Mit ‘DUMMY’ getaggte Beiträge

Das neue DUMMY – Ein beschissenes Heft

Veröffentlicht: 21. September 2011 in Print
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An ausgewählten Verkaufsstellen auch in Papiertüte erhältlich: DUMMY 32

Nicht etwa, weil es schlecht wäre, sondern weil das Thema diesmal tatsächlich „Scheiße“ lautet. Die schrecken echt vor nichts zurück, auch wenn potentielle Anzeigenkunden das Thema wohl nicht so prickelnd fanden, wie dem Editorial zu entnehmen ist. Ich find’s aber schon faszinierend, wie man aus Scheiße… äh, ich meine zu Scheiße ein ganzes Heft machen kann. Wie immer nehmen die Macher das Thema natürlich nicht immer ganz so wörtlich, sondern manchmal auch nur sinnbildlich, es geht also auch um Menschen in Scheißsituationen, Scheißversager, beschissene Liebhaber und Scheißwut. Aber eben auch um Latrinenleerer in Indien, den Inselstaat Nauru, der einst mit Vogelscheiße reich wurde (und sich danach quasi selbst ruinierte) und Künstler, die aus Scheiße Kunstwerke gemacht haben… oder Kunstwerke, die künstliche Scheiße herstellen.

Insgesamt wieder mal ein gelungenes Heft, auch wenn Zartbesaitete diesmal bei einigen Texten und vor allem Fotos vorsichtig sein sollten, dass ihre Perestaltik nicht in die andere Richtung arbeitet. Und das Titelbild hab ich erlich gesagt erst nach drei Tagen vertstanden (wobei ich mich immer noch frage, ob das nicht latent rassistisch, sexistisch oder beides ist).

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Das neue DUMMY zum Thema Freiheit ist seit vorletzter Woche draußen. Es ist wie fast immer wieder toll geworden, wenn auch diesmal etwas morbide. Neben einer laaangen Geschichte über einen abenteuerbesessenen Wildwasserfahrer, der auf seiner letzten Fahrt von einem Krokodil gefressen wurde, geht es gleich zwei Mal um Menschen, die ihrem Leben selbst ein Ende gesetzt haben. Zu Zeiten von Heinrich von Kleist und seiner Geliebten, die zusammen gestorben sind, hat man noch herrlich leidenschaftliche Abschiedsbriefe geschrieben, aber auch in der Stunde seines Todes noch die Regeln des Anstands gewahrt. So schreibt Henriette Vogel in ihrem Abschiedsbrief an ihre Freundin: „Herr von Kleist, der mit mir stirbt, küßt dir zärtlichst die Hände und empfiehlt sich mit mir aufs angelegentlichste Deinem teuren Mann.“ Ihr Geliebter, der ihre Freudin wohl gar nicht kannte, fügt am Ende noch hinzu: „Adieu, adieu! v. Kleist.“ Nicht etwa „Dein Heinrich“ oder einfach „Kleist“, nein „v. Kleist“. So viel Zeit musste damals sein, auch wenn man sich danach das Gehirn wegschießen wollte.

Der französische Anarchist Jacob schrieb hingegen 1954 einen ganz prosaischen, aber umso sympathischeren Abschiedsbrief: „Die Wäsche ist gewaschen, ausgespült und getrocknet, aber noch nicht gebügelt. Ich bin so faul. Entschuldigt. Neben dem Brotkorb findet ihr zwei Liter Rosé. Auf euer Wohl!“

Die neue „Spex“ habe ich hauptsächlich wegen einem Vergleich Vincent Gallo vs. Marlon Brando gekauft (der allerdings etwas enttäuschend war) und einem Bericht über experimentelles Fernsehen der 60er und 70er (Beckett, Zadek & Co.). Am Tollsten war aber letztlich eine Originalreportage aus den 40ern von New Journalism-Vertreter Joseph Mitchell über die New Yorker Calypso-Szene. Insgesamt fasziniert mich das Themenspektrum der „Spex“ immer noch. Von den vorsgestellten Musikern kante ich mal wieder niemanden, wollte auch eigentlich gar nichts davon lesen, bis ich die CD-Beilage gehört habe. Da sind einige echt gute Stücke drauf, und teilweise werden die Interpreten dann auch ausführlicher im Heft vorgestellt. So muss eine Musikzeitschrift sein: Lust machen auf neue Bands, von denen man noch nie was gehört hat. Ich weiß nicht, wann mir das das letzte Mal mit einer Band von einer „New Noises“-CD im „Rolling Stone“ passiert ist. Muss aber schon sehr lange her sein.

