Mit ‘Lokalzeitung’ getaggte Beiträge

Ein Redakteur der Münsterschen Zeitung fand wahrscheinlich selbst absurd, dass in seiner Zeitung über einen umgekippten Blumenkübel berichtet wurde, verbreitete die Meldung über Twitter und löste damit eine nicht vorhersehbare Welle aus: Twitterer parodierten die Meldung in immer neuen Varianten und sorgten dafür, dass der Blumenkübel zu einem der weltweit meistdiskutierten Themen bei Twitter wurde.

Die MZ selbst nimmt’s mit Humor und freut sich wahrscheinlich, dass überhaupt mal jemand in der Netzgemeinde auf ihren Neuenkirchener Lokalteil aufmerksam geworden ist. Das Traurige an diesem lustigen Hype ist eigentlich, dass die Meldung, die ihn auslöste, nicht einmal besonders schräg oder auffallend belanglos ist. Denn gerade in kleinen Lokalteilen überall in der Republik wird über solche Nichtigkeiten täglich geschrieben. Ich durfte in meiner Zeit als freier Mitarbeiter bei einer Stadtteilausgabe unter anderem über verschmutzte öffentliche Toiletten schreiben, über Vandalen, die Spielzeugbagger auf einem Spielplatz verbogen hatten und über den Belag eines Platzes in einem Wohngebiet, der zur Auseinandersetzung zwischen Boulespielern in der Nachbarschaft und gehbehinderten Anwohnern wurde. Und zwar nicht in vier Sätze-Meldungen, sondern jeweils in 80 Zeilen-Berichten. Einfach, weil die Redakteure meinten, das gehöre schon zu den spannendsten Dingen, die in ihrem Stadtbezirk so passiert seien.

Der MZ-Mitarbeiter schreibt dann selbst, dass die Blumenkübel-Zerstörung nur einen begrenzten Nachrichtenwert hätte:

„sie ist gerade mal für die Bewohner des Hauses, deren Angehörige, die Mitarbeiter des Altenheims und vielleicht einige Anwohner der Straße relevant.“

Demnach hat sie mMn überhaupt keinen Nachrichtenwert. Denn wenn etwas nur für die Leute interessant ist, die auf einer einzigen Straße wohnen oder arbeiten, ist das noch keine Öffentlichkeit, sondern ein privater Kreis. Wenn auf Onkle Hugos 70. Geburtstag mit 150 Gästen der Gastgeber für eine halbe Stunde mit seiner Nachbarin im Schlafzimmer verschwindet, steht das ja auch nicht morgen in der BUNTEN. Wenn eine Lokalzeitung dann meint, über einen zerbrochenen Blumenkübel trotzdem eine Meldung schreiben zu müssen, zeigt das, dass es ihr im Grunde nicht um Nachrichtenwert geht, sondern nur darum, dass der Lokalteil halt auch in einem Ort, in dem nichts Berichtenswertes passiert, irgendwie gefüllt werden muss.

Es zeigt aber auch exemplarisch, welche Bevölkerungsgruppen sich in einer Lokalzeitung eigentlich noch wiederfinden: Altenheimbewohner und sonstige Senioren. Ich gehe stark davon aus, dass es die Jugendlichen selbst in Neuenkirchen wenig interessiert, wenn ein Blumenkübel in ihrem Ort kaputt geht. Gestern bekam ich zufällig mit, wie sich zwei etwa 40-Jährige neben mir über die mangelnde Qualität von Lokalzeitungen hier in der Region unterhielten. Der eine: „Optisch sieht die Zeitung in Neuss etwas anders aus als hier, inhaltlich ist das aber dasselbe.“ Der andere: „Schützenverein halt.“

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Lesetipp des Tages

Veröffentlicht: 5. Dezember 2009 in Lesetipp, Online, Print
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Ein schönes Beispiel, wie Lokalzeitungen den Medienwandel verschlafen: „Wie ein 20-Jähriger einen Verlag demontiert“ von Christian Jakubetz.

Zitat des Tages

Veröffentlicht: 24. Juni 2009 in Online, Print
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„‚Jugendliche sollen ein Gespür für die Qualität einer Information entwickeln‘, sagt er [Rüttgers]. Genau das aber könnte ja zum Problem für die Zeitungen werden. Die meiste Lokal- und Regionalzeitungen im Land sind in einem traurigen Zustand. Gerade jene Schüler, die sich mit der Nachrichtenlage auseinander setzen werden merken, dass da eine Lücke klafft zwischen dem Nachrichtenstand, den sie im Web bekommen und dem der Zeitung.“

Thomas Knüwer über die Pläne des NRW-Ministerpräsidenten, die Schüler im Lande ein Jahr lang kostenlos mit Zeitungsabos zu versorgen.

