Mit ‘SZ-Magazin’ getaggte Beiträge

Das SZ-Magazin und die Kinder vom Prenzlauer Berg

Veröffentlicht: 22. Oktober 2010 in Print
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In der Blogosphäre wird öfter mal darüber geklagt, wie belanglos und schlecht doch die (einstigen) Vorzeigebeilagen von Süddeutscher und „Zeit“ geworden seien: die Magazine. Nur noch versteckte PR für Mode und andere Luxusprodukte, kaum noch gesellschaftliche Relevanz. Ich konnte das noch nie so recht nachvollziehen, denn wenn mir ein SZ- oder Zeit-Magazin in die Hände fiel – wegen ersterem habe ich mir ja sogar bis vor etwa 1 1/2 Jahren fast jeden Freitag die SZ gekauft-, war es meistens recht bis sehr interessant.

Heute habe ich nach längerer Pause nun zum zweiten Mal in 14 Tagen eine Freitags-SZ gekauft und beide Male war ich vom Magazin begeistert. Ich weiß nicht, ob das eine Konzeptänderung ist oder nur Zufall (früher waren die Magazine eigentlich nur in der Vorweihnachtszeit dicker als sonst, wegen dem höheren Anzeigenvolumen): die Magazine sind wesentlich dicker als früher und voller interessanter Themen. Als Beispiel verlinke ich hier mal eine aufschlussreiche Gegenüberstellung der Lebenswelten zweier 9-jähriger Mädchen, die in zwei benachbarten und doch sehr unterschiedlichen Berliner Bezirken aufwachsen: im Prenzlauer Berg und im Wedding. Und wer danach immer noch meint, das SZ-Magazin sei gesellschaftlich irrelevant, hat wohl schon lange keines mehr in der Hand gehabt.

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„Wir sollten uns mehr am Niederländischen orientieren, ja, wir müssten das Niederländische nach schönen Wörtern abgrasen, um unsere Sprache zu bereichern.“

… findet Axel Hacke in seiner aktuellen SZ-Magazin-Kolumne. Anlass ist ein schöner Übersetzungsfehler von Fußballtrainer van Gaal, der feestbeest mit Feierbiest übersetzt hat. Einen ähnlichen, noch etwas schöneren Fehler eines anderen niederländischen Fußballtrainers in Deutschland (weiß nicht mehr, wie der hieß) gab es mal vor einigen Jahren: Der meinte, er hätte bei einem bestimmten Spielmoment Hühnerfell bekommen. Er hatte kippenvel einfach wörtlich übersetzt, ohne zu wissen, dass das deutsche Wort dafür Gänsehaut heißt.

Jaja, glaubt mir ja nie jemand, dass das Niederländische einen ganz eigenen, altertümlichen Charme hat. Bei uns längst ausgestorbene oder zumindest antiquierte Wörter wie eiland sind dort noch höchst lebendig, pittoresk heißt schilderachtig, und ein Zug, der an jeder Station hält, folgerichtig stoptrein. Außerdem kann man in keiner Sprache so schön fluchen, godvergeten!

Auch der Rest des SZ-Magazins ist diesmal sehr lesenswert, da sich einige Autoren grundsätzlich und anregend mit dem Zustand der katholischen Kirche und dem aktuellen Papst auseinander gesetzt haben. Und dabei finden sich ziemlich deutliche Gedanken.

Lesetipp: Die glücklichste Generation

Veröffentlicht: 15. Januar 2010 in Lesetipp, Print
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„Als meine Generation nach Lehrstellen suchte, mussten wir nicht hundert Bewerbungen schreiben, sondern wir waren die Umworbenen. Wir schrieben die Absagen an die Unternehmen. Als ich meine Lehrzeit beendet hatte, wurde Willy Brandt Kanzler. Er wollte, dass auch wir Arbeiter- und Bauernkinder studieren und sozial aufsteigen können, und tatsächlich stiegen wir auf.

Heute hocken viele dieser Aufsteiger auf ihren unkündbaren Planstellen, von denen herab sie meinen Kindern verkünden, dass die Zeiten unbefristeter Arbeitsverhältnisse vorbei sind. Sie sollen dankbar und froh sein, wenn sie irgendwo ein unbezahltes Praktikum machen dürfen.“

Christian Nürnberger wird bald 60 und hat für das SZ-Magazin einen furiosen Essay darüber geschrieben, dass seine Generation die glücklichste aller Zeiten gewesen ist: nie Krieg, nie Armut, immer nur Aufstieg. Und über seine Wut darüber, dass sich viele seiner Altersgenossen mental längst in die Toskana verabschiedet haben, während sich die Chancen für nachwachsende Generationen zunehmend verschlechtern.

„Vor zwanzig Jahren gab es in Deutschland dreißig Millionen sozialversicherungspflichtige Jobs. Inzwischen sind es drei Millionen weniger. Und wer heute als Journalist arbeitet, bekommt leicht den Eindruck, dass allein zwei Millionen davon in der Medienbranche weggefallen sind.“

Meike Winnemuth gehört (wenn das nicht gefaket ist) zu den Journalistinnen, die von der Medienkrise betroffen sind – und machte gleich eine lesenswerte Story aus der Frage, wie man sich beruflich anders orientieren kann, wenn das Geld Verdienen mit dem bisherigen Job nicht mehr richtig klappt. Heraus kam ein amüsanter Selbstversuch mit Job Coachs und anderen fragwürdigen Berufsorientierungs-Helfern für das SZ-Magazin.