R.I.P. Marc Fischer

Veröffentlicht: 17. Juni 2011 in Print
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Ok, ist schon über zwei Monate her, aber ich hab’s tatsächlich erst gerade mitgekriegt: Im April starb Marc Fischer, einer der deutschen „New Journalists“ aus der „Generation Tempo“, der in den vergangenen Jahren u.a. für DUMMY schrieb. Aus dem „Spiegel“:

„Inspiriert vom New Journalism eines Gay Talese stieg Fischer sehr jung Mitte der neunziger Jahre beim Monatsmagazin „Tempo“ zum Star auf. Danach hätte er sich bei den etablierten Medien einen Schreibtisch aussuchen können, aber er streifte weiterhin durch die entlegenen Ecken der Welt, immer auf der Jagd nach Geschichten, getrieben von einer Sehnsucht nach einer gebrochenen Schönheit, die ihm wichtiger war als ein regelmäßiges Monatsgehalt.“

Aus dem Nachruf bei Spiegel Online:

Doch nie wieder gingen die Strömungen der Zeit, die Möglichkeiten, die eine Redaktion ihm einräumte, und Fischers unbestreitbares Talent so glücklich zusammen wie bei „Tempo“.

Und hier einer seiner letzten Texte. Schade.

(via)

Mamma, you had me, but I never had you

Veröffentlicht: 8. Dezember 2009 in Print
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DUMMY 25

Muttersöhnchen als Cover-Boy: DUMMY 25 Abb.: Enver Hadzijaj/DUMMY Verlag GmbH

Hab ich schon mal geschrieben, dass ich das Magazin DUMMY liebe? Ach, erst ein Dutzend Mal? Gestern erschien das neue Heft, das 25., und damit eine Jubiläumsausgabe. Thema diesmal: Mama. Und wie üblich haben die Macher dazu wieder eine Fülle ungewöhnlicher Geschichten aufgestöbert. Neben einigen skurrilen Erfahrungsberichten über einen verfressenen, unselbständigen mexikanischen Austauschschüler und einen ungewollten Orgasmus während des Stillens gibt es auch ein paar hintergründigere, längere Stücke. Mein Highlight: eine hoch interessante Geschichte über die Mutter eines wegen Mordes verurteilten Jugendlichen in den USA, die sich inkognito an einen der Geschworenen ranmacht, um eine Revisison des Urteils zu erreichen.

Anlässlich des Jubiläums gibt es dann noch einige zusätzliche Seiten mit einem Rückblick auf die letzten 24 Ausgaben. Wie die Herausgeber auch schreiben, ist DUMMY ein ideales Beispiel dafür, wie man auch ohne Marktforschung und ohne finanzstarken Verlag im Rücken ein Print-Magazin etablieren kann, das nicht auf irgendwelche vorgeblich existierenden Zielgruppen zugeschnitten ist, sondern einfach dem Wunsch der Macher entsprungen ist, eine Zeitschrift zu machen, die sie selber gerne lesen würden – in der Hoffnung, dass es genügend andere Menschen gibt, die auf so eine Zeitschrift gewartet haben.

Überschrift: John Lennon, „Mother“ (leicht abgewandelt)

Nach einem halben Jahr Schweigen ist das Dummyblog seit etwa einem Monat wieder aktiv. Schön, denn die DUMMY-Macher haben eine herrlich witzige Schreibe. Wie man z.B. an Oliver Gehrs‘ Eintrag über die drei neuen Männerzeitschriften von Gruner + Jahr sehen kann:

„Eine andere Geschichte heißt „Sexy Sekretärin – die Versuchung im Vorzimmer“. Bei G+J möchte man wirklich nicht arbeiten und am allerwenigsten als Frau im Büro von Buchholz. Was man dem Verlag wirklich von ganzem Herzen wünschen würde, ist ein Soziologe, der den Managern und Journalisten in ihrem Schnellkochtopf am Hamburger Baumwall ab und zu erzählt wie es draußen vor der Tür aussieht.“

