Archiv für Dezember, 2009

Da es mein letzter epd-Artikel über die Entwicklung, die US-Fernsehserien in den vergangenen zehn Jahren genommen haben, bisher nicht ins Internet geschafft hat, stell ich ihn hier mal in der Ursprungsfassung ein. Aufgrund der vorgegebenen Länge musste ich leider etwas an der Oberfläche bleiben und mich hauptsächlich auf drei interessante Serien beschränken: „Carnivàle“, „The West Wing“ und „Mad Men“.

Wer sich ausführlicher über „Mad Men“ informieren will, dem sei das Dossier in der aktuellen „Cargo“-Ausgabe empfohlen. Die Analyse von Bert Rebhandl ist das Beste, was ich bisher über diese viel besprochene Serie gelesen habe, dazu kommt dann u.a. noch ein Artikel über den feministischen Sachbuchklassiker „The Feminine Mystique“ von 1963, der als eine Art Inspirationsquelle für die Serie gelten kann. Die Autorin Betty Friedan beschrieb darin das damals noch vorherrschende Rollenmodell für Frauen als Hausfrauen und Mütter als „Ursache für ein weit verbreitetes Gefühl von Leere und Haltlosigkeit, ja sogar für Depression und Suizid“ (Catherine Davies in „Cargo“).

Hier nun aber mein Artikel:

Mit Tony Soprano fing fast alles an. 1999 startete der US-Bezahlsender Home Box Office (HBO) die Fernsehserie „The Sopranos“ um den von James Gandolfini gespielten Boss eines Mafia-Clans in New Jersey, die gleich in mehrfacher Hinsicht neue Maßstäbe setzte. Als reiner Abosender fiel HBO nicht unter die Zuständigkeit der Aufsichtsbehörde FCC, weswegen drastische Sprache und Sexszenen kein Problem darstellten. Zum anderen brach das gemächliche Tempo der Folgen radikal mit bis dahin im Fernsehen üblichen Erzählweisen.

Mit Serien wie den „Sopranos“ haben US-Pay TV-Sender wie HBO oder Showtime das Erzählen im Fernsehen revolutioniert. Die Zeiten, in denen Serien aus abgeschlossenen Folgen bestanden und die Ereignisse der vorangegangenen schon eine Woche später keine Rolle für die Charaktere mehr spielten, sind weitgehend vorbei. Längst sind viele US-amerikanische Serien komplexer als jeder noch so anspruchsvolle Kinofilm. Statt über zwei Stunden erstrecken sich einzelne Handlungsstränge über eine oder mehrere Staffeln. So ergeben sich epische Geschichten, die fast schon an die großen Romane von Tolstoi oder Dostojewskij erinnern.

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Nachdem von Georg Seeßlen in der taz bis zum „epd Film“-Kritiker alle hellauf von „Avatar“ begeistert waren, bin ich dann doch neugierig geworden. Letztlich ist es aber dann doch nur ein Film für langweilige Weihnachtsfeiertage. Wenn nicht das Gimmick der 3D-Bilder wäre, wäre das ein völlig belangloser Blockbuster, so ist es leider auch nicht mehr als bunte Familienunterhaltung. Also, die Story, ja, die Story: Sagen wir mal so, als 10- 12-Jähriger hätte die mich total fasziniert. Aber als Erwachsener? Im Grunde ist „Avatar“ eh ein Kinderfilm: Die Story – die ja schon zur Genüge in allen Medien zu lesen war, weswegen ich sie jetzt nicht noch mal zusammenfassen werde -, ist ein Nichts, die naiv-gutmenschelnde Ökobotschaft (gute, weil reine, unverdorbene Ureinwohner gegen böse Zivilisation; in der Natur ist alles mit allem verbunden, weswegen nur, wer im Einklang mit ihr lebt, auch ein „wahres“ und gutes Leben führen kann) schon sehr penetrant, was dann noch durch einen Pseudo-Ethno-Soundtrack mit Trommeln und afrikanisch anmutenden Chören verstärkt wird.

