Mit ‘HBO’ getaggte Beiträge

„Xanadu“: arte macht auf HBO

Veröffentlicht: 7. Mai 2011 in Online, TV
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Die Ausgangssituation der neuen arte-Serie „Xanadu“ könnte auch von einer HBO- oder AMC-Serie stammen: Im Mittelpunkt der acht Folgen steht ein Familienunternehmen in der Pornobranche. Im Gegensatz zu HBO gibt es aber nicht nur tits and asses en masse zu sehen, sondern gleich in der ersten Folge auch mehrfach einen nackten Schwanz, in un- bis halberigiertem Zustand. Und die Schlussszene ist dermaßen brutal, wie ich es von amerikanischen Pay-TV-Serien auch nicht kenne: Ein Fan einer verstorbenen Pornodarstellerin läuft in einer Ausstellungseröffnung mit Fotos seines „Stars“Amok und knallt wahllos Menschen nieder. Darunter auch eine der Hauptfiguren der Serie. Danach schießt er sich dann selbst das Gehirn weg, was auch zu sehen ist. Eins muss man arte lassen: An Mut fehlt es da nicht.

Inhaltlich war die erste Folge recht viel versprechend, auch wenn das Produktionsniveau  (natürlich) nicht mit US-Serien mithalten kann. (Ich glaub, das ist die erste französiche Serie, die ich seit 25 Jahren gesehen habe.) Die weiteren Folgen laufen immer samstags nach 23 Uhr im Doppelpack. Wenn die arte-Mediathek nicht so grottig wäre, könnte man sie sich danach auch noch sieben Tage legal online angucken. Zumindest auf meinem neuen Flachbildmonitor flackert das Bild aber ganz schön, und der Versuch, die zweite Folge anzugucken, scheiterte an endlosen Ladezeiten. Abgesehen davon, dass die Folgen nur zwischen 23 und 5 Uhr abzurufen sind. Ok, Jugendschutz, ist klar. Ich find’s trotzdem absurd, dass man mittags ohne irgendwelche Altersnachweise Hardcoreporno-Videos auf den einschlägigen Internetseiten ansehen kann, aber eine anspruchsvolle, vom öffentlich-rechtlichen TV produzierte Serie, in der es ab und zu mal nackte Menschen zu sehen gibt, erst ab 23 Uhr. Müsste das Jugendschutzgesetz nicht für alle Anbieter gleichermaßen gelten?

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Im Fernsehen ist es oft wie im Leben: Die Besten gehen meistens zu früh von uns. Hier einige Serien, die bereits nach der ersten Staffel wieder abgesetzt wurden, obwohl sie großes Potential hatten – und es meistens überhaupt nicht verdient hatten. Wobei ich grundsätzlich in verschiedene Kategorien unterteilen würde:

1. Serien, bei denen ich die schnelle Absetzung grundsätzlich verstehe: Dazu zählt klar „Studio 60 on the Sunset Strip“, die Aaron Sorkin-Serie mit unverkennbar hohem Potential, die aber irgendwie schon nach der zweiten Folge keinen richtigen Fokus mehr fand. Obwohl Schauspieler, Bücher und Inszenierung durchweg gelungen sind, weiß man nicht so recht, um was es eigentlich gehen bzw. wo das dramatische Potential liegen soll. Zumindest hat man der Serie eine komplette Staffel mit 22 Folgen gegönnt, viel mehr hätte man aus dem Sujet auch nicht rauspressen können.

2. Serien, bei denen ich die Absetzung grundsätzlich verstehe, aber nicht, warum sie so schnell kommen musste: Also, „Bionic Woman“ ist jetzt nichts, was ich mir vier oder fünf Jahre lang hätte angucken müssen, aber um nach acht Folgen abgesetzt zu werden, fand ich sie wirklich zu gut. Insbesondere im Vergleich mit dem, was sonst so im SF-Serien-Bereich produziert wird (ich denke vor allem an die ganzen Stargate-Klone, die auf mich sowohl von den Büchern als auch der Produktion immer so billig wirken wie „Star Trek“ selbst in den 80ern nie gewesen ist). Zumindest eine komplette Staffel mit 22 Folgen hätte die Serie wirklich verdient gehabt.