Und etwas Nachdenkliches findet sich auch: Gehrs traf auf einem Jugendmedien-Workshop in Mainz (sic!) auf Angehörige der jungen Generation, die schon zur Stromlinienförmigkeit erzogen wurden:

„Sie sprachen von einer Journalistenschwemme, von raren Studienplätzen, vom Numerus Clausus auf so seltsamen Fächern wie Kommunikationswissenschaften (wo ja meist nur abgehalfterte Redakteure des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ein Gnadenbrot fristen), sie hatten Angst, das Falsche zu studieren, zu spät zu kommen, keinen Job zu ergattern. Und das mit 16. Auf meinen Rat hin, sie sollten erstmal irgendwas studieren, was ihnen Spaß mache, und wenn es ihnen keinen Spaß mache, ein neues Studium anfangen – schauten sie mich an, als käme ich von einem anderen Stern.“

Ich hatte ja neulich schon mal etwas über das neue Berliner Kulturmagazin „Aufstieg und Fall“ geschrieben. Jetzt habe ich es auch gelesen. Und muss leider sagen, dass der Inhalt nicht mit der Aufmachung mithalten kann. Das Heft sieht wirklich gut aus und liegt gut in der Hand – die Macher weisen extra darauf hin, dass sie „gefühlte 999 Papiermuster“ in der Hand hatten. Leider findet sich nicht ein einziger wirklich lesenswerter Artikel. Einiges ist ganz nett geschrieben, so der (englischsprachige) Artikel über einen betrügerischen Aktienhändler, der in den USA zu 150 Jahren Haft verurteilt wurde, bei vielem ist man hinterher genauso schlau wie vorher – etwa bei einer launischen Geschichte über sexuelle Anziehung -, und einiges ist schlicht unleserlich, so das Interview mit einem Trendscout, der eine Plattitüde an die nächste reiht. Wirklich hervorragend geschrieben ist leider nichts.

Einige Artikel kommen gleich ganz ohne Fakten aus, sondern sind reine Dichtung (die sieben Leben einer Katze und ein selbst ernannter Messias schreibt über sich selbst). Das finde ich vom Ansatz her erst mal nicht schlecht, nur sollten solche Texte dann auch wirklich witzig sein, was die beiden leider nur bedingt sind. Ein roter Faden ist auch nicht wirklich zu erkennen. Angeblich soll das verbindende Thema der Debütausgabe ja Aufstieg und Fall sein. Und was hat der Messias jetzt damit zu tun? Himmelfahrt oder wie? Und die geistig Behinderten in Dänemark? Bei DUMMY ist das Oberthema ja oft auch sehr schwammig gewählt, so dass fast alles dazu passt (Thema des aktuellen Hefts: Männer). Zumindest kann man aber immer noch erkennen, was jeder einzelne Artikel denn nun mit dem Oberthema zu tun hat.

Am besten sind in „Aufstieg und Fall“ noch die Fotostrecken, eine zu einem wilden rituellen Fest in Indien, eine zu einer Einrichtung für geistig behinderte Menschen in Dänemark. Aber wegen denen allein gibt man ungern knapp sechs Euro aus. Insgesamt wirkt das Heft wie ein DUMMY ohne echten Inhalt. Special Interest-Magazine, also Film-, Musik- oder Comicfachzeitschriften lese ich vor allem wegen der Informationen; wenn die Texte darüber hinaus noch gut geschrieben sind, umso besser. Bei Zeitschriften wie DUMMY oder LIEBLING erwarte ich gar keinen Informationsgehalt, sondern besonders gut geschriebene Texte, die ich einfach gerne zur Unterhaltung lese. In „Aufstieg und Fall“ findet sich leider beides nicht. Schade! Es ist halt doch nicht alles Gold, was aus Berlin kommt und auf glanzlosem schwerem Papier gedruckt wird.

