Archiv für November, 2011

Konsumterror und Prostatamassage

Veröffentlicht: 29. November 2011 in Allgemeines
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Vorhin zum ersten Mal im umgebauten und wiedereröffneten Saturn auf der Düsseldorfer Kö gewesen. Das Einkaufszentrum, in dem er drin ist, das „Sevens“, war schon vor dem Umbau ziemlich sinnlos. Jetzt besteht es praktisch nur noch aus fünf Etagen Saturn plus ein paar kleinen Geschäften im Erd- und der üblichen Schickimicki-Fastfood-Gastronomie im Untergeschoss. Gut, hat den Vorteil, dass man jetzt nicht mehr erst durch drei Etagen mit zweckfreien Modegeschäften laufen muss, bis man im Saturn ist. Dafür hat der jetzt seine DVD- und Musikabteilungen ganz nach oben verfrachtet, man muss also erst mal vier Etagen mit Waschmaschinen, PCs und Fernsehern überwinden, wenn man einen Ton- und/oder Bildträger sucht.

Fünf Etagen Elektromarkt, das ist so ziemlich der Gipfel des Konsumterrors, den ich mir vorstellen kann. Aber bei Amazon kann man halt nichts in die Hand nehmen und so viele Sonderangebote gibt’s natürlich im ziemlich einzigen verbliebenen kleinen Plattenladen der Stadt auch nicht. Jetzt, wo ich mir die vierte Staffel „Six Feet Under“ für 18 Euro im Internet gekauft habe, weil es die nirgendwo in D’dorf gab (der andere Saturn hatte neulich alle Staffeln für jeweils 12 Euro, nur die, bei der ich gerade angelangt war, natürlich nicht), liegt im neuen Laden natürlich ein ganzer Stapel zum Spottpreis. Skurrilerweise gibt’s jetzt auch eine Buchabteilung.

Am Faszinierendsten aber: Endlich hat der Saturn auch eine Porno…äh, ich meine Sexratgeber-DVD-Ecke. Der Höhepunkt (sorry für das Wortspiel): „Prostata-Massage – Von den Machern von …“ (hier bitte zwei andere Massagetechniken einsetzen, die ich mir leider nicht merken konnte). Erstaunlich finde ich schon, dass diese und ähnliche DVDs (von manueller Befriedigung bis Koitustipps) da alle frei zugänglich im Regal stehen, zwischen Western/Eastern/Kriegsfilmen und Deutscher Film. Jugendschutz und so? Interessiert nicht, wird ja bei YouPorn auch umgangen, denkt sich der Saturn wahrscheinlich. Oder läuft dieses Programmsegment unter Gesundheitserziehung? Schön, braucht man wenigstens nicht mehr beim Video Tümmers in die Schmuddelecke.

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Existenzverhinderungsseminar

Veröffentlicht: 26. November 2011 in Allgemeines
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Diese ganze von der BA bzw. den Jobcentern finanzierte Weiterbildungsindustrie hat so eine eigene Logik, die man als normal denkender Mensch glaube ich gar nicht begreifen kann. Ich hatte mich schon gefragt, warum das JC die Kosten für ein eintägiges IHK-Seminar für Existenzgründer nicht übernehmen kann, die für ein selbst in Auftrag gegebenes zweiwöchiges bei einem anderen (natürlich privaten) Anbieter aber schon. Obwohl die Inhalte natürlich grob die gleichen sind und die IHK da natürlich auch eine Bescheinigung fürs JC ausgestellt hätte,  das die dann wohl auch hätte anerkennen müssen. Gut, man finanziert mit Steuergeldern also lieber 70 statt 8 Stunden, was dann natürlich auch mindestens proportional mehr kosten dürfte (wahrscheinlich sogar überproportional, wenn ich von den Preisen ausgehe, die da in dieser ARD-Reportage genannt wurden und auch noch berücksichtige, dass dieser Anbieter im Gegensatz zur IHK auch noch Räume anmieten muss).

