Archiv für September, 2010

Der Kurosawa aus dem Woolworth

Veröffentlicht: 24. September 2010 in Film
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Ein Besuch im Woolworth ist wie der Kauf eines Überraschungseis: Man weiß nie, was drin ist. Auf dem Wühltisch finden sich zwischen 95 Prozent trashigen CDs und DVDs („Das Beste aus 40 Jahren ZDF-Hitparade“ oder C-Rip Offs von Science Fiction-Filmen, die dann Titel tragen wie „Das Alien aus einer anderen Welt“, wobei das komischerweise genauso aussieht wie das von Giger, oder ein Film, in dem die Figuren genauso aussehen wie der Robocop) immer mal wieder extrem günstige anspruchsvollere Sachen. So z.B. gestern ein Film aus der Akira Kurosawa Collection für sagenhafte 4,99.

Schön auch das Buchangebot: Ausgewählte Werke von Goethe und Schiller für jeweils 1,99 Euro, diverse Taschenbücher von Michael Moore für denselben Preis und ein einsprachiges Englisch-Dictionary, das mal über 60 Euro gekostet hat, für 2,99. Und dann gibt’s ja noch Star Trek-Actionfiguren ab 2,99 und die Enterprise für knapp 20 Euro.

Gekauft habe ich dann doch nur den Kurosawa, „Bilanz eines Lebens“ von 1955. Da es sich um ein zeitgenössisches Drama handeln sollte, hatte ich gehofft, dieses wäre ähnlich beeindruckend wie „Ikiru – Einmal richtig leben“. Ist es leider nicht. Der Film ist sehr zeitspezifisch, um nicht zu sagen, in seiner Zeit verhaftet, und wirkt heute eher wie eine etwas übertriebene Parabel. Es geht um einen Unternehmer, der panische Angst vor einer Atombombenexplosion hat. Deshalb will er seine große Familie überreden, mit ihm nach Brasilien auszuwandern. Aber seine Söhne, Töchter und Schwiegerkinder haben dazu überhaupt keine Lust und lassen ihn entmündigen. Der Vater steigert sich immer mehr in seine Besessenheit, bis zum Wahnsinn.

In einer Nebenrolle als Beisitzer beim Gericht, dass über den Entmündigungsantrag entscheiden muss, sehen wir übrigens Takashi Shimura wieder, den Hauptdarsteller aus „Einmal richtig leben“. Ansonsten verwundern diesmal noch mehr die Sitten im Japan der 50er Jahre. Aus heutiger westlicher Sicht wirken diese teilweise fast wie eine Parodie: das ständige Teetrinken auf dem Fußboden, die übertriebene Höflichkeit gegenüber Autoritäten und älteren Familienmitgliedern, die familiäre Stellung der Frauen, die ständig zum Teekochen oder Wasserholen in die Küche geschickt werden. Außerdem scheint es im Tokio des Jahres 1955 sehr heiß gewesen zu sein, denn die Figuren wischen sich ständig mit großen Taschentüchern über Stirn, Arme und Nacken.

Ein Problem mit (älteren) japanischen Filmen: Die im Original mit Untertiteln zu gucken, finde ich nervig, da ich eh nichts verstehe und mich der Klang der Sprache auf Dauer nervt. Die Synchronisationen sind aber weder lippensynchron noch passen die Stimmen zu den Figuren/Schauspielern. Wenn dann noch einer anfängt, mit der deutschen Stimme von Bud Spencer zu sprechen, wird’s richtig skurril. (Zum Glück waren wenigstens Wolfgang Völz und Wolfgang Spiehr diesmal nicht dabei.)

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Jim Henson ist vor allem als genialer Schöpfer der Muppets, der Sesamstraße und der Fraggles bekannt, der Generationen von Kindern mit seinen verrückten Puppen begeistert hat. In den 80er Jahren, seinem letzten Lebensjahrzehnt vor seinem frühen Tod 1990, wagte er sich auf neues Terrain und drehte zwei aufwändige Kinofilme: „Dark Crystal“ und „Labyrinth“. Was beide gemeinsam haben: Es sind Puppenfilme und es sind Fantasyfilme. Damit hören die Gemeinsamkeiten aber auch schon auf, denn im Ergebnis sind sie recht unterschiedlich.

