Mit ‘Maxim Biller’ getaggte Beiträge

Tom Kummer als Wertanlage

Veröffentlicht: 3. Dezember 2011 in Bücher, Journalismus
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Das ist ein Scherz, oder? Könnte ja noch verstehen, wenn Maxim Billers „Esra“ zu solchen Preisen angeboten würde, denn das wurde ja gerichtlich verboten, bevor es überhaupt erschien. Aber dieser (Fake-)Interviewband war doch regulär im Handel. Da müssten doch noch einige Tausend Exemplare von rumschwirren.

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Nach mehreren Erzählbänden und zwei Romanen, von denen einer wegen Verletzung des Persönlichkeitsrechts verboten wurde, legte Maxim Biller zuletzt eine Art Autobiografie vor, auch wenn sein Buch den Untertitel „Selbstporträt“ trägt. Ohne erkennbare Chronologie erzählt Biller aus verschiedenen Phasen seines bis dahin knapp 50-jährigen Lebens: von den Anstrengugen, ein Schriftsteller zu werden, von seiner Zeit an der Journalistenschule in München, von Praktika bei der FAZ und der Zeit, von Besuchen in Israel, seiner exzentrischen Familie, den 80er Jahren in Münchener Szenekneipen und Frankfurter Discos.

Wir werden Zeuge von einschneidenden gesellschaftlichen Ereignissen wie der Uraufführung von Fassbinders provokantem Theaterstück über jüdische Immobilienspekulanten sowie von Billers Begegnungen mit prominenten Zeitgenossen wie Henryk Broder und Marcel Reich-Ranicki. Vor allem aber haben wir Teil an den hochtrabenden Ambitionen, an den Selbstzweifeln und den Hindernissen des jüdischen Emigranten mit mehrfach emigrierten Eltern, der sich nirgendwo richtig zuhause fühlt. Schon gar nicht in Deutschland, in das er als Zehnjähriger gekommen ist und in dem er, egal was er tut und wie er sich verhält, immer als Jude definiert wird.

Ob ein Mitschüler ihm zuflüstert, man hätte ihn auch in einen Ofen stecken sollen, oder der Tempo-Chefredakteuer ihn mit der legendären „1oo Zeilen Hass“-Kolumne in eine Biller unliebsame Tradition jüdischer literarisch-journalistischer Stänkerer zwängt: Immer gibt man ihm zu verstehen, dass er ein Sonderling ist, einer der eigentlich gar nicht hier sein sollte, besser in Israel.

Zugleich sind seine Träume wie auch seine Ängste universell, es sind die Träume und Ängste jedes jungen Menschen, der sich künstlerisch ausdrücken will und auf dem Weg zur Anerkennung mit den Vorbehalten anderer ebenso kämpfen muss wie mit seinen eigenen Selbstzweifeln. Es ist erstaunlich, wie universell übertragbar Erfahrungen manchmal sind. Ich habe mich in einigen Stellen sehr wiedergefunden. Etwa, wenn Biller über seine Journalistenschule schreibt:

„Ich saß von neun bis fünf, von Montag bis Freitag hinten rechts in einem langen, engen, niedrigen Raum, in dem auch tagsüber Neonröhren brannten, und ich hatte mit fast jedem in diesem Raum ein Problem. Das war im Herbst 1983 so, und im Frühjahr 1984 war es immer noch so… “

Über seine Mitschüler: „So jung und schon so viel Angst vor Schwierigkeiten! Nach dem Unterricht liefen sie nach vorn, wo der Chefredakteur des Stern oder des FAZ-Magazins saß, und fragten nach der Telefonnummer. Aber als es darum ging, bei welcher Zeitung sie später das Praktikum machen würden, entschieden sie sich für Kiel oder Nördlingen.“

Neben der Genauigkeit solcher Beobachtungen ist es vor allem die knappe, pointierte Sprache Billers, die fasziniert. Er bringt die Dinge schnörkellos auf den Punkt, egal ob es sich um das Szeneleben im München und Frankfurt der 80er Jahre handelt oder um die verschiedenartigen Wege von Holocaust-Überlebenden, mit dem Unfassbaren umzugehen. Mit bissiger Ironie spart er dabei nicht. Als die Mutter einer Freundin während der Fassbinder-Aufführung aus Protest die Bühne stürmt und sich dabei den Rock aufreißt, läßt Biller ihre Tochter sagen:

„Jemand fragte sie, ob ihr das nicht unangenehm sei, und sie sagte, nein, nein, unangenehm war, als ich meinen Jaczek mit meiner Schwester erwischt habe, und Dora-Mittelbau war auch nicht schön.“

Man hat Biller oft Arroganz und Zynismus vorgeworfen und tatsächlich kommt er in Talkshows und Interviews manchmal so rüber. Wer seine Bücher kennt, weiß aber, dass das zu kurz gegriffen ist. Hinter der oft herablassenden Fassade verbirgt sich ein großer Melancholiker. Das Selbstporträt gipfelt in einigen Sätzen, die ich auch über mich selbst hätte schreiben können:

„Ich bin kein Pessimist. Aber als Realist lebe ich mit dem Gedanken, dass alles egal ist, weil wir sowieso sterben werden. Trotzdem sollten wir gut sein, denke ich, damit jeder, der nach uns kommt, in einer Welt zu Hause sein kann, in der er so lange glücklich ist, bis auch er versteht, dass er sterben wird. Darum sage ich viel zu oft, dass mir etwas nicht gefällt. Wenn ich aber etwas mag – ein Lied, einen Menschen, eine politische Idee -, schreie ich vor Freude.“

Sagen wir es so, an einigen Stellen dieses Buches hätte ich fast vor Freude geschrien.

Maxim Biller: „Der gebrauchte Jude. Selbstporträt.“ Fischer Taschenbuch Verlag 2011. 176 Seiten, 9,95€.

Maxim Biller: "Die Tochter"

„Als Motti Wind nach zehn langen, bedrückenden Jahren seine Tochter Nurit wiedersah, hatte sie fast gar nichts an.“

Maxim Biller gebührt für seinen Debütroman „Die Tochter“ von 2000 nicht nur die Anerkennung für den besten ersten Satz, den ich seit langem gelesen habe, sondern auch für den besten Romaneinstieg. Was für ein erstes Kapitel: Billers Protagonist erkennt in einer Darstellerin in dem Pornovideo, das er sich an einem Sonntagnachmittag zu Gemüte führt, so wie er sich seit längerem jeden Sonntag eines anguckt, seine Tochter wieder, die er vor zehn Jahren verloren hat. Statt den Blick abzuwenden oder den Fernseher auszuschalten, verliebt sich Motti aufs Neue in seine eigene Tochter, die inzwischen kein kleines Mädchen mehr ist, sondern eine Teenagerin, die für Geld Sex vor der Kamera hat.

Biller ist kein Autor, der Angst vor Tabubrüchen hat. Das Thema Inzest durchzieht die ganze tragische Liebes- und Lebensgeschichte, die er in seinem Roman, größtenteils in Rückblenden, erzählt. Während wir in der Rahmenhandlung den in München lebenden Israeli Motti auf seiner sonntäglichen Odysee durch die Stadt begleiten, auf dem Weg zur Mutter seiner Tochter, die er wegen des Pornos zur Rede stellen will, setzt sich die Vorgeschichte, die in jedem zweiten Kapitel erzählt wird, nur bruchstückhaft zusammen. Es ist die Geschichte eines jungen Juden, der nach einem traumatischen Erlebnis im Libanonkrieg Anfang der 80er Jahre nach Deutschland kommt, weil er sich im Flugzeug in eine deutsche Frau verliebt hat: Sofie.

Langsam, anfangs fast unmerklich, ändert sich die Stimmung des Romans, wird die Beziehung zwischen dem unsicheren Motti und der stillen Sofie von Problemen überschattet: Sofie scheint nicht in der Lage zu sein, der gemeinsamen Tochter Nurit Mutterliebe entgegen zu bringen, hinzu kommen Schwierigkeiten in diversen Jobs, die die Frau immer tiefer in die seelische Isolation und von Motti wegtreiben. Gleichzeitig sorgt sich Motti zunehmend um die meist apathisch wirkende Tochter, die in ihrer Entwicklung  zurückgeblieben zu sein scheint. Die Unfähigkeit aller Beteilligten, über ihre wahren Gefühle zu sprechen, führt unaufhörlich zur Katastrophe…

