Archiv für September, 2011

Schwein ist mein Gemüse

Veröffentlicht: 25. September 2011 in Allgemeines

Ein Bestandteil der rheinischen Kultur, mit dem ich nie warm werde, sind Brauhäuser. Diese Art von rustikaler Gemütlichkeit liegt mir einfach nicht. Wobei es auch eher skurrile Vertreter dieser Gastronomiesparte gibt. Von außen sah alles so aus wie erwartet, inklusive Schildern der Schützenbruderschaft und andere obskurer Vereinigungen, die hier regelmäßig verkehrten. Freunde der rheinischen und gutbürgerlichen Küche würden sich hier wohl fühlen, versprach die Eigenwerbung. Ein Blick auf die Speisekarte offenbarte dann allerdings ein Angebot, das wenig rheinisch klang: Cevapcici war noch eines der Gerichte, das für mich am vertrautesten klang, viele andere konnte ich nicht einmal aussprechen. Breite Auswahl sieht wohl auch anders aus: Von etwa zehn Gerichten war gerade mal eines mit Hähnchenfleisch zubereitet. Ansonsten Schwein in allen Variationen: Gegrillt, gerollt, gefüllt, im Zopf und am Spieß und Schweinefleisch gefüllt mit Fleisch. Letzteres erinnert mich irgendwie an den Ursprung der koscheren Essenszubereitung, nämlich Gottes Gebot, das Lamm nicht im Milch seiner Mutter zu kochen.  Rheinisches Brauchtum: Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s schwein.

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Das neue DUMMY – Ein beschissenes Heft

Veröffentlicht: 21. September 2011 in Print
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An ausgewählten Verkaufsstellen auch in Papiertüte erhältlich: DUMMY 32

Nicht etwa, weil es schlecht wäre, sondern weil das Thema diesmal tatsächlich „Scheiße“ lautet. Die schrecken echt vor nichts zurück, auch wenn potentielle Anzeigenkunden das Thema wohl nicht so prickelnd fanden, wie dem Editorial zu entnehmen ist. Ich find’s aber schon faszinierend, wie man aus Scheiße… äh, ich meine zu Scheiße ein ganzes Heft machen kann. Wie immer nehmen die Macher das Thema natürlich nicht immer ganz so wörtlich, sondern manchmal auch nur sinnbildlich, es geht also auch um Menschen in Scheißsituationen, Scheißversager, beschissene Liebhaber und Scheißwut. Aber eben auch um Latrinenleerer in Indien, den Inselstaat Nauru, der einst mit Vogelscheiße reich wurde (und sich danach quasi selbst ruinierte) und Künstler, die aus Scheiße Kunstwerke gemacht haben… oder Kunstwerke, die künstliche Scheiße herstellen.

Insgesamt wieder mal ein gelungenes Heft, auch wenn Zartbesaitete diesmal bei einigen Texten und vor allem Fotos vorsichtig sein sollten, dass ihre Perestaltik nicht in die andere Richtung arbeitet. Und das Titelbild hab ich erlich gesagt erst nach drei Tagen vertstanden (wobei ich mich immer noch frage, ob das nicht latent rassistisch, sexistisch oder beides ist).

Klaus Löwitsch als Krüger, James Coburn als Steiner

1943, an der Ostfront: Der unangepasste Unteroffizier Steiner (James Coburn) bekommt einen neuen Vorgesetzten, den preußischen Adligen Hauptmann Stransky (Maximillian Schell). Während Steiners einzige Loyalität seinen Kameraden gilt, ist Stransky ein chauvinistischer, karrieregeiler Herrenmensch, gleichzeitig leider ein großer Feigling. Sein einziges Ziel ist es, nach dem Krieg mit dem Eisernen Kreuz nach Hause zu kommen. Dafür ist auch er bereit, über Leichen zu gehen – notfalls die seiner eigenen Männer.

