Archiv für Oktober, 2011

Videotipp: „Bad Boy Kummer“

Veröffentlicht: 28. Oktober 2011 in Film, Journalismus, Lesetipp, Print
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Zurzeit in der arte-Mediathek: der Dokumentarfilm über Tom Kummer. Irgendwie finde ich immer noch, dass Kummer mit fast allen seinen Aussagen Recht hat. Und die Ausschnitte aus seinen gefakten Interviews in dem Film sind alle großartig (Tyson über Nietzsche und Tolstoi, Bronson über Orchideenzucht und Pamela Anderson über Abnehmen und Schönheitswahn). Muss mal gucken, ob man die Interviewsammlung noch billig im Netz bestellen kann.

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Bei einem Abstecher nach Venlo habe ich mir am Wochenende diese Verfilmung eines Romans von Maarten ‚t Hart auf DVD gekauft. Nicht nur klingt der Titel so schön; da ich einiges von dem Autor gelesen habe, wusste ich sogar, was er auf Deutsch heißt: „Ein Schwarm Regenbrachvögel“. Wobei regenvulpen natürlich viel schöner klingt. In der Hauptrolle ist mit Jeroen Krabbé der international wohl zweitbekannteste niederländische Schauspieler nach Rutger Hauer zu sehen. Er spielt in der Verfilmung des autobiografischen Romans einen Zellbiologen namens Maarten, der seine todkranke Mutter pflegt und zu schüchtern ist, um jemals etwas mit einer Frau gehabt zu haben. Eines Morgens hat er einen fürchterlichen Traum, in dem ihm Gott erscheint und verkündet, er werde in sieben Tagen sterben, sollte es ihm bis dahin nicht gelungen sein, das Bett mit einer Frau zu teilen. Auch wenn er nicht an solche Verkündigungen glaubt, wird er doch zunehmend nervöser. Zumal ihm ständig sein cooleres alter ego erscheint und ihn anspront, alle möglichen Frauen in seiner Umgebung anzumachen.

Die Story klingt erst einmal wie eine Mischung aus „The 40-year old virgin“ und „Elementarteilchen“ (Maarten arbeitet nämlich daran, die sexuelle Fortpflanzung durch Klonen überflüssig zu machen) und der Film beginnt auch eher slapstickhaft: der trottelige Professor, der sich beim anderen Geschlecht immer lächerlich macht. Nach einiger Zeit kippt die Stimmung jedoch komplett. In Rückblenden auf seine Kindheit und Jugend wird klar, dass Maarten stark durch seine streng protestantische Erziehung und die enge Beziehung zu seiner Mutter geprägt ist, die seine einzige Verbündete war – Ödipus lässt grüßen. Wer mit ‚t Harts Werk vertraut ist, wird zudem viele seiner immer wiederkehrenden Themen wieder erkennen: die Vater-Sohn-Beziehung, religiöse Strenge und Bigotterie und die Liebe zur klassischen Musik.

Auch ist der Film sehr niederländisch: Er spielt auf dem flachen Land, wo der junge Maarten am Kanal entlang zur Schule gehen muss und die Eltern auf dem Boot in die Stadt fahren. Hier, wo der Himmel tiefer zu hängen scheint, dachten viele Menschen noch kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, Gott näher zu sein als anderswo. Ein guter Film also, wenn man etwas über die niederländische Volksseele erfahren will. Ich mag es ja, Filme zu sehen, die in ihrem spezifischen Herkunftsland verankert sind und nicht aussehen, als hätten sie auch in Hollywood gedreht werden können.

Jeroen Krabbé gelingt es, alle Facetten der Hauptfigur vom schürzenjagenden Tölpel zum sinnsuchenden Zweifler glaubwürdig zu verkörpern. Und Sinnsuche ist das, was den Autor letztlich interessiert: Er stellt verschiedene Lebensentwürfe gegeneinander – die gottesfürchtigen, bescheidenen Eltern, die Jugendliebe, die, früh geheiratet und Mutter geworden, auch früh verblüht ist, den lebenslustigen und polygamen besten Freund, für den Sex eher ein Spiel ist -, ohne eine allgemeingültige Antwort zu geben, welcher der richtige sei. Was letztlich jeder selbst für sich tun muss, unabhängig davon, ob er nun an einen Gott glaubt oder nicht.

Jeroen Krabbé spielt aktuell übrigens in „In therapie“, der niederländischen Version von „In Treatment“ (bzw. der israelischen Vorlage) mit. Das wäre dann vielleicht mal was für eine torrent-Magazin-Rubrik à la „Serien in Sprachen, die kaum jemand versteht“.

Herzog im Ewigen Eis: „Begegnungen am Ende der Welt“

Veröffentlicht: 13. Oktober 2011 in Film
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Manchmal ist es schon erstaunlich, welche Perlen die kleinen Digitalsender so in ihrem Nachtprogramm verstecken: Da lief doch heute nach Mitternacht bei Eins Festival tatsächlich Werner Herzogs Doku, die gerade dieses Jahr erst auf DVD erschienen ist. „Sein bester Film“, jubelt ein Variety-Zitat von deren Cover. Das klingt erst mal etwas merkwürdig bei einem Regisseur, der Dutzende Spielfilme gedreht hat, tatsächlich ist das aber eines der besten Werke, die ich von ihm gesehen habe.