3. Serien, bei denen mir die (frühe) Absetzung ein völliges Rätsel ist: „Earth 2“. Eine der innovativsten und originellsten Serien, die im SF-Bereich jemals den Weg auf den Bildschirm gefunden haben – nur, um nach knapp über 20 Folgen und mit einem Cliffhanger einen frühen Serientod zu sterben. War vielleicht einfach nur ihrer Zeit um einige Jahre voraus.

Und natürlich „Freaks and Geeks“. Ein echtes Kleinod, eine Serie, bei der im Grunde alles stimmte. Wenn solche Serien bei NBC nach 18 Folgen abgesetzt werden, weiß ich auch, warum in den USA so viele Menschen HBO und Showtime abonnieren. Wobei mir solche Network-Serien, die ein gewisses Niveau haben, ohne den Unterhaltungsaspekt zu vernachlässigen, meistens doch irgendwie lieber sind als so manche hoch ambitionierte, aber letztlich doch etwas dröge Kabelserie à la „Sopranos“ oder „Mad Men“. Andererseits sind mir 18 fast perfekte Folgen auch lieber als eine Serie, die zulange läuft und dann irgendwann immer mehr nachlässt.  So kann man wenigstens noch davon träumen, wie toll die nächsten Staffeln hätten werden können.

Serien, bei denen ich voll und ganz verstehe, warum sie die erste Staffel nicht überlebt haben, gibt es natürlich auch. Aber wenn ich hier jetzt als Beispiel „Firefly“ anführe, werde ich ja wieder gelyncht…

Was ist denn mit den öffentlich-rechtlichen TV-Sendern los?

Veröffentlicht: 27. März 2010 in TV
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Jahrelang zeigen sie so gut wie überhaupt keine US-Serien mehr, und plötzlich kündigen sie ein Highlight nach dem anderen an: Die Süddeutsche meldet heute, dass ZDF Neo ab Herbst das schon seit Monaten auch in der deutschen Presse gehypte „Mad Men“ ins Programm nehmen will, laut DWDL soll „Breaking Bad“ ebenfalls ab Herbst bei arte laufen, und im nächsten Jahr soll dort mit „No.1 Ladies‘ Detective Agency“ noch eine selbst für HBO ungewöhnliche Serie folgen. Und alles ohne Werbeunterbrechungen – schön!

Den Eindruck könnte man zumindest gewinnen, wenn man liest, dass die letzten Montag bei 3sat gestartete HBO-Serie „In Treatment“ nur den halben Marktanteil hatte, den 3sat sonst so durchschnittlich hat, nämlich nur 0,5 Prozent. In absoluten Zahlen machte das bei der ersten Folge 160.000 Zuschauer. Also eine vernichtend schlechte Quote.

Jetzt kann man von der Serie selbst halten, was man will. Ich fand die ersten Folgen z.B. ziemlich dröge, erst ab der sechsten fing es so langsam an, mich zu interessieren. Aber dass selbst das 3sat-Publikum nicht bereit zu sein scheint, einer anspruchsvollen US-Serie mit einer interessant klingenden Prämisse (kammerspielartig inszeniert, fast in Echtzeit, jede Folge auf einen Raum und zwei bis vier Personen beschränkt) eine Chance zu geben. Mal ehrlich: Was läuft denn sonst so um die Zeit bei 3sat? Tierdokus und merkwürdige Reportagen. Und am Samstag Theteraufführungen. Und die haben dann einen doppelt so hohen Marktanteil?

