Mit ‘Literatur’ getaggte Beiträge

Als ich einmal bei einem Literatursalon war

Veröffentlicht: 24. März 2012 in Allgemeines, Bücher
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Eine Erregung fast Proust’schen Ausmaßes ergriff mich, als ich mich gestern auf den Weg zum ersten Literatursalon meines nicht mehr ganz so jungen Lebens machte. Wein, Speis und Gesang waren mir von kundigen Stammgästen verheißen worden, eventuell sogar Weib. Allerdings auch, dass der Altersdurchschnitt der Besucher schon alleine durch mein Auftauchen beträchtlich gesenkt werden könne. Tatsächlich fand ich, nachdem ich auf dem unbeleuchteten Fahrrad meinen Weg durch mir bis dato völlig unbekannte Wohnviertel meines Stadtteils gefunden hatte (wobei ich an einer roten Ampel von einer radfahrenden älteren Besucherin des Salons überholt worden war, der im Gegensatz zu mir wohl die Geduld fehlte, jetzt noch auf so etwas Profanes wie Verkehrsregeln acht geben zu müssen), beim Eintreten in die Wohnung eine Schar überwiegend schon etwas reiferer Herrschaften vor.

Während die Groupies der beiden eingeladenen Schriftsteller bereits im Backstagebereich – der wohl im Alltag die Bibliothek war – ungeduldig mit den Füßen scharrten, suchte ich mir einen Platz in der vorletzten Reihe. Wenig später traf noch ein mittelalter Herr mit einem großkrempigen schwarzen Hut ein, nahm auf dem Sofa hinter mir Platz und seine auffällige Kopfbedeckung für den Rest des Abends nicht mehr ab, wohingegen der Alkoholgehalt seines Blutes stetig zunahm. Ich beobachte bei Lesungen immer wieder, dass der Genuss des einen oder anderen Glases Rotweins für viele Besucher ein Hauptgrund zu sein scheint, das eigene Haus zu verlassen. Nach begrüßenden Worten der Gastgeberin – denen auch zu entnehmen war, dass eine vormals hier vortragende Reiseautorin heute leider nicht anwesend sein könne, da sie sich während ihres jüngsten Aufenthalts in Bangkok spontan die Hüfte habe auswechseln lassen (müssen) – ging es auch schon los.

Während nun das – im übrigen sehr gelungene, aber davon soll hier nicht die Rede sein – Programm seinen Lauf nahm, hörte man aus der letzten Reihe des Öfteren in der Lautstärke kaum gedrosselte Kommentare des Bekrempten im Stile von „Jetzt wird’s langweilig“ oder „Mist, kein Wein mehr da“. Vielleicht war es auch so etwas wie „Mist, ohne Wein wird’s jetzt langweilig.“ Zum Glück war es irgendwann Zeit für eine Snackpause. Diese war im Vorfeld generalstabsmäßig durchorganisiert worden, weswegen es den etwa 30 Anwesenden kaum Mühe bereitete, sich innerhalb von fünf Minuten in der ursprünglich wohl auch nur auf zwei Personen ausgerichteten Küche mit Essen zu versorgen. Danach war allerdings nicht mehr auszumachen, wer im Flur vor dem Bad wartete, weil er einem dringenden Bedürfnis abhelfen wollte, und wer dort nur Zuflucht gesucht hatte, weil er der einzige freie Platz war.

Nach einer Gesprächsrunde mit den beiden Autoren, die mich ein wenig wehmütig an die goldenen Zeiten der anspruchsvollen Fernsehunterhaltung erinnerte, in der im Spätprogramm des ZDF noch Gäste wie Jeanne Moreau und Götz George die Talkshows bevölkerten, statt wie heute Veronica Ferres und Til Schweiger, hieß es von den meisten Besuchern Abschied nehmen. Der Herr mit dem Hut, der vorher noch schnell ein paar Flyer unter die Leute gebracht hatte, auf denen allerdings lediglich ein Foto von ihm selbst mit seinem Hut sowie ein mysteriöses Wort abgedruckt waren, verfehlte die Tür dabei nur knapp. Laut der Gastgeberin fand er sich, nachdem sie ihn bereits im Fahrstuhl gesehen hatte, plötzlich doch noch einmal in der Wohnung wieder, was aber lediglich ein kurzes Intermezzo bleiben sollte.