Print lebt: Aufstieg und Fall Nr.1

Print lebt: "Aufstieg und Fall" Nr.1

Print ist tot, hört man allerorten. Einige Optimisten scheint das nicht weiter zu interessieren, denn ständig werden neue Nischen-Magazine gegründet. Nach „Missy“ und „Cargo“ liegt seit Montag ein weiteres neues Magazin an den Bahnhofskiosken der Republik: „Aufstieg und Fall“ sieht ähnlich aus wie „DUMMY“, soll ebenfalls monothematisch sein, und setzt den Trend zu sperrigen Magazinnamen fort, den der (inzwischen von Springer wieder eingestellte) „Humanglobale Zufall“ im vergangenen Jahr eingeläutet hat. Der Titel ist laut meedia.de bei der US-Autorin und Gesellschaftkritikerin Flannery O´Connor entlehnt, die in den 60er Jahren ein Buch mit dem Titel „Everything that rises must converge“ veröffentlichte. Im ersten Heft geht es um genau das, ums Aufsteigen und Abstürzen.

Wie gesagt, beim Durchblättern erinnert das Heft stark an „DUMMY“: Lange Texte wechseln sich mit Fotostrecken ab, thematisch geht es um Gesellschaft und Kultur, das ganze ist schlicht-stylish gelayoutet und auf dickem Papier gedruckt. Auffällig ist, dass zwei Texte auf Englisch abgedruckt sind; hinten im Heft finden sich dann die deutschen Übersetzungen. Zumindest eine der Autorinnen der Debütausgabe ist halbwegs prominent: Ariadne von Schirach tingelte vor zwei Jahren mit ihrem Buch „Der Tanz um die Lust“ durch die Talkshows, in dem es um unsere übersexualisierte Gesellschaft ging. Hier bleibt sie ihrem Lieblingsthema treu und schreibt übers Hochschlafen.

Hinter „Aufstieg und Fall“ steckt mal wieder kein Großverlag, sondern wie bei o.g. Magazinneugründungen und wie auch bei „DUMMY“ eine Gruppe Idealisten, die das Magazin im Selbstverlag herausgeben, mit einer Auflage von 10.000 Exemplaren, alle drei Monate neu. Ungefähr so würde ich es auch machen, wenn ich das Geld hätte. Während Bauer, Burda, Springer & Co. jammern, dass ihr EBIT sinkt und die Anzeigenkunden ins Internet wandern, und deshalb alles wieder einstellen, was weniger als 100.000 Stück verkauft, kommen die Innovationen auf dem Zeitschriftenmarkt in den letzten Jahren fast immer von Klein- und Selbstverlagen. Print ist lebendig wie eh und je, wenn es nur gut gemacht ist.

Im aktuellen „journalist“ findet sich ein längerer Artikel über das TV-Magazin-Projekt „Programm„, über das ich schon einmal geschrieben hatte. Die Erfinder desselben zeigen sich darin sehr frustriert, weil sie unter all den Verlagen, die sie angesprochen haben, niemanden fanden, der ihre alternative Fernseh- und Kultur-Programmzeitschrift finanzieren wollte. Und ohne Geldgeber sei das angeblich nicht möglich. Irgendwie ist da immer die Rede von Investitionskosten im Millionenbereich.

Dass das für Projekte von Großverlagen wie Bauer, Burda und Springer so ist, ist klar. Ohne Marktforschung und Marketing-Großoffensive bringen die ja gar keine neue Zeitschrift auf den Markt. Aber bei einem Magazin, das sich von Anfang an nur an eine überschaubare Zielgruppe von vielleicht 40.000 Leuten richten soll, eher an weniger? Wie schaffen es denn vergleichbare Minderheitenmagazine wie DUMMY oder „Cargo“, ihre Hefte zu drucken und zu vertreiben? Hinter denen stecken ja auch keine finanzkräftigen Großverlage, sondern GbRs. Beide sehen nicht nur professionell, sondern sogar sehr stylish aus und scheren sich wenig bis gar nicht um Marktkonformismus. (Die Themen in „Cargo“, dessen zweite Ausgabe gerade erschienen ist, sind selbst mir als Cinephilem etwas zu elitär; der gemeine Kinogänger dürfte sich da eher gar nicht angesprochen fühlen.) DUMMY z.B. hat sich ja durchaus am Markt etabliert, ebenso wie „brand eins“, „11 Freunde“ etc. Alles Zeitschriften, die für ihr Marktsegment sehr ungewöhnlich sind, sich an eine eher kleine Zielgruppe von anspruchsvolleren Lesern wenden, auch eher im oberen Preissegment angesiedelt sind. Und die es ohne großen Werbeetat geschafft haben, eine treue Leserschaft aufzubauen. Warum soll das bei einer alternativen Programmzeitschrift für 2 Euro 50 nicht klappen? Weil es keine anspruchsvollen TV-Zuschauer gibt? Vielleicht sollten die „Programm“-Schöpfer einfach mehr Mut aufbringen.

