe und baute Kostüme mit hydraulisch ausfahrbaren und ejakulationsfähigen Plastikpenissen. (Ich würde hier ja gerne ein Video verlinken, weiß aber nicht, ob’s das bei YouTube gibt oder doch eher bei YouPorn.)

Aber auch vorher gibt es bereits einige Skurrilitäten zu entdecken: Borowczyk erweist sich als Meister der Groteske, der geschickt mit Stereotypen, Überzeichnungen und Wiederholungen spielt. So ruft der Hausherr immer gerade dann nach seinem (schwarzen) Diener, wenn der sich gerade mit der jüngsten Tochter des Hauses vergnügt, worauf die Arme dann gezwungen ist, das einmal Begonnene alleine zu Ende zu führen, zwecks dessen sie regelmäßig das Fußteil ihres Bettes besteigt. Der Film führt uns auch insofern zurück in goldene Zeiten, als dass damals noch nicht der Terror der Intimfrisur vorherrschte und deshalb selbst in den expliziten Szenen ein angenehmer Grad der Verdeckung gewahrt bleibt. Außerdem sprachen deutsche Synchronsprecher zu der Zeit noch Rollen sowohl in Kinofilmen als auch in Kindershows im TV, weswegen hier eben zum Beispiel der Chauffeur dieselbe Stimme hat wie Fraggle Bo.

Und ja, so etwas wie eine Aussage hat der Film auch („Nur wenig trennt den Menschen vom Tier, weswegen wir mühsam unsere animalischen Instinkte im Zaum halten müssen.“), aber ich weiß echt nicht, ob ihn sich derentwegen jemand anguckt. Als das, was er in erster Linie ist, nämlich als Erotikfilm mit grotesker, eben einmal nicht unfreiwillig, sondern bewusst komischer Handlung- oder wie die „New York Times“ schrieb, als „schmutzige[s] Gebräu aus Märchen, freudianischer Torheit und Eight-Avenue-Peepshow“ – funktioniert er hingegen überwiegend gut. Auch wenn ich keine Ahnung habe, was Mitte der 70er  in diesen Peepshows so en vogue war. Der einzige Nachteil, wenn man Pornos um 18 Uhr im Filmmuseum guckt: Man muss danach noch an den Besuchern des nächsten Films vorbei. Wobei die folgende Doku über den mir gänzlich unbekannten Archtekten John Lautner ungefähr zehn Mal so viele Leute angezogen hatte. Es ist ein Jammer.

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Als ich einmal bei einem Literatursalon war

Veröffentlicht: 24. März 2012 in Allgemeines, Bücher
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Eine Erregung fast Proust’schen Ausmaßes ergriff mich, als ich mich gestern auf den Weg zum ersten Literatursalon meines nicht mehr ganz so jungen Lebens machte. Wein, Speis und Gesang waren mir von kundigen Stammgästen verheißen worden, eventuell sogar Weib. Allerdings auch, dass der Altersdurchschnitt der Besucher schon alleine durch mein Auftauchen beträchtlich gesenkt werden könne. Tatsächlich fand ich, nachdem ich auf dem unbeleuchteten Fahrrad meinen Weg durch mir bis dato völlig unbekannte Wohnviertel meines Stadtteils gefunden hatte (wobei ich an einer roten Ampel von einer radfahrenden älteren Besucherin des Salons überholt worden war, der im Gegensatz zu mir wohl die Geduld fehlte, jetzt noch auf so etwas Profanes wie Verkehrsregeln acht geben zu müssen), beim Eintreten in die Wohnung eine Schar überwiegend schon etwas reiferer Herrschaften vor.

Während die Groupies der beiden eingeladenen Schriftsteller bereits im Backstagebereich – der wohl im Alltag die Bibliothek war – ungeduldig mit den Füßen scharrten, suchte ich mir einen Platz in der vorletzten Reihe. Wenig später traf noch ein mittelalter Herr mit einem großkrempigen schwarzen Hut ein, nahm auf dem Sofa hinter mir Platz und seine auffällige Kopfbedeckung für den Rest des Abends nicht mehr ab, wohingegen der Alkoholgehalt seines Blutes stetig zunahm. Ich beobachte bei Lesungen immer wieder, dass der Genuss des einen oder anderen Glases Rotweins für viele Besucher ein Hauptgrund zu sein scheint, das eigene Haus zu verlassen. Nach begrüßenden Worten der Gastgeberin – denen auch zu entnehmen war, dass eine vormals hier vortragende Reiseautorin heute leider nicht anwesend sein könne, da sie sich während ihres jüngsten Aufenthalts in Bangkok spontan die Hüfte habe auswechseln lassen (müssen) – ging es auch schon los.

