Archiv für Oktober, 2010

Bücherfragebogen (I)

Veröffentlicht: 31. Oktober 2010 in Bücher
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Ok, ihr habt mich doch noch gekriegt:

1. Das Buch, das du zurzeit liest:

Tja, eigentlich nix, nachdem ich „V.“ vor Kurzem endgültig aufgegeben hab. Meinen ersten Pynchon („Die Versteigerung von No. 49“) fand ich hervorragend, meinen zweiten („Vineland“) immer noch sehr gut, aber „V.“ halte ich mehr oder weniger für unlesbar. Nach der Hälfte, etwa 250 Seiten, wusste ich immer noch nicht, um was es eigentlich gehen sollte, es passiert im Grunde nichts, jedenfalls nichts, was irgendeinen zusammenhängenden Sinn ergeben würde, und zwischendurch wird die Haupthandlung immer wieder für 50-80-seitige Sprünge hundert oder 200 Jahre zurück unterbrochen. Diesmal konnte mich auch die Sprache nicht so stark packen, dass ich durchgehalten hätte.

2. Das Buch, das du als nächstes liest/lesen willst:

Keine Ahnung. Vielleicht erscheint ja endlich mal der neue „Spirou“-Band von dem neuen Autorenteam auf Deutsch, der schon einmal verschoben wurde.

3. Dein Lieblingsbuch:

Max Frisch: „Homo faber“ – Ein großartiges Werk über die menschliche Natur. Mehr braucht man dazu eigentlich gar nicht zu schreiben. Der Roman ist im Grunde makellos, man könnte ihm höchstens vorwerfen, etwas überkonstruiert zu sein, was ich ihm aber gerne verzeihe.

4. Dein Hassbuch:

John Niven: „Kill your friends“ – Zumindest das Ärgerlichste, was ich in den letzten Jahren so gelesen habe. Sowas gilt heutzutage wohl als Kultbuch. Eine unangenehme Mischung aus Brett Easton Ellis und Nick Hornby, nur dass der Niven überhaupt nicht schreiben kann. Er versammelt alle Klischees, die man über die Musikindustrie so im Kopf hat (Koks, Nutten und Alkohol) und verbindet sie mit einer menschenverachtenden und sexistischen Weltsicht und einer völlig unmotivierten, dafür aber auch noch unnötig brutalen Thrillerhandlung. Spätestens ab der Hälfte wiederholt er sich nur noch, hält sich selbst aber für ungeheuer provozierend und cool. Dabei ist das Buch weder wirklich witzig, noch hat es irgendeine Aussage. Was Niven dem Musikbusiness vorwerfen will, nämlich zynisch zu sein, trifft vor allem auf ihn selbst zu. Ein Buch, das negative Gefühle erzeugt und unangenehme Bilder im Gehirn festsetzt. So etwas möchte ich eigentlich nicht lesen.

5. Ein Buch, das du immer und immer wieder lesen könntest:

Hm, ich muss wohl nochmal  mit Frisch kommen. „Homo faber“ kann man natürlich auch immer wieder lesen, noch besser trifft das aber auf „Montauk“ zu, eine Erzählung, die eigentlich eine kaum versteckte Autobiografie ist. Die Erzählung eines Wochenendes mit einer wesentlich jüngeren Geliebten auf der Halbinsel bei New York bildet den Rahmen für eine Rückschau Frischs auf wichtige Stationen seines Lebens: seine verschiedenen Berufe, Wohnorte, die Beziehung zu seiner Tochter, vor allem aber natürlich auf die Frauen, die in seinem Leben wichtig waren.