„Der dunkle Kristall“ war 1982 Hensons Versuch, einen Puppenfilm für ein erwachsen(er)es Publikum zu machen. Die Story arbeitet mit verschiedenen Versatzstücken aus dem Genre der Fantasy, die man schon hundert Mal gehört hat. Insbesondere erinnert sie an den Comicklassiker „Die große Macht des kleinen Schninkel“, wobei dessen Autoren wohl eher bei Henson geklaut haben. Auf einem fernen Planeten herrschen seit Urzeiten zwei unterschiedliche Rassen, die bösartigen, drachenähnlichen Skekse und die gutmütigen, weisen Mystics (die in der deutschen Fassung aus unerfindlichen Gründen Uru heißen). Von beiden leben allerdings nur noch jeweils zehn. Sowohl der Imperator der Skekse als auch der weiseste der Uru liegen im Sterben. Vor seinem Tod schickt letzterer aber noch den Genfling Jen auf eine Mission. Denn eine alte Prophezeiung sagt, dass eines dieser kleinen, elfenhaften Wesen das Gleichgewicht auf der Welt wieder herstellen wird. So macht sich Jen auf eine gefahrvolle Reise…

Damals floppte der Versuch, eine neue Zielgruppe ins Kino zu locken. Heute gilt der Film hingegen als Klassiker – zu Recht. Gerade aus heutiger Sicht wirkt es faszinierend, wie hier ohne jegliche Computereffekte eine fantastische Welt geschaffen wurde. Menschliche Charaktere tauchen nicht auf, alle Figuren sind Puppen, wobei man oft nicht erkennen kann, wie diese eigentlich bewegt werden. Tatsächlich sind viele der Figuren Ganzkörperpuppen, in die jeweils ein Puppenspieler hinein schlüpfen musste. Dazu kamen dann jeweils noch mehrere Assistenten, die per Fernbedienung Arme, Gesichtszüge, Augen etc. steuerten. Ein unfassbarer Aufwand mit einem sehr überzeugenden Ergebnis.

Natürlich ließen es sich auch Henson und sein Co-Regisseur Frank Oz, die schon legendäre Paare wie Kermit und Piggy, Ernie und Bert sowie Statler und Waldorf verkörperten, nicht nehmen, auch selbst Handpuppen zu bedienen. Von der technischen Seite ist der Film perfekt, nicht nur die Puppen, auch das Produktionsdesign überzeugen auf ganzer Linie. Die Handlung ist hingegen etwas dünn, teilweise langatmig und auch stellenweise zu kitschig ausgefallen.

1986 drehte Henson dann „Die Reise ins Labyrinth“, der eher ein Kinder- oder Familienfilm ist. Zu den Puppen kommen diesmal zwei menschliche Hauptdarsteller, der Ton ist deutlich leichter und lustiger. Die 14-jährige Sarah ist von ihrem Baby-Bruder so genervt, dass sie wünscht, der Koboldkönig möge ihn holen – was der dummerweise auch tut. Nun hat sie nur wenige Stunden Zeit, um den Weg durch ein gewaltiges Labyrinth zum Schloss des Koboldkönigs zu finden und ihren Bruder zu befreien, sonst muss er für immer dort bleiben. Auf ihrer Reise trifft sie nicht nur auf zahlreiche Hindernisse, sondern gewinnt auch neue Freunde.

Jennifer Connelly überzeugt in ihrer ersten Hauptrolle, während David Bowie als Koboldkönig nicht viel mehr zu tun hat als ein paar Mal bedrohliche Reden zu schwingen und ansonsten einige nette Musiknummern beisteuern zu dürfen. Die Songs sind heute vergessen, zumindest stören sie aber nicht, wie in den meisten anderen Kinder- und Animationsfilmen. Die Handlung ist hier noch schwächer als im Vorläuferfilm, dafür haben Henson & Co, einige wirklich witzige Figuren kreiert: einen alten Weisen, der im Grunde nur Allgemeinplätze von sich gibt, was sein huhnartiger Hut launisch kommentiert, zwei Türklopfer, die an Statler und Waldorf erinnern, und bunte tanzende Monster, die mit ihren Köpfen Basketball spielen.

Auch hier ist das Making-Of wieder sehr unterhaltsam: So gibt es eine Musikszene im Film, in der zwei Dutzend Puppen, darunter zahlreiche von Kleinwüchsigen gespielte Kobolde, dazu lebende Hühner und ein echtes Baby mit David Bowie ineteragieren mussten – ein wahres Irrenhaus. Für andere Szenen haben die Puppenbauer meterhohe, voll mechanische Gerippe konstruiert; es ist wirklich unglaublich, was damals für ein Aufwand getrieben wurde.

Beide Filme sind zusammen auf einer Doppel-DVD erhältlich, die auch die beiden ausführlichen Making-Ofs enthält. Ein schöner Blick in eine Kinoepoche, die aus heutiger Sicht schon unendlich fern erscheint. Zurzeit arbeiten die Jim Henson Productions an einer Fortsetzung zum „Dunklen Kristall“. Ohne CGI und Computereffekte will man dabei nicht mehr auskommen. Den Charme des Vorgängers wird man so kaum mehr erreichen können.

TV: Dies und das

Veröffentlicht: 8. September 2010 in Online, TV
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Man weiß, dass man zu viele Folgen einer seiner Lieblingsserien gesehen hat, wenn man ein komplettes alternatives Ende von „Battlestar Galactica“ träumt (das allerdings so experimentell war, dass mir die anderen Fans dafür den Kopf abgerissen hätten).