Während nun das – im übrigen sehr gelungene, aber davon soll hier nicht die Rede sein – Programm seinen Lauf nahm, hörte man aus der letzten Reihe des Öfteren in der Lautstärke kaum gedrosselte Kommentare des Bekrempten im Stile von „Jetzt wird’s langweilig“ oder „Mist, kein Wein mehr da“. Vielleicht war es auch so etwas wie „Mist, ohne Wein wird’s jetzt langweilig.“ Zum Glück war es irgendwann Zeit für eine Snackpause. Diese war im Vorfeld generalstabsmäßig durchorganisiert worden, weswegen es den etwa 30 Anwesenden kaum Mühe bereitete, sich innerhalb von fünf Minuten in der ursprünglich wohl auch nur auf zwei Personen ausgerichteten Küche mit Essen zu versorgen. Danach war allerdings nicht mehr auszumachen, wer im Flur vor dem Bad wartete, weil er einem dringenden Bedürfnis abhelfen wollte, und wer dort nur Zuflucht gesucht hatte, weil er der einzige freie Platz war.

Nach einer Gesprächsrunde mit den beiden Autoren, die mich ein wenig wehmütig an die goldenen Zeiten der anspruchsvollen Fernsehunterhaltung erinnerte, in der im Spätprogramm des ZDF noch Gäste wie Jeanne Moreau und Götz George die Talkshows bevölkerten, statt wie heute Veronica Ferres und Til Schweiger, hieß es von den meisten Besuchern Abschied nehmen. Der Herr mit dem Hut, der vorher noch schnell ein paar Flyer unter die Leute gebracht hatte, auf denen allerdings lediglich ein Foto von ihm selbst mit seinem Hut sowie ein mysteriöses Wort abgedruckt waren, verfehlte die Tür dabei nur knapp. Laut der Gastgeberin fand er sich, nachdem sie ihn bereits im Fahrstuhl gesehen hatte, plötzlich doch noch einmal in der Wohnung wieder, was aber lediglich ein kurzes Intermezzo bleiben sollte.

Ob es dann später am Abend so klug war auszuprobieren, ob die Angabe im Lift „für 4 Personen bis 400 Kilo“ auch dann noch gilt, wenn einer der vier bereits die Hälfte davon wiegt und ein anderer noch ein mannshohes Keyboard dabei hat, ist eine Frage, die hier nicht abschließend geklärt werden kann. Ansonsten war es ein deliziöser Abend, der fast das Gefühl in mir erzeugte, ich wäre damals bei Gertrude Stein eingeladen gewesen. Man sollte statt bei Facebook zu verweilen einfach viel öfter Literatursalons besuchen!

Lesetipp: Klaus Lemke im Interview

Veröffentlicht: 24. März 2012 in Film, Lesetipp
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Ein längeres, herrlich launisches Interview mit dem wohl letzten Anarcho-Filmer Deutschlands bei „Deadline“. Als Figur finde ich ihn wunderbar (weswegen auch ein doppelseitiges Foto mit ihm in seiner Wohnung – in der es anscheinend keine Möbel gibt, sondern nur Kartons und Ordner auf dem Fußboden – an meiner Wand hängt), als Regisseur kann ich ihn leider kaum beurteilen, weil seine Filme, von denen er einen nach dem anderen raushaut, ja nie regulär irgendwo laufen oder auf DVD erscheinen.

Es passiert nur ganz selten, dass ich irgendwo mitbekomme, dass ein Prominenter gestorben ist und mich das dann trifft wie ein Schlag. Zu oft betreffen diese Nachrichten Künstler, die entweder gar keine richtigen waren oder die ihre besten Zeiten schon so lange hinter sich hatten, dass ihr Ableben zumindest künstlerisch kein Verlust ist. Ganz anders bei Moebius, dem wohl größten zeitgenössischen Comickünstler, der am Samstag in die ewigen Jagdgründe eingegangen ist (man verzeihe mir das Wortspiel, aber er hat die indianische Kultur sehr geliebt, wie man seinen „Blueberry“-Alben immer wieder entnehmen kann). Nicht nur, dass mich seine Comics seit mehr als 20 Jahren begleitet haben, auch die Vorstellung, nie wieder etwas Neues von ihm lesen zu können, ist vermutlich vergleichbar mit der Vorstellung, nie wieder eine neue Dylan-Platte zu hören.