Ein Buch voller Melancholie über verpatzte Chancen und vergangenes Glück, voller Selbstzweifel auch, reich an klugen Gedanken und zitierfähigen Sätzen. Wunderbar etwa, wenn Frisch ohne Anlass über den besten Weg nachdenkt, sich umzubringen („Immer wieder in meinem Leben habe ich grundlos an Selbstmord gedacht.“). Bei der Besichtigung eines alten Bauernhauses im Tessin, das er kaufen möchte, denkt er, alleine könne er da nicht wohnen, er sieht schon die Dachbalken, an denen er sich aufhängen würde. Nebenbei erfahren wir einiges Interessante über seine Schriftstellerei, über seine Liebesbeziehung zu Ingeborg Bachmann, und was an „Homo faber“ alles autobiografisch ist (nämlich allerhand).

6. Ein Buch, das du nur einmal lesen kannst (egal, ob du es hasst oder nicht):

So ausufernde dicke Schinken wie Michael Chabons „Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier & Clay“. Fand ich zwar ziemlich gut (vor allem die erste Hälfte), muss ich aber echt nicht nochmal durchackern.

7. Ein Buch, das dich an jemanden erinnert:

Alan Posener: „John Lennon“ – Die Rowohlt-Bildmonografie war die erste, die ich über Lennon gelesen habe, etwa zeitgleich mit einem meiner damals besten Freunde, der auch ein großer Beatles-Fan war. Und der damals in seinem jugendlichen Rebellentum meinte, ein Exemplar des Taschenbuchs aus der Stadtbibliothek klauen zu müssen.

8. Ein Buch, das dich an einen Ort erinnert:

Maarten ‚t Hart: „Die Netzflickerin“ – Hab ich hauptsächlich gekauft, weil die ersten Kapitel in Groningen spielen (und weil es eine Art Prequel zu seinem wunderbaren „Das Wüten der ganzen Welt“ ist). Jedenfalls wird die Hauptfigur in seinem Elternhaus unweit der Martinikerk (dem Wahrzeichen der Stadt, in der ich mein Auslandssemester verbracht habe) geboren. Leider ziehen seine Eltern dann schon bald mit ihm in die Nachbarprovinz Drenthe, kehren aber noch ab und zu in ihre Heimatstadt zurück (wenn sie samstags „in die Stadt“ fahren, da es im Umkreis von Groningen keine wirkliche Großstadt gibt, deshalb ist da heute auch so viel los, glaube ich).

Ansonsten erinnert mich natürlich die ganze zweite Hälfte von der „Blechtrommel“ an Düsseldorf, aber das zählt ja nicht so richtig, weil ich ja selbst hier bin.

9. Das erste Buch, das du je gelesen hast:

Vermutlich irgendein Bilderbuch, weiß jetzt aber echt nicht, welches. Deshalb vielleicht mal das erste „Erwachsenenbuch“, das ich gelesen habe. Und das dürfte gewesen sein: James Kahn: „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ – Yeah! Das hab ich so mit Neun gelesen, in meiner fanatischen Star Wars-Phase. Ich kannte die Filme damals noch nicht, sammelte aber dank eines Grundschulfreundes schon eifrig Star Wars-Actionfiguren und entdeckte dann nach und nach auch die Comicalben, die Romane und sonstigen Schnickschnack. Dank dieses Buchs zum Film wusste ich dann zumindest mal, was im dritten Teil der Trilogie überhaupt passiert war, die Vorgeschichte aus den ersten beiden Teilen erfuhr ich dann erst später.

10. Ein Buch von deinem Lieblingsautoren/deiner Lieblingsautorin:

Da ich nicht schon wieder mit Frisch kommen will, ein Buch meines Lieblings-Comicautoren Frank Miller: „Die Rückkehr des Dunklen Ritters“. Steht hier noch in der ersten Carlsen-Ausgabe im Regal. Wahrscheinlich auch mein Lieblingscomic ever, obwohl ich ja eigentlich mehr auf frankobelgische als auf amerikanische stehe. Diese frühe graphic novel ist allerdings ganz großes Kino. Miller hat damit nicht nur den Batman-Boom der späten 80er/frühen 90er ausgelöst, sondern auch den gesamten US-Comic revolutioniert.