Am schlimmsten sind aber die eindimensionalen Charaktere. So was wie Charakterentwicklung oder Vielschichtigkeit sucht man hier vergebens. Die Hauptfigur wandelt sich ja nicht etwa vom ergebenen Soldaten zum Freiheitskämpfer, weil er dazulernt, sondern einfach, weil er vorher nicht gewusst hat, was seine Vorgesetzten wirklich planen. Die Bösen sind unglaubliche Knallchargen: Ob der martialische General, der bei seinem Großangriff zum Abendessen wieder zuhause sein möchte, oder der skrupellose Chef der Mission, der mit vollem Mund den Befehl zum Zuschlagen gibt – eindimensionaler geht’s nimmer. Entsprechend klischeehaft sind dann auch deren Motive: die “ dreckigen Wilden“ müssen halt ausgemerzt werden, und der leitende Angestellte ist ja nur seinen Aktionären verpflichtet, die selbstverständlich ihren Shareholder Value nicht sinken sehen wollen.

Entsprechend lässt das platte Drehbuch den Schauspielern dann auch keinerlei Raum für irgendwelche überraschenden oder tiefergehenden Gefühlsregungen. Sie sind nur Gesichtsverleiher statt dass sie wirklich Charaktere verkörpern – wobei ich mir bei Sam Worthington, der schon in „Terminator 4“ über nicht viel mehr als zwei Gesichtsausdrücke verfügte, nicht sicher bin, ob er überhaupt zu so etwas in der Lage wäre. Einer der glattesten und austauschbarsten Darsteller der letzten Zeit.

Aber im Grunde sind die Menschen eh nur Randfiguren, denn im Mittelpunkt stehen ja die Aliens und die ihnen nachempfundenen Avatare, also die Figuren, die sich auch viel besser als Spielzeugfiguren vermarkten lassen. Richtig peinlich wird die artenüberschreitende Liebesgeschichte zwischen Mensch und Alien immer dann, wenn es gefühlig wird, vor allem, weil die Musik dann immer verdächtig nach „My Heart will go on“ klingt. Da kann „Titanic“-Regisseur James Cameron dann eben doch nicht aus seiner Haut. Wobei der Mann außer den beiden ersten „Terminator“-Filmen mMn sowieso nicht viel auf die Reihe gekriegt hat.

Darüber hinaus ist „Avatar“ mit 166 Minuten natürlich viel zu lang: Seine Story hätte man auch in 90 Minuten erzählen können, und nach zwei Stunden mit 3D-Brille wird einem langsam etwas schwindelig. Wenn das nun die Zukuft des Kinos sein soll, wie vielfach beschworen, werde ich irgendwann tatsächlich gar nicht mehr ins Kino gehen – oder höchstens noch zu Bergman-Retrospektiven im Filmmuseum -, da inzwischen fast jede neue US-TV-Serie inhaltlich innovativer ist als dieser hoch gehypte Popcornfilm.

Weihnachtsgeschenk der Woche: „Was bisher geschah“

Veröffentlicht: 27. Dezember 2009 in Bücher, TV
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Ein Reader, herausgegeben von Sacha Seiler im Schnitt Verlag, in dem sich verschiedene Autoren in Einzelbeiträgen mit neueren US-Fernsehserien der letzten zehn Jahre beschäftigen. Unter den Autoren finden sich einige Mainzer Filmwissenschaftler, darunter Andreas Rauscher, bei dem ich vor einigen Jahren einmal ein David Lynch-Seminar besucht habe. Ich konnte schon früher einmal feststellen, dass Rauscher zum Glück besser über Filme schreibt als er referiert. Seine Fachgebiete sind hauptsächlich Genrefilme, Comics, Comicverfilmungen und Zeichentrickserien, in diesem Band schreibt er über „Heroes“ und dessen Beziehungen zu Comicserien.

Was man durch diesen Band so lernen kann: Dass Jeph Loeb, Autor diverser anspruchsvollerer Batman- und Superman- Graphic Novels, einer der Autoren und Produzenten von „Heroes“ ist. Dass „Sopranos“-Erfinder David Chase Executive Producer bei den letzten Staffeln von „Northern Exposure“/“Ausgerechnet Alaska“ war. Dass „The Wire“-Autor David Simon bereits vor seinem opus magnum an zwei Serien beteiligt war, die sich mit der Dealer-, Drogen- und Verbrechensszene in Baltimore auseinandersetzen. Dass „Rome“-Miterfinder John Milius u.a. das Drehbuch zu „Apocalypse Now“ geschrieben hat.

