Archiv für August, 2010

Im Garten eines Kraken

Veröffentlicht: 30. August 2010 in Musik
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Hier mal wieder etwas Muppet-Content. Dank Jakob Augsteins Kolumne habe ich erfahren, dass die Mupperts Ringo Starrs Beatles-Song „Octopus’s Garden“ gecovert haben.

Und das ist die deutsche Version aus der „Sesamstraße“, allerdings wesentlich unlustiger inszeniert:

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Die Macchiato-Mütter vom Prenzelberg (II)

Veröffentlicht: 29. August 2010 in Lesetipp
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Seit der Wende sind achtzig Prozent der ursprünglichen Bewohner aus dem Prenzlauer Berg weggezogen. Statt ihrer sind vor allem jene gekommen, die der kleinstädtischen Enge ihrer Eltern entfliehen wollten. Sie haben in den Neunzigern noch ein bisschen Party gemacht und was mit Medien. Unterwegs ist ihnen, und zwar meist den Frauen, irgendwie der Studienabschluss aus dem Blick geraten, erst recht, als die Kinder kamen. Dann haben sie halt das gemacht.

Die taz scheint mit ihrer Reportage über die alleinerziehenden Mütter im Prenzlauer Berg eine lebendige Debatte losgetreten zu haben und schlachtet das Thema jetzt ein bisschen aus, in dem sie jede Woche einen thematisch ähnlichen Artikel veröffentlicht. Ganz interessant und witzig geschrieben ein Kommentar zu den nur für ihre Kinder lebenden Eltern und ihre verzogenen Elitekinder. Und nach Bionade-Bohème gibt es jetzt also ein neues Wort für Prenzlauer Berg-BewohnerInnen: Macchiato-Mütter.

Mammutserie zu Ende geschaut: „The West Wing“

Veröffentlicht: 18. August 2010 in TV
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Nach knapp einem Jahr bin ich mit sieben Stafeln und 154 Folgen „The West Wing“ durch – und würde mir am liebsten die erste Staffel gleich noch mal angucken. Weil’s so schön war, aber auch, weil ich gern nach der letzten Staffel nochmal im direkten Vergleich sehen würde, wie sehr sich die Serie seit ihrem Anfang stilistisch und atmosphärisch verändert hat. Denn es ist ein weiter Weg, den sie in diesen mehr als 150 Folgen zurückgelegt hat.

Am Anfang ist die Stimmung noch durchweg positiv. Natürlich gibt es dramatische Krisensituationen mit schwierigen Entscheidungen für den demokratischen US-Präsidenten Bartlet. Aber die Atmosphäre im Weißen Haus ist fast ausschließlich freundlich, es gibt so gut wie keine Meinungsverschiedenheiten zwischen seinen engsten Mitarbeitern, und das Staatsoberhaupt selbst scheint dem Lehrbuch für Liberale entsprungen zu sein: ein hoch intelligenter, umsichtiger und bedachter Menschenfreund, der immer das moralisch Richtige tut.

In der zweiten Staffel fängt die Stimmung langsam an, sich zu verändern: durch die traumatischen Folgen, die das Attentat bei einigen Mitarbeitern hinterlassen hat, aber vor allem durch die degenerative Krankheit, die der Präsident der Öffentlichkeit bisher verschwiegen hat. In den folgenden Staffeln bekommen er und das Weiße Haus zunehmend mehr Kratzer: Zum einen muss Bartlet die eine oder andere zweifelhafte Entscheidung über Leben und Tod treffen, zum anderen zeigt sich immer deutlicher, dass selbst die Macht des mächtigsten Mannes der Welt arg beschränkt ist.

Zunehmend gewint man als Zuschauer den Eindruck, dass selbst ein Präsident meist gar nicht Herr seiner eigenen Entscheidungen ist. Gefangen zwischen seinen Beratern, Spin Doctors und Wahlkampfmanagern, den eigenen Interessen von Parteifreunden in Kongress und auf Bundesstaatsebene, der republikanischen Mehrheit im Senat und der öffentlichen Meinung, die permanent in detaillierten Umfragen gemessen wird, bleibt ihm oft nicht mehr, als den kleinsten gemeinsamen Nenner umzusetzen statt seine eigentlichen politischen Ziele zu verwirklichen.