Statt dass einem in kompakter Form erklärt wird, was man so bei Steuern, Sozialversicherung etc. beachten muss und wie man einen Businessplan schreibt, wird einen nun also über zehn Tage detailliert vorgetragen, was man alles unbedingt machen muss. Darunter Dinge, die in keinem der Ratgeber für Freie Journalisten bzw. Solo-Selbständige, die ich gelesen habe, jemals erwähnt werden. Rechungen sind nicht gültig, wenn sie mit einem Tintenstrahldrucker geschrieben sind. Auch wenn man außer Portokosten gar keine Barausgaben hat, muss man unbedingt ein Kassenbuch führen (im verdi-Ratgeber, der überhaupt angenehm unkompliziert gehalten ist, steht dazu: Dem Finanzamt ist es egal, ob sie ihre geschäftlichen Einkäufe aus ihrer Kasse, vom Geschäftskonto oder aus Ihrer Hosentasche bezahlen, da Sie sowieso alle Belege aufbewahren müssen). Solche Sachen halt.

Dann gibt es Dozenten, die gleichermaßen unvorbereitet wie unmotiviert sieben Stunden von den Folien einer Powerpoint-Präsentation ablesen, die voller Zeichensetzungs- und Rechtschreibfehler steckt (beim Thema Werbung besonders schön) und auf Fragen immer nur diffus antworten (Früher war das mal so…). Oder solche, die auf jeden Einwand und jeden Protest mit einem gekünstelten Lächeln reagieren, überhaupt nicht auf die Bedürfnisse der Teilnehmer eingehen und strikt ihr Programm durchziehen (warum eigentlich eine Journalistin beauftragt wird, Preiskalkulation zu unterrichten, wäre auch so eine Frage, aber die kannte dann auch offenbar nicht den Unterschied zwischen Vorsteuer und Steuervorauszahlung). Und auf das merkwürdige Menschenbild mancher BWLer möchte ich gar nicht weiter eingehen.

Statt zu informieren, verwirrt und entmutigt das ganze Seminar eigentlich mehr. Einerseits soll man seine privaten Kosten hoch ansetzen, da man ja als Unternehmer höhere Bedürfnisse hätte als als Alg II-Bezieher, andererseits muss das Projekt so tragfähig sein, dass man am besten gleich im ersten Quartal schwarze Zahlen schreibt. Irgendwas passt da nicht zusammen. Als Alg II-Empfänger brauch ich eigentlich meine privaten Mindestausgaben in der Anlaufphase (in der man ja weiterhin Geld vom und Krankenversicherung übers JC bekommt, solange der Gewinn nicht groß genug ist) gar nicht ausrechnen, weil ich ja weiß, was ich mindestens zum Leben brauche: eben das, was ich bisher vom JC bekomme, denn verhungert bin ich damit ja bisher auch nicht.

Ich hab mich zwischendurch mehrmals gefragt, warum ich eigentlich nicht bei solchen Seminaren als Dozent arbeite, dann was einige da gebracht haben, könnte ich sicher genauso gut. Abgesehen davon, dass ich dafür zu nervös wäre, konnte ich mir die Antwort selbst geben: Mein Weltbild passt nicht zu dem, das da vorherrscht: Der Unternehmer arbeitet 24 Stunden am Tag, den Rest schläft er, jeder Geschäftspartner will einen potentiell übers Ohr hauen, denn bei Geld hört die Freundschaft auf, und den Büffel (= Kunden) muss man an der Wasserstelle abholen, an der er säuft. Und da sagen mir manche nach, ich sei zynisch und misanthropisch.

Zwei Mal Philosophie am Kiosk

Veröffentlicht: 25. November 2011 in Print
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Ein "brand eins"-Klon? Philosophie-Magazin "Hohe Luft"