Er dekonstruiert hier im Grunde die ganze Batman-Figur und den DC-Kosmos drumrum gleich mit: Batman ist ein fanatischer alter Reaktionär geworden, Robin ein Teenagermädchen, Superman ein tumber Hilfspolizist im Auftrag Ronald Reagans, der Batman ausschalten soll, weil der nicht mehr in die Zeit passt. Zwischendurch kämpft Supie für die USA als Supersoldat in einem Stellvertreterkrieg gegen die Sowjetunion (die es zum Entstehungszeitpunkt des Comics noch gab) und muss die Erde vor dem atomaren Holocaust retten, weil irgendein Politiker den falschen Knopf gedrückt hat. Währenddessen kämpft Batman gegen Faschisten, Jugendbanden und natürlich gegen seine größten Feinde aus vergangenen Tagen, von Two-Face bis zum Joker. Vor allem kämpft er aber gegen die öffentliche Meinung, heuchlerische Politiker und die Polizei, die ihn nach der Pensionierung seines alten Protegés Comissioner Gordon gnadenlos jagt. Eine Nebenhandlung dreht sich darum, wie dieser versucht, mit seiner Pensionierung fertig zu werden.

Eine sehr tiefe Erzählung, voller bissiger Medien- und Gesellschaftkritik, mit einer ambivalenten Hauptfigur und vielen Anspielungen auf das DC-Universum. Kann man aber auch als eigenständiges Werk lesen, ohne jemals eine andere Batman-Geschichte gelesen oder gesehen zu haben. Leider hat weder Miller selbst noch einer der diversen Filmregisseure es danach geschafft, in ihren diversen Batman-Versionen an dieses Meisterwerk anzuknüpfen.

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Es ist schon erstaunlich, wie der 80-jährige Eastwood es schafft, fast jedes Jahr einen Film von gleichbleibend hoher Qualität zu drehen wie in den letzten Jahren. Dabei ist seine Frequenz so hoch, dass einige seiner Filme schon fast in den Kinos untergehen, weil kurz darauf schon wieder der nächste anläuft. So ging es mit „Der fremde Sohn“ („Changeling“), der kurz vor „Gran Tarino“ in die deutschen Kinos kam und nach ein paar Wochen auch schon wieder verschwunden war. Zu Unrecht, denn er ist gegenüber dem durch Eastwoods Übernahme der Hauptrolle öffentlichkeitswirksameren „Gran Torino“ der bessere Film.

Eastwood erzählt hier nach dem Drehbuch von J.M. Straczynski, den man bisher nur als Serienschöpfer vor allem von „Babylon 5“ kannte, eine wahre Geschichte aus dem Los Angeles der 1920er Jahre: Ein kleiner Junge verschwindet spurlos. Fünf Monate später hat die Polizei ihn angeblich gefunden, doch beim Wiedersehenstreffen muss die alleinerziehende Mutter bestürzt feststellen, dass es gar nicht ihr Sohn ist. Die Polizei versucht im Folgenden alles, um ihren Fehler zu vertuschen und die Mutter vor der Öffentlichkeit erst als verantwortungslos und schließlich als geistesgestört darzustellen. Das geht so weit, dass sie sie in die Psychiatrie einweisen lässt. Doch die Frau gibt nicht auf und deckt die unglaublichen Vorgänge innerhalb des Police Departments schließlich auf.

Wäre dies keine wahre Geschichte, würde man es für einen schlechten Kolportageroman halten. Schier unfassbar ist es, was dieser Frau alles zustößt und welche Rolle das LAPD dabei spielt. In der zweiten Hälfte des Films kommen auch die wahren Hintergründe des Verschwindens ihres Sohnes zum Vorschein, der Film wird spätestens jetzt zu einer eindringlichen Mischung aus Politdrama und Thriller. Zwar gibt es im letzten Drittel einige Längen, wenn Eastwood sich überwiegend auf die Gerichtsverhandlungen konzentriert. Dank Angelina Jolies intensiver Darstellung der verzweifelten und doch kämpferischen Mutter bleibt der Film aber bis zum Schluss bewegend.