Vielleicht ist es wirklich längst so, dass sich alle, die an guten Serien interessiert sind, diese sowieso kurz nach der US-Ausstrahlung irgendwo herunter laden. Oder dass diese Menschen alle eine Allergie gegen Synchronisationen haben. Ich weiß es nicht. Für die Aussichten, dass vielleicht doch noch mal andere anspruchsvolle Serien ihren Weg ins deutsche Free-TV finden, ist das jedenfalls mehr als schlecht. Wobei ich mich echt frage, ob es unter den Sky-Abonnenten tatsächlich mehr Leute gibt, die solche Serien sehen wollen als unter den 3sat-Zuschauern. Anscheinend ja, denn dort laufen ja die ganzen Serien von HBO & Co.

Dabei kann man sich über das Marketing von 3sat eigentlich nicht beschweren: Die serienaffine Zielgruppe versucht man mit einem Blog zur Serie anzusprechen, im Internet kann man die Folgen auch sehen, allerdings nur während der TV-Ausstrahlung (was an den Rechten liegen dürfte). Außerdem hat der Serienstart Medienecho von ungewöhnlichen Seiten bekommen: WDR5 brachte eine Kritik dazu, ebenso „der Freitag“, also Medien, die normalerweise nicht über neue Fernsehserien berichten. Die registrieren das also durchaus, wenn ein Spartensender mit einer Sendung mal ungewöhnliche Wege geht. Nur der deutsche Zuschauer scheint sich mit dem Einheitsbrei aus Wintersport und Karneval zufrieden zu geben.

Bill Henrickson ist ein Mann, den viele Männer auf den ersten Blick sicher beneiden würden: Er kann regelmäßig mit drei Frauen schlafen, die ihn alle lieben – und er muss es noch nicht einmal vor den jeweils anderen geheim halten. Denn Bill ist Anhänger einer Konfession des Mormonentums, die noch heute Polyganismus praktiziert. Auf den zweiten Blick löst sich der Neid jedoch schnell auf und man weiß als Zuschauer vielmehr nicht, ob man mit Bill Mitleid haben oder ihn verachten soll, weil er so ein selbstgerechter Typ mit steinzeitlichem Familienbild ist.

Die Nachteile, mit drei Frauen gleichzeitig zusammen zu leben, sind vielfältiger, als man zunächst denken würde: da sind die Eifersüchteleien zwischen den drei Frauen, der Zwang, immer alle zufrieden zu stellen, damit sich keine benachteiligt oder zurückgesetzt fühlt, und meistens kann der arme Bill dann doch nicht mit derjenigen Frau zusammen sein, nach der ihm gerade am meisten ist, denn das Eheleben ist streng reglementiert und durchgeplant und jede Nacht einer anderen Frau zugeteilt. Auch die Erfüllung all seiner ehelichen Pflichten ist ohne Viagra nur schwerlich zu schaffen. Hinzu kommt noch der Zwang, das ungewöhnliche Familienleben vor Nachbarn und Mitarbeitern geheim zu halten, denn Polygamie ist auch im Mormonenstaat Utah gesetzlich verboten.

HBO hat es mit „Big Love“ mal wieder getan: ein recht abseitiges Thema zu einer faszinierenden TV-Serie verarbeitet. Eine polygamistische Großfamilie in einem Vorort von Salt Lake City – das klingt zunächst nicht nach einem viel versprechenden Serienstoff. Tatsächlich bietet das Setting aber genügend Stoff für skurrile Situationen wie für dramatische Verwicklungen. Neben den diversen Schwierigkeiten, die sich durch das Zusammenleben Bills mit den drei Frauen und den sieben Kindern ergeben, befindet er sich auch noch in einer langjährigen Familienfehde mit einem seiner Schwiegerväter, dem Propheten der Gemeinde, der Bill bereits in seiner Jugend den Rücken zugekehrt hat. Dazu kommt noch Bills eigene Herkunftsfamilie, die neben seinen reichlich kauzigen Eltern u.a. auch noch aus den nicht minder skurrilen weiteren Ehefrauen seines halsstarrigen Vaters besteht.