Gleich zwei Publikumszeitschriften zum Thema Philosophie sind diesen Monat neu auf den Markt gekommen. Das eine heißt auch schlicht „Philosophie“, wurde heute Mittag bei WDR5 ziemlich verrissen und sieht relativ populär aus, inklusive Richard David Precht. Das andere heißt „Hohe Luft“, erscheint im Verlag der „Emotion“-Herausgeberin und kommt zurückgenommener und wertiger daher, kostet dafür aber auch acht statt 5,90 Euro. Titelschriftzug und Covergestaltung ohne Abbildung erinnern stark an „brand eins“, das Papier ist dicker, das Magazin laminiert statt geheftet, das Layout luftiger, aber auch textlastiger. Da gibt es auch schon mal 12-seitige Artikel mit nur einem einzigen Foto. „Herzstück des Magazins sind lange Lesestücke“, so die Selbstdarstellung. Themen der Erst- (und Test-) Ausgabe sind z.B. “Steckt mein Geist im iPhone?” oder „Was macht mich zur Person?“ Wenn ich das Geld etwas lockerer sitzen hätte, hätte ich mich auf jeden Fall für dieses Heft entschieden. Eine Blattkritik gibt es bei W&V zu lesen.

 

Es tut sich was im Blätterwald der Comic-Szene

Veröffentlicht: 24. November 2011 in Print
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In den 90ern gab es teilweise fünf, sechs gleichzeitig erscheinende allgemeine Comic-Fachzeitschriften, also Magazine, die mehr oder weniger regelmäßig über Neuerscheinungen, Zeichner und Autoren oder Neuigkeiten aus der Verlagsbranche berichteten. Dazu kamen dann noch einige Titel, die auf bestimmte Teilaspekte der Comicszene spezialisiert waren. Nach und nach wurden fast alle der allgemeinen Magazine eingestellt, meistens nicht wegen sinkender Verkaufszahlen, sondern wegen anderer Prioritäten der Herausgeber. Übrig blieb eigentlich nur noch die altehrwürdige „Comixene“, die in den 70ern die erste Zeitschrift dieser Art im deutschsprachigen Raum war. In den vergangenen Jahren erschien sie aber immer seltener.

Umso überraschender, dass diese Woche nicht nur die „Comixene“ ein häufigeres Erscheinen zu einem günstigeren Preis angekündigt hat, sondern sich auch ein neuer Konkurrent angekündigt hat. Volker Hamann und Mathias Hofmann, die dieses Jahr bereits das neue (sehr empfehlenswerte) jährliche Handbuch „Comic Report“ gestartet haben, wollen ab nächsten Juni mit „Karacho“ ein neues dreimonatliches Sekundärmagazin herausgeben. Das könnte richtig gut werden, bringt Hamann doch bereits seit seinen Schülerzeiten vor 25 Jahren die meist monothematische „Reddition“ heraus, die zum Interessantesten gehört, was man auf Deutsch so über Comics lesen kann.

Thomas Kögel vom Online-Magazin „Comicgate“ hat den Machern der beiden Magazine jeweils einige Fragen gestellt. Schon interessant, dass es in unseren Medienwandelzeiten, in denen Print doch angeblich in den letzten Zügen liegt, immer noch Menschen gibt, die an solche Nischenmagazine glauben.

Videotipp: „Die Hartz-Maschine“

Veröffentlicht: 23. November 2011 in Lesetipp, TV
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Journalistisch und in den Lösungsvorschlägen manchmal etwas fragwürdig, aber diese NDR-Reportage, die man sich zzt. noch in der Mediathek ansehen kann, zeigt ganz schön den Irrsinn des Weiterbildungszirkus‘ und anderer Institutionen, die am Hartz IV-System Geld verdienen. Ich hätte dann übrigens als Nächstes gerne den Theater-Workshop. 😉