Technisch stimmt hier sowieso alles, vom authentischen Produktionsdesign, das das L.A. der 1920er Jahre wieder zum Leben erweckt bis zur Musik, die Eastwood einmal mehr selbst geschrieben hat. Langsam kommt zwar bei mir der Verdacht auf, er variiert im Grunde immer nur das gleiche Thema, das man auch schon in „Million Dollar Baby“ und später in „Gran Tarino“ gehört hat, aber schön ist es trotzdem und passt außerdem perfekt zur Atmosphäre des Films.

Spätestens, wenn man ihn dann im Making Of unaufgeregt inszenieren sieht und er erzählt, er hätte durch die Arbeit als Western-Schauspieler gelernt, dass es Unsinn sei, wenn der Regisseur zu Beginn einer Szene „Action“ ruft, weil dann die Pferde durchgingen, muss man den Mann einfach lieben.

„Retrotrend“ ist auch schon selbst Geschichte

Veröffentlicht: 22. Oktober 2010 in Print
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Schade eigentlich: So viele LeserInnen scheint es dann doch nicht zu geben, die sich für die Trends von vorgestern interessieren. Das Magazin „Retrotrend“ wurde bereits nach der zweiten Ausgabe wieder eingestellt, die ursprünglich auf Oktober verschobene dritte Nummer erscheint nicht mehr. Dabei klangen die angekündigten Themen bisher am interessantesten: der TEE und der C64.

In der aktuellen „Retro“ gibt es übrigens das Titelthema „Sex Games“. Man glaubt es kaum, aber so was gab es tatsächlich schon auf dem C64 (und sogar auf dem Atari 2600). Knaller wie „Samantha Fox Strip Poker“ sind damals aber leider an mir vorbei gegangen.

Das SZ-Magazin und die Kinder vom Prenzlauer Berg

Veröffentlicht: 22. Oktober 2010 in Print
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In der Blogosphäre wird öfter mal darüber geklagt, wie belanglos und schlecht doch die (einstigen) Vorzeigebeilagen von Süddeutscher und „Zeit“ geworden seien: die Magazine. Nur noch versteckte PR für Mode und andere Luxusprodukte, kaum noch gesellschaftliche Relevanz. Ich konnte das noch nie so recht nachvollziehen, denn wenn mir ein SZ- oder Zeit-Magazin in die Hände fiel – wegen ersterem habe ich mir ja sogar bis vor etwa 1 1/2 Jahren fast jeden Freitag die SZ gekauft-, war es meistens recht bis sehr interessant.

Heute habe ich nach längerer Pause nun zum zweiten Mal in 14 Tagen eine Freitags-SZ gekauft und beide Male war ich vom Magazin begeistert. Ich weiß nicht, ob das eine Konzeptänderung ist oder nur Zufall (früher waren die Magazine eigentlich nur in der Vorweihnachtszeit dicker als sonst, wegen dem höheren Anzeigenvolumen): die Magazine sind wesentlich dicker als früher und voller interessanter Themen. Als Beispiel verlinke ich hier mal eine aufschlussreiche Gegenüberstellung der Lebenswelten zweier 9-jähriger Mädchen, die in zwei benachbarten und doch sehr unterschiedlichen Berliner Bezirken aufwachsen: im Prenzlauer Berg und im Wedding. Und wer danach immer noch meint, das SZ-Magazin sei gesellschaftlich irrelevant, hat wohl schon lange keines mehr in der Hand gehabt.

Aaron Sorkin im O-Ton-Interview

Veröffentlicht: 17. Oktober 2010 in Film
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CARGO hat sich mit Drehbuchautor Sorkin über „The Social Network“ unterhalten, das Interview gibt es als Audio auf deren Seite. Toll z.B., dass er ein Drehbuch schreibt, das Zuckerberg knapp zwei Stunden lang als unsozialen Arsch darstellt und ihm dann wünscht, er möge nach Ansehen des Films über ihn gut schlafen.