In seinem komplex strukturierten Familienromen geht es Biller ums Ganze: um unauslöschbare Schuld, die Unmöglichkeit von Kommunikation, den Gegensatz zwischen Israel und Deutschland, um eine unmögliche Liebe und die Möglichkeit eines negativen Gottesbeweises. Durch die nur schwer zu durchschauende Erzählstruktur und die manchmal quälend langen Schilderungen von Mottis wirrem Geisteszustand macht es Biller seinen Lesern nicht immer leicht. Andererseits entwickelt seine Erzählung immer wieder einen Sog, der einen so tief in die Handlung hineinzieht, dass man immer weiter lesen muss. Bis zum bitteren Ende, der mit einem Knalleffekt endet.

Leser, die schon Billers journalistische Arbeit mitverfolgt haben, werden sich über einige autobiographische Elemente gegen Ende des Romans freuen, wenn der Ich-Erzähler plötzlich anfängt, seine eigene Geschichte zu erzählen, die nur locker mit der Haupthandlung um Motti Wind verknüpft ist. Da taucht dann auch mal die Zeitschrift TEMPO auf, als deren Kolumnist Biller in den 80ern bekannt geworden ist, und ein New York-Korrespondent, der unschwer als Andrian Kreye (heute SZ-Feuilletonchef) zu erkennen ist. Wobei viele der Ansichten, die Motti über Deutschland und die Deutschen, über Gott und Religion vertritt, auch weitgehend deckungsgleich mit denen des Autors sein dürften. Wie schon in seinen legendären „100 Zeilen Hass“-Kolumnen teilt Biller auch hier wieder gerne aus, womit er einige Leser vor den Kopf stoßen dürfte. Andererseits beweist er mit diesem Roman, dass er auch ganz anders kann, indem er eine teils sehr einfühlsame Liebesgeschichte erzählt, die im Irrsinn endet, ohne dass er jemals die Sympathie für seine geschlagene Hauptfigur verliert.

Maxim Biller: „Die Tochter“ Roman. dtv 2001. 432 Seiten, 11 Euro.

Es gibt mal wieder ein neues Lifestyle-Magazin in Deutschland: FACES. So neu ist es allerdings gar nicht, denn es ist die deutsche Ausgabe einer Schweizer Zeitschrift, die dort schon länger erscheint. Als ich gestern im Buchladen durch das Heft blätterte, hatte ich beim Betrachten des Inhaltsverzeichnisses ein ziemliches Déjà Vu: Nicht nur, dass es eine Reportage von Tom Kummer über Charles Manson gibt, direkt darüber wurden gleich drei Kolumnen angekündigt, die ebenfalls von ehemaligen TEMPO-Autoren stammen: Uwe Kopf, Peter Glaser und Maxim Biller. FACES hat es also tatsächlich geschafft, das alte Triumvirat der TEMPO-Kolumnisten wieder in einem Heft zu vereinigen. Damals waren die Drei auch als KGB bekannt, abgeleitet von den Anfangsbuchstaben ihrer Nachnamen. Hinzu kommt dann noch Helge Timmerberg, der mit seinen wilden Reisereportagen in TEMPO auch als „deutscher Hunter S. Thompson“ bekannt wurde, und der in FACES eine, allerdings sehr kurze Kolumne schreibt.

Leider sind die weiteren Seiten des Heftes wesentlich uninteressanter als die ersten 40. Da geht es  nämlich hauptsächlich um Mode, Beauty und Reise, mit den üblichen Modefotostrecken und Shoppingtipps für Parfüm, Make up und Accessoires. Artikel über Film- und Popstars sind hingegen nie länger als eine Seite. Am Schluss gibt es dann noch Berichte über irgendwelche Society-Events mit Promifotos, wie man sie aus der BUNTEn kennt. Insgesamt ist das Heft eine merkwürdige Mischung aus der deutschen „Vanity Fair“, BUNTE und TEMPO. Schade, denn mit Autoren wie Kummer, Glaser, Biller und Timmerberg hätte ich echt auf ein insgesamt interessanteres Magazin gehofft.