Und Georg Seeßlen zweifelt den Erfolg des long tail im Internet an und sieht in einem diskussionswürdigen „Freitag“-Essay eher die Gefahr, dass die elektronische Vermarktung von Texten die Tendenz zur (Selbst-)Ausbeutung des Großteils der schreibenden Zunft verstärkt:

„Die Zeitung muss leben, und sie lebt, wenn man eine oder zwei interessante Stimmen hat und den Rest der Autoren lediglich behandelt – es gibt genügend Leute, die den Job umsonst machen.“

Ausgerechnet Ulf Poschardt soll zum Jahreswechsel Herausgeber der Springer-Musikzeitschriften „Rolling Stone“, „Musikexpress“ und „Metal Hammer“ werden, meldet die taz. Poschardt, Godfather der neoliberalen Gehirnverkleisterung, der als Chefredakteur des SZ-Magazins über Tom Kummers gefälschte Promi-Interviews stolperte, als Gründungschefredakteur die Totgeburt der deutschen „Vanity Fair“-Version maßgeblich zu verantworten hatte, wo er in seinen Editorials die „Mover und Shaker“ der Republik ansprechen wollte, die wahrscheinlich in ihrer Gesamtheit ins Berliner „Borchardt“ passen würden, und der seitdem wieder unglaublich reaktionäre Kommentare in der „Welt am Sonntag“ schreiben darf. Nun darf der selbst ernannte Popjournalist (der ja immerhin über „DJ Culture“ promoviert hat) also bald u.a. beim „Rolling Stone“ mitreden, der doch in den USA mal als Zeitschrift der linken Gegenöffentlichkeit gegründet wurde.  Was für ein Abstieg, wenn man betrachtet, welche Tradition der (amerikanische) RS doch hat: von Jann S. Wenner zu Ulf Poschardt – das bringt auch nur der Springer-Verlag fertig.

Die SZ widmet heute ein ganzes Magazin nur der Frage „Wozu Zeitung?“. Eine Reihe teils illustrer Autoren widmet sich von A bis Z Themen wie Blogs, Google, Online-Journalismus und anderen Aspekten der Zukunft des Journalismus. Dabei kommen auch einige meiner Lieblingsautoren zu Wort: Maxim Biller darf mal wieder hemmungslos (über Meinungsmainstream und schweigende ethnische Minderheiten) schimpfen, Peter Glaser erklärt die Bedeutung von RSS-Feeds und Else Buschheuer sowie Peter Praschl schreiben über die Frage, inwieweit sich weiblicher und männlicher Journalismus unterscheiden. Außerdem bestellte die Redaktion bei einer indischen Agentur einen Text über Michelle Obamas Europa-Besuch. Eine sehr lesenswerte Ausgabe. (Alle Texte sind auch online zu finden.)

Dass einige den Medienwandel besser verstanden haben als andere, zeigen zwei Zitate aus dem Heft: John Yemma, Redaktionsleiter des „Christian Science Monitor“, der seit März nur noch sonntags mit einer gedruckten Ausgabe erscheint, findet:

Printjournalismus macht einfach keinen Sinn: Da werden Bäume gefällt, fässerweise Farbe durchs Land gefahren, Zeitungen gedruckt, die tags darauf im Altpapier landen.“

SZ-Autor Willi Winkler versteigt sich hingegen in ein völlig verbohrtes Abfeiern der gedruckten Zeitung und verteidigt dabei vor allem auch das Überformat der „Zeit“ mit abstrusen Argumenten:

„Selbst wenn die Größe manchen davon abhält, sie im öffentlichen Nahverkehr auszubreiten, welches Glücksgefühl kann allein dieses majestätische Format spenden!“

In den USA scheinen die meisten Journalisten in ihrer Wirklichkeitsanalyse doch schon weiter zu sein als viele ihrer deutschen Kollegen.

„Poschardt ist einerseits der personifizierte Größenwahn und andererseits auch wieder so banal, dass man eigentlich Mitleid mit ihm haben müsste. Ulf Poschardt ist die Paris Hilton des deutschen Journalismus, ein selbsternannter Leistungsträger einer selbsternannten Elite.“

Der Spiegelfechter nimmt einen WamS-Artikel von Ulf Poschardt zum SPD-Wahlprogramm auseinander. Bei dem Typen denke ich auch jedesmal, das war damals Tom Kummers größter Verdienst, dass Poschi wegen ihm seinen Job als Chefredakteur des SZ-Magazins verloren hat. Alleine deswegen müsste man Kummer eigentlich schon einen Orden verleihen.

(via)

Futurismus gestern und heute

Veröffentlicht: 20. Februar 2009 in Lesetipp
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„Das Auto war der gesellschaftliche Motor des 20. Jahrhunderts. Die Revolutionsmacht des 21. Jahrhunderts ist das Internet. Der Mensch muss eins werden mit der Technik, und die Technik muss werden wie er.“

Georg Diez nimmt den 100. Geburtstag des Futurismus zum Anlass, im SZ-Magazin acht Thesen für einen neuen Futurismus zu formulieren. Ziemlich überkandidelt, aber brilliant geschrieben und mit vielen sehr interessanten Gedanken und Schlußfolgerungen. Dass die Bezugnahme auf den Futurismus nicht ganz unproblematisch ist, zeigt Regine Reinhardts Artikel im Freitag über diese Kunstrichtung, deren Begründer den Krieg feierten, Frauen verachteten und dem Faschismus nahe standen.