Bei dem Titel dachte ich immer, der Film wäre so ein kriegsverherrlichender Nazifilm wie etwa „Die Wildgänse“. Das Gegenteil ist der Fall: Peckinpah lieferte hier 1977 eine beißende Anklage an den Krieg. Ähnlich wie bei Coppola ist der Krieg bei ihm eine irreale Parallelwelt, in der der Mensch wieder zum Tier wird. Jeglicher Versuch der Soldaten, darin so etwas wie Zivilisation aufrecht zu erhalten, mutet von Anfang an surreal an, ob die einfachen Soldaten in ihrer Bretterbude im Schützengraben einen Geburtstag feiern wollen oder ob der Oberst seine Offiziere bei gedecktem Tisch zum Essen in seinen Kommandostand einlädt. Auch Gefühle haben hier keinen Platz, wo Stransky in einer teuflischen Szene zwei Soldaten, die er der Homosexualität verdächtigt, droht, hängen zu lassen, sollte er sie beim Sex erwischen, wo aber auch jede Freundschaft schon ein Risiko darstellt, da der Kamerad bereits in der nächsten Minute von einer Bombe zerfetzt werden kann.

Und mit Bildern von zerfetzten Körpern spart Peckinpah, der ja auch für die ästhetischen Gewaltorgien in seinen Western bekannt ist, nicht. Da werden Soldaten vom Maschinengewehrfeuer zerlöchert, während sie in Stacheldraht fallen, Leichen werden von Panzern überrollt. Die aufwendigen Gefechtsszenen wirken immer realistisch, und das in einer Zeit lange vor CGI.

James Coburn erweist sich hier nach Leones „Fistful of Dynamite“ einmal mehr als ganz großer und völlig unterschätzter Schauspieler seiner Zeit. Ohne große Tricks spricht allein sein zerfurchtes Gesicht schon Bände. Die anderen Schauspieler können da nicht ganz mithalten, obwohl Maximillian Schell einen wahrhaft diabolischen  Gegenspieler abgibt. Auch die meisten anderen Nebenrollen sind mit deutschen Schauspielern besetzt (ok, Schell war Österreicher), von Klaus Löwitsch bis Senta Berger als heißer Krankenschwester.

Für irgendeine, als mehr oder weniger gerecht empfundene Sache kämpft übrigens keiner der deutschen Soldaten. Der Oberst hält nur an seinem Pflichtgefühl fest und träumt bereits von einem besseren, demokratischen Deutschland nach der unausweichlichen Niederlage, Hauptmann Stransky ist lediglich an seinem eigenen Prestige und den Privilegien seiner Klasse interessiert, und der Held der Geschichte, Steiner, hat schon längst den Glauben an jegliches Ziel verloren. Er weiß, dass die einfachen Soldaten nur Spielbälle sind, die von den Mächtigen beider Seiten verheizt werden. Trotzdem kann er es, einmal verwundet, gar nicht erwarten, wieder zurück an die Front zu kommen. Denn er hat Angst davor, sich die Frage beantworten zu müssen, was von ihm übrig bliebe, nähme man ihm den Krieg weg. Vielleicht nur ein Mann mit einem irren Lachen, wie in der abrupten Schlussszene, die so zwar nicht geplant war, aber doch alles aussagt über den Irrsinn des Krieges.

Außen hui, innen pfui: Die deutsche WIRED ist da

Veröffentlicht: 9. September 2011 in Print
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Verspricht mehr als es halten kann: Cover der deutschen WIRED; Abb.: Condé Nast

Glaubt man den einschlägigen Medienseiten im Internet, hätten viele Deutsche schon lange darauf gewartet, dass es endlich eine deutsche Version der WIRED gäbe. Ich frag mich ehrlich gesagt, wer das gewesen sein soll: Die Hardcorenerds lesen wahrscheinlich schon längst die amerikanische oder die britische Ausgabe, die meisten anderen kennen das Magazin allerhöchstens dem Namen  nach. Seit gestern liegt die deutsche Ausgabe nun also am Kiosk, vorerst allerdings nur als Beilage zur GQ. Nachdem im Wired-Blog monatelang die Rede davon war, man könne beide Hefte nur zusammen erwerben, lese ich nun plötzlich, dass die WIRED nächsten Monat dann auch alleine am Kiosk liegt. Da ärgere ich mich erst mal, dass ich diesen Stapel Altpapier miterworben habe, der sich GQ nennt (von 300 Seiten gefühlte 150 Werbung und die Seiten dazwischen sind auch nicht viel interessanter).