Immerhin kann man die komplette Ausgabe (sowie die Back Issues) kostenlos als E-Paper im Netz lesen, sogar mit zusätzlichen Videos, die in die Seiten eingebaut sind (wobei die Biller-Kolumne sowie eine Contributors-Seite, auf der die fünf Ex-TEMPO-Mitarbeiter kurz vorgestellt werden, komischerweise fehlen). Vor allem die Kummer-Reportage über einen Besuch bei Charles Manson im Knast ist absolut lesenswert: typischer Kummer eben.

Die SZ widmet heute ein ganzes Magazin nur der Frage „Wozu Zeitung?“. Eine Reihe teils illustrer Autoren widmet sich von A bis Z Themen wie Blogs, Google, Online-Journalismus und anderen Aspekten der Zukunft des Journalismus. Dabei kommen auch einige meiner Lieblingsautoren zu Wort: Maxim Biller darf mal wieder hemmungslos (über Meinungsmainstream und schweigende ethnische Minderheiten) schimpfen, Peter Glaser erklärt die Bedeutung von RSS-Feeds und Else Buschheuer sowie Peter Praschl schreiben über die Frage, inwieweit sich weiblicher und männlicher Journalismus unterscheiden. Außerdem bestellte die Redaktion bei einer indischen Agentur einen Text über Michelle Obamas Europa-Besuch. Eine sehr lesenswerte Ausgabe. (Alle Texte sind auch online zu finden.)

Dass einige den Medienwandel besser verstanden haben als andere, zeigen zwei Zitate aus dem Heft: John Yemma, Redaktionsleiter des „Christian Science Monitor“, der seit März nur noch sonntags mit einer gedruckten Ausgabe erscheint, findet:

Printjournalismus macht einfach keinen Sinn: Da werden Bäume gefällt, fässerweise Farbe durchs Land gefahren, Zeitungen gedruckt, die tags darauf im Altpapier landen.“

SZ-Autor Willi Winkler versteigt sich hingegen in ein völlig verbohrtes Abfeiern der gedruckten Zeitung und verteidigt dabei vor allem auch das Überformat der „Zeit“ mit abstrusen Argumenten:

„Selbst wenn die Größe manchen davon abhält, sie im öffentlichen Nahverkehr auszubreiten, welches Glücksgefühl kann allein dieses majestätische Format spenden!“

In den USA scheinen die meisten Journalisten in ihrer Wirklichkeitsanalyse doch schon weiter zu sein als viele ihrer deutschen Kollegen.

Wie die DDR die BRD kolonisiert hat

Veröffentlicht: 24. März 2009 in Lesetipp
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„Gut gehen soll es nur noch der Gemeinschaft, die in der DDR Kollektiv hieß, diesem grauen, amorphen Konstrukt, das von der Obrigkeit besonders einfach gesteuert werden kann. Wer er selbst ist und bleiben will, wer in einer Partei, einem Verlag, einer Bank eine eigene Idee entwickeln und verfolgen will, wer nicht jeden Tag mit den Kollegen zum Mittagessen geht, wer in seinen Leitartikeln grundsätzlich die Welt der anderen in Frage stellt, wer nicht für das Sparen von Energie, für Urlaub in Thailand und für die deutsche Fußball-, Handball- und Eishockeymannschaft ist, gehört nicht dazu, der steht außerhalb, der wird nicht angehört, der bekommt Depressionen oder Fernweh.“

Maxim Biller is back, und er hat nichts von seiner Bissigkeit verloren. Mit Schaum vorm Mund wettert er gegen die alte DDR-Mentalität, die sich nach der Vereinigung auf die alte BRD ausgeweitet hätte. Auch wenn er mit seinen Beispielen öfter danebenliegt und wie früher in seiner TEMPO-Kolumne mit unhaltbaren Pauschalisierungen nur so um sich wirft: Ich mag diese Zorniger-Alter-Mann-Attitüde. Und was den neuen Nationalismus, Obrigkeits- und Vereinheitlichungswahn angeht, hat er sicher im Wesentlichen Recht.