Die Besetzung ist ein Volltreffer: Vor allem die Darstellerinnen von Bills (Bill Paxton) Ehefrauen sind allesamt klasse: Jeanne Tripplehorne als vernünftige Erstfrau Barb, Chloe Sevigny als etwas zwielichtige Zweitfrau Nicky und Ginnie Goodwin als jüngste und reichlich naive Drittfrau Margene. Sevigny ist eh eine meiner Lieblingsschauspielerinnen der jüngeren Generation und sie mal in einer Sereinhauptrolle zu sehen, ist insofern fast wie Weihnachten. Gerade wurde sie für ihre Darstellung mit einem Golden Globe ausgezeichnet. Dazu konnte man für die Nebenrolle des bigotten Sektenführers Harry Dean Stanton gewinnen, der durch seine Rollen in diversen David Lynch-Filmen und in Wim Wenders‘ „Paris, Texas“ zu einer Kultfigur geworden ist. (Der Mann ist übrigens unglaubliche 83 Jahre alt, ich hätte ihn höchstens auf 70 geschätzt.)

Ansonsten zeichnet die Serie all das aus, was man von anderen HBO-Produktionen kennt: perfekte Ausstattung und Außenaufnahmen, langsame Erzählweise, zurückhaltender Humor und viel Skurrilität. Dazu einer der besten Vorspänne der letzten Jahre, der perfekt die Stimmung der Serie einfängt (mit „God Only Knows“ von den Beach Boys als Titellied). Gegenüber „Mad Men“, das zzt. überall in der deutschen Presse abgefeiert wird, ist „Big Love“ die wesentlich interessanter startende neuere Dramaserie aus den USA.

Ein Lichtblick im deutschen TV: 3sat nimmt HBO-Serie ins Programm

Veröffentlicht: 18. Januar 2010 in TV
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Es gibt noch Hoffnung: Da hatte ich mich gerade vor ein paar Tagen hier noch aufgeregt, warum anspruchsvolle HBO-Serien eigentlich in Deutschland nicht von öffentlich-rechtlichen Sendern ausgestrahlt werden, da lese ich heute, dass 3sat Mitte Februar „In Treatment“, eine Serie um einen von Gabriel Byrne gepielten Therapeuten, ins Programm nimmt. Zunächst sogar mit täglichen Doppelfolgen zur Primetime, nach zwei Wochen dann allerdings nur noch wöchentlich ab ca. 22 Uhr 30. Mit 3sat hatte ich nun wirklich am wenigsten gerechnet, weil die meines Wissens nach überhaupt noch nie US-Serien ausgestrahlt haben. Ein viel versprechendes Experiment.

US-Serien im deutschen TV: Es ist ein Jammer

Veröffentlicht: 14. Januar 2010 in Print, TV
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Auf dem Titel der neuen „TV Movie“ wird ein Artikel über die bevorstehenden Serienstarts im deutschen Fernsehen angekündigt. Das machte mich natürlich neugierig und ich blätterte den Artikel im Supermarkt auf. Was da als neue Top-Serien gehandelt wird, war aber sehr ernüchternd: ein neuer NCIS-Ableger, eine australische Krimiserie um irgendein Ermittlerteam à la „CSI“, belanglose Mysteryserien usw. Am interessantesten klang von der Grundidee her noch „Flash Forward“, allerdings auch wieder nicht so interessant, dass ich mir das nun angucken wollen würde. Nicht besser wurde es bei den bereits in Deutschland etablierten Serien, die demnächst mit einer neuen Staffel starten: Groß gefeaturet wurde „Lost“. Eine Serie, die mich nie interessiert hat, was sich auch nicht geändert hat, nachdem ich neulich im Internet „Lost Staffel 1-5 in 8 Minuten 15 Sekunden“ angeschaut habe. Von den anderen angekündigten Serien war „Grey’s Anatomy“ noch die interessanteste. Im Vorspann des Artikels stand dann noch so was wie „US-Serien sind im deutschen TV erfolgreich wie noch nie.“ Das Problem ist: Die wirklich guten US-Serien finden im deutschen TV so gut wie gar nicht mehr statt.