Zitat des Tages

Veröffentlicht: 15. Oktober 2010 in Lesetipp

Von einer Firma, die den Staat bei Milliardenkosten immer noch dazu bringt, seine Bürger zusammenzuschlagen, kann man durchaus Aktien kaufen.

Don Alphonso über Stuttgart 21 (via)

Lesetipp zu „The Social Network“

Veröffentlicht: 14. Oktober 2010 in Film, Lesetipp, Online
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Zufällig gefunden: ein gut zwei Jahre alter Artikel aus dem US-„Rolling Stone“, den es kurz darauf auch in der deutschen Ausgabe gab, und den es anlässlich von „The Social Network“ jetzt frei zugänglich online gibt. Wie im Film geht es darin um die Hintergründe der Facebook-Erfindung, vor allem um die Frage, ob Zuckerberg die Idee bei Kommilitonen geklaut hat. Sehr lesenswert!

EU absurd

Veröffentlicht: 14. Oktober 2010 in Allgemeines

Nachdem es mir inzwischen zunehmend unmöglich erscheint, als Berufsanfänger, der keine 23 mehr ist, im Journalismus in Deutschland seinen Lebensunterhalt zu verdienen, habe ich begonnen, mich nach Stellen für Ausländer in den Niederlanden umzuschauen. Wider Erwarten gibt es tatsächlich manchmal Stellen, wo man deutsch- oder englischsprachige Websites betreuen soll, die speziell für nicht Niederländischsprachige ausgeschrieben werden.

Gestern habe ich mehr als drei Stunden damit verbracht, meinen Lebenslauf ins Englische zu übersetzen und ein entsprechendes Anschreiben zu formulieren. Wer schon mal versucht hat, eine englische Entsprechung für Begriffe wie Fachoberschule oder Bundesanstalt für Arbeit zu finden, weiß, dass sowas nicht auf die Schnelle zu machen ist. Heute kommt dann eine Mail von der privaten Arbeitsvermittlung, auf deren Stellenangebot ich mich bewerben wollte, dass sie nur Bewerber berücksichtigen könnten, die bereits in den Niederlanden wohnen. Das hätten sie ja vielleicht auch mal auf ihre Webseite schreiben können. Auch EU-Bürger müssten einen festen Wohnsitz dort haben und über eine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis verfügen. Ich dachte immer, als EU-Bürger hätte man Freizügigkeit innerhalb der Union bzw. sowieso einen Rechtsanspruch auf eine Arbeitserlaubnis (sofern man diese denn vorzeigen muss).

Soll ich jetzt also, wenn ich einen Job im Ausland suche, erst auswandern, ohne zu wissen, ob ich dort überhaupt einen finde? Und dann, falls ich keinen gefunden habe, nach einem halben Jahr wieder zurück nach Deutschland ziehen? Das macht doch wohl so gut wie niemand so. Wenn ich in Düsseldorf keinen Job finde, ziehe ich doch auch nicht auf gut Glück nach München, weil es ja sein könnte, dass es dort bessere Chancen gibt (abgesehen davon, dass das zumindest mit wesentlich weniger Bürokratie verbunden wäre als ins Nachbarland zu ziehen). Und ich dachte immer, absurde Regeln wären eine deutsche Spezialität.

Was wäre, wenn es Superhelden wirklich gäbe? Diese Frage haben sich Comics und Filme schon öfter gestellt, aber noch nie so konsequent wie in „Kick-Ass“. Dave ist ein ganz normaler amerikanischer Teenager. Nicht so nerdig, dass er in der Schule verprügelt wird, aber auch nicht so toll, dass die Mädels ihn anhimmeln. Er verbringt seine Freizeit vorwiegend mit Computerspielen, Internet und damit, mit seinen besten Kumpels im Comicshop abzuhängen. Bis er sich eines Tages die eigentlich nahe liegende Frage stellt, warum nach 70 Jahren Superheldencomics noch niemand auf die Idee gekommen ist, selbst einer zu werden.