Ob es dann später am Abend so klug war auszuprobieren, ob die Angabe im Lift „für 4 Personen bis 400 Kilo“ auch dann noch gilt, wenn einer der vier bereits die Hälfte davon wiegt und ein anderer noch ein mannshohes Keyboard dabei hat, ist eine Frage, die hier nicht abschließend geklärt werden kann. Ansonsten war es ein deliziöser Abend, der fast das Gefühl in mir erzeugte, ich wäre damals bei Gertrude Stein eingeladen gewesen. Man sollte statt bei Facebook zu verweilen einfach viel öfter Literatursalons besuchen!

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Im aktuellen „Fandom Observer“ (einem traditionsreichen SF-Fanzine) findet sich eine hoch interessante Titelgeschichte über Buchblogger, negative Rezensionen und darüber, wie Autoren und Verleger mit diesen umgehen. Ich muss den Kommentatoren im FO-Blog Recht geben: Der Artikel ist tatsächlich hervorragend recherchiert und könnte im Grunde auch im „Spiegel“ stehen. Anlass waren unfassbare Vorwürfe eines Buchautors und seiner Verlegerin, die einer Bloggerin nach einem Verriss  in den Kommentaren mit rechtlichen Schritten drohten. Was es nicht alles gibt…

Thomas Pynchon gilt ja immer als der heißeste Literaturnobelpreiskandidat, der ihn wahrscheinlich doch nie bekommen wird, außerdem als der nach Salinger geheimnisumwobenste US-Schriftsteller der Gegenwart (seit Salingers Tod dürfte er diesen Titel jetzt exklusiv haben) und gemeinhin als schwer bis unlesbar. In den USA zählt er praktisch zur Popkultur, tauchte auch in mehreren Folgen der „Simpsons“ auf, wo seine Figur eine Papiertüte über dem Kopf trug, da es seit den 50er Jahren keine neueren Fotos mehr von ihm gibt, und deshalb niemand weiß, wie er heute aussieht.

„Die Versteigerung von No. 49“ ist sein zweiter Roman (von 1967), und außerdem sein dünnster. 200 Seiten, die man schnell weg gelesen hat, reichen ihm allerdings, eine ganze Welt zu erschaffen, wozu die meisten anderen Gegenwartsautoren mindestens die vierfache Seitenzahl brauchen würden. Und was für eine verrückte Welt das ist!

Alles beginnt, scheinbar harmlos, damit, dass Oedipa Maas überraschend zur Testamentsvollstreckerin eines verblichenen Ex-Liebhabers ernannt wird. Dieser Geschäftsmann mit dem unaussprechlichen Namen Pierce Inverarity stellt sich als Dagobert Duck ebenbürtiger Anhäufer von Besitztümern und Unternehmen heraus. Bei ihrem Versuch, in dem kleinen kalifornischen Ort San Narciso Herr bzw. Frau seiner Vermögensverhältnisse zu werden, entdeckt Oedipa nach und nach merkwürdige Zeichen und Hinweise für eine Untergrundbewegung, die seit fünfhundert Jahren in Europa und später in den USA ihr Unwesen zu treiben scheint.

Das Mittel, das diese benutzt, um sich den herrschenden Verhältnissen entgegen zu stellen, ist ausgerechnet die Postbeförderung, die in den USA (zumindest in den 60ern) noch staatlich monopolisiert ist. Einmal dafür sensibilisiert, stößt Oedipa nun überall auf die Zeichen der Trystero-Bewegung: plump gefälschte Briefmarken, gedämpfte Posthornsymbole auf Klowänden und Ansteck-Buttons, mysteriöse Postboten, die Briefe aus als Mülleimer getarnten Kästen mit der Aufschrift W.A.S.T.E. einsammeln, was nicht etwa für „Müll“ steht, abweichende Verse in shakespeareesken Dramen aus dem 17. Jahrhundert usw. usf.