Wie bei einem Sammelband nicht anders zu erwarten, sind die einzelnen Aufsätze von recht unterschiedlicher Qualität. Richtig enttäuschend fand ich den Beitrag zu „Battlestar Galactica“, der weitgehend unverständlich ist, zumindest wenn man sich nicht mit griechischen Tragödien auskennt, und einen genauso klug zurücklässt wie man vorher schon war. Oliver Baumgartens These, dass „Rome“ eine Verherrlichung der Soldatenehre ist, mit der die Produzenten die Zuschauer auf das neokonservative Weltbild der Bush-Regierung einschwören wollten, halte ich für nicht besonders plausibel (Dagegen spricht auch, dass „Apocalypse Now“ ja nun alles Andere als kriegsverherrlichend war.). Da gefällt mir Lars Kochs Ansatz zu 24, dass man bei der Wirkung von TV-Serein halt nicht von einem einfachen Sender-Empfänger-Modell ausgehen könne, schon wesentlich besser. Ironischerweise würde ich gerade bei 24 schon wesentlich eher ein erzkonservatives bis fast schon reaktionäres Weltbild der Autoren  herauslesen.

Während ich nach Lektüre der Texte zu „Damages“ und „Lost“ nicht gerade bedauere, diese Serien nach den ersten Folgen nicht weiter verfolgt bzw. nie gesehen zu haben, bekomme ich bei anderen Artikeln richtig Lust, „The Wire“ doch noch eine (weitere) Chance zu geben oder mir doch mal „Deadwood“ oder „In Treatment“ anzusehen. Wenn es nur nicht so viele interessante US-Serien gäbe, die nicht im deutschen Free TV gezeigt werden…

Insgesamt ein lesenswerter, informativer Sammelband, in dem man einiges an Hintergründen erfährt, was man auch als Fan bestimmter Serien noch nicht unbedingt wusste, und dessen Analysen mal wieder zeigen, wie vielschichtig und tiefgründig die Gattung TV-Serie in den USA inzwischen geworden ist. Der deutsche Durchschnittszuschauer guckt währenddessen weiter „Verbotene Liebe“ und „Traumschiff“.

Sascha Seiler (Hg.):  „Was bisher geschah. Serielles Erzählen im zeitgenössischen amerikanischen Fernsehen.“ Schnitt – der Filmverlag 2008. 242 Seiten. 10 Euro.

Es gibt mal wieder ein neues Lifestyle-Magazin in Deutschland: FACES. So neu ist es allerdings gar nicht, denn es ist die deutsche Ausgabe einer Schweizer Zeitschrift, die dort schon länger erscheint. Als ich gestern im Buchladen durch das Heft blätterte, hatte ich beim Betrachten des Inhaltsverzeichnisses ein ziemliches Déjà Vu: Nicht nur, dass es eine Reportage von Tom Kummer über Charles Manson gibt, direkt darüber wurden gleich drei Kolumnen angekündigt, die ebenfalls von ehemaligen TEMPO-Autoren stammen: Uwe Kopf, Peter Glaser und Maxim Biller. FACES hat es also tatsächlich geschafft, das alte Triumvirat der TEMPO-Kolumnisten wieder in einem Heft zu vereinigen. Damals waren die Drei auch als KGB bekannt, abgeleitet von den Anfangsbuchstaben ihrer Nachnamen. Hinzu kommt dann noch Helge Timmerberg, der mit seinen wilden Reisereportagen in TEMPO auch als „deutscher Hunter S. Thompson“ bekannt wurde, und der in FACES eine, allerdings sehr kurze Kolumne schreibt.

Leider sind die weiteren Seiten des Heftes wesentlich uninteressanter als die ersten 40. Da geht es  nämlich hauptsächlich um Mode, Beauty und Reise, mit den üblichen Modefotostrecken und Shoppingtipps für Parfüm, Make up und Accessoires. Artikel über Film- und Popstars sind hingegen nie länger als eine Seite. Am Schluss gibt es dann noch Berichte über irgendwelche Society-Events mit Promifotos, wie man sie aus der BUNTEn kennt. Insgesamt ist das Heft eine merkwürdige Mischung aus der deutschen „Vanity Fair“, BUNTE und TEMPO. Schade, denn mit Autoren wie Kummer, Glaser, Biller und Timmerberg hätte ich echt auf ein insgesamt interessanteres Magazin gehofft.