Meine erste Lieblingszeitschrift: Die erste Siehste von 1979  Foto: Springer Verlag

Meine erste Lieblingszeitschrift: "Siehste" von 1979 Foto: Springer Verlag

Die erste Zeitschrift, die ich regelmäßig gelesen habe, war, wenn ich mich recht erinnere, die „Siehste„. Das war so eine Fernsehzeitschrift speziell für Kinder von der „Hörzu“. Die erschien 1979 etwa ein Jahr lang; ich war damals vier (fragt nicht, wieso ich da überhaupt schon lesen konnte). Nach einem knappen Jahr wurde sie wieder eingestellt, das Maskottchen Holly Zolly, eine Art Wurm, dessen Kopf aus dem „Hörzu“-Logo entwickelt worden war, tummelte sich danach noch einige Jahre auf der Kinderseite der „Hörzu“, die wir später auch im Haus hatten. Die alten „Siehste“s, inzwischen 30 Jahre alt und völlig zerfleddert, liegen immer noch in meinem ehemaligen Kinderzimmer. Durch meine spätere Kindheit begleiteten mich vor allem „Yps mit Gimmick“ und die „Micky Maus“ regelmäßig, teilweise auch „Fix & Foxi“. Manchmal trauere ich den alten Zeiten nach, wo es jede Woche am Kiosk drei bunte Zeitschriften gab, die mich begeisterten, und das für ein paar Mark. Die wenigen Zeitschriften, die ich mir heute noch regelmäßig kaufe, erscheinen alle drei Monate bis unregelmäßig, sind schweineteuer und meist nur im Bahnhofsbuchladen zu bekommen.

Ja, die „Bravo“ habe ich auch irgendwann mal ’ne Zeit lang gekauft, ist ja quasi unvermeidlich (oder war es zumindest damals, heute brauchen die Kids dank Internet und Viva die wohl nicht mehr so dringend). Mit 14 hörte ich damit aber wieder auf. Ungefähr zur gleichen Zeit las ich auch die „ASM – Aktueller Software Markt“, die erste deutsche Zeitschrift, die ausschließlich über Computerspiele (und selten über andere Software) schrieb. Als nächstes stieß ich auf den „Musikexpress/Sounds“, den ich mit 15/16 wohl so 1 1/2 Jahre jeden Monat kaufte, kurz darauf kamen dann die beiden Lifestyle- (oder Zeitgeist-, wie man damals sagte) Magazine „Tempo“ und „Wiener“ dazu. „Tempo“ würde ich wahrscheinlich heute noch zu meiner All Time-Lieblingszeitschrift erklären. 1993 wurde ich konservativ und stieg auf etabliertere politische Magazine um, hauptsächlich auf den „Spiegel“, den ich allerdings nur sporadisch las. Außerdem hatte ich ein Comicfachmagazin abonniert, „RRAAH“ aus dem comicplus-Verlag, inzwischen auch längst eingestellt, ebenso wie die „Comic Speedline“, die ich später bis zur Einstellung las. Ende 1994 wurde der deutsche „Rolling Stone“ gegründet, der meine neue Lieblings-Musikzeitschrift wurde.

Als großer Fan (vor allem frankobelgischer) Comics stieß ich natürlich 1999 gleich auf das wiedergegründete ZACK, auch wenn ich das alte Magazin gleichen Namens in den 70ern nicht mehr wahrgenommen hatte. Später kaufte ich auch ab und zu mal die „epd Film“, die mir meistens aber doch zu teuer war und ist. Nachdem ich 1998 meinen letzten „Spiegel“ gekauft hatte, sollte es ungefähr zehn Jahre dauern, bis ich überhaupt mal wieder eine Zeitschrift ohne festes Themengebiet für mich entdeckte. „Dummy“ riss mich wirklich vom Hocker, kurz darauf kam dann noch „Liebling“ hinzu, bei dem mich vor allem die optische Seite fasziniert.