Nach Franquin und den großen Altmeistern der Disney-Comics, Barks und Gottfredson, dürfte Moebius alias Jean Giraud der Zeichner sein, von dem ich die meisten Comics gelesen habe – im Wesentlichen alle seine Hauptwerke von Arzach über John Difool bis zu den Sternenwanderern. Dazu viele Kurzgeschichten und Fragmente, die in der Carlsen-Reihe „Universum der Wunder“ gesammelt waren oder in alten „Schwermetall“-Heften verstreut sind. Und dann natürlich Blueberry, den ich leider nie in der richtigen Reihenfolge gelesen habe, das (scheinbar) endlos dahinmäandernde Westernepos, mit dem er (zusammen mit oder trotz?) dem Szenaristen Charlier in den 70ern den europäischen Abentuercomic quasi alleine in die Moderne geführt hat (und das, entgegen gängiger Fanmeinungen, in meinen Augen immer besser wurde, je weiter sich Giraud nach dem Tod seines Partners von dessen Erzählmustern löste).

Der edle Nordstaaten-Leutnant, dem seine moralischen Überzeugungen immer wichtiger sind als die Befehle seiner Vorgesetzten und der dadurch in immer neue Schwierigkeiten gerät (und bei dem man sich des Öfteren fragt, warum er eigentlich überhaupt in die Armee eingetreten ist). Der schließlich selbst zum vom Staat Gejagten und Vogelfreien wird, nachdem er zu Unrecht verdächtigt wurde, einen Anschlag auf den Präsidenten geplant zu haben. Der innerlich zerrissen wird zwischen der Freundschaft zu einem Indianderstamm und der Solidarität mit seinen Armeekameraden. Und der sich im letzten von Giraud gestalteten Zyklus „Mr Blueberry“ einfach aus allem ausklinkt, nur noch pokernd im Saloon von Tombstone herumsitzt und seinen eigenen Mythos sukzessive zerstört. Den „Blueberry 1900“, den Giraud immer noch machen wollte, werden wir nun wahrscheinlich nicht mehr zu sehen bekommen, aber auch „Mr Blueberry“ ist ein würdiger Abschluss für eine Serie, die in jeden Kanon der wichtigsten Comics aller Zeiten gehört.

Genauso wie „John Difool“, der sechsbändige Zyklus um einen abgehalfterten Privatdetektiv in einer monströsen Megacity der Zukunft, der mehr aus Versehen zur Schlüsselfigur des ganzen Universums wird. Szenarist Alexandro Jodorowsky verknüpfte hier den Tonfall und die Motive des Film Noir mit einer überbordenden SF-Welt, die Moebius unnachahmlich in Szene setzte (wobei einige der Einfälle schon im von Dan O’Bannon geschriebenen Vorgängerwerk „The Long Tomorrow“ steckten). Sagen wir mal so: Ohne John Difool wäre Ridley Scotts „Blade Runner“ nur schwer vorstellbar (und George Lucas‘ Stadtplanet Coruscant in Episode II überhaupt nicht). In John Difool tauchte auch der weiße Vogel wieder auf – als witziger Sidekick Dipo, die Betonmöwe -, den Moebius schon in einem seiner ersten SF-Comics etablierte: In den wortlosen Kurzgeschichten – wobei Geschichten auch das falsche Wort ist, denn rein narrativ passiert in ihnen nicht allzu viel – um Arzach. Dieser „Held“, der in jeder Story einen anderen Namen trägt, fliegt auf einem großen weißen Vogel durch eine Fantasywelt, in der alles möglich erscheint. Was auch für die frühen Werke gilt, die Giraud unter seinem bekannten Pseudonym gezeichnet hat. Die Maßstäbe der Logik darf man an diese Werke nie anlegen, was zählt, ist der Flow und die ständige Überraschung.