Hinzu kommt dann noch starker Druck durch Kriminelle und Terroristen bis hin zur Entführung seiner jüngsten Tochter am Ende der vierten Staffel. Und auch seine Mitarbeiter haben zunehmend Konflikte miteinander. Nach einer doch arg zähen fünften Staffel, nachdem Serienerfinder Aaron Sorkin nach der vierten seinen Hut nehmen musste und John Wells als Showrunner das Ruder übernahm, kommt es im Laufe der sechsten zu starken inhaltlichen Veränderungen: der Vorwahlkampf um Bartlets Nachfolge beginnt, einige seiner engsten Mitarbeiter verabschieden sich aus dem Weißen Haus, um die Kandidaten der Primaries zu unterstützen oder bekommen neue Aufgaben zugewiesen.

Die abschließende siebte Staffel ist dann schon fast eine neue Serie: Im Mittelpunkt steht nun der Präsidentschaftswahlkampf zwischen dem demokratischen Kandidaten Matt Santos, dem ersten Latino, der für das höchste Amt kandidiert, und dem liberalen Republikaner Arnold Vinick. Das Weiße Haus selbst gerät in den Hintergrund, in vielen Folgen treten Bartlet und seine Mitarbeiter entweder gar nicht oder nur am noch am Rande auf. Nach der entschiedenen Wahl nimmt sich die Serie dann noch fünf Fogen Zeit für den Übergang und um die alten Handlungsstränge langsam und behutsam zu einem Ende zu führen. Hier muss man sagen, dass Wells und seine Mitstreiter fast alles richtig gemacht haben: Teils seit langem vermisste Figuren tauchen wieder auf, das ein oder andere Paar findet endlich zusammen, bei dem man schon lange darauf spekuliert hatte, und alte, stark belastete Freundschaften werden wieder gekittet.

Außergewöhnlich positiv ist auch, dass Wells den Verlierer der Wahl nicht einfach fallen lässt, sondern in einer tollen Folge den Stress und Pomp, mit dem der Gewinner nun umgehen muss, der Leere gegenüberstellt, in die der Unterlegene vom einen Tag auf den anderen plötzlich fällt: gestern noch beinahe der wichtigste Mann der Welt, heute ein Politpensionär, für den sich niemand mehr interessiert. Dass Wells ein höchst einfühlsamer Schreiber ist, sieht man dann auch in der letzten Folge, wo er selbst kleinen, aber durchgehenden Nebenfiguren wie der Sekretärin Carol oder einem der Reporter im Presseraum kleine nette Szenen einräumt.

Neben den meist hervorragenden Dialogen und Plots zeichnet sich die Serie vor allem auch durch die durchweg tollen SchauspielerInnen aus: Martin Sheen, Bradley Whitford, Richard Schiff und der während der Dreharbeiten verstorbene John Spencer sind die herausragendsten, aber auch Jimmy Smits und Alan Alda verkörpern facettenreich die beiden Präsidentschaftskandidaten. Hinzu kommt eine wie bei Wells‘ Serie ER beeindruckende Riege von wiederkehrenden Gaststars. Neben Filmschauspielern wie Christian Slater oder Armin Müller-Stahl taucht innerhalb von sieben Jahren so ziemlich jedes Gesicht auf, das man aus zeitgenössischen US-Serien kennt, von Alan Arkin bis Mary Louise Parker, von Edward James Olmos bis Matthew Parry. Am Ende bedauert man eigentlich nur, dass man nicht mehr mitverfolgen darf, wie der neue Präsident in den folgenden acht Jahren regieren wird. Aber vielleicht gibt es ja mal einen „West Wing“-Direct-to-DVD-Film.

Ich muss sagen, dass ich mich von Beziehungskomödien, die (deutsche) Titel tragen wie „40, männlich, Jungfrau sucht“ und „Beim ersten Mal“ nicht angesprochen fühle. Da erwarte ich dann flachesten Unter der Gürtellinie-Humor und Slapstick. Wenn dann noch Leute wie Adam Sandler die Hauptrolle spielen, klingt das für mich nach Pest und Cholera. Nachdem mir „Freaks and Geeks“ so gut gefallen hat, an der Judd Apatow als Executive Producer und bei einigen Folgen auch als Autor und Regisseur beteiligt war, wurde ich dann doch neugierig auf seine anderen Sachen. Naheliegenderweise habe ich mir zunächst mal seine nächste Serie angeguckt, die er dann auch selbst erfunden hatte:

„Undeclared“ ist die logische Weiterentwicklung von „Freaks…“, nach High School-Schülern geht es hier um College-Freshmen. Insgesamt ist „Undeclared“ allerdings weniger Dramedy, mehr Sitcom (die Folgen sind auch jeweils nur halb so lang, nämlich 22 Minuten), wenn auch ohne Lacher vom Band. Steve Karp war auf der High School ein Außenseiter. Das College ist für ihn die Chance, seine Vergangenheit hinter sich zu lassen und in einem neuen Umfeld ganz neu durchzustarten. Tatsächlich landet er gleich in der ersten Folge mit der hübschen Wohnheimnachbarin im Bett, in die er sich auch prompt verliebt. Nur um am nächsten Tag festzustellen, dass diese bereits einen Freund hat – einen höchst eifersüchtigen. Ansonsten ist es nicht einfach, sich von seinem Elternhaus zu emanzipieren, wenn jeden zweiten Tag der frisch von seiner Frau verlassene Vater im Wohnheim aufkreuzt – und sich auch noch mit den Zimmernachbarn anfreundet.

„Undeclared“ setzt ganz auf Situationskomik, und stellenweise auch auf einen deutlich vulgäreren Humor als die Vorgängerserie. Für Tiefe bleibt relativ wenig Platz, wenn die Art, in der die Charaktere gezeichnet werden, auch immer von einer gewissen Warmherzigkeit geprägt ist. Insgesamt sind die Hauptfiguren nicht so sympathisch wie die von „Freaks…“, schauspielerisch gibt es aber nichts zu meckern. Seth Rogen bekommt hier endlich mehr zu tun als in der Vorgängerserie. Er ist auch der einzige Hauptdarsteller, der aus der älteren Serie übernommen wurde. Dafür tauchen fast alle anderen Geeks und Freaks hier als Gast Stars wieder auf. Insbesondere Jason Segel als exzentrischer eifersüchtiger Freund von Steves großer Liebe sorgt in einigen Folgen für komische Höhepunkte.

Thematisch dreht sich fast alles um Liebe und Triebe, Partys und andere Exzesse. Zum Studieren bleibt den Erstsemestern nur wenig Zeit. Obwohl die Sujets meist doch arg übertrieben wirken, gibt es immer wieder Szenen, in denen man sich wieder erkennen kann. Zumindest wenn man mal studiert und/oder in einem Wohnheim gewohnt hat. Insgesamt eine nette Serie, wenn man es auch nicht so stark bedauert, wenn bereits nach 17 Folgen schon wieder Schluss ist.

Jetzt habe ich mich auch mal an einen von Apatows Filmen ran gewagt: „Knocked Up“ (den bescheuerten deutschen Titel nannte ich oben schon) zeigt eines der ungewöhnlichsten Paare in der Geschichte der romantischen Komödie: Seth Rogen als freakiger Slacker und Katherine Heigl als toughe Karrierefrau, die nach einem One Night Stand im Vollrausch entsetzt feststellen müssen, dass Alison dabei schwanger geworden ist. Ben muss nun im Schnelldurchlauf erwachsen werden, während sich Alison fragt, ob sie wirklich ihr Leben mit diesem unreifen Chaoten teilen will.

Die Verfilmung dieser Story hätte ganz übel werden können – ist sie aber erstaunlicherweise nicht. Es gibt zwar ziemlich viel Fäkalhumor, allerdings auch eine recht hohe Trefferdichte. Entscheidend ist aber wiederum, dass die Figuren immer menschlich-sympathisch bleiben, dass man eher mit ihnen lacht als über sie. Das scheint mir Apatows Erfolgsgeheimnis zu sein. Trotz aller Eskapaden und F-Wörter driftet er nie in die Klamotte ab, gibt seine Figuren nie der Lächerlichkeit preis. Was hier allerdings gar nicht funktioniert ist die Slacker-WG von Ben, die mit der Hälfte der Hauptdarsteller aus seinen beiden Serien bevölkert ist: Jay Baruchel aus „Undeclared“, Jason Segel und Martin Starr aus „Freaks and Geeks“. Deren Charaktere sind diesmal jedoch so überzeichnet, dass sie schnell nur noch nerven. Außer Sex haben sie nämlich wirklich nichts mehr im Kopf.