(via)

Der Titel klingt wie ein Thesenpapier oder wie ein Nouvelle Vague-Film der 60er Jahre („Liebe mit zwanzig“ heißt bspw. der Episodenfilm von 1962, zu dem Francois Truffaut die Antoine Doinel-Geschichte „Antoine et Colette“ beigetragen hat): „Liebe heute“, Untertitel „Short stories“. Keine Kurzgeschichten sind es also, die Maxim Biller hier schreiben wollte, sondern Erzählungen ganz im Geiste Hemingways und anderer amerikanischer Schriftsteller.

Und es ist ihm gelungen; der deutsche Autor und Kolumnist erwesit sich mit diesen 27 Miniaturen auf knapp 200 Seiten als Meister der Gattung: Bewundernswert, wie er auf sechs, sieben Seiten eine ganze Welt entwirft, glaubwürdige Charaktere und ein teilweise kompliziertes Beziehungsgeflecht. Aus manchen dieser Storys hätte man einen ganzen Roman machen können – und weniger begabte Schriftsteller hätten dessen Länge auch gebraucht, um aus den Stoffen etwas halbwegs Interessantes zu machen. Biller schafft es hingegen auch auf den wenigen ihm zur Verfügung stehenden Seiten, die Leser in seinen Bann zu ziehen.

Ob junge Juden in Prag oder Tel Aviv, einsame Großstädter in Berlin oder Hamburg, Singles, Paare oder zwei Menschen, die einander immer wieder suchen und verlieren: In den Geschichten steht immer das Thema Liebe im Hintergrund. Langweilig wird es jedoch nie, da Biller es versteht, sein Sujet meisterhaft zu variieren. Dabei streift er natürlich auch andere existenzielle Themen, vom Altern bis zur Depression, von der großen Politik bis zum Künstlerdasein (oft sind seine Helden Schriftsteller, Künstler oder Freiberufler, die in hippen Berliner Szenecafés rumsitzen oder zwischen Israel und Deutschland hin und her jetten), vom Krieg bis zum Mord und Selbstmord. Obwohl immer intime Gefühle im Mittelpunkt stehen, wird Biller nie peinlich oder ordinär; er macht sich auch nie über seine Figuren lustig, sondern nimmt sie in all ihrem Leid wie in ihrer Lächerlichkeit ernst.

Ob er in „Die richtigen Tage“ den Versuch eines Mannes, seine Freundin, die sich gerade von ihm getrennt hat, noch einmal ins Bett zu bekommen, um sie mit einem Kind an sich zu binden, mit dem Schicksal einer im Krieg von einem Jugendfreund gefangen gehaltenen Bosnierin verknüpft oder in „Das Recht der jungen Männer“ die Geschichte eines aus Liebe zum Totschläger gewordenen Schriftstellers mit derjenigen einiger alter Juden verbindet, die sich an ihren Peinigern gerächt haben: Biller verknüpt hier wie da das Private mit dem Weltgeschehen, die oft lächerliche Suche nach dem kleinen Glück mit der ganzen Tragik des Lebens. So auch in „Die Selbstmörder“, wo eine Frau in Tel Aviv sich nicht zwischen zwei Männern entscheiden kann, bis vor ihrem Hotelfenster ein Selbstmordanschlag alles verändert.

In „Ziggy Stardust“ und „Sieben Versuche zu lieben“ variiert er das Thema einer Jugendliebe, die lange unerfüllt bleibt, nach Jahrzehnten doch noch zu einer Beziehung wird, um ebenso plötzlich wieder zu enden. Nostalgie und Melancholie sind aber auch in den meisten anderen Geschichten die tonangebenden Stimmungen. Bisher kannte ich von Maxim Biller nur seine Reportagen und Kolumnen („100 Zeilen Hass“) aus TEMPO sowie seine „Moralischen Geschichten“ aus der FAS. Während er in den Medien weitläufig als Querulant, Provokateur und Zyniker gilt, erweist er sich in dieser Sammlung von Kurzgeschichten als großer Menschenfreund und begnadeter Erzähler. Bessere Literatur von einem zeitgenössischen deutschsprachigen Autor wird man momentan für knapp neun Euro nirgends finden.