Im Vergleich zu früher bin ich heute ein eher sporadischer Zeitschriftenleser. Außer „Dummy“ und „Liebling“, die beide extrem selten erscheinen, kaufe ich kein Magazin mehr regelmäßig, also blind jede Ausgabe. Wenn mich die Themenmischung anspricht, kaufe ich mir mal eine Film-, Musik- oder Comicfachzeitschrift, aber es gibt keine, auf die ich jeden Monat gespannt warten würde. Wahrscheinlich gehört es einfach zur Kindheit und Jugend, dass man da begeisterungsfähiger war, jede Woche oder jedes Monatsende zum Kiosk  gelaufen ist, um sich das neue „Yps“ oder die neue „Tempo“ zu holen und ja kein Heft verpassen wollte.

Die meisten Zeitschriften, die ich mal eine Zeit lang regelmäßig las, wurden früher oder später eingestellt. An anderen verlor ich altersbedingt das Interesse. In die „Micky Maus“ gucke ich gerne noch, wenn sie irgendwo ausliegt (Z.B. neulich beim Arzt, die Alternative waren allerdings auch lauter Frauenzeitschriften), von der „Yps“ habe ich aus Nostalgiegründen vor einigen Jahren zwei der vier Relaunch-Versuchshefte gekauft. Der alte Zauber stellt(e) sich natürlich nicht wieder ein. Wirklich nachtrauern tu ich vor allem der „Tempo“. Wenn sich hier der Jahreszeiten-Verlag noch mal erbarmen und Markus Peichl ein paar Hunderttausend Euro in die Hand drücken würde, wär das ein Jubeltag für mich. Ansonsten bleiben vor allem nostalgische Erinnerungen an gedruckte Blätter, die einem so viele schöne Stunden bereitet haben.

„Ich steh auf Berlin“

Veröffentlicht: 25. März 2009 in Online, Print
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„Die Geschichten, die man sich davon erzählt, … handeln von Menschen, die sich oft tagelang in den Katakomben des Klubs herumgetrieben haben, in allen möglichen Aggregatzuständen. Sie handeln von Zombies, Wirren, Irren. Einige gingen heterosexuell rein und kamen schwul wieder heraus, bei anderen war es umgekehrt. Es sind Fegefeuergeschichten, die das Berghain erzählt.“

Marc Fischer (war der nicht auch mal bei TEMPO?) groß in Form, in einer Geschichte über die Schlange vor Berlins angesagtestem Klub im neuen „DUMMY Berlin“. Eine klassische New Journalism-Geschichte deutscher Prägung, bei der man nicht so recht weiß, wieviel Prozent davon wahr sind und wieviel der dichterischen Freiheit geschuldet. Was aber auch egal ist, weil sie sich wunderbar liest. Und an keiner Stelle behauptet wird, dass das nun Anspruch auf besondere Authetizität erhebt („Geschichten, die man sich erzählt“, „… der es selber erzählt bekommen hat, von einem, der es von einem erzählt bekommen hat, der wirklich dagewesen sein soll und seitdem ein anderer geworden sei, besser, sagen alle.“).

Das neue DUMMY ist mal wieder wunderbar geworden, mit schönen Storys über interessante und alltägliche Themen aus der Hauptstadt, und diesmal komplett ohne Fotos, stattdessen mit stimmungsvollen Ölbildern von Edward B. Gordon, Songtexten und Gedichten über Berlin statt Bildunterschriften und besonders viel Weißflächen dazwischen. Danach möchte man eigentlich sofort nach Berlin ziehen. Wo man dann auch den DUMMY-Machern persönlich zum Heft gratulieren könnte.

Leider ist, so genial das Heft immer wieder ist, der Online-Auftritt umso mißlungener. Ein Blog, das seit vier Monaten nicht mehr befüllt wurde, und statt zweier kompletter Artikel aus dem Heft gibt es jetzt nur noch Ausschnitte. Immerhin hat die Redaktion ein hübsches Werbevideo zum neuen Heft produziert:

Überschrift: Ideal