Was in Deutschland erfolgreich ist, sind Dutzende von Krimiserien, die alle nach dem ewig gleichen Muster ablaufen: alleine ein halbes Dutzend „CSI“-Ableger, „NCIS“, was auch schon der Ableger von irgendwas ist und nun also noch einen eigenen Ableger bekommt, dann so ein paar Serien um „freche Frauen“ wie „Sex and the City“ und „Desperate Housewives“, wobei man über das dort transportierte Frauenbild auch die ein oder andere Doktorarbeit schreiben könnte, eine Handvoll SF/Fantasy/Mysteryserien („Lost“, „Heroes“, diverse „Stargate“-Ableger, wobei schon die erste Serie auf mich wie ein B-Movie wirkte), und dann noch Serien mit skurrilen Hauptfiguren wie „House“ und „Monk“. Und das war’s dann, wenn man mal von diesen komischen unlustigen Sitcoms absieht, mit denen Pro 7 und Kabel 1 fast ihr gesamtes Tagesprogramm füllen.

Anspruchsvollere Produktionen mit ausufernden Story-Arcs, vielschichtigeren Charakteren, originelleren Grundideen oder schwärzerem Humor kommen entweder gar nicht mehr ins deutsche Free-TV oder werden nach ein, zwei Staffeln wieder abgesetzt wie etwa „Weeds“. Während in den USA alleine bei HBO jedes Jahr ein, zwei neue tolle Serien starten, wartet man hierzulande vergeblich darauf, irgendeine davon mal im Fernsehen sehen zu können. Oder man muss Sky abonnieren, da gibt es tatsächlich einen Sender, der viele dieser komplex erzählten Serien ausstrahlt: Auf FOX laufen fast jeden Tag drei bis vier tolle Serien von HBO, SyFy oder AMC oder anspruchsvolle Network-Produktionen.

Ich erwarte ja gar nicht, dass RTL II oder Pro 7 „The West Wing“ oder „The Wire“ einkaufen. Das ginge wohl total an deren Zielgruppe vorbei. Aber selbst mittelmäßig interessante Serien wie „Southland“ oder „True Blood“ finden ja dort nicht mehr statt. (Hallo, letzteres ist eine Vampirserie! Da wird doch im Zuge der „Twilight“-Hysterie zzt. alles eingekauft, wo Blutsauger und verliebte Teenagermädchen vorkommen – nur die einzige halbwegs anspruchsvolle Serie aus dem Genre natürlich wieder nicht.) Stattdessen kauft Pro 7 lieber eine wahnsinnig originelle und höchst realistische Krankenhausserie wie das gestern gestartete „Hawthorne“, wo die Oberschwester auf allen Stationen gleichzeitig arbeitet und zwischen den Verwaltungsratssitzungen schnell noch ein paar Zugänge legt und Patienten das Leben rettet. Außerdem scheint es in der ganzen Klinik nur ein Dutzend KrankenpflegerInnen zu geben. Aber Hauptsache, die sehen halbwegs fesch aus.

Was ich auch überhaupt nicht verstehe, ist, warum nicht ARD und ZDF bei den anspruchsvolleren Serien zugreifen. TWW, „The Wire“ oder „In Treatment“ würden doch perfekt ins Profil von arte oder auch ZDF Neo passen. Oder sind die nun auf dem Markt wesentlich teurer als diese BBC- und kanadischen Serien, die da sonst so laufen?

P.S.: Ich möchte bitte keine Kommentare über deutsche Synchronisationen lesen. Ich weiß, die sind eh alle scheiße, und ihr sprecht alle perfektes Englisch, weil ihr alle ein Jahr in den Staaten verbracht habt.