Das Ende der Meinungsvielfalt in Darmstadt

Veröffentlicht: 5. Juni 2009 in Print
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Ganz Darmstadt wird von einem übermächtigen Zeitungskonzern dominiert. Ganz Darmstadt? Nein, ein kleines Häufchen Journalisten setzt dem  „Darmstädter Echo“ noch eine eigene Berichterstattung entgegen. Allerdings nur noch bis zum 1. Juli. Dann schließt die Frankfurter Rundschau ihre Lokal- und Regionalredaktion. Die Darmstadt-Seiten sollen dann von einer Tochtergesellschaft des Echo-Verlags erstellt werden, die hauptsächlich Artikel aus dem „Echo“ übernehmen wird. Damit ist die lokale Meinungsvielfalt de facto dahin, die FR zieht sich damit endgültig aus der Lokalberichterstattung außerhalb Frankfurts zurück. (In Wiesbaden gibt es noch eine Regionalredaktion, fragt sich nur, wie lange noch.) Mit der Umstellung auf das Tabloidformat 2007 hatte die FR ihre Lokalseiten schon drastisch ausgedünnt, ebenso wie die Außenredaktionen. Eine Stellungnahme der Gewerkschaft dju in Verdi findet sich hier.

Die Schließung der Darmstädter FR-Redaktion macht mich persönlich traurig, weil ich dort mein erstes längeres journalistisches Praktikum absolviert habe. Ich empfand die Art des Lokaljournalismus, die dort praktiziert wurde, als sehr engagiert und in ihrer Themenmischung angenehm anders als die übliche 08/15-Berichterstattung der meisten Lokalzeitungen. Statt um Karneval und Schützenverein ging es eher um soziale Initiativen und engagierte Bürger. Nun wird also auch in Darmstadt die Zeitungslandschaft gleichgeschaltet. Ob das der angeschlagenen FR hilft, in Südhessen Boden gut zu machen, darf stark bezweifelt werden.

So kriegt ihr mich nie!

Veröffentlicht: 27. April 2009 in Print
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Letzte Woche flatterte mir ein Werbebrief der NRZ ins Haus, einer der drei Zeitungen, die (noch) einen Lokalteil für Düsseldorf haben. Er begann sinngemäß etwa so:

Für die meisten Menschen ist die Stadt, in der sie wohnen, nicht nur ein Wohnort, sondern ein Stück Heimat, in dem sie sich zuhause fühlen, ihre Nachbarn kennen, im Verein engagiert sind…“

Als ich das gelesen hatte, wollte ich den Verlegern am liebsten zurufen: „Das ist genau der Grund, warum ich euer Blatt nie abonnieren werde, genauso wenig wie irgendeine andere Regionalzeitung!“ Die Zielgruppe, die mit solchen Sätzen erreicht wird, sind mMn die über 50-Jährigen, die seit mindestens 20 Jahren in derselben Stadt wohnen, eine feste Arbeitsstelle haben, eine Familie, und die auch nicht vorhaben, nochmal irgendwo anders hin zu gehen.

Ich bin in den letzten 12 Jahren acht Mal umgezogen, habe in vier verschiedenen Städten (und, wenn ich mein Auslandssemester mitzähle, in zwei Ländern) gewohnt, habe nie in einem Stadtteil länger als zwei Jahre gewohnt, bin nun zufällig wieder in meiner Heimatstadt gelandet, würde aber genauso schnell wieder wegziehen, wenn ich in einer anderen Stadt z.B. einen Job finden würde. Ich sehe meinen Etagennachbarn einmal in drei Monaten im Flur, die anderen Leute im Haus kenne ich nicht mal vom Namen her. Ich war noch nie in einem Verein, hasse Brauchtumsrituale wie Karneval und Schützenfeste, bin letztes Jahr zum ersten Mal seit 13 Jahren an meiner alten Schule gewesen, und das auch nur, weil ich da zu einem beruflichen Termin musste. Meine Freunde und Bekannten sind über ganz Deutschland verstreut, die meisten, mit denen ich noch Kontakt habe, immerhin im Umkreis von 50 Kilometern. Hier in meiner Heimatstadt habe ich zu fast niemandem mehr Kontakt. Mich interessiert weder, was im örtlichen Sportverein noch was im Kindergarten an der Ecke los ist. Wieso um alles in der Welt sollte ich euer Lokalblättchen abonnieren, wenn ihr doch denkt, die jeweilige Heimatstadt müsste für eure Leser der Nabel der Welt sein und weiter als bis zum SPD- oder CDU-Ortsverein reiche sein Blick sowieso nicht? Mit dieser Haltung werdet ihr nie neue, junge Leser gewinnen, sondern mit den alten und älter werdenden dahin sterben. Zurecht, solange ihr das nicht versteht.