In den letzten Jahren hat sich Moebius bei seinen fantastischen Comics eher wiederholt, indem er seine alten Figuren in neue Abenteuer führte, die nicht mehr an die Urwerke anknüpfen konnten, während er als Giraud mit seinem Blueberry alle Grenzen hinter sich ließ. Vielleicht lag das daran, dass es im 21. Jahrhundert längst viel verwegener wirkte, einen realistisch gezeichneten Westerncomic zu machen als abgefahrene SciFi-Alben. Jan Kounen hat vor mehr als zehn Jahren in seinem Film versucht, beide Welten zusammenzubringen: den klassischen (Italo-)Western, den die Blueberry-Comics feiern, und die esoterisch-drogengeschwängerten Ideen und Bilder der Moebius-Comics. Die Fans der Serie mochten das überhaupt nicht, Giraud selbst fand es wohl großartig. In deutschen Nachrufen wird er oft darauf reduziert, dass er viele Filme beeinflusst habe und auch selbst an SF-Kinoklassikern mitwirkte (meist nur durch Kostümentwürfe oder Storyboards). Das zeigt, dass der Comic hierzulande immer noch nicht als vollwertige Kunstform anerkannt ist. Sonst würde man Girauds Werk einfach für sich sprechen lassen und schreiben: Wenn Sie es noch nicht getan haben, lesen Sie seine Bücher. Sonst haben Sie echt etwas verpasst.

Warum ist diese Tradition deutscher Kinothriller/-actionfilme eigentlich völlig abgerissen? Alle, die immer meinen, es habe hierzulande ja nie spannende Filme gegeben, brauchen sich ja nur mal Klassiker aus den 80ern angucken wie „Die Katze“ oder „Abwärts“, um sofort eines Besseren belehrt zu werden. Nachdem ich letzteren mindestens schon 15 bis 20 Jahre nicht mehr gesehen hatte, war ich überrascht, wie gut der Film des auch längst vergessenen Carl Schenkel immer noch funktioniert.

Ein steckengebliebener Hochhaus-Fahrstuhl, drei Männer, eine Frau und eine Tasche voll Geld – mehr braucht es nicht, um ein ganz großes Drama zu inszenieren, das teilweise so spannend ist, dass einem der Atem stockt und doch immer wieder Raum findet für psychologische Momente und grundsätzliche Fragen nach dem Sinn des Daseins. Natürlich verkörpern die drei männlichen Hauptfiguren unterschiedlichste Archetypen der Gattung Mann: der schon etwas gesetzte Macho, der noch etwas vom Leben haben will, der junge Rebell, der vom Leben gar nicht erst was erwartet (Generation „Null Bock“, wir sind immerhin in den 80ern) und der alte Spießer, der allerdings ausgerechnet an diesem Tag einmal im Leben etwas Unangepasstes getan hat: den Safe seines Arbeitgebers auszuräumen. Und dann ist da noch die kühle Schöne, die allen Dreien Avancen macht und doch nur an ihrem eigenen Vorteil interessiert ist.

Zwischen vielen kammerspielartigen Dialogszenen inszeniert Schenkel Actionszenen, die Hollywood nicht besser hinbekommen hätte: Wenn die Stahlseile reißen, sind auch die Nerven der Zuschauer kurz davor. Götz George zeigt hier einmal mehr, warum er in den 80ern einer der ganz wenigen deutschen Schauspieler war, wegen dem alleine die Leute schon ins Kino gerannt sind. Aber auch alle anderen HauptdarstellerInnen sind hervorragend: Hannes Jaenicke als junger Wilder, Renée Soutendijk als undurchsichtige femme fatale und Wolfgang Kieling als dröger und passiver Buchhalter, der am Ende doch als Einziger physisch und psychisch unbeschadet den Schauplatz verlässt. Aus welchem reichen Repertoire von tollen Schauspielern man als deutscher Regisseur in den 80ern noch schöpfen konnte, zeigt sich schon daran, dass Klaus Wennemann erst kurz vor Schluss in einer Nebenrolle auftaucht.

Wo sind bloß hierzulande diese Filme geblieben, die sich selbst nicht zu wichtig nahmen, die keine große Kunst sein wollten, sondern einfach nur eine fesselnde Geschichte erzählen, und dabei doch ganz nebenbei viel mehr über das Leben gesagt haben als die meisten überambitionierten Autorenfilme, die heute, hoch subventioniert und am Publikum vorbei, unsere Programmkinos verstopfen?