Immerhin kann man die komplette Ausgabe (sowie die Back Issues) kostenlos als E-Paper im Netz lesen, sogar mit zusätzlichen Videos, die in die Seiten eingebaut sind (wobei die Biller-Kolumne sowie eine Contributors-Seite, auf der die fünf Ex-TEMPO-Mitarbeiter kurz vorgestellt werden, komischerweise fehlen). Vor allem die Kummer-Reportage über einen Besuch bei Charles Manson im Knast ist absolut lesenswert: typischer Kummer eben.

Das Lied zum Wetter

Veröffentlicht: 20. Dezember 2009 in Musik

Listen, die die Welt nicht braucht: Das Jahr 2009

Veröffentlicht: 19. Dezember 2009 in Film, Print, TV
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Am Jahresende bricht wieder in sämtlichen Medien der Listenwahn aus, und weil auch schon wieder ein Jahrzehnt zuende geht, kommt es dieses Jahr wieder besonders dicke. Da möchte ich natürlich nicht zurückstehen. Deshalb hier mein Rückblick auf einige kulturelle Highlights des ausklingenden Jahres.

Kinotechnisch war 2009 ein äußerst schwaches Jahr (oder es liegt einfach an meinem Alter, dass mich kaum ein neuer Film so richtig begeistern konnte). Meine Top 5 der besten Filme 2009:

1. Der Knochenmann – „Komm, süßer Tod“ war super, „Silentium“ so làlà, die dritte Wolf Haas-Verfilmung mit Josef Hader als Brenner genial: blutig, brutal, sarkastisch, aber auch voll skurrilen Humors und tiefer Menschenliebe (Man könnte sagen: Sie sind solche Arschlöcher, man muss sie einfach gernhaben.). Hader und Bierbichler liefern sich ein österreichisch-deutsches Duell der Spitzenschauspieler, das keinen eindeutigen Sieger hervorbringt.

2. The Boss of it all – ist eigentlich schon  mehrere Jahre alt, fand aber erst Anfang dieses Jahres seinen Weg in vereinzelte deutsche Programmkinos – warum, versteht kein Mensch. Lars von Triers erste richtige Komödie ist nämlich wahnsinnig lustig, dazu noch höchst gesellschaftskritisch und mit der ein oder anderen Metaebene gespickt. Schöne neue Arbeitswelt, in der sich alle lieb haben, aber letzlich doch der Chef am längeren Hebel sitzt.

3. Star Trek – Nichts interessierte mich weniger als Kirks alte Crew, dann kam J.J. Abrams und brachte das Kunststück fertig, einen modernen SF-Film mit mehr als 40 Jahre alten Figuren abzuliefern. Sie mögen anders aussehen, aber vom Charakter her sind sie noch ganz die Alten. Ein fast perfekter Unterhaltungsfilm.

4. Looking for Eric – Hätte ich auch nicht gedacht, dass ich mal eine Komödie so gut finden würde, in der es u.a. um einen Fußballer geht. Witzig, menschlich, anrührend, Mut machend: Ken Loachs Film ist das alles.

5. Antichrist – Was ich inhaltlich von diesem Film halten soll, weiß ich immer noch nicht. Aber er hat mich nachhaltig beeindruckt und so verstört, wie wohl kein anderer (neuer) Film in diesem Jahr. Filmisch brilliant, schauspielerisch eine tour de force, vor allem von Charlotte Gainsbourg. Bei Lars von Trier muss man den ganzen Weg mitgehen, aber es lohnt sich, dazu bereit zu sein.

Meine besten Serien, die ich 2009 gesehen habe:

1. Battlestar Galactica, Staffel 4 – ein alles in allem doch befriedigendes Ende für eine der intelligentesten und fesselsten SF-Serien ever

2. The West Wing – hätte nicht gedacht, dass ein Kammerspiel über US-Politik so unterhaltsam sein kann

3. Californication – böse und respektlos, aber saugut

4. Carnivàle – Mystery auf erschreckend hohem Niveau. Visuell ganz großes Kino.

5. Rome – Ganz große Tragik zum Serienende.

Positivste Überraschungen auf dem Print-Markt 2009:

– die neue Filmzeitschrift „Cargo“

– der Relaunch des „Freitag“, der mich dazu gebracht hat, zum ersten Mal seit 12 Jahren eine Zeitung zu abonnieren (und zum ersten Mal überhaupt eine Wochenzeitung)

Traurigste Entwicklung auf dem Print-Markt 2009:

– kein neuer „Liebling“ (mehr) erschienen

Die Duisburger ARGE und ihr ehemaliger Ombudsmann

Veröffentlicht: 18. Dezember 2009 in Lesetipp, Politik
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Für seine Kritik am System interessierte sich vor allem die Presse. Sämtliche Wohlfahrtsverbände gaben ihm Recht, aber Arge und Oberbürgermeister sahen nur „Einzelfehler“. Sie nahmen Schoch übel, dass er an die Öffentlichkeit ging, und stellten ihm Anfang des Jahres zwei ehemalige Arge-Mitarbeiter als Ombudsleute zur Seite. Schoch kündigte, weil er keine Möglichkeit mehr sah, das Amt so auszuüben, wie er es versteht: Ein Ombudsmann sei keine Sprechstundenhilfe. „Er ist weisungsunabhängig und der Politik verantwortlich, nicht der Behörde.“

„verdi Publik“ porträtiert in der aktuellen Ausgabe den bisher einzigen Ombudsmann einer ARGE, den Duisburger Dietrich Schoch, der den ehrenamtlichen Job inzwischen wieder geschmissen hat – weil sich die Verantwortlichen nicht für seine Kritik interessierten.

Studio 60 on the Sunset Strip

In den letzten Jahren starteten in den USA gleich zwei Serien, die versprachen, in den Mittelpunkt der Handlung zu rücken, was sonst den Fernsehzuschauern meist verborgen bleibt: die Arbeit hinter den Kulissen einer TV-Produktion. Beide drehen sich um die Macher einer fiktiven Sketch-Comedy-Show à la „Saturday Night Live“, beide wurden von NBC in Auftrag gegeben. Merkwürdige Koinzidenzen. Während Aaron Sorkins 2006 gestartetes „Studio 60 on the Sunset Strip“ floppte und bereits nach einer Staffel wieder abgesetzt wurde, erfreut sich Tina Feys später gestartetes „30 Rock“ großer Beliebtheit, nicht nur bei den amerikanischen Zuschauern, sondern auch bei Kritikern, und wurde wiederholt mit Emmys ausgezeichnet. Ich verstehe nicht so ganz warum. Denn „Studio 60“ ist einfach die wesentlich bessere Serie.

Trotz der großen Ähnlichkeiten in der Grundidee, unterscheiden sich beide Serien in der Ausführung dann doch recht deutlich. „30 Rock“ ist eine reine Sitcom, die Gags stehen im Mittelpunkt, die Handlung dient nur dazu, Raum für lustige Sprüche und Situationskomik zu schaffen. Das Problem: Ich finde die Gags weitgehend nicht besonders lustig. Vielleicht liegt es an der Synchronisation oder daran, dass man als Deutscher sowieso viele der Insiderwitze, die sich mit amerikanischem Fernsehen und US-Popkultur im Allgemeinen beschäftigen, nicht verstehen kann. Ich habe aber auch ein grundsätzliches Problem mit Sitcoms dieser Art: Die Figuren sind allesamt so überdreht, dass man weder sie noch die Handlung irgendwie ernst nehmen kann. Da sind der egomanische Senderchef, die eitle, aber unbegabte Schauspielerin, der nerdige, fette Autor und der schwuchtelnde (aber heterosexuelle) Page. Allesamt Klischeetypen, die nicht gerade zur Identifizierung einladen. Entsprechend überdreht sind dann auch die Ereignisse, die immer nur dazu dienen, den nächsten Gag vorzubereiten. Da es keinerlei Tiefe gibt und die Handlung eh belanglos ist, hat man die Episode schon wieder vergessen, kaum dass sie vorbei ist. Was nun alle Welt an Alec Baldwins Darstellung des Senderchefs findet, bleibt mir auch unbegreiflich. Er agiert absolut steif und ist inzwischen eh so dick geworden, dass seine Mimik darunter zu leiden scheint.