The Corner

„An der Straßenecke spielt sich alles ab. Hier gehst du hin, um deinen Stoff zu kaufen. Und um zu erfahren, wer letzte Nacht erschossen wurde.“

„The Corner“ ist eine sechsteilige HBO-Miniserie von „The Wire“-Co-Creator David Simon und seinem Kollegen David Mills. Zwei Jahre vor seinem größten Erfolg legt Simon hier bereits viele seiner späteren Themen und Figurenkonstellationen an. Der Film basiert auf dem Sachbuch „The Corner: One Year in the Life of an Inner-City Neighbourhood“, für das Simon und der spätere „The Wire“-Co-Creator Ed Burns während Simons Zeit als Polizeireporter bei der Baltimore Sun recherchiert haben. Thema, Schauplatz und Ausgangsituation sind im Grunde dieselben wie in „The Wire“, der Schwerpunkt liegt hier aber eher auf den Süchtigen, nicht so sehr auf den Drogenhändlern und noch weniger auf den Cops.

Mit der „Corner“ ist die Ecke Lafayette/Monroe Street in West Baltimore gemeint, einem ehemaligen gehobenen Mittelstands-Viertel, das in den letzten Jahrzehnten durch Drogenhandel und -konsum zu einer Art Slum verkommen ist. Im Mittelpunkt der Erzählung steht die Familie von Gary McCallough, einem ehemaligen viel versprechenden Collegestudenten, der durch Aktien viel Geld gemacht und sich mit seiner Frau Fran und ihren beiden Kindern in dem Viertel ein Haus gekauft hat. Bevor er sein Geld wieder verlor, Fran und später er selbst heroinabhängig wurden und die Gegend vor die Hunde ging.

Jetzt streift Gary antriebs- und ziellos durch sein Leben, immer auf der Suche nach ein paar Dollarn, um sich den nächsten Schuss zu besorgen. Dafür montiert er Wasserleitungen ab, um das Metall zu verhökern oder räumt Wohnungen aus. Seine Ex-Frau Fran hängt ebenfalls an der Nadel und versucht dabei irgendwie, ihre beiden Söhne durch zu bringen, während der ältere der beiden, DeAndre, an der Straßenecke Drogen verkauft.

Nicht besser steht es um die anderen Figuren: Fast alle sind entweder süchtig, Dealer oder beides. Das Viertel wirkt wie die Parodie einer funktionierenden Nachbarschaft: Einerseits kennt jeder jeden und mit Ausnahme der rivalisierenden Drogengangs sind auch alle nett zueinander und helfen sich gegenseitig, weil ja auch alle in der selben Scheiße stecken. Andererseits schreckt niemand davor zurück, für den nächsten Schuss seinen Nachbarn zu verraten oder zu bestehlen.

In geschickt eingebauten kurzen Rückblenden sehen wir, wie das Viertel früher aussah, als die Nachbarschaft tatsächlich noch lebenswert war, und verfolgen teilweise den unaufhaltsamen Niedergang der McColloughs, auch wenn nicht alles erklärt und vieles davon der Interpretation des Zuschauers überlassen wird.

Immer wieder scheint Hoffnung für die Hauptprotagonisten auf: DeAndre versucht wiederholt, mit dem Dealen aufzuhören, wieder zur Schule zu gehen oder zu arbeiten. Als seine Freundin ein Kind von ihm bekommt, versucht er, ein guter Vater zu sein. Fran macht eine Entziehungskur und versucht, sich wieder in die Gesellschaft einzugliedern. Was nicht leicht ist, wenn Schwester, Ex-Mann und fast alle Freunde noch an der Nadel hängen. Trotz aller Momente der Besserung ahnt man als Zuschauer, dass es für einige der Protagonisten nicht gut ausgehen wird.