Außerdem begegnen ihr die unglaubwürdigsten Gestalten, angefangen von Ingenieuren, die glauben, das perpetuum mobile wäre bereits erfunden, über Mitglieder einer Selbsthilfegruppe für Anonyme Verliebte bis zu Leuten, die in einem Club für elektronische Musik abhängen und den bewaffneten Kampf vorbereiten. Da verwundert es auch nicht mehr weiter, dass ihr Psychiater glaubt, der israelische Geheimdienst werde ihn bald verschleppen, und ihr Ehemann LSD-süchtig wird. Je mehr sich Oedipa aber in die anscheinende Weltverschwörung hinein steigert, desto unklarer wird, ob sie sich all diese Zusammenhänge nur einbildet, ob ihr jemand einen Streich spielen will oder ob sie tatsächlich einem Geheimnis von unvorstellbarem Ausmaß auf der Spur ist.

Was haben die Amis bloß mit ihrem Postwesen? In „The Postman“ stand die Briefbeförderung für die Hoffnung auf Wiedererrichtung der Demokratie und der Republik, bei Pynchon bedienen sich Rebellen ihrer, die eine ganz andere Gesellschaft erkämpfen wollen. Diese Bedeutung, die US-amerikanische Autoren „fantastischer“ Literatur dem Postwesen beimessen, scheint wohl mit dessen Rolle bei der Kolonisierung des Landes zusammen zu hängen, mit dem Pony-Express und dem Postkutschenverkehr von Wells‘ Fargo. Wer das Postmonopol hatte, hatte auch die Regierungsgewalt. Aus europäischer Sicht wirkt das merkwürdig und irgendwie komisch; hier käme niemand auf die Idee zu denken, mit Abschaffung des Postmonopols sei auch der Staat gefährdet. (Dann wären die TNT- und FirstMail-Boten ja Staatsfeinde!) Zumindest macht Pynchon diese These etwas plausibler als der furchtbar hanebüchene Kevin Costner-Film.

Ansonsten ist die ganze Verschwörungsgeschichte eh nur ein Aufhänger, ein riesiger McGuffin sozusagen, für Pynchons Fabulierwut, für seine Lust, immer neue verrückte Ideen und ebenso verrückte Gestalten übereinander zu türmen. Inhaltlich erinnert das Buch mit seinen mysteriösen Anspielungen und unglaublichen Geheimnissen an Paul Auster, stilistisch an Michael Chabon, und an die Jahrhunderte alte Weltverschwörung in Theodore Roszaks „Schattenlichter“ fühlte ich mich auch öfter erinnert. Nur dass Pynchon sie sprachlich alle übertrifft und auch mehr Tiefe hat.

Schwierig zu lesen fand ich den Roman jetzt gar nicht. Klar, man muss sich durch einige Seiten Handlung eines viktorianischen Theaterstücks arbeiten, auch durch 200 Jahre niederländische Geschichte ab dem Ausbruch des Religionskrieges mit den Spaniern. Aber es hat ja noch nie geschadet, seine Bildungslücken aufzufüllen. Dafür wird man auch mit wunderbaren Sprachspielereien, herrlich skurrilen Szenen und melancholischen Weltbetrachtungen belohnt. Und auf ganz neue Ideen gebracht: Botticelli-Strippoker z.B. Eine perfekte Verbindung aus Unterhaltungs- und Hochliteratur, die Pynchon hier gelungen ist, und eines kann ich schon nach diesem einen Roman sagen: einer der ganz großen amerikanischen Schriftsteller der Gegenwart.

Thomas Pynchon: „Die Versteigerung von No. 49“. Rowohlt Taschenbuch 1973. 203 Seiten, 7,95 Euro.