Maxim Biller: „Liebe heute“ Short stories. 197 Seiten, 8,95 €, Fischer Taschenbuch

Menschen, die schon mein altes Blog kennen, wissen wahrscheinlich, dass ich ein Anhänger des New Journalism bin. Allerdings eher in seiner deutschsprachigen Ausprägung, denn von den amerikanischen Autoren kenne ich zu wenig, um das wirklich beurteilen zu können. In Deutschland war es vor allem die leider schon lange verblichene Zeitschrift TEMPO, die diesen Schreibstil adaptierte. Mein Gott, was hat dieses Magazin für hervorragende Autoren hervorgebracht: u.a. und vor allem Maxim Biller, Peter Glaser, Tom Kummer…und Helge Timmerberg.

Timmerberg ist ein absoluter Outsider und Einzelgänger des deutschen Journalismus. Damit ist er allerdings ziemlich gut bzw. erfolgreich gefahren, denn er nach seiner Zeit bei TEMPO war er u.a. bei der BUNTEn gut im Geschäft (er schrieb von Marrakesch aus Meldungen für die People-Rubrik; dazu brauchte er nach eigener Aussage einen Tag pro Woche, die Bezahlung reichte aber, um die ganze Woche ein gutes Leben zu führen), schrieb für alle möglichen renommierten Zeitschriften und veröffentlicht regelmäßig Bücher.

2001 erschien ein Taschenbuch namens Tiger fressen keine Yogis. Stories von unterwegs. Es versammelt eine Auswahl seiner besten Reisereportagen und andere Artikel, die er im Laufe der Jahre für TEMPO, WIENER, BUNTE, PRINZ, Die Zeit und andere Titel geschrieben hat. Die Artikel sind immer höchst subjektiv. Egal, ob es um eine Reise durch Indien geht, Besuche in Kriegsgebieten wie dem Irak oder ob er deutsche Städte bereist, egal, ob es um Drogen geht oder um das Entlieben: Immer lässt uns Timmerberg hautnah nicht nur an seinen Erlebnissen, sondern auch an seinen Gedanken und Gefühlen teilhaben. Dabei ist er ein so begnadeter und unterhaltsamer Erzähler, dass das Thema des jeweiligen Artikels eigentlich völlig egal ist.

Wie sein Vorbild Hunter S. Thompson schreckt auch Timmerberg nicht davor zurück, tief in das Milieu seines Themas einzutauchen und vollen körperlichen und psychischen Einsatz zu zeigen. Bermerkenswert ist z.B. eine hier abgedruckte Zusammenstellung von Artikeln, die sich mit verschiedenen Drogen beschäftigen. Ob Kokain, LSD oder Viagra: Timmerberg hat immer interessante Erkenntnisse mitzuteilen, die fast immer auf eigenen Erfahrungen beruhen. Herrlich etwa seine „Recherchetour“ für den WIENER, bei der er die Wirkung von Viagra testen will. Obwohl er auch vor Selbstentblößung in seinen Texten nicht zurück schreckt, werden seine Stücke doch nie peinlich, sondern bleiben immer sehr klug und authentisch. Inwieweit hier die dichterische Freiheit ins Spiel kommt, ist meistens natürlich nicht so ganz klar. Es sei denn, dies ist so offensichtlich wie in der Indien-Reportage, wo Timmerberg angeblich zehn Minuten (oder länger) die Luft anhält, um einen ihn belauernden Tiger wieder loszuwerden. Ob die Reportagen nun zu 100 Prozent der „Realität“ entsprechen oder nicht, ist aber auch – wie im Grunde bei allen Vertretern des New Journalism oder Gonzo-Journalismus –  mehr oder weniger egal. Denn Ziel dieses Konzeptes ist es ja gerade, die subjektive Realität abzubilden. Wenn es dem Autor gelingt, dabei trotzdem etwas Substantielles über das Sujet seines Artikels zu vermitteln, wie es Timmerberg in nahezu jedem der hier abgedruckten Texte schafft, ist das Konzept vollständig aufgegangen.

Die ebenfalls von mir bewunderte Sybille Berg schreibt im Vorwort dieses Bandes, wenn man Timmerberg gelesen habe, sei es schwer, noch selbst etwas auch nur annähernd Gutes zu schreiben (sinngemäß).  Leider ist es auch schwer, überhaupt noch etwas ähnlich Gutes aus dem journalistischen Bereich zu lesen zu finden.