Das alles könnte man verzeihen, wenn wenigstens die Gags superlustig wären. Sind sie aber halt nicht, zumindest nicht für mich. Das gleiche Problem hatte ich mit „Seinfeld“ oder ähnlichen Sitcoms. Ich kann einfach nicht über sprücheklopfende Witzfiguren lachen. Die einzigen Sitcoms, die ich mochte, waren dann auch welche, in denen die Figuren halbwegs realistisch waren, und es neben den Gags auch noch etwas Tiefe gab: die „Cosby Show“ und „Friends“ vor allem.

„Studio 60“ bearbeitet die gleiche Grundidee in einem komplett anderen Stil. Erzählerisch eine Mischung aus Comedy und Drama, stilistisch aufwendig produziert mit guter Kameraarbeit, weitläufigen Kulissen etc. Die Rollen sind fast alle hervorragend besetzt, allen voran Matthew Perry (Chandler aus „Friends“) und Bradley Whitford (Josh Lyman aus „The West Wing“) als die beiden Executive Producer der Show „Studio 60“, die mit ihrer jahrzehntelangen Tradition deutlich an „Saturday Night Live“ angelehnt ist. In Nebenrollen tauchen dann auch mal bekanntere Namen wie John Goodman auf.

In Internetforen und Blogs liest man öfter, dass die Serie nicht funktioniert habe, langweilig sei. Tatsache ist, dass ihr etwas der Fokus fehlt. Sie startet vielversprechend mit zwei sehr guten Episoden, danach fragt man sich desöfteren, was nun eigentlich das handlungstragende Element der Folgen sein soll. Es geht um alltägliche Probleme beim Vorbereiten der wöchentlichen Live-Show, um die Auseinandersetzungen mit und zwischen der neuen Senderchefin und den Bossen der Muttergesellschaft, um die schwierige Beziehung zwischen Produzent Matt und seiner Exfreundin, einer der Stammschauspielerinnen der Show, um Politik und Gesellschaft.

Während man bei Sorkins Vorgängerserie „The West Wing“ aber immer einen klaren Fokus auf bestimmte politische Fragen und Auseinandersetzungen hatte, die dann entweder am Ende der Folge entschieden oder eben in der folgenden Woche weiter geführt wurden, weiß man hier oft nicht so richtig, wo eigentlich das Problem liegt oder was daran nun so dramatisch sein soll. Vielleicht ist die Produktion einer TV-Unterhaltungssendung auch einfach kein so dankbares Sujet wie die nationale und internationale Politik. Ich kann mir jedenfalls nur schwer vorstellen, welche Geschichten die Macher noch hätten erzählen sollen, wenn „Studio 60“ sieben Staffeln bekommen hätte. Hinzu kommt, dass die Sketche der fiktiven Show, die immer wieder eine Rolle in der Serie spielen, überwiegend nicht lustig sind. Es spricht nicht unbedingt gegen Sorkin, dass er keine Sketche schreiben kann, aber das ist natürlich ein Problem, wenn man eine Serie über eine angeblich wahnsinnig lustige und erfolgreiche Sketch-Show macht.

Trotzdem ist die Serie recht unterhaltsam. Die Gags stehen hier nicht im Vordergrund, aber es passieren genügend witzige Sachen. Und auch wenn Sorkins Dialoge meist nicht so brilliant sind wie in „West Wing“, bleibt er natürlich ein Meister des geschliffenen Wortgefechts. Vor allem aber sind die Figuren in „Studio 60“ glaubwürdig und weitgehend sympathisch und es werden wieder gesellschaftliche Themen diskutiert wie der Konflikt zwischen Liberalen und Christlichen Rechten in den USA oder die Kommunistenhatz im Hollywood der 50er Jahre.

Und: „Studio 60“ ist wesentlich kritischer als „30 Rock“, was die Auseinandersetzung mit dem Medium Fernsehen selbst angeht. So ist es vielleicht kein Zufall, dass „30 Rock“ angeblich in der NBC-Zentrale spielt, während „Studio 60“ vom fiktiven Network NBS produziert wird. Am amerikanischen Mainstream-Fernsehen der Gegenwart lässt die Serie nämlich kaum ein gutes Haar. Da geht es nur um Quote und Geschäfte mit China, aber wenig um Qualität und Inhalte. Das bietet immer wieder Platz für gelungene Anspielungen, die man auch als deutscher Serienfan verstehen kann. Als Beispiel ein Dialog zwischen Produzent und Senderchefin:  „Ich finde, die Show passt nicht zu NBS.“ – „Warum?“ – „Weil sie gut ist.“ Der Chef der Muttergesellschaft hält eine Serie über die UN dann auch für Quotengift: „Wenn sie anfangen, über Dafur zu diskutieren, steigt die Quote bestimmt.“ Das ist natürlich pure Selbstreferenzialität mit Bezug auf Sorkins „West Wing“, wo desöfteren mal über Völkermord und afrikanische Bürgerkriege diskutiert wird.