Herzog ist hier ganz bei sich selbst: Wieder einmal ist er auf der Suche nach abgelegenen und abseitigen Orten und Menschen. Diesmal ist es nicht der Regenwald mit seinen Naturvölkern, sondern die Antarktis und eine 1000-Mann-Siedlung, die von Forschern aus aller Welt bewohnt wird. Ein Dorf komplett mit eigenem Radiosender, Bowlingbahn und „solchen Abscheulichkeiten wie Gymnastik- und Yogakursen.“ Von all dem will Herzog schnellstmöglich weg – hinaus ins Eis. Die Siedlung ist aber auch Zuflucht für allerlei skurrile Außenseiter mit schrägen Lebensläufen: Philosophen, die als Tellerwäscher arbeiten, Computerexpertinnen, die sich bei einer Freakshow so falten, dass sie in eine kleine Reisetasche passen, Mechaniker, die versucht haben, aus dem Ostblock zu flüchten. Dass Herzog mehr an diesen Menschen interessiert ist als an spektakulären Filmszenen, wird deutlich, wenn der Mechaniker mit den Tränen ringt, als er von seinem Fluchtversuch erzählen soll, und Herzog ihm sagt, er brauche nicht darüber zu sprechen und schnell auf ein ganz anderes Thema lenkt. Vorbildlich!

Skurril sind auch Szenen wie ein Whiteout-Training, bei dem Neuankömmlinge mit einem Eimer über dem Kopf simulieren, in einem Schneesturm nichts mehr sehen zu können. Oder wenn zwei Wissenschaftler, die gerade am Meeresgrund neue Lebensformen entdeckt haben, das feiern, indem sie mitten im Eis auf einem Containerdach ein E-Gitarren-Konzert geben. Gerne schauen die Forscher auch alte Alieninvasions-Filme auf DVD. Die Frage, welches Bild in der Antarktis landende Aliens von der Menschheit gewinnen könnten, wenn diese längst von der Erde verschwunden sei, beschäftigt Herzog dann auch in seinem Off-Kommentar. Wie er überhaupt nicht gerade die Fragen stellt, die man in einer Doku, die das Logo des Discovery Channel auf dem Cover trägt, erwarten würde. Einen verschrobenen Pinguinforscher fragt er, ob es auch homosexuelle Pinguine gebe. Wenn alle Tiere zum Meer laufen, nur einer schnurgerade in die falsche Richtung, fragt Herzog nur: „Aber warum? Vor ihm liegen 5000 Kilometer Eiswüste und der sichere Tod.“

Fantastisch sind die Naturbilder, die Herzogs Team eingefangen hat, vor allem die Unterwasseraufnahmen von Tauchern unter dem Eis. Unter der Welt der Menschen offenbart sich eine weitere, ganz fremde Welt mit seltsamen, teils wunderschönen Kreaturen. Darunter erstaunlich intelligente, etwa ein Einzeller, der aus Sand Verästelungen bildet, „fast so etwas wie Kunst“. Dass der Mensch wohl doch nicht die Krönung der Schöpfung ist und seine Zeit auf Erden vielleicht begrenzt, zieht sich wie ein roter Faden durch den Film. Unterlegt ist er mit ungewöhnlicher Musik, die eher slawisch klingt, etwas nach einem Bregovich-Soundtrack. In Verbindung mit den Unterwasseraufnahmen ergibt das eine ganz unwirkliche, sphärische Wirkung.

Mit diesem Film hat sich Herzog endgültig als großer Dokumentarfilmer erwiesen. Sein „Cave of Forgotten Dreams“ kommt übrigens nächsten Monat in die deutschen Kinos, sogar in 3D.

Heute Abend (vor 32 Jahren) im TV (II)

Veröffentlicht: 1. Oktober 2011 in TV

ARD:

20.15 Uhr Der eiserne Gustav (6)

21.15 Uhr Waffen, Geld und große Worte. Bericht.

21.45 Uhr Pop ’79. Mit Volker Lechtenbrink, Bonnie Tyler, Umberto Tozzi, Arabesque, Fantasy und Showaddywaddy

23 Uhr Der Osten ist rot. Historisches Tanzdrama aus China

ZDF:

19.30 Uhr Spaß mit Musik. Heiteres musikalisches Ratespiel für jung und alt.

20.15 Uhr Stichproben. Was Bürger ärgert… Von unklaren Bescheiden, richtigen Beamten und falschen Hoffnungen auf Entbürokratisierung.

21.20 Uhr Das Fernsehspiel der Gegenwart: Die gütigen Augen des Herrn L.

West III:

20.15 Uhr Opposition in der DDR (4). Bericht.

21.15 Uhr Das Gesicht hinter der Maske. US-Film (1941) Mit Peter Lorre.

(Programm von 1. Oktober 1979)