Also bestellt sich Dave bei eBay einen Taucheranzug und streift als Kick-Ass durch die Straßen, um den Schwachen beizustehen. Dummerweise gehört er selbst nicht gerade zu den Starken und Durchtrainierten, weshalb er nach seinem ersten Rettungsversuch erst einmal mit einer Stichwunde im Krankenhaus landet. Aber dank MySpace und You Tube wird Kick-Ass schließlich doch noch zum (Medien-)Helden. Und trifft bei seinen Einsätzen auf ein Heldenduo, dessen Fähigkeiten tatsächlich denen von Comichelden entsprechen. Nur, dass es sich dabei um einen verwitweten Vater und seine elfjährige Tochter handelt.

Ich kenne die Comicvorlage nicht, und kann deshalb auch nicht sagen, ob es sich dabei um einen gewaltverherrlichendes Machwerk handelt oder doch um ein mit Metaebenen durchzogenes Meisterwerk, dem der Film nicht gerecht wird. Als Film für sich alleine funktioniert er aber erstaunlich gut. In der ersten Hälfte ist er eine sehr witzige und herrlich skurrile Satire auf alles, was das Superheldengenre ausmacht. Dem (Anti-)Helden passiert immer genau das, was den Strumpfhosenträgern in anderen Filmen nie passiert: Wenn er über eine Häuserschlucht springen will, fällt er fast vom Dach, wenn er sich in das Zimmer seiner heimlichen Liebe – die sich erst für ihn interessiert, nachdem sie ihn für schwul hält – schleicht, verprügelt ihn diese erst einmal mit dem Tennisschläger.

Mit dem Auftreten von Hit-Girl und ihrem Vater wird es dann konventioneller, zerstückeln die ihre Gegner doch in genauso rasanten Schnittfolgen wie in „Batman“ oder „Kill Bill“. Mit dem Unterschied, dass der Held hier zwar ein Kostüm à la Batman trägt, sich aber Big Daddy nennt – und dass die Tötungsmaschine eben ein elfjähriges Mädchen ist, dass sich zuhause auf eine heiße Schokolade freut. Als Gegner muss ein Obermafioso mit seinen Untergebenen herhalten, dessen Sohn prompt zum Superschurken inklusive Batmobil-Klon mutiert. Der Unterschied zu herkömmlichen Filmen ist aber auch hier wieder, dass abgesehen vom Titelhelden alle einen an der Klatsche haben, die „Guten“ ebenso wie die „Bösen“.

In der letzten halben Stunde vernachlässigt der Film leider seine satirischen Elemente zugunsten eines eher konventionellen Action-Gemetzels. Das ist zwar immer noch sehr abgefahren inszeniert, unterscheidet sich aber nicht mehr wesentlich von den Filmen, die er in der ersten Hälfte so gelungen parodiert hat. Hier fallen die Filmemacher mal wieder auf die Konventionen des Hollywood-Blockbusters herein, wie es auch schon Genreparodien wie „Galaxy Quest“ getan haben: Sie nehmen sich am Schluss letztlich genauso ernst wie es die parodierten Vorbilder tun.

Trotzdem: Insgesamt ist „Kick-Ass“ ein großer – wenn auch sehr gewalttätiger – Spaß, mit sympathischen Schauspielern, guter (Indie-)Musik und vielen gelungenen Gags. Und dabei wesentlich unterhaltsamer als es die meisten Superheldencomic-Verfilmungen einschließlich „Watchmen“ waren.

Facebook und die Nazis

Veröffentlicht: 11. Oktober 2010 in Online
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Facebook löscht die Seite eines NPD-kritischen Blogs – mit der Begründung, diese sei hasserfüllt, obszön und bedrohlich – , die Seite der NPD jedoch nicht. Irgendwie wird mir FB immer unsympathischer. Wenn ich „Social Network“ gesehen habe, versuche ich wahrscheinlich, mein Profil zu löschen.