Zurzeit lese ich David Simons Reportagebuch „Homicide – Ein Jahr auf mörderischen Straßen“ und gucke parallel die zweite Staffel seiner Serie „The Wire“ (weil’s die bei Saturn gerade für 10 Euro gab). Mit der Serie, die viele ja für die beste der TV-Geschichte halten, bin ich vorher nie warm geworden, obwohl ich es mehrmals versucht habe. Über die ersten sieben Folgen kam ich aber nicht hinaus. Die zweite Staffel gefällt mir hingegen von Anfang an wesentlich besser. Ich weiß nicht, woran das nun konkret liegt, aber das Milieu der Hafenarbeiter, die Gewerkschafter, die verzweifelt ums Überleben ihrers Berufsstands kämpfen, das ist eine Welt, über die ich noch nie einen Film gesehen habe. Wie sich die dann zunehmend verknüpft mit den kriminellen Milieus der Stadt, dem Drogenhandel, Schmuggel, Prostitution und wie die verschiedenen Polizeiabteilungen auf der anderen Seite versuchen, das Ganze aufzudecken – das entwickelt schon einen Sog, der einen in diesen ganzen Kosmos hinein zieht. Chris Bauer, der den polnischstämmigen lokalen Gewerschaftsboss spielt, ist auch einfach ein verdammt guter Schauspieler, was er hier auch endlich mal in allen Facetten zeigen darf. Nach wie vor unfassbar ist natürlich die Sprache, insbesondere die Dialoge der schwarzen Drogenhändler wären ohne Untertitel praktisch nicht zu verstehen.

Interessant sind auch die zahlreichen Übereinstimmungen zwischen dem Buch und der Serie. Simon hat ja ein Jahr lang als Reporter die Arbeit der Baltimorer Mordkommission beobachtet und diese Beobachtungen fließen natürlich auch in die Serie ein. Ich weiß z.B. nicht, ob ich, ohne das Buch zu kennen, verstanden hätte, was die roten Namen auf der Tafel mit den Fällen bedeuten. In beiden Werken spielt die Hierarchie innerhalb der Polizei eine wichtige Rolle. Vorgesetzte erscheinen meistens umso unsympathischer, je höher sie in der Befehlskette angesiedelt sind. Da geht’s dann nur noch um Politik, das eigene Fortkommen und darum, in der Öffentlichkeit möglichst gut dazustehen, während die einfachen Detectives das alles ausbaden müssen. Wobei einer der Seargents der Mordkommission in „The Wire“ den Namen eines tatsächlich existierenden trägt, der zu den Protagonisten des Buchs zählt. Die Figur in der Serie kommt aber wesentlich unsympathischer rüber.

Während die Drogendealer im Buch durchgehend als böse erscheinen, wirken ihre Entsprechungen in der Serie ambivalenter. Einerseits skrupellos und gewalttätig, andererseits aber auch cool und teilweise fast witzig. Ich möchte auch nicht wissen, wie viele Straßenkids in anderen Städten sich diese Typen und ihre Sprache  zum Vorbild genommen haben. Baltimore wird sowohl im Buch wie auch in der Serie als Hort der Gewalt und des Niedergangs beschrieben. Eine Stadt, in der ein Menschenleben nichts zählt, jedenfalls nicht, wenn es sich um einen Ghettobewohner handelt, eine Stadt ohne Moral, ohne Sicherheit und letztlich ohne Zukunft. Das ist größtenteils so negativ, dass man sich eigentlich kaum vorstellen kann, dass es solche Städte mitten in den USA tatsächlich gibt – es erinnert eher an eine Metropole in einem Dritte-Welt-Land. Mit ehrlicher Arbeit lässt sich dort kein Leben mehr aufbauen, die einzigen erfolgreichen Kapitalisten sind die Oberbosse des Drogenhandels – einer von ihnen studiert dann auch folgerichtig BWL. Die einzigen ehrlichen Menschen in der Stadt scheinen die Polizisten zu sein. Korruption ist praktisch kein Thema, was mich ziemich wundert, da ich vermuten würde, dass diese gerade in solch einem sozioökonomischen Umfeld besonders blüht. Da ist selbst in rein fiktiven und oft als weniger realistisch angesehenen Cop-Shows wie „Third Watch“ Korruption ein viel stärkeres Thema.

Zu meinen Lieblingsserien wird „The Wire“ wahrscheinlich nie zählen, dazu ist sie mir einfach zu nüchtern erzählt, die Charaktere nicht zwingend genug. Moralische Fragen bleiben eher unter der Oberfläche, die Figuren laden nicht so sehr zur Identifikation ein, als das man sich diese Fragen an ihrer Stelle stellen würde. Das Ganze ist eher eine semidokumentarische soziologische Langzeitstudie, allerdings eine durchaus faszinierende und sogar unterhaltsame, wenn man denn einmal den Zugang gefunden hat.