Der Film ist in einem pseudodokumentarischen Stil gedreht, was gut zu der weitestgehend wahren Geschichte passt. Wie in „The Wire“ und den meisten anderen HBO-Serien entwickelt sich die Handlung recht langsam und es gibt ein großes Figurenensemble, das den ganzen Mikrokosmos des Viertels repräsentieren soll. Der Handlung lässt sich aber wesentlich besser folgen als bei Simons späterer Serie und man wird schneller hineingezogen. Die Darsteller sind durchweg sehr gut, allen voran Khandi Alexander, die man aus ER kennt, als Fran. Die Story ist ziemlich harter Stoff, aber wenn man bedenkt, dass die dargestellte Welt der Realität in Baltimore und anderen amerikanischen Städten entspricht, lohnt es sich umso mehr, sich dem auszusetzen.

Am Ende treten die realen Personen vor die Kamera, die in den sechs Stunden zuvor von Schauspielern verkörpert wurden – jedenfalls die wenigen, die überlebt haben und nicht im Knast sitzen. Der Film solle den Zuschauern zeigen, dass auch Junkies nichts anderes als menschliche Wesen seien, die Fehler machen, sagt die reale Fran. Krank scheinen in Städten wie Baltimore nicht nur die Abhängigen zu sein, sondern vor allem das Sytem, das sie hervorbringt, das zeigt Simon hier genauso eindringlich wie in „The Wire“, aber wesentlich kurzweiliger.

Überschrift: Randy Newman, „Baltimore“

Da es mein letzter epd-Artikel über die Entwicklung, die US-Fernsehserien in den vergangenen zehn Jahren genommen haben, bisher nicht ins Internet geschafft hat, stell ich ihn hier mal in der Ursprungsfassung ein. Aufgrund der vorgegebenen Länge musste ich leider etwas an der Oberfläche bleiben und mich hauptsächlich auf drei interessante Serien beschränken: „Carnivàle“, „The West Wing“ und „Mad Men“.

Wer sich ausführlicher über „Mad Men“ informieren will, dem sei das Dossier in der aktuellen „Cargo“-Ausgabe empfohlen. Die Analyse von Bert Rebhandl ist das Beste, was ich bisher über diese viel besprochene Serie gelesen habe, dazu kommt dann u.a. noch ein Artikel über den feministischen Sachbuchklassiker „The Feminine Mystique“ von 1963, der als eine Art Inspirationsquelle für die Serie gelten kann. Die Autorin Betty Friedan beschrieb darin das damals noch vorherrschende Rollenmodell für Frauen als Hausfrauen und Mütter als „Ursache für ein weit verbreitetes Gefühl von Leere und Haltlosigkeit, ja sogar für Depression und Suizid“ (Catherine Davies in „Cargo“).

Hier nun aber mein Artikel:

Mit Tony Soprano fing fast alles an. 1999 startete der US-Bezahlsender Home Box Office (HBO) die Fernsehserie „The Sopranos“ um den von James Gandolfini gespielten Boss eines Mafia-Clans in New Jersey, die gleich in mehrfacher Hinsicht neue Maßstäbe setzte. Als reiner Abosender fiel HBO nicht unter die Zuständigkeit der Aufsichtsbehörde FCC, weswegen drastische Sprache und Sexszenen kein Problem darstellten. Zum anderen brach das gemächliche Tempo der Folgen radikal mit bis dahin im Fernsehen üblichen Erzählweisen.

Mit Serien wie den „Sopranos“ haben US-Pay TV-Sender wie HBO oder Showtime das Erzählen im Fernsehen revolutioniert. Die Zeiten, in denen Serien aus abgeschlossenen Folgen bestanden und die Ereignisse der vorangegangenen schon eine Woche später keine Rolle für die Charaktere mehr spielten, sind weitgehend vorbei. Längst sind viele US-amerikanische Serien komplexer als jeder noch so anspruchsvolle Kinofilm. Statt über zwei Stunden erstrecken sich einzelne Handlungsstränge über eine oder mehrere Staffeln. So ergeben sich epische Geschichten, die fast schon an die großen Romane von Tolstoi oder Dostojewskij erinnern.

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