Über weite Strecken ist Apatow allerdings eine romantische Komödie gelungen, die wirklich witzig ist, nicht kitschig und die beide Geschlechter ansprechen dürfte. Und die ganz nebenbei nicht nur das ein oder andere Tabu bricht, das es in amerikanischen Mainstream-Komödien so sicher noch nicht zu sehen gab (ich sag nur Vagina während der Geburt), sondern auch noch einige Klischees über den Haufen wirft. In einem muss man Apatow jedenfalls zustimmen: Ehrlicher als „Brokeback Mountain“ ist sein Film wirklich. Manchmal lohnt es sich eben doch, seine Vorurteile in Frage zu stellen.

Ein Redakteur der Münsterschen Zeitung fand wahrscheinlich selbst absurd, dass in seiner Zeitung über einen umgekippten Blumenkübel berichtet wurde, verbreitete die Meldung über Twitter und löste damit eine nicht vorhersehbare Welle aus: Twitterer parodierten die Meldung in immer neuen Varianten und sorgten dafür, dass der Blumenkübel zu einem der weltweit meistdiskutierten Themen bei Twitter wurde.

Die MZ selbst nimmt’s mit Humor und freut sich wahrscheinlich, dass überhaupt mal jemand in der Netzgemeinde auf ihren Neuenkirchener Lokalteil aufmerksam geworden ist. Das Traurige an diesem lustigen Hype ist eigentlich, dass die Meldung, die ihn auslöste, nicht einmal besonders schräg oder auffallend belanglos ist. Denn gerade in kleinen Lokalteilen überall in der Republik wird über solche Nichtigkeiten täglich geschrieben. Ich durfte in meiner Zeit als freier Mitarbeiter bei einer Stadtteilausgabe unter anderem über verschmutzte öffentliche Toiletten schreiben, über Vandalen, die Spielzeugbagger auf einem Spielplatz verbogen hatten und über den Belag eines Platzes in einem Wohngebiet, der zur Auseinandersetzung zwischen Boulespielern in der Nachbarschaft und gehbehinderten Anwohnern wurde. Und zwar nicht in vier Sätze-Meldungen, sondern jeweils in 80 Zeilen-Berichten. Einfach, weil die Redakteure meinten, das gehöre schon zu den spannendsten Dingen, die in ihrem Stadtbezirk so passiert seien.

Der MZ-Mitarbeiter schreibt dann selbst, dass die Blumenkübel-Zerstörung nur einen begrenzten Nachrichtenwert hätte:

„sie ist gerade mal für die Bewohner des Hauses, deren Angehörige, die Mitarbeiter des Altenheims und vielleicht einige Anwohner der Straße relevant.“

Demnach hat sie mMn überhaupt keinen Nachrichtenwert. Denn wenn etwas nur für die Leute interessant ist, die auf einer einzigen Straße wohnen oder arbeiten, ist das noch keine Öffentlichkeit, sondern ein privater Kreis. Wenn auf Onkle Hugos 70. Geburtstag mit 150 Gästen der Gastgeber für eine halbe Stunde mit seiner Nachbarin im Schlafzimmer verschwindet, steht das ja auch nicht morgen in der BUNTEN. Wenn eine Lokalzeitung dann meint, über einen zerbrochenen Blumenkübel trotzdem eine Meldung schreiben zu müssen, zeigt das, dass es ihr im Grunde nicht um Nachrichtenwert geht, sondern nur darum, dass der Lokalteil halt auch in einem Ort, in dem nichts Berichtenswertes passiert, irgendwie gefüllt werden muss.

Es zeigt aber auch exemplarisch, welche Bevölkerungsgruppen sich in einer Lokalzeitung eigentlich noch wiederfinden: Altenheimbewohner und sonstige Senioren. Ich gehe stark davon aus, dass es die Jugendlichen selbst in Neuenkirchen wenig interessiert, wenn ein Blumenkübel in ihrem Ort kaputt geht. Gestern bekam ich zufällig mit, wie sich zwei etwa 40-Jährige neben mir über die mangelnde Qualität von Lokalzeitungen hier in der Region unterhielten. Der eine: „Optisch sieht die Zeitung in Neuss etwas anders aus als hier, inhaltlich ist das aber dasselbe.“ Der andere: „Schützenverein halt.“