Maxim Biller: "Die Tochter"

„Als Motti Wind nach zehn langen, bedrückenden Jahren seine Tochter Nurit wiedersah, hatte sie fast gar nichts an.“

Maxim Biller gebührt für seinen Debütroman „Die Tochter“ von 2000 nicht nur die Anerkennung für den besten ersten Satz, den ich seit langem gelesen habe, sondern auch für den besten Romaneinstieg. Was für ein erstes Kapitel: Billers Protagonist erkennt in einer Darstellerin in dem Pornovideo, das er sich an einem Sonntagnachmittag zu Gemüte führt, so wie er sich seit längerem jeden Sonntag eines anguckt, seine Tochter wieder, die er vor zehn Jahren verloren hat. Statt den Blick abzuwenden oder den Fernseher auszuschalten, verliebt sich Motti aufs Neue in seine eigene Tochter, die inzwischen kein kleines Mädchen mehr ist, sondern eine Teenagerin, die für Geld Sex vor der Kamera hat.

Biller ist kein Autor, der Angst vor Tabubrüchen hat. Das Thema Inzest durchzieht die ganze tragische Liebes- und Lebensgeschichte, die er in seinem Roman, größtenteils in Rückblenden, erzählt. Während wir in der Rahmenhandlung den in München lebenden Israeli Motti auf seiner sonntäglichen Odysee durch die Stadt begleiten, auf dem Weg zur Mutter seiner Tochter, die er wegen des Pornos zur Rede stellen will, setzt sich die Vorgeschichte, die in jedem zweiten Kapitel erzählt wird, nur bruchstückhaft zusammen. Es ist die Geschichte eines jungen Juden, der nach einem traumatischen Erlebnis im Libanonkrieg Anfang der 80er Jahre nach Deutschland kommt, weil er sich im Flugzeug in eine deutsche Frau verliebt hat: Sofie.

Langsam, anfangs fast unmerklich, ändert sich die Stimmung des Romans, wird die Beziehung zwischen dem unsicheren Motti und der stillen Sofie von Problemen überschattet: Sofie scheint nicht in der Lage zu sein, der gemeinsamen Tochter Nurit Mutterliebe entgegen zu bringen, hinzu kommen Schwierigkeiten in diversen Jobs, die die Frau immer tiefer in die seelische Isolation und von Motti wegtreiben. Gleichzeitig sorgt sich Motti zunehmend um die meist apathisch wirkende Tochter, die in ihrer Entwicklung  zurückgeblieben zu sein scheint. Die Unfähigkeit aller Beteilligten, über ihre wahren Gefühle zu sprechen, führt unaufhörlich zur Katastrophe…

In seinem komplex strukturierten Familienromen geht es Biller ums Ganze: um unauslöschbare Schuld, die Unmöglichkeit von Kommunikation, den Gegensatz zwischen Israel und Deutschland, um eine unmögliche Liebe und die Möglichkeit eines negativen Gottesbeweises. Durch die nur schwer zu durchschauende Erzählstruktur und die manchmal quälend langen Schilderungen von Mottis wirrem Geisteszustand macht es Biller seinen Lesern nicht immer leicht. Andererseits entwickelt seine Erzählung immer wieder einen Sog, der einen so tief in die Handlung hineinzieht, dass man immer weiter lesen muss. Bis zum bitteren Ende, der mit einem Knalleffekt endet.

Leser, die schon Billers journalistische Arbeit mitverfolgt haben, werden sich über einige autobiographische Elemente gegen Ende des Romans freuen, wenn der Ich-Erzähler plötzlich anfängt, seine eigene Geschichte zu erzählen, die nur locker mit der Haupthandlung um Motti Wind verknüpft ist. Da taucht dann auch mal die Zeitschrift TEMPO auf, als deren Kolumnist Biller in den 80ern bekannt geworden ist, und ein New York-Korrespondent, der unschwer als Andrian Kreye (heute SZ-Feuilletonchef) zu erkennen ist. Wobei viele der Ansichten, die Motti über Deutschland und die Deutschen, über Gott und Religion vertritt, auch weitgehend deckungsgleich mit denen des Autors sein dürften. Wie schon in seinen legendären „100 Zeilen Hass“-Kolumnen teilt Biller auch hier wieder gerne aus, womit er einige Leser vor den Kopf stoßen dürfte. Andererseits beweist er mit diesem Roman, dass er auch ganz anders kann, indem er eine teils sehr einfühlsame Liebesgeschichte erzählt, die im Irrsinn endet, ohne dass er jemals die Sympathie für seine geschlagene Hauptfigur verliert.