Aber zur WIRED selbst: Die Titelthemen klingen zunächst einmal spannend: „Drogen shoppen im Web“ und „The Sexual Network“. Im Heft entpuppt sich erstere Geschichte gleich als doppelter Etikettenschwindel: Statt einer großen Reportage gibt es nur zwei Seiten, davon knapp eine mit Fließtext, und in weiten Teilen geht es gar nicht um kriminelle Aktionen im Netz, sondern nur um das Darknet, das nicht mit Google durchsucht werden kann. Ähnlich oberflächlich bleibt die Geschichte über das Online-Dating-Netzwerk Badoo, man erfährt eigentlich nichts wesentlich Neues. Christian Jakubetz‘ Artikel über die Mobilität der Zukunft ist zwar ausführlicher und solide, reißt mich aber auch nicht gerade vom Hocker. Das Stück könnte genau so auch im „Spiegel“ oder im „Stern“ stehen, nur dass da für weniger Geld dann noch eine Vielzahl weiterer gesellschaftspolitischer Artikel drinstehen.

Lesbar wird das Heft eh erst ab Seite 60 (von 130). Vorher gibt es allerlei nerdige Fotos und Grafiken zu sehen, an denen sich der Art Director zwar austoben durfte, die aber keinen besonderen inhaltlichen Mehrwert bieten. Die diversen Kolumnen sind ein Totalausfall. Mario Sixtus füllt eine Seite mit Allgemeinplätzen zum Thema technische Innovation, es folgen zwei Seiten mit Allgemeinplätzen zum Thema „Ich lagere mein Gehirn bei Google aus“, nach der dritten Kolumne habe ich aufgegeben. Wer wissen will, wie man eine gleichermaßen unterhaltsame wie tiefgründige Kolumne über Technik, Computer und digitale Welten schreibt, sollte mal alte „Tempo“-Hefte rauskramen. Da zeigte Peter Glaser das nämlich schon vor 25 Jahren, als es in Deutschland praktisch noch gar kein Internet gab.

Danach folgt das „Dossier“ zum Thema Geeks. Chefredakteur Thomas Knüwer steuert dazu eine Art Essay bei, der eher ein etwas lang geratener Blogartikel ist – nichts, was man nicht auch dutzendfach in der Blogosphähre lesen könnte. Internetguru Jeff Jarvis versucht auf vier Seiten etwas bemüht, Parallelen zwischen Buchdruck-Erfinder Guttenberg und den Steve Jobs von heute zu ziehen. Zwischendrin gibt es immer mal wieder hübsche grafische Ideen wie eine doppelseitige comichafte Darstellung des Oktoberfests oder eine Art Organigramm, das die vielschichtigen Beziehungen zwischen verschiedenen Marvel-Helden eher verschleiert als veranschaulicht. Überhaupt ist die Optik des Hefts weitgehend gelungen, manchmal etwas zu verspielt, aber insgesamt überzeugend. Nur finden sich unter der schillernden Oberfläche erschreckend wenig Inhalte. Längere Texte gibt es nur wenige und die lesen sich dann teilweise wie aus dem Lehrbuch für Journalismusschüler: eine wilde These, ein Treffen mit dem Firmengründer, denn noch ein Statement eines Experten. Von einem Magazin, dass innovativ sein will, erwarte ich ehrlich gesagt etwas mehr: eine originelle Schreibe, einen ungewöhnlichen Ansatz, Mut zur Provokation zum Beispiel.

Thematisch finde ich die Mischung der ersten Ausgabe durchaus ansprechender als das, was ich beim Durchblättern der englischsprachigen Versionen so gesehen habe. Insgesamt frage ich mich aber schon, wer das eigentlich regelmäßig lesen soll(te). Mir scheint, die herbeigeredete Zielgruppe der Geeks ist in Deutschland genauso klein wie die der einst von der deutschen „Vanity Fair“ heraufbeschworene der Mover und Shaker.