Fazit: „30 Rock“ ist schnelle Popcorn-Unterhaltung für zwischendurch, die keinem wehtut. „Studio 60“ mag vielleicht gescheitert sein, das aber sehr ambitioniert und auf hohem Niveau. Ich würde letzteres jederzeit vorziehen.

Cine-Fils ist ein Online-Magazin, das Video-Interviews mit Regisseuren und anderen Filmschaffenden enthält. Die Gespräche drehen sich jeweils um ein Thema bzw. einen Begriff. Dazu gibt es dann immer noch einen Essay eines Redaktionsmitglieds zu lesen. Einige interessante Namen finden sich unter den Interviewten bereits. Meine Empfehlungen: Ken Loach spricht über politisches Kino, Andreas Dresen über Authentizität im Film.

Loach hat ja letzte Woche auch den Europäischen Filmpreis für sein Lebenswerk verliehen bekommen. Eine sehr verdiente Auszeichnung. Ich kenne nur seine neueren Filme aus den 90er und Nullerjahren. Die sind aber fast alle hervorragend. Loach macht bereits seit den 60ern Filme. Dabei ist er sich immer treu geblieben, dreht in den letzten Jahren fast jedes Jahr einen neuen Film, in denen es immer um die Probleme der „kleinen Leute“ geht, um unspektakuläre Alltagsgeschichten aus der britischen oder irischen Arbeiterklasse, die aber doch unendlich viel mehr über gesamtgesellschaftliche Probleme erzählen als sämtliche bemühten „Issue-Filme“, die wir von anderen Arthouse-Regisseuren so vorgesetzt bekommen.

Manchmal sind es eher (Tragik-)Komödien, manchmal eher Dramen, manchmal sogar (Bürger-)Kriegsepen. Aber immer bleibt Loachs tiefer Humanismus erkennbar, seine eigene Handschrift, sein Anliegen aufzuklären, ohne zu missionieren. Und, wie er auch im Interview erzählt, das Vermitteln von Hoffnung, der Aufruf, sich nicht mit seiner Situation abzufinden, sondern den gesellschaftlichen Widrigkeiten so etwas wie Solidarität entgenzusetzen. Leider ist das eine Haltung, die im globalisierten Kino fast ausstirbt. Andreas Dresen ist allerdings einer der jüngeren europäischen Regisseure, die nicht allzu weit von diesem Stil entfernt sind.

Lesetipp zur Zeitungskrise

Veröffentlicht: 15. Dezember 2009 in Lesetipp, Print
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„Vier Redakteure produzieren hier in Anklam vier Lokalausgaben und sind manchmal 100 Kilometer für einen Termin unterwegs: von Anklam bis Usedom, von Pasewalk bis Ueckermünde. Wenn mal einer krank wird, wissen sie nicht, wie sie die Seiten füllen sollen. Eine Wirtschaftsseite haben sie schon lange nicht mehr – zu aufwendig zu recherchieren, sagt Zarnekow, zu teuer. Dafür haben sie jetzt eine Babyseite, auf der sie Fotos von den Neugeborenen in der Umgebung drucken.

Sie betreuen nebenher das Lesertelefon, die Abonnenten, das Gewinnspiel. Seitdem der neue Geschäftsführer da ist, heißen sie in Hausmitteilungen nicht mehr Redakteure, sondern Content-Manager.“

Ein lesenswertes Dossier der „Zeit“ über die Krise des (Print-)Journalismus in Deutschland. (Das Beispiel oben dreht sich um den „Nordkurier“, eine Lokalzeitung, die in letzter Zeit vor allem damit von sich reden macht, dass sie Abmahnungen an Blogger verschickt.)