Maxim Biller: „Die Tochter“ Roman. dtv 2001. 432 Seiten, 11 Euro.

Der Poet der Wasserhäuschen

Veröffentlicht: 24. März 2009 in Bücher, Journalismus
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Bald neu im Taschenbuch: Jörg Fausers Debütroman Rohstoff

Bald neu als Taschenbuch: Jörg Fausers Debütroman Abb.: Diogenes

Jörg Fauser war der deutsche Chronist der Säufer und Außenseiter. Sein autobiographischer Roman „Rohstoff“ erfährt im Juli eine Neuausgabe als Taschenbuch

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Der Titel klingt wie ein Thesenpapier oder wie ein Nouvelle Vague-Film der 60er Jahre („Liebe mit zwanzig“ heißt bspw. der Episodenfilm von 1962, zu dem Francois Truffaut die Antoine Doinel-Geschichte „Antoine et Colette“ beigetragen hat): „Liebe heute“, Untertitel „Short stories“. Keine Kurzgeschichten sind es also, die Maxim Biller hier schreiben wollte, sondern Erzählungen ganz im Geiste Hemingways und anderer amerikanischer Schriftsteller.

Und es ist ihm gelungen; der deutsche Autor und Kolumnist erwesit sich mit diesen 27 Miniaturen auf knapp 200 Seiten als Meister der Gattung: Bewundernswert, wie er auf sechs, sieben Seiten eine ganze Welt entwirft, glaubwürdige Charaktere und ein teilweise kompliziertes Beziehungsgeflecht. Aus manchen dieser Storys hätte man einen ganzen Roman machen können – und weniger begabte Schriftsteller hätten dessen Länge auch gebraucht, um aus den Stoffen etwas halbwegs Interessantes zu machen. Biller schafft es hingegen auch auf den wenigen ihm zur Verfügung stehenden Seiten, die Leser in seinen Bann zu ziehen.

Ob junge Juden in Prag oder Tel Aviv, einsame Großstädter in Berlin oder Hamburg, Singles, Paare oder zwei Menschen, die einander immer wieder suchen und verlieren: In den Geschichten steht immer das Thema Liebe im Hintergrund. Langweilig wird es jedoch nie, da Biller es versteht, sein Sujet meisterhaft zu variieren. Dabei streift er natürlich auch andere existenzielle Themen, vom Altern bis zur Depression, von der großen Politik bis zum Künstlerdasein (oft sind seine Helden Schriftsteller, Künstler oder Freiberufler, die in hippen Berliner Szenecafés rumsitzen oder zwischen Israel und Deutschland hin und her jetten), vom Krieg bis zum Mord und Selbstmord. Obwohl immer intime Gefühle im Mittelpunkt stehen, wird Biller nie peinlich oder ordinär; er macht sich auch nie über seine Figuren lustig, sondern nimmt sie in all ihrem Leid wie in ihrer Lächerlichkeit ernst.

Ob er in „Die richtigen Tage“ den Versuch eines Mannes, seine Freundin, die sich gerade von ihm getrennt hat, noch einmal ins Bett zu bekommen, um sie mit einem Kind an sich zu binden, mit dem Schicksal einer im Krieg von einem Jugendfreund gefangen gehaltenen Bosnierin verknüpft oder in „Das Recht der jungen Männer“ die Geschichte eines aus Liebe zum Totschläger gewordenen Schriftstellers mit derjenigen einiger alter Juden verbindet, die sich an ihren Peinigern gerächt haben: Biller verknüpt hier wie da das Private mit dem Weltgeschehen, die oft lächerliche Suche nach dem kleinen Glück mit der ganzen Tragik des Lebens. So auch in „Die Selbstmörder“, wo eine Frau in Tel Aviv sich nicht zwischen zwei Männern entscheiden kann, bis vor ihrem Hotelfenster ein Selbstmordanschlag alles verändert.