Gestern Abend gab’s bei arte die schlechteste „Durch die Nacht mit…“-Folge, die ich bisher gesehen habe. Ein merkwürdiger US-Indie-Regisseur zeigt dem merkwürdigen französischen Indie-Regisseur Gaspar Noé seine Heimatstadt Nashville. Hauptproblem: der Typ kennt nur ausnahmslos unsympathische Freaks, u.a. einen Songwriter in Frauenkleidern und schlechtem Make-Up und einen „Schauspieler“, der leise reden muss, weil er Angst vor seinem 84-jährigen Vater hat, der im selben Haus wohnt, und der irgendwann sagt, er habe sich gerade in die Hose gekackt (der Sohn, nicht der Vater). Noé wurde einem in diesem Film auch nicht gerade sympathischer, wie er da mit seinem Cowboyhut rumlief und ständig über schlechte Witze lachte.

Was man im Internet alles zufällig für tolle Sachen entdecken kann: Alle Nostalgiker, die in den 70ern und 80ern aufgewachsen sind, sollten unbedingt mal bei retro-tv vorbei schauen. Zwei witzige Typen blättern in alten Hörzu-Heften und erinnern an jeweils drei bis vier Sendungen, die in der entsprechenden Programmwoche im Fernsehen liefen. Dazu zeigen sie entsprechende Ausschnitte. Erinnerungen an fast verdrängte Kindheitserfahrungen werden wach: Kli-Kla-Klawitter-Bus, Plumperquatsch, Em wie Meikel und Lemmi und die Schmöker. Aber es gibt auch Infos über skurrile Serien wie etwa eine deutsche Polizeiserie, die in L.A. spielen sollte, mit Harald Juhnke als amerikanischem Streifenpolizisten. Ja, damals haben sich ARD und ZDF noch was getraut ;). Ein herrliches Format für 30 – 40-jährige Nerds. Wenn ich ’ne Videokamera hätte, würd ich sowas mit meinen 79er „Siehste“-Heften auch mal machen…

Als solches hatte ich „brand eins“ schon länger in Verdacht. Letzten Monat hat sich das insofern bestätigt, als ich mir das Magazin zum ersten Mal selbst gekauft habe. Wobei das jetzt nicht heißen soll, dass Menschen, die sich für Wirtschaft interessieren, mit der Zeitschrift nichts anfangen können. Aber alle anderen, die wie ich um „Handelsblatt“, „Wirtschaftswoche“ und „Capital“ einen großen Bogen machen und den Wirtschaftsteil der Tageszeitung auch meist schnell überblättern, finden in „brand eins“ auch einfach interessante, gut geschriebene und toll illustrierte Geschichten abseits trockener Unternehmensberichterstattung und langweiliger Börsenanalyse. Lesegeschichten nennt man das in den Redaktionen (mal wieder so ein bescheuerter Journalisten-Fachbegriff, als solle man alle anderen Artikel nicht lesen): lange, locker geschriebene Hintergrundartikel abseits der Tages- oder Monatsaktualität.

Tierisch gut: brand eins im August

Letzten Monat gab es das Schwerpunktthema „Tierisch“ und schon das Covermotiv war herrlich. Ich hab wohl tatsächlich mehr als vier Stunden in dem Heft gelesen. Es gab durchaus Unternehmensporträts, aber welche von ungewöhnlichen Unternehmen wie dem Vogelpark Walsrode, Reportagen, wie sie auch in „DUMMY“ stehen könnten, z.B. über Pferdediebstahl, und gut recherchierte Hintergrundstücke über die Fleischindustrie in China und die Schweinemast in Mecklenburg. Und herrlich lustige Fotos von allerlei Tieren. Also alles das, was ich in einem Wirtschaftsmagazin normalerweise überhaupt nicht erwarte. Meine Lieblingsgeschichte war aber der Erfahrungsbericht von Andreas Molitor, der zum Hundebesitzer wurde:

Wir würden ein paar Trainingsstunden mitmachen, zehn oder vielleicht auch zwanzig, als Gäste, aber auf keinen Fall in den Verein eintreten. Wir waren nicht auf der Suche nach neuen Bekannten, erst recht nicht nach Vereinskameradie. Vorstand, Schriftführer, Kassierer, Jahreshauptversammlung, Anträge zur Geschäftsordnung – grausam all dies. „Die hören bestimmt Wolfgang Petry“, sagten wir uns. Seit Anfang des Jahres bin ich Mitglied im Hundesportverein Gatow-Kladow e. V. Ich bin jetzt der Sportskamerad Molitor. Ich hätte nie geglaubt, dass mich mal jemand ungestraft so anreden darf.

Alle Geschichten kann man jetzt auch online lesen, aber man sollte trotzdem die 7 Euro 60 für ein Printexemplar investieren, da das Lesen bei so einem gut gemachten Magazin natürlich viel mehr Spaß macht als online.