Dass ich doch kein so großer Star Wars-Fan bin, wie mir manche Bekannte immer unterstellen, zeigt sich wohl daran, dass ich bis vor einigen Monaten noch nie was vom Holiday Special gehört hatte. Und das soll ja schon seit den 90ern unter echten Jüngern auf abgenudelten VHS-Bändern kursieren. Dank YouTube & Co. kann man es sich aber inzwischen natürlich auch wesentlich einfacher ansehen – was allerdings nur Hardcorefans zu empfehlen ist, und denen auch nur, wenn sie bereit sind, das Franchise nicht immer ganz ernst zu nehmen.

Was sich George Lucas und seine Autoren 1978 dabei gedacht haben, bleibt unverständlich: ein Weihnachts-TV-Special im Star Wars-Universum? Das soll ernsthaft eine gute Idee sein? Knapp 120 Minuten mit der Familie von Chewbacca in den Hauptrollen? Echt vielversprechend. Die Sequenzen mit den Wookies wirken dann überwiegend tatsächlich wie eine Mischung aus den Ewoks-Filmen mit weniger Budget und, sagen wir mal, „Planet der Affen 5“. Immerhin liefern sie schockierende Einblicke in diese Kultur, etwa dass Wookies auch nur Spießbürger sind, die ihre Wohnungen mit hässlichen Schrankwänden eingerichtet haben. Oder dass Wookiekinder mit Stoffbanthas spielen.

Das Problem an dieser TV-Show ist einfach, dass fast nichts daran die beabsichtigte Wirkung hat: Alles, was lustig sein soll, ist es nicht, und alles, was ernstgemeint war, ist unfreiwillig komisch. Andererseits weiß man nicht so recht, ob das wirklich ernstgemeint sein kann. Man müsste halt die gleichen Drogen nehmen, die die Macher bei der Produktion genommen haben, um das beurteilen zu können. Insgesamt gibt es zwei bis drei Gründe, sich das Ganze doch anzusehen: 1. werden hier bereits einige Figuren und Schauplätze etabliert, die dann Jahre später in die „normalen“ Filme übernommen wurden. So die Heimatwelt der Wookies inklusive ihrer in den Bäumen gebauten Rundbauten, von denen ich dachte, sie wären erst rund 15 Jahre später in Timothy Zahns „Erben des Imperiums“-Romantrilogie eingeführt worden und in deren Comicadaption zum ersten Mal zu sehen gewesen. Und in einem Cartoonsegment taucht zum ersten Mal der spätere Fanliebling Boba Fett auf, übrigens in einer wesentlich größeren Rolle, als er sie in der kompletten Original-Filmtrilogie hat.

2. ist dieser Zeichentrickfilm tatsächlich sowohl vom Zeichenstil als auch von der Handlung recht gelungen. Sagen wir mal so: Wenn es in diesem Stil und mit diesen Hauptfiguren (nämlich Luke, Han, Leia & Co.) eine ganze Serie gäbe, würde ich mir die sicher angucken, im Gegensatz zu den unsäglichen „Clone Wars“.

und 3. kann man am Ende der Show Carrie Fisher singen hören – zwar einen ziemlich schaurigen Song, aber hey, es ist die junge Carrie Fisher, und die konnte eigentlich machen, was sie wollte.

Der Rest ist Schweigen (eine Taktik, die auch Lucas verfolgt, wenn er auf diese „Jugendsünde“ angesprochen wird). Und ein gutes Argument, die These zu widerlegen, Lucas hätte sein Universum früher nicht so ausgeschlachtet, wie es etwa Roddenberry und Co. mit Star Trek getan hätten (spätestens seit den ganzen „Clone Wars“-Ablegern ist die These natürlich eh nicht mehr haltbar, aber es gab ja auch schon in den 80ern die Ewoks- und Droids-Zeichentrickserien).

Falls jemand sich das Ganze komplett ansehen möchte: Unbedingt die Werbeunterbrechungen mitschauen, die sind größtenteils lustiger, als das, was zwischen den Unterbrechungen gesendet wurde. Omas, die für Herrenunterhosen werben, Frauen, die Strumphosen dehnen und klobige Telefone unterm Weihnachtsbaum. Der Höhepunkt ist aber der Typ, der für seine „Ladies‘ Garment Workers Union“ wirbt, so nach dem Motto „Wir Frauen müssen zusammenhalten“. Schön auch die Kurznachrichten, die aus jeweils einem Satz bestehen – amerikanisches Fernsehen scheint in den 70ern echt anspruchsvoll gewesen zu sein.