In „Ziggy Stardust“ und „Sieben Versuche zu lieben“ variiert er das Thema einer Jugendliebe, die lange unerfüllt bleibt, nach Jahrzehnten doch noch zu einer Beziehung wird, um ebenso plötzlich wieder zu enden. Nostalgie und Melancholie sind aber auch in den meisten anderen Geschichten die tonangebenden Stimmungen. Bisher kannte ich von Maxim Biller nur seine Reportagen und Kolumnen („100 Zeilen Hass“) aus TEMPO sowie seine „Moralischen Geschichten“ aus der FAS. Während er in den Medien weitläufig als Querulant, Provokateur und Zyniker gilt, erweist er sich in dieser Sammlung von Kurzgeschichten als großer Menschenfreund und begnadeter Erzähler. Bessere Literatur von einem zeitgenössischen deutschsprachigen Autor wird man momentan für knapp neun Euro nirgends finden.

Maxim Biller: „Liebe heute“ Short stories. 197 Seiten, 8,95 €, Fischer Taschenbuch

Kürze bringt poetische Würze

Veröffentlicht: 23. Februar 2009 in Bücher, Online
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Portal in die Twitter-Welt: Die Homepage des Kurznachrichten-Dienstes

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Können 140 Zeichen lange Texte Literatur sein? Immer mehr Nutzer des Kurznachrichten-Dienstes Twitter glauben das: Sie veranstalten Lesungen und unterziehen Meldungen einer Literaturkritik. Vor kurzem startete sogar der erste deutschsprachige Twitter-Fortsetzungsroman. „Twitteratur“ – eine neue Kunstform. (mehr …)

In letzter Zeit wurde ja viel Brimborium um Elke Heidenreich, ihren Rauswurf beim ZDF und den Umzug ihrer Sendung „Lesen!“ ins Internet gemacht. Während sich die Experten streiten, ob das Experiment, eine etablierte TV-Sendung ins Netz zu verlegen, denn nun gelungen oder gescheitert ist, hat Else Buschheuer neulich in ihrem Tagebuch ganz richtig bemerkt, dass die beste Buchsendung Deutschlands eigentlich eine ganz andere ist: das ARD-Format „Druckfrisch“, das etwa einmal im Monat am späten Sonntagabend im Ersten läuft. Gestern war es wieder einmal soweit; es war die 50. Ausgabe.

Während „Lesen!“, egal ob man es nun im klassischen Fernsehen oder im modernen Online-Format schaut, eigentlich nur abgefilmtes Radio ist (eine Frau sitzt an einem Schreibtisch und redet eine halbe Stunde über Bücher), nutzt „Druckfrisch“ die Möglichkeiten des visuellen Mediums Fernsehen voll aus. Moderator Scheck trifft Schriftsteller da, wo sie wohnen und arbeiten: Christian Kracht in einem Bergwerk in der Schweiz (o.k., da arbeitet er nicht, aber sein aktueller Roman spielt teilweise in einem schweizer Bergwerk), mit einem isländischen Autor badet er in einer heißen Quelle usw. Dabei hat er keine Angst, sich auch einmal lächerlich zu machen. Wo Heidenreich nur Bücher vorstellt, die sie für lesenswert hält, schreckt Scheck auch nicht davor zurück zu provozieren, zu verreißen, zu polemisieren. Wie es halt bei guter Literaturkritik sein sollte: Man muss nicht jede Meinung teilen, aber man kann sich an ihr reiben. Man erfährt nicht nur, welche Bücher man lesen sollte, sondern auch, von welchen man die Finger lassen sollte. Ob man dann den Empfehlungen des Kritikers/Moderators folgt, muss letztlich sowieso jeder für sich selbst entscheiden.  Aber Scheck arbeitet nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit einer ironisch-lockeren Art und mit teilweise starken TV-Bildern. Und wer das alles lieber im Internet sehen will, kann das Ganze vermutlich auch in der ARD-Mediathek finden.